waren aus Holz, alt, aber ohne zu knarren. Am Giebel hing eine schmiedeeiserne Laterne. Abends habe ich immer die Lampe angemacht, und die Stechfliegen und Nachtfalter schwarmten im Lichtkegel…«

»Was ist ein Giebel?«, wollte ich wissen.

Lion zog die Stirn in Falten. Unsicher wedelte er mit den Handen, als ob er mit ihnen Dreiecke baute.

»Das ist… na, unter dem Dach, zwischen Dachschragen und Dachboden, wenn du die Fassade betrachtest. Wieso?«

»Ich kannte dieses Wort nicht«, erklarte ich.

»Ich auch nicht«, gab Lion zu, »ich habe ja gesagt, dass ich viel gelernt habe. Ich habe bei Geburten geholfen, ein kosmisches Raumschiff geflogen, gekampft…«

Er verstummte erneut.

»Lion, niemand hindert dich doch daran, gro? zu werden, so ein Haus zu bauen und darin zu wohnen«, sagte ich.

»Ich habe ja dort nicht allein gelebt.«

»Ja, dann wirst du eben nicht allein sein…«

Lion nickte. Dann erganzte er zuruckhaltend: »Katharina hat beim medizinischen Dienst gearbeitet. Sie hat mich aufgepappelt, als alle schon davon ausgingen, dass ich sterben wurde. Das war nach dem Hinterhalt, in dem du getotet wurdest…« Er unterbrach sich.

»Mich?«, fragte ich nach. »Du hast also mich gemeint, als im Hinterhalt… und dann hast du alle…?«

Lion stimmte zu. »Ja. Das warst du. Wir waren sicher schon um die zwanzig Jahre alt. Wir sind in Neu- Kuweit gemustert worden. Wir sollten in die Armee eintreten. Wir sind zu den Rangern gegangen.«

Er begann wieder, an den Nageln zu kauen, bemerkte es aber gar nicht.

»Lion, das war ein — Traum«, meinte ich.

»Aber vielleicht war uberhaupt alles ein Traum?«, widersprach er. »Wei?t du, wie ich meinen ersten Jungen genannt habe? Tikkirej!«

Eine Minute verging, ohne dass ich wusste, was ich sagen sollte.

Aber dann begann sich in meiner Brust ein kleines Lacheln breitzumachen. Ich unterdruckte es, so gut ich konnte. Ich habe mit allen Mitteln dagegen angekampft, ehrlich!

Aber es wurde immer starker. Ich fing an zu husten, um es zu ersticken. Dann zu kichern.

Dann walzte ich mich einfach auf dem Boden herum und lachte aus voller Kehle.

Lion sprang auf und sah mich zutiefst beleidigt an.

»Da… da… danke!«, quetschte ich zwischen meinen Lachattacken heraus, »Lion, danke…«

»Du Ignorant!«, schrie Lion. »Hast du eine Ahnung, was ich durchgemacht habe! Ich habe danach deine Leiche rausgeschleppt…«

Aber ich konnte mich nicht beherrschen. Als Lion von Kriegen, seiner virtuellen Ehefrau und dem nicht existierenden Haus erzahlte — das war schon schlimm. Als ob es wahr ware.

Als er aber sagte, dass ich getotet wurde, verflog die Beklemmung.

Alles, was blieb, war ein dummer Traum.

»Ich polier dir gleich die Fresse!« Lion warf sich auf mich. Ich schaffte es, mich auf dem Boden wegzurollen, und schrie: »Und danach wirst du die… Leiche wegschleppen?«

Lion verfehlte mich und landete auf dem Boden. Er warf sich erneut auf mich. Nun aber nicht, um sich mit mir zu schlagen. Er umarmte mich, und das war komisch: Er fuhrte sich auf wie ein Erwachsener, der ein Kind trostet.

Nach kurzer Zeit zog Lion sich zuruck und fing ebenfalls an zu lachen.

»Zum Teufel mit der Wahrheit!«, rief ich. »Das war ein Traum, ein Traum, ein Traum! Ein damlicher, bloder Traum. Ich lebe, du lebst und mit Inej wird man ohne uns fertig werden. Und ein Haus wirst du dir schon noch bauen, mit welchem Giebel auch immer, sogar mit Springbrunnen!«

Wir hielten uns an den Handen und lachten noch eine gute Weile, bis uns die Tranen aus den Augen stromten.

Dann wischte sich Lion das Gesicht ab und meinte: »Okay, vertragen wir uns. Sonst fange ich wirklich noch an, mich mit dir zu schlagen, und ich bin ja dazu ausgebildet…«

»Ich bin nicht dazu ausgebildet, aber ich kann es trotzdem«, drohte ich ihm. »Vertragen wir uns lieber. Und wir benehmen uns wie die Idioten. Hier wird doch sicherlich alles von Kameras uberwacht!«

Lion wurde sofort ernst.

Und als ob meine Worte bestatigt werden sollten, offnete sich eine unbemerkt gebliebene Tur. Es schien kein Fahrstuhl zu sein, dahinter war ein Korridor zu erahnen.

»Jungs, wo seid ihr?«

Die Stimme war weiblich und angenehm. Wir sprangen auf.

Ein nettes, junges Madchen in einem streng geschnittenen Hosenanzug trat in den Saal.

»Wer von euch ist Lion?«, fragte sie lachelnd.

Ich verstand augenblicklich, dass sie wusste, wer von uns wer war.

»Ich«, machte sich Lion bemerkbar.

Das war uberflussig! Ich hatte mich fur Lion ausgeben sollen, dann hatte sie zugeben mussen, dass sie nur pro forma gefragt hatte…

»Ich bin Doktor Anna Goltz«, sagte das Madchen. »Nennt mich einfach Anna, okay?«

Lion nickte.

»Wir mussen miteinander reden, komm mit. Du wirst mir von deinen Traumen erzahlen, einverstanden?«

»Hm.« Lion sah sich zu mir um, steckte danach seine Hande in die Taschen und folgte dem Madchen.

»Ohne dich fahre ich nicht weg!«, rief ich ihm schnell hinterher. »Doktor Goltz, sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie fertig sind?«

»Mache ich, einverstanden.« Das Madchen nickte mir zu.

»Einverstanden«, affte ich sie nach, als sich die Tur schloss. Ich setzte mich in den Sessel und legte die Beine auf die Lehne, ganz wie Lion.

Stasj wusste bestimmt, dass Lion geholt werden sollte. Er hatte ruhig etwas sagen konnen…

Kapitel 4

Allein wurde mir sofort langweilig. Ich dammerte im. Sessel vor mich hin. Erkundete den Flur — und fand noch zwei unauffallige Turen. Nicht etwa, dass sie versteckt gewesen waren, solche hatte ich nicht entdeckt, sondern Turen, die als »Wand« kaschiert waren.

Danach sa? ich eine Weile am Springbrunnen. Ich gab dem Madchen einen Tatsch aufs Bein — die Bronze fuhlte sich kalt und rau an. Dann riss ich ein Stuck Moos ab und examinierte es. Es schien echt zu sein, keine Synthetik zur Verschonerung…

Man hatte zumindest Fische ins Wasser setzen konnen!

Nachdem ich wieder im Sessel sa?, versuchte ich mir auszumalen, was gerade mit Lion passierte. Man wurde ihn nicht in Stucke schneiden, das war klar. Sicher hatte man ihm einen Helm aufgesetzt und zeichnete alle moglichen Enzephalogramme auf. Und womit war Stasj beschaftigt? Legte er dem Rat der Phagen alles dar, was er uber mich dachte?

Ich war derma?en in Gedanken versunken, dass ich erst gar nicht bemerkte, wie die Schlange vom Arm kroch und ihr Kopfchen unter meinen Kragen steckte. Dann aber spurte ich, wie sie sich in den Neuroshunt einschraubte.

Vielleicht sollte ich besser den Kopf wegziehen? Die verruckte Schlange konnte ja sonst was vorhaben! Aber ich sa? nur unbeweglich da und kalter Angstschwei? brach mir aus.

Die Schlange beruhigte sich, vibrierte lediglich etwas, als ob sie sich an meinen Shunt anpassen wollte. Und dann fuhlte ich ein heraufziehendes Bild — wie im virtuellen Film oder im Unterricht. Dagegen kann man sich strauben — man muss lediglich die Augen offen halten und an etwas anderes denken.

Ich aber schloss die Augen und entspannte mich.

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