folgte uns in die Kabine. Lion und ich gingen intuitiv etwas zur Seite, sodass wir dem Jungen gegenuberstanden.
Es war ein eigenartiger Typ. Erstens — sehr feingliedrig, sogar der hagere Lion erschien im Vergleich zu ihm muskulos.
Zweitens — obwohl seine hellen Haare kurz, auf Jungenart geschnitten waren, war sein Gesicht so schon wie bei einem Madchen.
»Bist du ein Junge oder ein Madchen?«, fragte Lion neugierig.
Ich stie? Lion in die Seite und sagte: »Blodmann! Das ist ein Phag!«
»Von mir aus ein Phag«, beharrte Lion. »Ich interessiere mich dafur, ob er ein Junge oder ein Madchen ist.«
Meines Erachtens wollte Lion lediglich einen Streit anfangen und sich mit dem eindeutig jungeren Phagen schlagen.
Obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, warum — es ist doch klar, dass ein Phag starker ist. Lion hatte aber keinen Erfolg.
»Phagen sind niemals Frauen«, antwortete der kleine Phag, ohne beleidigt zu sein, und nahm seinen Kaugummi heraus. Auch seine Stimme war so fein wie bei einem Madchen. »Ein Phag kann wahrend eines Fluges nicht in der Anabiose dahindammern, klar?«
»Klar«, hielt sich Lion zuruck.
»Uns verbleiben anderthalb Minuten«, sagte der Phag, als ob nichts geschehen ware. »Wir haben die Detektoren dieser Kabine vereist und ihre Geschwindigkeit auf ein Minimum reduziert.«
»Wer ist — wir?«, regte sich Lion wieder auf. Ich stie? ihn an, damit er ruhig sein sollte.
»Die zukunftigen Phagen«, erklarte das Jungelchen hoflich.
»Und, seid ihr viele?«, begann Lion.
Der Phag unterbrach ihn. »Das ist unwichtig. Jungs, wann werdet ihr nach Neu-Kuweit geschickt?«
»Das ist auch unwichtig«, erwiderte ich und stie? Lion noch starker an. »Woher sollen wir wissen, wer du bist und was du willst?«
»Ich mochte euch einen Rat geben«, sagte der Phag. »Tretet zuruck!«
»Warum?«, wollte ich wissen.
»Das ist gefahrlich! Ihr seid fur solche Aufgaben nicht vorbereitet!«
»Und wenn wir zurucktreten, wird dann jemand von euch geschickt?«, hakte ich nach. Und traf genau den wunden Punkt — der kleine Phag zwinkerte und krummte sich. »Und uberhaupt — wir gehen nirgendwohin, wissen nichts und von Neu-Kuweit haben wir nur im Fernsehen gehort!«, fuhr ich ganz inspiriert fort. »Wenn du Spion spielen willst, dann geh zu Ramon und bitte ihn darum.«
»Schone Dummkopfe!« Der kleine Phag zuckte mit den Schultern. »Na, wie ihr wollt!«
»Los, los!«, redete ihm Lion energisch zu. »Geh mit den Puppen spielen!«
Mit mir hatte man das nicht machen durfen! Der Phag blieb jedoch ungeruhrt, er verzog lediglich das Gesicht. Der Fahrstuhl hielt, und der Junge ging hinaus, ohne auch nur ein Wort zu sagen. In eine vollige Dunkelheit — der Fahrstuhl hielt nicht im Erdgeschoss, sondern irgendwo anders… Wenn man der Anzeige glauben wollte — zwischen dem zweiten und dritten Stock. Mir schien, als ob in diesem unbekannten dunklen Raum noch jemand war, aber ich hatte nicht meine Hand dafur ins Feuer gelegt.
»Was fur raffinierte Kerle!«, triumphierte Lion, nachdem sich die Fahrstuhlturen geschlossen hatten und wir weiter nach unten fuhren. »Hast du das mitgekriegt, sag?«
»Ich habe uberhaupt nichts verstanden.«
»Ach komm, das ist doch offensichtlich!«
Endlich erreichten wir das Erdgeschoss und stiegen aus.
In der Eingangshalle waren viele Leute, aber niemand beachtete uns. Lion fasste mich an den Schultern und flusterte mir ins Ohr: »Von ihnen gibt es hier doch sicherlich einen ganzen Haufen! Jungs, die zu Phagen erzogen werden. Da ist es doch logisch, dass sie auch mal ein Abenteuer erleben wollen… Und dann so ein Reinfall! Wir werden auf einen feindlichen Planeten entsandt, und sie sitzen an den virtuellen Imitatoren, trainieren ihre Muskeln und lernen. Also haben sie davon getraumt…«
»Es war nicht richtig, dass du ihn geargert hast«, murmelte ich. »Er hatte dich an der Wand breit schmieren konnen.«
»Er sieht aber doch ganz schwindsuchtig aus!«
»Na und? Er ist doch ein Phag. Vielleicht lernt er von Geburt an sich zu schlagen.«
»O Gott! Ich bekomme Gansehaut vor Angst!«, giftete Lion. Dann beruhigte er sich wieder.
»Mir gefallt das nach wie vor nicht«, meinte ich.
»Vielleicht sollten wir es Ramon sagen?«
Ich uberlegte und schuttelte den Kopf:
»Nein! Besser Stasj. Aber vielleicht lohnt es sich nicht, daruber zu sprechen.« Wir hatten im Cafe der Phagen essen konnen, zumal dort alles kostenlos ist. Wir entschlossen uns aber, in ein normales stadtisches Restaurant zu gehen. Das ist viel interessanter — auch auf dem reichen Avalon gehen Jugendliche selten ins Restaurant.
Ein paar Stra?en von der Zentrale der Phagen entfernt war der Supermarkt »Marks Spencer« mit einem gro?en Dachrestaurant. Dorthin gingen wir. Fast alle Tische waren besetzt, doch wir fanden ein kleines Tischchen an der Glaswand. Die Wand war transparent und uneben, so als ob sie das Dachgeschoss wie eine Kuppel mit einer Vielzahl von Ausbuchtungen umgab, unter denen die Tische standen. Das war sehr interessant, sogar der Boden unter den Fu?en war transparent. Weit unter uns fuhren Autos, leuchteten Scheinwerfer und bewegten sich winzige Menschen auf den Fu?gangerwegen. Es war noch nicht allzu spat, aber es schneite und begann schnell dunkel zu werden.
»Mir gefallt es hier«, meinte Lion.
»Hm.«
»Ich meine nicht das Restaurant«, erlauterte Lion. »Ich spreche vom Planeten allgemein. Was glaubst du, werden meine Eltern die Genehmigung erhalten, hierherzukommen?«
»Wenn wir Erfolg haben, dann wird es erlaubt«, entschied ich. »Wir helfen doch den Phagen und uberhaupt dem gesamten Imperium! Fur die Phagen bedeutet ein Visum zu bekommen so viel wie einmal in die Hande spucken.«
Lion nickte und schaute verzaubert nach unten. »Das ist sicherlich wegen des Schnees. Ich habe immer gern uber den Winter gelesen. Wirst du mich auch nicht auslachen?«
»Wieso? Bestimmt nicht!«
»Bei uns, auf der Station, habe ich einmal ein Gesuch an die Administration gerichtet. Dass sie Winter machen.«
»Ja und?«
»Alles vergebens. Ich bekam eine offizielle Antwort, dass es nicht moglich ware. Erstens ware die Klimaanlage dazu nicht ausgelegt. Und dann waren die Gebaude nicht beheizbar. Bei uns ist es ja so — die Station ahnelt einer gro?en Scheibe, einer sehr gro?en Scheibe. Innen befinden sich die Lagerraume, Buros und Mechanismen. Die Wohnhauser stehen fast alle drau?en auf der Oberflache der Scheibe. Oben ist die Scheibe von einer Kuppel und einem Kraftfeld bedeckt…«
Er verstummte. Ich dachte an unsere Kuppel und wurde ebenfalls traurig.
»Das ist wie im Altertum«, meinte ich. »Als die Leute glaubten, dass der Planet flach sei und einer Scheibe ahneln wurde.«
»Geht das denn?«, staunte Lion.
»Damals sind sie noch nicht in den Weltraum geflogen. Und auf dem Planeten merkt man ja nicht, dass er eine Kugel ist.«
Lion dachte nach und war einverstanden, dass es wirklich nicht offenkundig ist.
Wir bekamen unser Essen. Lion hatte sich Tortillas mit Fleisch und scharfen Gewurzen, sie hie?en Enchiladas, ausgesucht. Ich hatte keinen gro?en Appetit und mir deshalb nur einen Salat und ein hei?es Sandwich bestellt. Der Salat schmeckte gut. Er war in einer gro?en Kristallschale angerichtet, mit Huhn und Gemuse. Das Sandwich war auch akzeptabel.
»Und morgen werden wir schon im Zeitkanal fliegen…«, flusterte Lion. »Kannst du dir das vorstellen? Und
