Fahrstuhl und verschwand.

»Hier hatte man zumindest eine Bar einrichten konnen«, meinte Lion beleidigt. »Dann hatten wir uns mit einem Highball Mut antrinken konnen.«

»Womit?«, au?erte ich mein Unverstandnis.

»Highball. Tja, das ist ein Getrank. Aus Gin Tonic oder Wodka mit Martini.«

»Aha. Das hattest du wohl gern.«

»Ubrigens, ich mag Wodka mit Martini«, sagte Lion.

Er machte es sich im Sessel bequem und legte seine Beine auf die Lehne. Er schaute auf das falsche Fenster, schnaufte verachtlich, fand den Schalter und loschte das Bild.

»Das kommt aus den Traumen«, erriet ich.

»Stimmt! Und in der Armee haben wir Wodka bekommen. An Feiertagen Whisky.«

»Na, dann kannst du ja auch im Traum deinen Highball bestellen. Auf dem Avalon ist es nicht ublich, dass Jugendliche Alkohol trinken.«

»Dasmachtnichts.Wennichnichtsofort auseinandergenommen werde, gehe ich in die Bar und betrinke mich«, meinte Lion.

Endlich fiel bei mir der Groschen, dass er sich nur lustig machte.

Sich einen Spa? mit mir erlaubte.

Weil er selbst Angst hatte, mehr Angst als ich.

»Und warum hast du gegen das Imperium gekampft?«, wollte ich wissen. »Im Traum?«

Lion wehrte ab, als ob er auf diese Frage vorbereitet ware: »Weil das Imperium ein Uberbleibsel uberholter Entwicklungsstufen der Menschheit verkorpert. Die Konzentration der Macht in den Handen eines Menschen fuhrt zu Stillstand und Stagnation, zu Misswirtschaft und sozialer Instabilitat.«

»Also wie, zum Stillstand oder zur Instabilitat?«, entgegnete ich.

»Zum Stillstand in der Entwicklung der Menschheit, aber zur Instabilitat im sozialen Leben«, parierte Lion. »Fur dich ein einfaches Beispiel:

Als die Menschen auf die Au?erirdischen trafen, hatten diese bereits die besten Stucke des Kosmos untereinander aufgeteilt und die Entwicklung des Imperiums stockte. Es war notwendig, sehr schlechte und lebensfeindliche Planeten wie deinen Karijer fur die Menschen umzugestalten. Niemand machte auch nur den Versuch, die Fremden von den von ihnen besetzten Planeten zu vertreiben.«

»Aber das bedeutet doch Krieg, Lion!«

»Nicht zwingend. Krieg — das ist ein Extremfall der Losung von Widerspruchen. Es ist immer moglich, ihn durch okonomische, politische oder besondere Ma?nahmen zu vermeiden.«

»Denkst du wirklich so?« Ich setzte mich in den Nachbarsessel. Lion starrte mich eine Sekunde lang an, lachelte ratselhaft und sagte dann ernsthaft: »Ich denke gar nichts. So wurde es uns erklart. Und im Traum hatte ich daran geglaubt.«

»Und jetzt?«

»Na, es ist doch etwas dran, oder nicht? Du hast doch selbst auf dem Karijer gelebt und konntest eigentlich auf einem guten Planeten leben, wo jetzt die Tzygu oder Halflinge siedeln, oder etwa nicht?«

»Hast du nun in deinem Traum gegen das Imperium oder gegen die Au?erirdischen gekampft?«

»Gegen das Imperium«, gab Lion zu, »damit in der Galaxis eine neue, gerechte Gesellschaftsordnung entsteht.«

»Und welche?«

Lion dachte einen Augenblick nach.

»Also, in erster Linie eine demokratische. Bei uns ist alles wahlbar, jedes beliebige Amt. Einmal in vier Jahren wahlen alle den Prasidenten.«

»Und was fur ein Mensch ist dieser Prasident?«

»Es ist eine Sie«, erlauterte Lion. »Sie ist… tja, wie soll ich das am besten ausdrucken…«

Sein Gesicht nahm einen entruckten Ausdruck an. Ich wartete und auf meine Brust walzte sich ein Eisblock.

»Sie… ist sehr gerecht«, stie? Lion endlich hervor. »Sie ist bereit, jeden anzuhoren und mit ihm offen zu sprechen. So klug, wie sie ist, trifft sie fast immer die richtigen Entscheidungen. Manchmal irrt sie sich, aber nicht entscheidend.«

Ich konnte nicht an mich halten. »Lion, das ist doch aber nur ein Traum! Kapierst du das? Jemand von Inej hat beschlossen, das Imperium zu erobern, und hat sich eine Gehirnwasche ausgedacht. Es geht nicht, dass ein Mensch nie einen Fehler macht!«

»Ich habe nicht gesagt, nie«, fiel Lion schnell ein, »aber im Prinzip macht sie keine Fehler.«

»Und au?erdem kann ein Prasident nicht mit jedem sprechen. Der Imperator kann es nicht und der Prasident wird es auch nicht konnen. Sogar bei uns auf Karijer konnte der leitende Sozialarbeiter sich nicht um jeden kummern und bei uns leben weniger als eine Million Menschen!«

»Auf normalem Weg ist das unmoglich«, sagte Lion, »aber bei uns war alles ganz anders. Man konnte online gehen und mit der Prasidentin kommunizieren.«

»Blodsinn«, kommentierte ich.

»Warum? Das ging ganz einfach. Wei?t du, dass es moglich ist, eine menschliche Intelligenz vollstandig auf einen Computer zu kopieren?«

»Ja, aber das wurde verboten, es sind nur noch zwei oder drei davon ubrig… Sie werden alle verruckt.«

»Sie ist nicht verruckt geworden«, erwiderte Lion leise, »sie hat auf jedem Planeten ihre Kopie. Diese kommunizieren untereinander und entscheiden gemeinsam. Und sie sind bereit, jeden Beliebigen anzuhoren und zu helfen. Ich selbst habe jedes Jahr mit ihr geredet. Das gehorte sich so. Und manchmal habe ich um ein zusatzliches Gesprach ersucht. Wenn es wichtig war.«

»Lion, du bist aber ein Idiot!« Ich hielt es nicht mehr aus. »Ein totaler Idiot! Das sind alles Marchen, mit denen sie euch das Gehirn gewaschen haben! Damit alle scharf darauf wurden, Inej zu dienen!«

»Das verstehe ich«, sagte Lion ernsthaft. »Sicher, so wird es sein. Aber wenn es nun die Wahrheit ist? Denn im Imperium ist ja wirklich nicht alles in Ordnung. Wozu gabe es sonst Armee, Polizei, Quarantanedienst, Phagen?«

»Das kann nicht sein. Das ist alles eine Luge!«, wiederholte ich starrsinnig.

»Wenn es aber eine Luge ist — warum glauben denn dann alle daran?«, wandte Lion ein. »Tikkirej, ich bin doch normal! Ich bin doch nicht verruckt geworden, stimmt’s? Mir wurde lediglich gezeigt, welches Leben ich fuhren konnte, wenn ich mich Inej anschlie?en wurde. Und das war’s. Und es hat mir gefallen!«

»Dein Traum ist unterbrochen worden«, sagte ich, »als du online geschaltet wurdest.«

»Na und? Tikkirej, ehrlich, ich wurde zu nichts gezwungen. Das… das…«, Lion fuchtelte mit den Handen, »das ist wie sehr gutes Kino in einer guten Virtualitat, in der du den Unterschied gar nicht spuren kannst. Mir wurde gezeigt, wie mein Leben aussehen konnte, und mir hat es gefallen.«

»Aber das ist doch nicht wahr!«

»Habe ich dir etwa gesagt, dass es wahr ware?« Lion erhob seine Stimme. »Nein, sag nur, habe ich das gesagt? Ich sage dir, wie alles in meinem Traum war! So! Und dass darin — vielleicht — ein bisschen Wahrheit stecken konnte!«

Er hatte Recht. Ich hatte Lion attackiert wie einen Feind…

»Entschuldige.«

Lion schaute weg. Dann murmelte er: »Schon gut… Wei?t du, jetzt bin ich erleichtert. Im Prinzip ist es ein Traum, aber am Anfang war alles sehr wahrhaftig.«

Mir fiel auf, dass er wie ein kleines Kind an seinen Nageln kaute.

Dann bemerkte er, was er tat, und nahm schleunigst seine Hand vom Mund.

»Ein dummer Traum«, meinte ich.

»Sicher. Ich erinnere mich an mein Haus, Tikkirej. Es stand im Garten, ein Weg aus rotem Ziegelstaub fuhrte zu ihm hin. Sogar das Auto mussten wir vor dem Tor abstellen. Das Haus hatte drei Etagen, ein hohes Fundament, Wande aus alten Steinen, Holzfensterrahmen und -turen. Es hatte breite Stufen, die zur Veranda fuhrten, und abends tranken wir dort Tee und manchmal Bier oder Wein. Die Wande waren mit Wein bewachsen. Er war nicht kultiviert, fast wild, aber man konnte die Trauben trotzdem pflucken und essen. Und die Fu?boden

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