Zuerst vernahm ich eine Stimme. Nicht mit den Ohren, sondern im Kopf. Und das war die Stimme von Stasj:
»Deshalb bin ich mir sicher, dass es sich hier lediglich um eineVerknupfungvonZufallenhandelt.Die Wahrscheinlichkeit eines Imprintings der Peitsche existierte, fruher oder spater hatten wir mit einem ahnlichen Vorfall zu rechnen.«
»In Ordnung, Stasj…«, diese Stimme kannte ich nicht, »lassen wir es gelten. Die gesamte Geschichte Tikkirejs ist fantastisch, warum sollte man nicht an einen weiteren Zufall glauben?«
Der Sprecher gefiel sich in seiner Ironie.
»Was ist daran so fantastisch? Wir haben Karijer uberpruft. Tikkirej verlie? ihn mit dem Containerschiff Kljasma. Die Mannschaft hatte wirklich Mitleid mit dem Jungen und entlie? ihn auf Neu-Kuweit. Der Taxifahrer wurde ebenfalls von mir uberpruft, mein Bericht ist Ihnen bekannt. Der Junge kam zufallig in das Motel.«
Vor meinen Augen baute sich ein Bild auf, zwar unscharf und verwackelt, aber trotzdem zu erkennen: ein langes Zimmer mit einem langen Tisch. In Sesseln sitzende Menschen, genauer Phagen, die Stasj zuhorten. Sah ich etwa alles mit seinen Augen?
Nein! Ich sah und horte das, was seine Peitsche sah und horte!
Ich wunderte mich nicht besonders daruber, denn ich wusste, dass die Schlangenschwerter viele Fahigkeiten besa?en. Es war nur erstaunlich, dass meine Schlange und Stasj’ Peitsche in Verbindung getreten waren.
»Letztendlich, was bringt die Entfuhrung der Peitsche?«, fragte jemand anderes. »Ich tendiere dazu, dass Stasj Recht hat… in diesem Punkt. Achtzehn Peitschen der betreffenden Modifikation gingen verloren. In drei Fallen wissen wir mit Sicherheit, dass sie in die Hande asozialer Elemente fielen. Sogar wenn es jemandem gelingen sollte, den Bauplan zu kopieren…« Der Sprecher winkte verachtlich ab.
Einer, der an der Tischmitte gegenuber Stasj sa?, au?erte leise, aber nachdrucklich: »Dann schlage ich vor, diesen Punkt abzuhaken. Es ist viel wichtiger, zu entscheiden, was wir mit dem Jungen machen werden!«
Es wurde still. Jemand erhob sich.
Stasj ergriff erneut das Wort: »Warum sollten wir nicht alles beim Alten belassen?«
»Die Peitsche.«
»Im jetzigen Zustand ist es keine Waffe.«
»Stasj, Sie wissen genau, wie einfach es ist, ihr das Kampfpotenzial zuruckzugeben.«
»Tikkirej wird das nicht tun. Trotz seiner Jugend besitzt er Verantwortungsgefuhl. Das Leben auf Karijer…«
»Stasj, egal wie, wir haben kein Recht dazu, die Waffe einem Menschen zu ubertragen. Weder einem Kind noch einem Erwachsenen.«
»Ihm die Peitsche, die sich ihm angeschlossen hat, wegzunehmen bedeutet, die Waffe zu zerstoren. Ohne Meister kann sie nicht uberleben. Und der Junge versteht das.«
Recht lange erfolgte keine Erwiderung. Ich erblickte ein unscharfes Bild, dann bewegte Stasj seine Hand und ich sah nur noch die Tischplatte. Horen konnte ich nach wie vor nur die mude und erschopfte Stimme dessen, mit dem Stasj diskutierte: »Die Peitsche verleiht dem Jungen zu viele Fahigkeiten, uber die ein gewohnlicher Staatsburger nicht verfugen sollte. Die, zum Beispiel, dass Tikkirej bereits seit vier Minuten unser Gesprach verfolgt.«
Ich erstarrte vor Schreck. Riss meine Augen auf und verlie? die virtuelle Realitat, als ob das jetzt noch etwas andern konnte. Ich spurte, wie sich die Schlange eilig aus dem Shunt entfernte und unter meine Kleidung kroch.
Und ich erblickte den vor mir hockenden und traurig schauenden betagten Mann.
Er war ein Mulatte, kurz geschoren, ich hatte ihn noch nie gesehen, aber er hatte etwas von Stasj an sich. Auch ein Phag.
»Du brauchst keine Angst vor mir zu haben«, sagte der Mulatte leise und melodios.
Ich nickte.
»Kanntest du die Fahigkeit der Peitsche, eine Kommunikation aufzubauen?«, fragte der Mann ruhig und gar nicht argerlich.
»Nein.« Ich schuttelte den Kopf.
»Du besitzt eine bemerkenswerte Gabe, in Fettnapfchen zu treten, Tikkirej.« Er legte mir seine Hand auf die Schulter. »Gehen wir, Kleiner. Es gibt keinen Grund, dich jetzt noch hier sitzen zu lassen, stimmt’s?«
Ich antwortete nicht, sondern schlich hinter ihm her, ganz wie zu einer Hinrichtung.
Eigenartigerweise verspurte ich keine Furcht.
Die Fahrt im Fahrstuhl dauerte vielleicht eine halbe Minute. Wir kamen in demselben Saal an, den ich vor kurzem in der virtuellen Realitat gesehen hatte. Ich suchte Stasj mit meinem Blick — und rannte auf ihn zu. Er schuttelte lediglich vorwurfsvoll den Kopf, sagte aber nichts.
Ich schaute auf die Phagen.
Alles war leicht abgeandert. In der Luft hing ein leichtes Flimmern wie uber einer Asphaltstra?e an einem hei?en Tag. Tisch und Zimmer erkannte ich deutlich. Die an dem Tisch Sitzenden sah ich jedoch nur in groben Umrissen. Auch die Stimmen schienen verandert. Nur Stasj und der Mulatte, der mich hergebracht hatte, waren deutlich zu erkennen.
»Erschrick nicht, Tikkirej«, sagte der, mit dem Stasj diskutiert hatte. Sicher war er einer der Obersten bei den Phagen. »Du musst unsere Gesichter nicht sehen.«
»Ist gut«, sagte ich. »Und ich habe keine Angst. Ist das wegen der Hypnose?«
»Ja. Du brauchst wirklich keine Angst zu haben. Du bist dir daruber im Klaren, was gerade vor sich geht?«
»Ja. Sie entscheiden, was aus mir wird.«
»Mochtest du uns irgendetwas sagen?«
Ich schwieg und versuchte, uberzeugende Worte zu finden. Es fiel mir nichts Besonderes ein.
»Es tut mir leid, was passiert ist«, au?erte ich mich endlich. »Aber ich bin kein Spion. Und die Peitsche habe ich deshalb genommen, weil sie sich mir angeschlossen hat. Sie hat mir leidgetan… Sie lebt doch.«
»Tikkirej, wir befinden uns in einer au?erst schwierigen Lage. Es geht nicht einmal darum, dass du etwas streng Geheimes erfahren hattest. Glucklicherweise ist das nicht der Fall. Aber wir konnen dir die Peitsche nicht lassen. Das ist dasselbe, als ob man einem Neugeborenen eine Atombombe in die Hande geben wurde.«
»Ich bin kein Neugeborenes«, erwiderte ich beleidigt.
»Du hast mich nicht verstanden«, erklarte der hinter der Luftspiegelung versteckte Phag geduldig. »Die Fahigkeit, eine Peitsche zu beherrschen, ist nicht nur eine schwierige Kunst. Die Peitsche reagiert auf alle deine Wunsche, sogar auf die unbewussten. Wenn du ein fremdes Gesprach mithoren willst — die Peitsche fangt das Signal auf. Sogar ohne das Hauptteil der Energieversorgung ist sie eine Waffe — eine gefahrliche Waffe im Nahkampf. Deine ubermutigen Altersgenossen schubsen dich — und die Peitsche wertet die Situation als Gefahr und schneidet ihnen die Hande ab. Verstehst du das?«
Ich biss mir auf die Lippen und nickte.
»Tikkirej, bist du damit einverstanden, die Peitsche zuruckzugeben?«
»Wird sie dann sterben?«, fragte ich. Und fuhlte dabei, wie sich etwas auf meinem Arm bewegte.
»Ja. Eine Peitsche schlie?t sich kein zweites Mal jemandem an. Das ist einer der Verteidigungsmechanismen.«
Ich umfasste mit der linken Hand meine rechte und streichelte die Schlange durch die Kleidung. Dann wollte ich wissen: »Vielleicht konnte man doch etwas machen? Ich konnte ganz allein leben… irgendwo. Um kein Unheil anzurichten. Es gibt doch solche Leute, die isoliert arbeiten, auf Raumstationen oder so ahnlich…«
Die Phagen schwiegen. Dann erklarte mir Stasj: »Tikkirej, du hast nur das Recht, diese Waffe zu besitzen, wenn du ein Phag bist. Du kannst nur dann ein Phag werden, wenn du schon vor deiner Geburt genetisch verandert wurdest. Wir stecken also in einer Sackgasse.«
»Aber man konnte doch eine Ausnahme machen!«
»Nein«, antwortete Stasj, »die ganze Tragik, mein Junge, besteht darin, dass es einige Regeln gibt, die wir Phagen unbedingt beachten mussen. Wir sind genetisch dazu bestimmt, sie einzuhalten: — Ein Phag darf niemals sein Wort brechen. — Ein Phag darf seine Fahigkeiten niemals zur Erringung
personlicher Macht benutzen. — Ein Phag darf niemals die Treue gegenuber der gesetzma?ig
