»Er hat sicherlich etwas abgekriegt«, stimmte Lion zu. »Aber wenn die Schwester tot ist, was ist da noch zu andern? Also, am nachsten Tag kam der Raumanzug wieder und sagte: ›Gib mir meine Reservepatrone!‹ Der Junge reichte ihm die Patrone, der Raumanzug schloss sie an, sagte lachend: ›Jetzt werde ich gleich genug Kraft haben, um dich zu erwurgen!‹, und offnete das Ventil, um sich diese Kraft zu holen. Die Eltern ahnten jedoch, was er vorhatte, und gaben keine Patrone mit Sauerstoff, sondern mit Kohlenmonoxid. Der Raumanzug blies sich auf, wurde blau und platzte. Das Dumme war nur, dass der Junge trotzdem nicht uberlebte, er starb vor Angst.«

»Bist du verruckt geworden?«, regte ich mich auf. »Was ist das denn fur eine Geschichte, so ein Mist!«

»Warum?«

»Wie kann man denn Kohlenmonoxid in eine Pressluftflasche fullen? Hast du denn kein Chemie in der Schule gehabt? Nein, der Raumanzug muss ihn erwurgt haben…«

Lion dachte nach und erwiderte: »Wenn er erwurgt wird, tun einem die Eltern leid. Wenn ihm jedoch nichts passiert, dann ware er ohne Strafe davongekommen.«

»Na und?«

»Ich glaube, dass sich Erwachsene diese Geschichten ausdenken«, meinte Lion. »Damit die Kinder keine Dummheitenmachen,keineKreditkartennummern herausgeben, nicht mit Sauerstoffflaschen herumspielen… Hor mal, findest du nicht, dass es hier stickig ist?«

Ich schaute angespannt auf das Sackchen.

»Nein, eigentlich nicht.«

»Uns wird von Kindheit an klargemacht, dass man keine Spa?e mit der Luft treiben darf«, sagte Lion, als ob er sich entschuldigen wollte. »Das ist ungeheuer wichtig. Wir lernen Gedichte daruber. ›Wenn der Wind an den Wanden ruttelt und die Sirenen heulen, wei? jeder — das ist nicht die richtige Zeit fur einen Spaziergang. Geht der Sturm zuruck und ist die Sirene verstummt, bedeutet das, man kann sich auf seiner Koje ausruhen.‹«

»Auf Karijer haben wir auch so etwas gelernt!«, sagte ich. »›Wenn du einen Riss, ein Loch, eine Kaverne gesehen hast, wei? naturlich jedes Kind — das ist sehr gefahrlich!‹ Kennst du den Spruch uber den Jungen, der ein Leck entdeckt und es mit seiner Hand zugehalten hat?«

»Hm«, bestatigte Lion.

Das Licht flackerte kurz auf.

»Was ist los?«, fragte Lion erschrocken. Er schaute auf die Uhr. »Tikkirej, noch drei Minuten!«

Wir streckten uns auf den Matten aus und schwiegen. Jetzt, wo wir nicht mehr durch unsere Unterhaltung abgelenkt waren, bemerkten wir ein leichtes Schaukeln des Raumschiffs. Die Gravitationskompensatoren konnten das Schwanken nicht vollig auffangen.

»Wir tauchen schon in die Atmosphare ein«, kommentierte Lion, als ob ich das nicht selbst gewusst hatte. »O Mann, wer wei?, wie das ausgeht…«

Die Kapsel schien sich auf die Hinterbeine zu stellen. Tien hatte den Gravitationsvektor geandert.

Im nachsten Augenblick offneten sich unter uns die Panzerklappen der Luke und unsere Kapsel fiel in den freien Raum hinaus. Stille. Absolute Stille.

Normalerweise waren wir standig von Gerauschen umgeben. Sogar in die geschlossene Kapsel drang der Geratelarm durch das Eis.

Jetzt horten wir nur unsere Atemzuge.

Unter uns befand sich der Planet.

Nicht mehr als Kugel, sondern als gelb-grune Ebene, die mit Wolkenflecken bedeckt war. Obwohl noch zu sehen war, wie sie sich am Horizont krummte und nach unten verschwand. Die Sonne von Neu-Kuweit ging hinter dem Horizont unter unseren Fu?en auf und die Eiskapsel funkelte wie Kristall.

»Mensch…!«, flusterte Lion.

Die Sterne schienen hier noch hell und strahlend. Die Kapsel bewegte sich gleichma?ig, ohne Schutteln. Aber wir spurten deutlich, dass wir uns schon nicht mehr auf der Umlaufbahn, sondern im Landeanflug befanden.

»Schwerelosigkeit ist prima, stimmt’s?«, fragte Lion.

Ich antwortete nicht. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass Schwerelosigkeit eingetreten war, dass wir in unserer winzigen Eishohle schwebten, nur mit lacherlichen Grasbandern festgeschnallt. Ich sah auf das Raumschiff der Phagen, das zielstrebig vorwarts und nach unten flog. Das war ein starkes und sicheres Schiff…

»Tikkirej!«

»Was ist?«

»Hey, schlafst du?« Lion drehte sich um und schaute mir in die Augen. »Sieh nur, echt cool! Da ist die Sonne!«

»Welche Sonne?«

»Die von der Erde, wo alle Menschen herstammen… Da, schau doch mal!«

Ich sah hin. Ein ganz gewohnlicher Stern, nichts Besonderes.

»Ich mochte mal zur Erde«, sagte Lion. »Ich sehe mir unbedingt Australien, Shitomir und London an. Und au?erdem mochte ich auf den Edem… Da, schau doch mal, das ist dort… Nein, er ist nicht zu sehen, ist hinter dem Horizont… Und wo ist der Avalon, kannst du ihn erkennen?«

Es war klar, dass er sich doch etwas furchtete und deshalb ohne Unterbrechung sprach. Das sagte ich naturlich nicht laut, und funf Minuten lang schauten wir uns Sternbilder an und erorterten, welche Planeten uns und welche den Fremden gehorten. Die Sonne von Neu-Kuweit stieg indessen hoher und hoher, wir mussten die Augen zusammenkneifen vor diesem grellen Strahlen, das sich uber die Kapsel ergoss. Ich fand, dass uns Sonnenbrillen nicht geschadet hatten. Aber auch die Phagen konnen eben nicht an alles denken.

»Siehst du, dass wir gewendet haben?«, stie? Lion aufgeregt heraus. »Die Atmosphare bremst… Wir sind jetzt circa funfzig Kilometer hoch… Nein, noch hoher…«

»Schaffen wir es wirklich, zu landen?«

»Das schaffen wir!«

Jetzt flog die Kapsel mit dem Boden nach vorn. Das Eis auf der Unterseite der Kapsel trubte sich ein und schmolz. Das unertragliche Sonnenlicht wurde schwacher, so als ob es durch mattes Glas gedampft wurde.

Vielleicht denken die Phagen wirklich an alles.

Die Schwerelosigkeit verschwand genauso unmerklich, wie sie auf getreten war. Wir wurden auf die Matten gedruckt. Zuerst schwach, dann genau wie auf einem normalen Planeten.

»Es wachst bis vier ›g‹ an«, teilte Lion mit. Warum er das sagte, war nicht nachvollziehbar, denn ich wusste es ja selbst. Wir hatten einen Belastungstest durchgefuhrt.

»Wenn es doch schon zu Ende ware…«

»Die Belastung?«

»Nein, die Landung!«

Der Druck wurde immer starker. Dann fuhlte ich eine leichte Vibration. Das Licht wurde heller, aber es war kein Sonnenlicht mehr, sondern ein in das Auge stechender rotlicher Glanz.

»So, jetzt sind wir in die Atmosphare eingetaucht«, flusterte Lion.

Ich drehte den Kopf und schaute auf den Boden der Kapsel. Er war vollig trub, aber trotzdem konnte man eine Flamme erkennen, die wie ein luftiges Feuerkissen vor uns tanzte. Die Flamme breitete sich aus, schloss die Kapsel ein und flackerte.

Hinter uns entfernte sich ein kurzer Feuerschweif.

»Und das… das wird nicht geortet?«, fragte ich. Mich gruselte es. Nur ein halber Meter tauendes Eis trennte uns von einer Plasmawolke!

»Eigentlich nicht, wir haben speziell fur die Landung die Zone des Morgenrots ausgesucht«, antwortete Lion. »Die Sonne hier ist aktiv… Es gibt oft Storungen auf dem Radar und visuell kann man es auch nur sehr schwer feststellen…«

Das Licht begann zu verblassen und die Schwerelosigkeit kam wieder. Das war das erste Eintauchmanover — wir schlitterten uber die Atmosphare, verloren dabei an Geschwindigkeit, prallten ab wie ein flacher Stein von der Wasseroberflache und fielen wieder nach unten.

»Beklemmend«, bekannte ich und war uber meine eigenen Worte erstaunt. »Lion, hast du uberhaupt keine Angst?«

Er antwortete nicht sofort, murmelte aber dann: »Ein wenig schon…«

Um die Kapsel loderte erneut eine Flamme. Dieses Mal wurden wir starker durchgeschuttelt, die Kapsel

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