Ramon nickte. »Das kommt der Wahrheit schon naher! Jungs, denkt daran, die Variante einer totalitaren Kontrolle ist recht unwahrscheinlich, aber am gefahrlichsten.«
»Aber mir hat die Anarchie noch weniger gefallen«, widersprach Lion.
»Die ist auch unangenehm«, stimmte Ramon zu. »Die Konsequenz ist die gleiche — keine Gewaltakte! Sie bewirken nichts! Ihr seid keine Phagen. Und keine Spezialtruppen des Imperiums. Ihr seid Beobachter! Zwei Jugendliche, auf die das Codierungsprogramm nicht gewirkt hatte. Ihr wart erschrocken, seid in den Wald gefluchtet und habt euch dort uber einen Monat aufgehalten. Ihr habt euch verirrt, seid im Kreis gelaufen und habt endlich den Weg zur Stadt gefunden. Ihr durft keine Angst vor Polizisten haben, ganz im Gegenteil — ihr musst ihnen entgegenlaufen, euch dem ersten Menschen, den ihr seht, um den Hals werfen, weinen und um Essen betteln!«
Lion blies sich auf. Dieser Rat gefiel ihm uberhaupt nicht.
»Wenn wir wenigstens eine ungefahre Vorstellung davon hatten, was auf Neu-Kuweit vor sich geht…«, Ramon dozierte ruhig und zuruckhaltend, wie ein Lehrer, der sich plotzlich entschlossen hatte, die Schuler in die unbekannten Geheimnisse des Weltalls einzuweihen. »Aber wir wissen es nicht. Bekannt ist nur, was nicht passiert. Es gibt keine Konzentrationslager und keine Massenmorde, obwohl funfzehn, vielleicht zwanzig Prozent der Bevolkerung nicht in Zombies verwandelt worden sein mussten. Das alles gibt es nicht — und trotzdem! Wir konnen zum Beispiel davon ausgehen, dass auf den Planeten des Inej Kriegszustand oder etwas Ahnliches herrscht. Die Erwachsenen arbeiten also acht, manchmal auch zwolf Stunden am Tag und die Kinder lernen unter den gleichen Bedingungen. Sie bereiten sich auf kunftige Kriege vor. Deshalb durfen wir gar nicht erst versuchen, euch fur normale Kinder von Neu-Kuweit auszugeben. Ihr seid genau die, die ihr in Wirklichkeit seid! Lion von der freien Station ›Service-7‹ und Tikkirej vom Karijer. Nur dass euch niemand vom Planeten geholt hat. Ihr habt euch in den Waldern versteckt, weil ihr vor dem allgemeinen Schlaf Angst hattet, ist das klar?«
Lion stohnte und meinte unwillig: »Ja. Und wie werden wir aussehen nach einem Monat im Wald?«
Ramon lachelte: »Gleich werdet ihr es sehen!«
Er gab den Befehl uber den Radioshunt. Uber seinem Schreibtisch bildete sich ein Bildschirm. Auf dem Bildschirm erschienen Lion und ich — genau so, wie wir gerade erst in der virtuellen Realitat ausgesehen hatten. Lion in einem neuen Jeansanzug und Turnschuhen. Ich in hellen Hosen, einem Hemd und einer Baseballkappe mit einem Schild, das wie ein Chamaleon seine Farbe der Umgebung anpasste.
»Das sieht gar nicht nach unfreiwilligen Scouts aus«, stimmte Ramon zu. »Und jetzt versuchen wir Folgendes…«
Innerhalb einer Sekunde veranderte sich das Bild.
Es sah ganz so aus, als wurde ich die gleichen Hosen tragen, nur waren die jetzt abgetragen, grau von Schmutz und unter dem Knie abgerissen. Die Baseballkappe fehlte und an Stelle des Hemdes erschien ein zerrissenes T-Shirt. Lion verblieb die Jeansjacke, jedoch abgetragen und an den Armeln eingerissen, das Hemd verschwand ganz. Die Jeanshosen waren voller Flecke und durchgescheuert. An meinen Fu?en sah ich ausgelatschte Sandalen, Lion ging barfu?. Beide waren wir sonnengebraunt, zerkratzt und abgemagert. An mir fiel das besonders auf — Lion war ja sowieso dunkelhautig und hager.
»Hervorragend!«, meinte Ramon. »Uberzeugend, oder?«
Unsere Abbilder drehten sich langsam in der Luft. Bei Lion fand sich noch ein Loch in den Jeans und mein T-Shirt hatte einen Brandfleck.
»Ich muss abnehmen«, meinte ich.
»Ein wenig«, beruhigte mich Ramon. »Ein Kilo, mehr nicht… Sauna und hungern wahrend des Fluges. Ich gehe davon aus, dass ihr Fische gefangen und Nusse gesammelt habt. Die gibt es in den Waldern auf Neu-Kuweit um diese Zeit sehr viel.«
»Und die Peitsche?«, wollte ich wissen.
Mein Abbild wurde vergro?ert. Ramon zeigte mit seinem Finger auf den Gurtel in der Hose.
»Da ist sie. Das ist eine Variante des versteckten Tragens. Und du, Lion, wirst ein Taschenmesser dabeihaben…«
Lion schniefte verachtlich.
»Und eine Angelrute«, beruhigte ihn Ramon. »Ein Spinning mit Ultraschallblinker. Und genau damit habt ihr Fische gefangen.«
»Werden wir noch andere Varianten ausprobieren?«, erkundigte ich mich.
»Nein. Keine weiteren Proben. Zum Abend wird das Programm fur den Simulator fertig sein und in der Nacht geht ihr in die Virtualitat.«
Ich wechselte Blicke mit Lion.
»Wir mussen uns beeilen«, sagte Ramon, als ob das nichts Besonderes ware. »Morgen werdet ihr nach Neu-Kuweit geschickt. Das ist der gunstigste Zeitpunkt — der personliche Inspektor des Imperators kommt auf den Planeten, auf ihn wird die ganze Aufmerksamkeit gerichtet sein. Ihr werdet in eine Stealthkapsel gesteckt und von unserem Raumschiff abgeworfen, das sich in der Eskorte des Inspektors befindet. Das ist vollig ungefahrlich, habt keine Angst.«
»Und man wird uns nicht bemerken?«, wunderte sich Lion. »Das ist doch in der Nahe des Kosmodroms, da gibt es massenhaft Beobachtungsstationen!«
»Eine Stealthkapsel wird von keinem der bekannten Lokatoren erkannt.«
»Ramon«, fragte ich, »sind eigentlich die Fremden von Neu- Kuweit abgereist?«
In den zwei Tagen, in denen uns Ramon auf unseren Einsatz vorbereitete, haben wir mit ihm Freundschaft geschlossen. Aber nur ein wenig. Denn ihm all die wichtigen Fragen zu stellen, die mich qualten, war mir nach wie vor unangenehm.
»Ein Teil ist abgeflogen.« Ramon nickte. »Wir haben sie befragt… Das wolltest du doch wissen?«
»Ja.«
»In ihren Augen ist auf dem Planeten uberhaupt nichts geschehen. Absolut nichts. Es ist so, Tikkirej, dass die Sozialstruktur der Fremden, seien es Tzygu, Halflinge, Brauni oder Taji, sich vollig von der unseren unterscheidet. Wenn man zum Beispiel auf dem Planeten Tzygu ware, konnte nur ein Dutzend unserer Spezialisten uberhaupt erkennen, dass ein Wechsel der genetischen Dynastie erfolgt ist. Genauso geht es den normalen Fremden. Das sind Handler, Diplomaten, Touristen… sogar Spione. Solche Feinheiten wie die Entstehung von Allianzen innerhalb des Imperiums sind fur sie nicht sofort wahrnehmbar.«
Ramon schaute auf die Uhr. Es war nicht ganz klar, wieso, er hatte an und fur sich ein sehr gutes Zeitgefuhl.
»Pause bis zum Abend, Jungs!«, verkundete er. »Bis… bis zwolf-null-null. Ich erwarte euch hier. Esst etwas und macht euch ein paar schone Stunden!«
»Zu Befehl!«, rief ich beim Aufstehen. Ich streckte mich. Obwohl der Sessel weich war, sogar eine Vibrationsmassage hatte, war der Korper nach funf Stunden steif.
Heute hatten wir sieben Varianten unseres Eindringens auf Neu-Kuweit ausprobiert. Und jedes Mal endete es mit einem Misserfolg. Drei Mal wurden wir umgebracht, vier Mal gefangen genommen und ins Gefangnis geworfen.
Wir rannten auf den Korridor. Ramon lie?en wir an seinen Geratschaften beschaftigt zuruck.
»Trotzdem ist das nicht ganz ehrlich«, meinte Lion, kaum dass sich die Tur hinter uns geschlossen hatte. »Wir sollen doch nur davon uberzeugt werden, dass es sich nicht lohnt, herumzuballern! In Wirklichkeit konnten wir ihnen etwas verpassen. Ratatata — mit einer Plasmasalve! Dann ware die Sache geritzt!«
»Wurdest du das wollen?«, fragte ich. »Denen kraftig etwas verpassen?«
Lion begann nachzudenken und schuttelte den Kopf. Jeglicher Anflug von Leichtsinn war verflogen.
»Nein… Verdammt, das ist uberflussig.«
»Na, dann hor auf! Selbst wenn es manipuliert wird«, meinte ich, »die Phagen wunschen uns nur Gutes.«
Der virtuelle Klassenraum befand sich auf einem gewohnlichen Stockwerk, nicht im versteckten wie der Sitzungssaal der Phagen. Der Flur hatte sogar ein Fenster mit Blick auf die Stadt.
Nahe am Fahrstuhlschacht, bei dem sich in einer durchsichtigen gepanzerten Kabine der Wachmann langweilte, sa? ein Junge auf dem Fensterbrett. Er war etwas junger als wir, kaute Kaugummi und schaute aus dem Fenster, als ob dort etwas Interessantes zu sehen ware.
Kurz nachdem wir den Fahrstuhl gerufen hatten, sprang das Kerlchen herunter und kam auf uns zu. Er
