»Einem Tanz auf dem Schnee. Die Menschheit versucht schon und gut zu sein, obwohl es dafur keine Basis gibt. Verstehst du das? Als ob eine Ballerina im Ballettrockchen versuchen wurde, auf Schnee zu tanzen. Aber der Schnee ist kalt. An manchen Stellen verkrustet, an manchen wiederum weich, und an manchen Stellen bricht sie ein und verletzt sich die Fu?e. Aber trotzdem muss sie versuchen weiterzutanzen, besser zu werden. Wider die Natur, im Kampf gegen alles. Sonst bleibt ihr nur noch ubrig, sich in den Schnee zu legen und zu erfrieren.«

»Wenn du meinst… Es ist logisch, dass die Welt nicht von Anfang an perfekt sein kann. Alles Mogliche kann passieren. Aber es geht doch nicht, dass man experimentelle Planeten schafft, auf denen Menschen leiden mussen!«

»Das macht auch niemand mit Absicht«, antwortete ich. »Sie entstehen von selber. Genau das bedeutet Geschichte, Lion. DieMenschenhabenschonimmereigenartige Gesellschaftssysteme geschaffen, schon als sie nur auf einem Planetenlebten.Normalerweisegingendiese Gesellschaftsordnungen wieder unter, aber manchmal erwiesen sie sich als notwendig.«

»Okay, fruher waren die Leute eben zuruckgeblieben!« Lion machte eine energische Handbewegung. »Aber jetzt haben wir die passende Gesellschaftsordnung. So wie hier!«

»Ja. Und auf Neu-Kuweit ist sie wieder etwas anders. Auf der Erde und dem Edem auch. Und jeder lebt dort, wo es ihm gefallt. Darin ist nichts Schlechtes. Wenn jedoch uberall die gleiche Gesellschaftsstruktur bestehen wurde, hatten viele Leute Probleme damit. Selbst wenn diese Gesellschaftsordnung die beste von allen ware. Auf Avalon ist zum Beispiel die Vielehe verboten, aber vielleicht gibt es jemanden, der gleichzeitig zwei Frauen liebt? Und was wird dann mit ihm, soll er das ganze Leben lang darunter leiden?«

Lion kicherte und meinte: »Mein Gott, das sind vielleicht Probleme…«

»Genau aus diesem Grund sind die Phagen wegen Inej beunruhigt«, erlauterte ich. »Vielleicht will Inej wirklich nichts Schlechtes. Und auf ihren Planeten ist die Lebensqualitat auch nicht gesunken. Aber wenn das gesamte Imperium identisch sein wird, muss es fruher oder spater untergehen.«

»Das hast du alles von Stasj.«

»Ja. Denkst du, Stasj ware ein Dummkopf? Wenn Inej den Menschen nicht das Gedachtnis programmiert hatte, sondern darum geworben hatte, sich ihnen anzuschlie?en, ware niemand gegen das Vorhaben gewesen. Alle hatte man namlich nicht uberreden konnen.«

Lion neigte den Kopf, war aber nicht uberzeugt. Sicher erinnerte er sich an seine Traume, in denen er fur Inej gekampft hatte.

»Wir mussen los, es ist Zeit«, sagte ich. »Iss deine Tortillas auf!«

»Ach, ich habe keinen Appetit mehr…« Lion stand auf, streckte seine Arme nach vorn und lehnte sich an die Glaswand. Dort stand er eine Weile und schaute auf den fallenden Schnee. Dann sagte er: »Ich hatte es trotzdem gern, dass es allen gleich gut geht.«

Kapitel 6

Die halbe Nacht durch sa?en wir am virtuellen Simulator. Ob es nun wirklich genutzt oder ob die Phagen etwas zu unseren Gunsten geandert hatten, dieses Mal jedenfalls endete alles erfolgreich. Uns glaubte man, abgerissen, schmutzig und hungrig, wie wir waren. Zuerst wurden wir einem strengen Verhor unterzogen, danach in ein Gefangenenlager uberstellt, wo wir in einer Chemiefabrik arbeiteten. Nach zwei Wochen hatten wir herausgefunden, dass die Macht auf Inej von Fremden erobert worden war — entweder von den Tzygu oder den Brauni. Eben sie hatten die Versklavung der Menschheit geplant!

Ein Agent der Phagen nahm Verbindung mit uns auf und wir erstatteten ihm uber alles Bericht. Nach zwei Stunden kamen Raumschiffe des Imperiums, setzen Luftlandetruppen aus und befreiten uns. Wir nahmen sogar an den Kampfhandlungen teil — wir verbarrikadierten uns in der Werkhalle fur Hei?pressen und lie?en die Soldaten des Inej nicht in die Halle hinein. Sie wurden von uns aus Schlauchen mit flussiger chlorhaltiger Plastikmasse ubergossen.

Alles in allem war es recht lustig.

Als uns Ramon in seinem schicken Sportauto nach Hause brachte, betonte er nochmals, dass es keine Information uber Neu-Kuweit gabe. Deshalb sollte man auch nicht von vornherein vom Schlimmsten ausgehen. Im Gegenteil, so etwas durfte uberhaupt nicht passieren. Aber… sicherheitshalber…

Ich nickte schlafrig und schaute aus dem Fenster. Mein vierter Planet. Und an den zweiten konnte ich mich nicht einmal erinnern. So war es eben. Vielleicht sollte ich dem Kapitan der Kljasma einen Brief schreiben? Um herauszufinden, wo ich war?

Schade, dass ich kein Phag werden kann, dachte ich. Aber ihnen zu helfen ist auch interessant. Obwohl es nicht ganz das dasselbe ist.

»Seht zu, dass ihr ausschlafen konnt!«, riet Ramon. »Schlaft wenigstens ein bisschen. Um zehn wird euch Stasj abholen und zum Kosmodrom bringen.«

»Und wer fliegt das Raumschiff?«, erkundigte ich mich.

»Nicht Stasj. Er hat eine andere Aufgabe«, erwiderte Ramon nach kurzem Zogern. »Ich auch nicht. Aber das ist unwichtig, Jungs. Ein jeder von uns Phagen wird mit dieser Mission klarkommen.«

»Ich wei?. Aber es ist trotzdem besser, wenn dein Freund bei dir ist, oder nicht?«

Ramon zuckte mit den Schultern. »Ich erkenne die Theorie von Stasj. Verstehst du, Tikkirej, personliche Beziehungen — das ist eine Medaille mit zwei Seiten. Naturlich sind die Menschen keine Roboter, die ohne Emotionen leben konnen, ohne Sympathie, Freundschaft oder umgekehrt. Wenn du wusstest, wie viel Leid gerade diese personlichen Beziehungen den Menschen zugefugt haben!?«

»Wieso denn das?«, wollte ich wissen. »Der erste Sternenflieger, Son Chai, kehrte entgegen der Fugung des Schicksals auf die Erde zuruck, nur weil er sich nach seiner Geliebten sehnte! Und der Pilot der Magellan konnte ein havariertes Raumschiff landen, weil seine Familie sich darin befand. Und…«

»Du fuhrst lediglich positive Beispiele an, Tikkirej. Aus dem Lehrbuch fur Ethik fur die funfte Klasse, stimmts?«

»Kann sein…« Ich uberlegte. »Ich glaube, ja.«

»Du hast damit durchaus Recht«, fing Ramon rhythmisch, als wurde er Nagel einschlagen, an zu sprechen. »Im gewohnlichen menschlichen Leben sind Freundschaft, Liebe, Zartlichkeit — all das, was wir unter dem Begriff ›positive personliche Beziehungen‹ verstehen — sehr wichtig. Aber jedes Ding hat zwei Seiten. Ein einfaches Beispiel: Wenn dein Freund Rossi zu dir eine gro?ere Freundschaft empfunden hatte, hatte er dir sofort geholfen.«

»Er wusste aber doch nicht, wie man jemanden rettet, der durch das Eis gebrochen ist!«, wandte ich zu Rossis Verteidigung ein.

»Genau. Und ihr hattet beide sterben konnen. Je freundlicher die Menschen im ungefahrlichen und abgesicherten Alltag miteinander umgehen, desto besser. So kann ein Mensch beim Versuch, ein untergehendes Kind zu retten, sein Leben riskierenodersichSorgenmachenwegen Unannehmlichkeiten, die seinen Freund betreffen! Das ist nicht weiter gefahrlich. Es nutzt der Gesellschaft. In einigen Berufen jedoch…« Ramon zogerte. »Tikkirej, stell dir zum Beispiel Folgendes vor: Du bist auf Neu-Kuweit in Lebensgefahr. Dir droht der Tod, weil du als unser Agent erkannt wurdest und beschlossen wurde, dich offentlich hinzurichten. Unter den Zuschauern sitzt Stasj. Er kann versuchen dich zu retten. Er hat ungeachtet aller seiner Fahigkeiten als Phag so gut wie keine Chancen… Stasj besitzt jedoch eine au?erst wichtige Information, die an den Imperator weitergeleitet werden muss. Was wird er machen?«

»Stasj wird das Imperium nicht verraten«, antwortete ich. »Er wird sich nicht einmischen… danach wird er sich Vorwurfe machen. Und das war’s.«

Mir wurde unheimlich zumute bei dieser Vorstellung! Als ob ich wirklich auf dem riesigen Platz in Agrabad stehen wurde, auf einem grob zusammengezimmerten Holzpodest, wie in alten Filmen. Ich sah mich da mit auf den Rucken gefesselten Handen stehen, nackt bis zum Gurtel, und ein riesiger Henker mit einem Beil wies mit seinem kapuzenbedeckten Kopf auf den dunklen, zerhackten Richtblock — nimm Platz, mach deinen Nacken frei. Die Menge war erregt, alle standen auf Zehenspitzen und gafften mich an. Und nur ein Mensch, Stasj, lachelte nicht und freute sich nicht uber das Geschehen.

»Nehmen wir an«, fuhr Ramon fort, »Stasj ist ein erfahrener und erfolgreicher Phag. Er wei?, dass das

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