»In deinem Fall bedeuteten sie eine todliche Gefahr.«

Ich nickte.

»Tikkirej, kann ich mich auf deinen gesunden Menschenverstand verlassen?«, fragte Stasj.

»Das konnen Sie…«

»Dann ist es ja gut.«

Lion erschien. Er schaute fragend auf Stasj und dieser nickte.

»So, es ist Zeit. Gehen wir, Jungs!« Die Fahrt zum Kosmodrom der Phagen dauerte langer als eine Stunde. Wir sprachen weder uber Inej noch uber Neu-Kuweit. Stattdessen erzahlte uns Stasj uber den Planeten Avalon, dessen Kolonisation, die Zeit des ersten Imperiums und der Ubergangsregierung, uber die Geschichte der Eroberung des Nordkontinents, die einheimische Flora und Fauna des Avalon, die nur in Naturschutzgebieten uberlebt hat.

»Diese Art Kolonisation wird jetzt schon nicht mehr durchgefuhrt«, erlauterte Stasj. »Mittlerweile wird zuerst eine Ausgangsstation mit Wohntrakt errichtet. Man baut ein Kosmodrom und beginnt mit der punktuellen biologischen Bereinigung. Es vergehen mindestens funfzig Jahre, bis sich der Planet terraformiert, also sich Erdbedingungen annahert. Dafur gibt es keine Uberraschungen, keine Ungeheuer, die dich zuerst fressen und danach an der Fleischvergiftung durch au?erplanetarisches Eiwei? sterben. Avalon wurde ganz nebenbei kolonisiert, um Camelot herum bluhten schon Apfelbaume, weiter entfernt befand sich der Ring der Biobereinigung. Und als der gro?te Teil der Landgebiete bereits gesaubert war, existierte in den Ozeanen noch die einheimische Fauna. Jetzt findet man sie nur noch im historischen Meer, das vom Ozean durch einen Damm abgetrennt wurde. Dort gibt es naturlich keine Mantelrochen oder Killerwale mehr und das ist auch besser so…«

»Fruher wollte ich Biologe werden und Planeten terraformieren«, sagte Lion.

»Eine gute Arbeit«, stimmte Stasj zu. »Und nun?«

Lion schuttelte den Kopf. »Nicht mehr. Es ist viel interessanter als Pilot. Aber ich mochte nicht auf einem Raumschiff mit Modulen fliegen.«

»Wenn du gro? bist, wird es sie, so hoffe ich, schon nicht mehr geben«, ermunterte ihn Stasj. »Wenn die Gelkristallprozessoren Erfolg versprechend sind, werden sie die Menschen ersetzen.«

Und er begann uber Technik zu sprechen. Vielleicht hatte er auch wirklich Freude daran, aber ich hatte den Eindruck, dass er uns einfach beruhigen wollte.

Warum machen sich die Erwachsenen nur immer gro?ere Sorgen um Kinder als diese selbst? Am Eingang wies Stasj seinen Ausweis vor und wir wurden auf das Flugfeld gelassen. Dort standen vielleicht zwei Dutzend Raumschiffe, hauptsachlich kleine. Unter ihnen waren jedoch auch ein echter Militarkreuzer und ein gro?es Raumschiff fur Luftlandeunternehmungen. Die konnten auf keinen Fall ohne Module in den Zeittunneln fliegen… Aber ich fragte Stasj nicht danach. Ich war ja nicht mehr klein. Ich verstand alles.

Das Auto naherte sich einem Raumschiff. Es war genau so einefliegendeUntertasse,bedecktmitgrauen Keramikschuppen, wie das von Stasj.

Das ist sicherlich der am meisten verbreitete Raumschifftyp bei den Phagen.

Der Pilot stand an der offenen Eingangsluke. Er war alter als Stasj, gru?te jedoch als Erster, und mir schien, dass Stasj sein Vorgesetzter war.

»Hier bringe ich dir also deine Schutzbefohlenen«, sagte Stasj.

»Guten Tag, Tikkirej! Guten Tag, Lion!« Der Pilot gab uns die Hand. »Ich hei?e Sjan Tien.«

Es entstand eine unerquickliche Pause. Wir hatten noch Zeit bis zum Abflug, Stasj wollte uns nicht verlassen und wir fanden kein Gesprachsthema.

»Ist die Stealthkapsel in Ordnung?«, bemuhte sich Stasj um einen Gesprachsbeginn.

»Ja, ich habe sie uberpruft«, erwiderte Tien. »Die Jungs werden unbemerkt landen, niemand wird auf sie aufmerksam werden. Habt ihr euch schon einmal absetzen lassen?«

»Nein«, antwortete ich.

»Ja«, rief Lion aus, »dass hei?t, nein!«

Tien hob erstaunt seine Augenbrauen. Dann konzentrierte er sich und gab einen Befehl uber den Shunt. Im Bauch des Raumschiffs offnete sich ein Luke.

Die Stealthkapsel ahnelte am ehesten einer Linse mit einem Durchmesser von zwei Metern. Sie war vollig transparent.

»Ist sie aus Glas?« Ich staunte.

Lion lachte. »Mann, bist du naiv, das ist stabilisiertes Eis!«

»Richtig«, bestatigte Tien und schaute voller Respekt auf Lion. »Das ist Eis-23, eine hyperstabile Form. Vor dem Abwurf wird die Kapsel mit einem Zerfallkatalysator besprengt und in einer Stunde verwandelt sie sich in eine Wasserpfutze. Aber bis dahin seid ihr gelandet.«

»Und wo sind hier die Motoren?«, fragte ich verwundert.

Stasj und Tien sahen sich an.

»Hier gibt es keine Motoren, Tikkirej«, sagte Stasj liebevoll. »Und keine Gerate. Nichts, nur Eis. Beim Abwurf auf einer niedrigen Umlaufbahn wird die Kapsel aerodynamisch abgebremst. Die Belastung kann bis auf drei ›g‹ ansteigen… Das ist normal fur Menschen mit einem standardma?ig verbesserten Genotyp.«

»Ich halte auch sechs ›g‹ ohne Probleme aus«, bemerkte Lion stolz.

»Furchtest du dich, mein Junge?«, fragte mich Tien. »Du brauchst keine Angst zu haben. Die Stealthkapsel ist zuverlassiger als jedes Raumschiff. In ihr kann nichts kaputtgehen, verstehst du? Und sie kann von keinem System der kosmischen Verteidigung erkannt werden. Das ist Eis, einfach Eis.«

Mir wurde klar, dass sie Recht hatten. Und trotzdem war mir eigenartig zumute.

»Ich musste bislang sechs Mal in so einer landen«, erlauterte Stasj. »Zweimal im Training und viermal wahrend einer Mission. Einmal davon auf einem kampfenden Planeten.«

»Werden wir denn nicht erfrieren in ihr?«, wollte ich wissen.

Die Phagen begannen zu lachen.

»Ich werde euch eine Decke geben«, versprach Tien. »Ihr werdet nicht erfrieren, na… vielleicht bekommt ihr einen Schnupfen.«

»Dann geben Sie mir auch noch ein Taschentuch«, bat ich.

Wir verabschiedeten uns von Stasj. Er umarmte uns kraftig, strich Lion uber den Kopf und zwinkerte mir zu, wobei er mit den Augen auf die Schlange wies. Dann setzte er sich in sein eigenartiges und nicht im mindesten heldenhaftes Auto.

»Kommt, Jungs!«, sagte Sjan Tien. »Der Flug dauert funf Tage, wir schaffen es noch, uns miteinander bekannt zu machen. Es gibt keinen Grund, den Start hinauszuzogern.«

Dritter Teil

Leben — zweiter Versuch

Kapitel 1

Eine Stunde vor dem Eintritt in die Atmosphare von Neu- Kuweit gingen wir zur Stealthkapsel. Der kalte, blitzende Eisbrocken nahm fast den ganzen Platz im Schleusenabteil ein.

Tien offnete die Luke, die ebenfalls aus Eis war und sich von au?en oder innen zuschrauben lie?. Er gab uns einen einfachen Stoffsack mit chemischen Reagenzien zum Frischhalten der Luft. Die Reagenzien waren fur drei Stunden ausgelegt, das war mehr als ausreichend.

Eine Decke gab er uns naturlich nicht. Eine Decke ware schon ein Hinweiszeichen auf unsere Herkunft. Stattdessen legten wir uns auf geflochtene Grasmatten. Anstelle von Riemen hatten wir Grasseile.

Das Gras kam von Neu-Kuweit. Genauso wie unsere Kleidung, das Taschenmesser und die Angelrute mit dem Ultraschallblinker. Die Phagen bereiten alles sehr grundlich und gewissenhaft vor.

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