»Anna meint, dass er keine wertvollen Informationen enthalten wurde. Er ware ein Propagandaprogramm, das unterbrochen wurde, bevor es aktiv werden konnte. Jetzt wurde es allmahlich verblassen und in Vergessenheit geraten wie ein gewohnlicher Traum. Am Ende hatte etwas Wichtiges kommen mussen… weswegen die Leute an Inej glauben. Aber bei mir hat dieser Teil nicht funktioniert.«

»Also bist du wieder normal?«, wollte ich wissen und erganzte schnell: »Sie halten dich nicht fur einen Feind?«

»Nein«, Lion schuttelte energisch den Kopf. »Ich werde noch einen ausfuhrlichen Bericht uber meinen Traum verfassen, Fragebogen ausfullen und einige Tests bestehen mussen. Und das ist alles, mehr wird nicht gefordert.«

Stasj dirigierte ihn zum »Dunaj«.

Ich setzte mich neben Lion auf den Rucksitz, Stasj nahm hinter dem Lenkrad Platz und stellte die Automatik an. Gleich darauf fragte er: »Wirst du den Vorschlag des Rats annehmen, Tikkirej?«

»Welchen Vorschlag?«, fragte Lion flusternd. Vorlaufig wurde ich ihm noch nichts verraten.

»Ja, Stasj.«

»Ich glaube nicht, dass das Spiel seinen Einsatz lohnt, Tikkirej.« Stasj schuttelte zweifelnd den Kopf. »Eine Peitsche ist kein Lebewesen. Sie ist eine Sache. Verwechsle das nie!«

»Nicht ganz«, sagte ich storrisch.

Stasj holte Luft und rieb seine Stirn.

»Selbst wenn! Sei es eine Verbindung aus Mechanik, Elektronik und lebendem Gewebe… Das ist nicht von Bedeutung. Was glaubst du, Tikkirej, ware es denn vernunftig, sein Leben fur die Rettung seines… na, sagen wir, geliebten Hundchens zu riskieren?«

»Es ware unvernunftig.«

»Warum bist du dann dazu bereit, nach Neu-Kuweit geschickt zu werden?«

Lion starrte mich an.

»Soll ich die Wahrheit sagen?«, fragte ich. »Damit Lion die Moglichkeit hat, dorthin zu kommen.«

»Und was hat Lion davon?«

»Dort sind doch meine Eltern!«, mischte sich Lion ein. »Geht das? Ist es moglich auf Neu-Kuweit zu gelangen? Der Planet ist doch in Quarantane, oder nicht?«

Stasj erwiderte zunachst nichts. Dann fing er an zu sprechen, wobei er seine Worte sorgsam wahlte: »Lion, ich verstehe deine Erregung und deine Sehnsucht nach deinen Eltern. Aber glaub mir, auf den von Inej eroberten Planeten gibt es weder Massenverhaftungen noch Blutbader unter der Bevolkerung. Und auch keine Repressionen…«

»Wovor sollten wir uns dann furchten?«, fragte Lion.

Und ich fugte hinzu: »Stasj, stell dir vor, du warst dreizehn Jahre alt. Und deine Eltern waren irgendwo auf einem anderen Planeten… Und du konntest dorthin gelangen…«

Der »Dunaj« fuhr gemachlich uber die Stra?en, die Automatik hatte die am wenigsten befahrene Strecke gewahlt, vorbei an erleuchteten Gebauden, luxuriosen Buros, Hochstra?en — und Stasj’ Gesicht erschien ungewohnlich weich vor dieser Kulisse.

»Die Mehrzahl der Phagen hat uberhaupt keine Eltern, Tikkirej. Aber ich hatte einen Vater. Er verschwand wahrend einer Mission auf dem… auf einem kleinen Planeten. Ich war da gerade elf Jahre alt und schon damals hatte ich ein Raumschiff entfuhren und einen Rettungsversuch unternehmen konnen. Aber mir war vollig klar, dass ich keine Chance hatte. Und ich blieb auf Avalon, um meine Ausbildung fortzusetzen.«

Er schwieg eine Zeit lang und erganzte dann:

»Du konntest nun sagen, dass ich ihn nicht geliebt habe. Aber das ware falsch.«

»Ich glaube dir, Stasj.« Ich fuhlte plotzlich einen Klo? im Hals. »Du hast aber doch selber gesagt… dass unsere Zivilisation viel zu vernunftig und logisch sei. Das hast du bemangelt. Und meine Eltern… gerade sie haben immer richtig und logisch gehandelt. Anders ware es nicht gegangen. Aber ich werde sie nun nie mehr wiedersehen… Es gibt sie nicht mehr. Und wenn wir jetzt wieder logisch handeln wurden, dann wird auch Lion seine Eltern nicht wiedersehen. Vielleicht gibt es Krieg und er wird auf seinen kleinen Bruder schie?en…«

»Das werde ich nicht!«, ereiferte sich Lion.

»Aber er wird schie?en!«, schrie ich und wandte mich zum Fenster.

Stasj au?erte sich nicht sofort.

»Tikki, ich verstehe dich«, sagte er dann. »Wei?t du, ich bin doch uberhaupt nicht dagegen, dass Lion nach seinen Eltern sucht. Und es ware gut, wenn du uns auf Neu-Kuweit helfen konntest…«

Er verstummte.

»Was hast du dann dagegen?«, fragte ich, ohne den Kopf zu wenden.

»Ich wei? es nicht. Irgendetwas gefallt mir nicht«, beendete Stasj das Gesprach.

Er betatigte einen Knopf, und die Scheibe, an die ich meine Nase druckte, glitt nach unten. Der Fahrtwind war kuhl, trocken und roch nach Stadt.

»Jetzt werde ich dieser Kutsche aber die Peitsche geben!«, meinte Stasj. »Zieht es?«

»Nein«, erwiderte ich.

Doch der Wind blies mir ins Gesicht. Stasj brachte uns nach Hause, wollte aber nicht mit hinaufkommen. Er verabschiedete sich per Handschlag und fuhr in seinem einfachen, uberhaupt nicht heldenhaften Auto weg. Ich stand mit Lion im Hauseingang. Wir hatten keine Lust, in die Wohnung zu gehen.

»Komm, wir besuchen Rossi«, schlug ich vor.

»Was?«, fragte Lion, und mir wurde klar: Mit seinen Gedanken war er weit weg. Bei Mutter, Vater, Bruder und Schwester. Darauf hatte ich auch gehofft. Dieser Traum, in dem er ein Erwachsenenleben durchlebte, wurde ihn noch lange qualen. Ware er jedoch wieder bei seiner Familie, wurde der Traum nach und nach verblassen.

»Ich muss mit Rossi sprechen«, sagte ich.

»Warum?« Lion zog eine Grimasse. »Lass ihn in Ruhe, er ist blo? eine feige Rotznase!«

»Ich will nichts von ihm. Ich muss mit ihm sprechen.«

Lion schaute mich voller Zweifel an, hob die Schultern und knopfte seine Jacke zu, die er im Auto ausgezogen hatte.

»Na dann, gehen wir…«

Wir warteten nicht auf den Bus, sondern liefen die Regenbogenstra?e entlang. Lion steckte die Hande in die Taschen und pfiff eine Melodie. Doktor Goltz musste sehr talentiert sein, wenn sie Lion so schnell helfen konnte: Er verhielt sich vollig normal.

Die Regenbogenstra?e ist eine Schlafstra?e. Hier gibt es lediglich Wohnhauser und einige kleine Geschafte, wenn jemand nach der Arbeit vergessen hatte, in den Supermarkt zu fahren. Kaum jemand war auf der Stra?e. Kurz darauf kam uns ein alter Mann im Rollstuhl entgegen, der bei unserem Anblick bedruckt den Kopf schuttelte. Er meinte sicherlich, dass Kinder in die Schule gehorten oder etwas Nutzliches tun und sich nicht auf der Stra?e herumtreiben sollten. Ich erinnerte mich voller Traurigkeit an den tapferen alten Semetzki.

Auf Avalon erstaunten mich in erster Linie die Hauser. Bei uns auf Karijer waren die Hauser gro? und ihre Wande dunn wie Fensterglas. Auf Neu-Kuweit, wo es fast uberall warm ist, waren die Hauser auch leicht gebaut, aber klein und nur fur eine Familie. Hier jedoch waren riesige Gebaude mit vielen Wohnungen und dicken Beton- oder Ziegelwanden ublich. Das war zwar schon wie in einem alten Film, aber eigenartig. Mittlerweile hatte ich mich allerdings daran gewohnt. Dicke Wande, feste Turen und Fenster mit Doppelverglasung waren fur mich normal geworden.

Eigenartig waren auch die Hofe. Auf Karijer standen die Hauser in Reihen aneinandergepresst mit speziellen Platzen fur Spiel und Spa?. Unter den Kuppeln war nicht allzu viel Platz. Auf Neu-Kuweit dagegen war reichlich Raum zwischen den Hausern. Avalon lag dazwischen, jedes Haus hatte sein Eckchen, bepflanzt mit Baumen, ausgestattet mit Rutschen und Karussells fur die Kleinen, Hutten und Wasserbecken, nicht zum Baden, sondern als Dekoration.

Wir kurzten durch einen Hof ab und kamen auf eine Allee mit Kastanienbaumen. Schade, dass jetzt Winter war! Schade, dass ich im Fruhling schon auf Neu-Kuweit sein wurde, ohne zu sehen, wie hier alles bluht. Das bedauerte ich sehr.

»Wollen wir etwas zu trinken kaufen?«, fragte Lion, als wir an einem kleinen Geschaftchen vorbeigingen.

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