ihre Erziehung der Schule uberlassen und gedacht, dass Literatur, Theater, Fernsehen ihnen die richtige Lebenseinstellung vermitteln wurden. Aber ich habe das Wichtigste vergessen! Ihnen fehlt emotionale Warme, das Gefuhl von Liebe und Geborgenheit. Daher kommt auch dieser peinliche Ausbruch von Feigheit. Seelische Harte…« William machte eine resignierende Handbewegung und ein Stuck fester, grauer Asche fiel auf den mit Schnee bedeckten Boden des Gartenhauschens.
»Es ist aber doch nichts passiert«, wandte ich unsicher ein. »Rossi hat einen Fehler gemacht und er ist sich daruber im Klaren.«
»Danke«, erwiderte William und druckte mir fest auf ErwachsenenartdieHand.»Dubisteinsehr verantwortungsvoller und charakterstarker junger Mensch. Ich habe lange uber den Vorfall nachgedacht, die ganze Nacht. Und Rossi hat sich gro?e Vorwurfe gemacht. Er ist gerade erst vor wenigen Minuten aufgetaut und wieder frohlich geworden.«
Ich nickte.
»Ich habe jetzt eine schwierige Aufgabe zu losen«, fuhr William fort, »namlich das Verhaltensmuster der Kinder zu korrigieren, negative Tendenzen zu bekampfen, ohne dabei ihre Seele zu verletzen und pubertare Protestreaktionen hervorzurufen. Und ich wurde dich daher gern um Hilfe bitten.«
»Ich bin ja auch deswegen gekommen…«
»Tikkirej, ich will dir einen ungewohnlichen Vorschlag machen«, erklarte William, »du musst dich daruber nicht wundern. Hor mir bitte zu und unterbrich mich nicht!«
Ich nickte erneut.
William umarmte mich. »Du bist zwar ein Altersgenosse meiner Kinder, aber entschieden gereifter«, begann William. »Das, was du erlebt hast, die Tragodie deiner Eltern, diese schrecklichen Ereignisse auf Neu- Kuweit, du bist doch im letzten Augenblick evakuiert worden? — Nein, antworte nicht, ich wei? es, die Kinder haben es mir erzahlt. Dazu noch dein kameradschaftliches Verhaltnis zu deinem Freund, die Sorge um ihn… er ist wieder gesund?«
Jetzt erwartete er eine Antwort und ich nickte. Das graue Aschehaufchen auf dem Schnee zerfiel langsam zu Staub.
»Das ist hervorragend«, meinte William. »Tikkirej, ich kann mir vorstellen, dass es fur dich schwer ist, allein zu leben.«
»Ich bin nicht allein«, warf ich ein. »Ich habe Lion. Und alle helfen uns, sogar die Phagen.«
William neigte hochachtungsvoll den Kopf. Auf Avalon betrachtete man die Phagen ohne Ironie. Besonders in Port Lance, wo die gesamte Okonomie ihrer Versorgung diente.
»Ich verstehe. Aber es ist trotzdem nicht in Ordnung, dass zwei Kinder ohne Erwachsene leben. Deine Personlichkeit bildet sich gerade aus und das konnte sich negativ auf sie auswirken. Deshalb mochte ich den Vorschlag machen, dass du und Lion zu uns zieht.«
Das hatte ich nicht erwartet. Ich hob den Kopf und schaute William an. Er wirkte sehr ernst.
»Es ist klar, dass es dabei nicht um eine Adoption geht, ihr seid schon gro?e Kinder«, fuhr William fort. »Aber wir waren bereit, eine offizielle Vormundschaft einzurichten und euch dabei zu unterstutzen, eine Ausbildung zu bekommen und einen wurdigen Platz in der Gesellschaft einzunehmen. Fur kindliche Vergnugungen wird noch genug Zeit bleiben, stimmt’s?«
Er lachelte.
»Warum machen Sie das alles?«, fragte ich.
»Ich will ehrlich sein«, meinte William. Er stie? eine Rauchwolke aus und warf seinen Zigarillo weg: »Erstens aus einem Gefuhl von Schuld. Ich fuhle mich zur Wiedergutmachung verpflichtet… teilweise auch meiner eigenen Schuld. Zweitens ware das eine gute und nutzliche Tat. Und auf welcher Grundlage ist unsere Welt errichtet, wenn nicht auf Gute und gegenseitiger Unterstutzung? Drittens, und das ist vielleicht das Wichtigste, euer Beispiel wird Rosi und Rossi helfen, wertvolle und gute Menschen zu werden. Ich habe mit den Kindern gesprochen und mit ihrer Mutter. Sie wurden sich alle freuen. Na… was sagst du dazu?«
Er wartete. Er roch nach Tabak und einem teuren, wurzigen Eau de Cologne.
»Die Vorteile fur dich und Lion, die ich schon kurz aufgezahlt habe, muss ich nicht erlautern, nicht wahr?«
Mein Vater hat nie geraucht. Das war teuer, man benotigte eine spezielle Genehmigung… hatte eine spezielle Genehmigung benotigt…
»Danke«, fing ich zu sprechen an, »aber…«
»Mir ist klar, Tikkirej, dass du mein Verhalten mit einiger Ironie betrachtest«, sagte William. »Meine Art und Weise, mich zu benehmen und Gedanken zu au?ern… Ist es nicht so? Aber glaube mir, das ist lediglich eine Folge meiner spezifischen Arbeit. Wir sind durchaus nicht solche leichtsinnigen Gesellen, wie du vielleicht denkst.«
»Ich glaube nicht, dass Sie leichtsinnig sind«, erwiderte ich schnell. »Nein… Na ja, manchmal vielleicht etwas komisch…«
Ich kam durcheinander und verstummte.
Jetzt wartete William geduldig.
»Verstehen Sie… Nein, so wird es nichts.« Ich schuttelte den Kopf. »Nein, vielen Dank, naturlich. Aber wissen Sie, Sie haben mir erklart, warum Sie uns bei sich aufnehmen wollen.«
»Und hat dich etwas daran gestort?«, fragte William erstaunt.
»Nein, Sie haben alles klar und deutlich begrundet, aber eigentlich hatten Sie gar nicht auf meine Frage antworten sollen.«
»Erklar mir das bitte, Tikkirej«, bat William und zog die Stirn in Falten.
»Also, wenn Menschen einander helfen wollen oder wenn sie befreundet sind, dann versteht sich das von selbst. Nicht, weil man etwas wiedergutmachen oder gute Taten vollbringen will. Erklarungen sind da nicht notwendig. Das ist wie mit dem Verhaltnis zwischen Moral und Gesetz, verstehen Sie? Gesetze werden geschaffen, um die Menschen zu zwingen, etwas zu tun oder etwas zu unterlassen. Selbst wenn die Gesetze gut sind, beweisen sie, dass die Menschen von sich aus nicht nach ihnen leben wollten. Und Sie suchen eine Begrundung dafur, dass Sie uns zu sich in die Familie nehmen wollen, und argumentieren, dass dadurch Rosi und Rossi Gute und Tapferkeit kennen lernen wurden.«
William lie? sich mit seiner Antwort Zeit. Dann fragte er: »Hast du dir das allein ausgedacht?«
»Nein«, gab ich zu. »Das… Einer meiner Freunde ist der Meinung, dass Gesetze lediglich Krucken fur die Moral waren. Und dass wir damit aufgehort hatten, mit dem Herzen zu denken. Jetzt wurden wir nur noch rational, mit dem Kopf denken. Dabei wurden wir standig versuchen, uns damit zu rechtfertigen, dass ein Herz nicht denken, sondern lediglich fuhlen konne. Das stimmt aber nicht, das Herz denkt auch, aber anders.«
»Viele sind der Meinung, dass ein Herz nur geschaffen ware, um Blut umzuwalzen«, murmelte William. Er schien in sich zusammengesunken zu sein, alles Aufgesetzte war verflogen.
»Sicher hat dein Freund Recht, Tikkirej… Er hat Recht. Ist dir bekannt, dass wir die ganze Zeit uber versuchen, alte Schauspiele umzudeuten? Eine moderne Lesart von ›Romeo und Julia‹ … eine neue Deutung des ›Othello‹. Da muss dann alles stimmig sein. Jede einzelne Handlung. Sowohl der Selbstmord Romeos als auch die Eifersucht Othellos…«
Er griff nach dem Zigarrenetui, steckte es aber sofort wieder weg und fragte: »Tikkirej, kannst du dir nicht vorstellen, dass ich einfach nach einer Rechtfertigung gesucht habe? Fur meinen Wunsch, dir und Lion zu helfen?«
Ich schuttelte den Kopf:
»Nein. Entschuldigen Sie, aber das glaube ich nicht.«
William sa? da und starrte vor sich hin.
»Sie werden ganz bestimmt Erfolg haben«, meinte ich. »Sie haben heute wunderbar mit Rossi gespielt.«
Er hob die Schultern und murmelte: »Ja. Zuerst habe ich mir uberlegt, was und wie ich es machen soll, und danach habe ich mit meinen Sohn herumgetobt… Bestimmt ist mein Herz nur eine Pumpe…«
»Machen Sie sich keine Gedanken. Es ist au?erdem so, dass wir Avalon verlassen werden…«, erganzte ich.
William nickte.
Warum war ich nur so unsensibel? Ich hatte alles versaut!
»Entschuldigen Sie«, sagte ich. »Gestatten Sie, dass ich gehe?«
