Ganze wichtiger ist als das Einzelne. Er lasst den Dingen seinen Lauf und kommt nach Avalon zuruck. Und was wird danach aus ihm, Tikkirej, was glaubst du? Wie lange wird er sich qualen? Was wird er in Zukunft noch fur ein Mitarbeiter sein?«
Ich schwieg. Ich wusste wirklich nicht, was Stasj dann fur ein Mitarbeiter sein wurde, wenn ich vor seinen Augen hingerichtet wurde und er sich nicht zu erkennen geben durfte. Vielleicht geschah auch gar nichts Au?ergewohnliches. Sogar unsere Nachbarin Nadja sagte mir an einem Abend mehr Koseworte als Stasj in einem ganzen Monat!
Ramon verstand mein Schweigen auf seine Art.
»Und genau darin besteht die Problematik unserer Arbeit, Tikkirej. Das, was dir teuer ist, muss entweder weit entfernt oder in Sicherheit oder in deiner eigenen Seele verschlossen sein. Das ist eine uralte Kundschafterregel. Und wir ahneln in Vielem eben diesen Kundschaftern…«
»Hat Stasj unseretwegen Schwierigkeiten bekommen?«, wollte ich wissen. »Weil er uns aus Neu-Kuweit mitgebracht hat?«
Ramon schaute mich herablassend an.
»Schwierigkeiten? … Aber nein, wieso denn! Alles war professionell gemacht und durchaus begrundet.«
»Und warum sagen Sie mir dann solche Dinge? Fur alle Falle? Oder fur die Zukunft?«
Ramon warf mir einen Blick zu.
»Deshalb, Tikkirej, damit du nichts Unmogliches erwartest. Und nicht auf Unterstutzung durch Stasj oder mich rechnest.«
»Das erwarte ich auch nicht.«
Es schien, als ob Ramon etwas verargert ware.
»Tikkirej, halt uns aber bitte nicht fur herzlos! Wir konnen nicht das Schicksal von Millionen wegen eines einzelnen Menschen riskieren. Deshalb bieten wir dir auch an, von der Mission zuruckzutreten.«
Ich schuttelte an Stelle einer Antwort meine Hand. Die Schlange steckte ihren Kopf aus dem Armel, schaute sich um und verschwand wieder.
Ramon fragte: »Hast du wirklich nicht lange genug mit Spielzeug gespielt? Tikkirej, die Peitsche ist nichts weiter als ein Spielzeug! Wenn auch ein todbringendes.«
»Ich hatte nur wenig Spielzeug«, erwiderte ich. »Spielzeuge gehoren nicht zum sozialen Mindestbedarf.«
Ramon schaute weg und meinte: »In Wirklichkeit droht euch keine Gefahr. Selbst wenn sie euch fassen sollten… Die Agenten des Inej konnen grausam sein, Sie sind aber keine blutrunstigen Morder.«
Ich erwiderte nichts, erinnerte mich aber an den Agenten, den Stasj getotet hatte, und an dessen Worte: »Dieser Junge hat keine Bedeutung fur Inej«.
Bis nach Hause schwiegen wir. Den ganzen Weg uber traumte Lion su? und bekam gar nichts von unserem Gesprach mit.
Ramon hielt vor dem Haus, stieg gemeinsam mit uns aus und begleitete uns zur Wohnung. Als ob er einen Hinterhalt im Treppenhaus erwartete. Danach umarmte er uns schweigend und ging, ohne sich zu verabschieden.
Wir legten uns schlafen. Stasj kam fruher als vorgesehen, um halb zehn. Ich hatte bereits gepackt, stellte die Wohnungsautomatik auf Warteregime, kontrollierte, ob alle Fenster geschlossen waren, und zog mich fur die Fahrt an. Wir nahmen keine Kleidung mit, auf dem Raumschiff wurden wir etwas bekommen, das zu unserer Legende passte. Lion bummelte noch im Bad herum. Er war so ein Sauberkeitsfanatiker geworden, dass man verruckt werden konnte: Seine Zahne putzte er dreimal am Tag, war nicht glucklich, wenn er nicht morgens und abends duschen konnte, seine Nagel schnitt er so weit wie moglich herunter und auch seine Haare waren sehr kurz. Es kam mir so vor, als ob das bei ihm eine Folge der Arbeit im Dauerbetrieb ware, aber ich sprach nicht daruber.
»Seid ihr fertig?«, fragte Stasj ohne wirkliches Interesse, eher der Ordnung halber, und blieb in der Tur stehen.
»Na klar!«, ich wies mit dem Kopf auf die Badtur. »Gleich, er ist gleich fertig.«
Stasj nickte. Aus dem Badezimmer horte man Wasser rauschen und ein Blubbern — Lion versuchte zu singen, wahrend er die Zahne putzte.
»Habt ihr Angst?«, wollte Stasj wissen.
»Ich hatte niemals Angst vor dem Fliegen«, sagte ich argerlich. »Und Lion ist im Kosmos aufgewachsen, auf einer Station…«
»Das wei? ich. Ich frage nicht wegen des Fluges, Tikki. Furchtet ihr euch nicht vor Neu-Kuweit?«
Ich uberlegte und antwortete ehrlich: »Ein bisschen. Dort wurde doch allen ins Gehirn gespuckt. Aber wir haben uns darauf vorbereitet und uberhaupt… Ramon sagt, das alles gut gehen wird.«
»Vielleicht werde ich auch auf Neu-Kuweit sein«, sagte Stasj. »Sollte plotzlich…« Er zogerte. »Wenn wir uns zufallig sehen sollten, dann lasst euch nicht anmerken, dass ihr mich kennt.«
»Gru? dich, Stasj!« Lion kam aus dem Bad.
»Hallo!« Stasj nickte ihm zu. »Lion, wenn wir uns zufallig auf Neu-Kuweit treffen, dann denkt daran — wir kennen uns nicht.«
»Haltst du uns fur Idioten?«, fragte Lion scharf. »Na sicher!«
»Ich mochte, dass ihr das alles ernst nehmt, Jungs«, sagte Stasj. »Inej ist die gro?te interne Gefahr fur die Menschheit seit der gesamten galaktischen Expansion. Im Vergleich zum Inej waren sogar der katholische Djihad oder die Liga der Wiedergeburtnichtmehralsunwichtigesoziale Abweichungen. Furchtet euch nicht, denn Furcht lost Panik aus. Aber seid vorsichtig. Immer! Zu jeder Zeit! Wenn ihr euch auf einen Stuhl setzt, seid darauf gefasst, dass er unter euch zusammenbricht! Wenn ihr einem Menschen die Hand gebt, wundert euch nicht, wenn sich seine Hand in eine Schnauze mit scharfen Zahnen verwandelt. Merkt euch, auf Neu-Kuweit konnt ihr nur euch gegenseitig trauen.«
Ich nickte.
»Lion, dich betrifft das ganz besonders!«, fugte Stasj leise mit einem entschuldigenden Unterton hinzu.
Lions Gesicht wurde ernst.
»Ich verstehe. Ich… ich werde nichts Uberflussiges sagen. Nicht einmal meiner Mutter.«
Stasj schaute ihn einen Augenblick lang an und sagte dann: »Gut. Geh dich bitte anziehen.«
Als Lion im Schlafzimmer war, wandte sich Stasj wieder mir zu: »Was ist mit der Peitsche?«
Statt einer Antwort zeigte ich mit meinen Fingern auf den Gurtel in der Jeans. Es war kein au?ergewohnlicher Gurtel, silbern und metallglanzend. Der Verschluss hatte die Form eines Schlangenkopfes.
»Das wird gehen«, stimmte Stasj zu. »Hast du sie selbst angelegt?«
»Ja. Das ist ganz einfach. Man muss sich nur vorstellen, was man will…«
Stasj nickte und ich unterbrach meinen Redefluss. Wem erklare ich denn auch, wie man mit einem Schlangenschwert umgehen muss? Einem echten Phagen!
»Ich hoffe, dass du mit ihr keine Dummheiten gemacht hast!«, erkundigte sich Stasj.
»Wie… Welche?«, erwiderte ich verwirrt.
Vor einem Tag hatte ich herumexperimentiert, uberpruft, was das Schlangenschwert zerstoren konnte und was nicht. Es stellte sich heraus, dass es ohne Schwierigkeiten Holzstucke in dunne Scheiben zerschlagen, eine zentimeterdicke Stahlstange verbiegen und ohne Probleme Locher in Glas fressen konnte.
»Die gro?te Dummheit ware der Versuch, den Hauptakkumulator in die Peitsche einzulegen«, erklarte Stasj. »Dann entdeckt auch der primitivste Detektor, dass es sich dabei um eine Waffe handelt.«
»Also, das habe ich nicht versucht. Woher sollte ich denn auch einen nehmen?«
»Eine Peitsche ist eine universelle Waffe. Sie passt sich an verschiedene Energiequellen an. Zur Not kann man eine beliebig starke Batterie benutzen, zum Beispiel von einem Staubsauger oder einem Haushaltsschraubenzieher. Sie halt naturlich nicht lange vor, aber zwei bis drei Schusse kann die Peitsche abgeben.«
Stasj lachelte und zwinkerte mir kaum merklich zu.
Am liebsten hatte ich vor Wut aufgeheult. Das bedeutete ja, dass ich das Schlangenschwert richtig hatte ausprobieren konnen!
»In einigen Fallen haben ahnlich improvisierte Batterien den Phagen das Leben gerettet«, fuhr Stasj fort.
