hier hat niemand eine Ahnung davon, dass wir das Imperium retten werden!«
»Lion…«
»Ich spreche doch ganz leise…«
Tief uber dem transparenten Dach flog ein Flyer. Er setzte auf dem Landeplatz auf und wurde sofort von einem Kraftfeld gegen den Schnee abgeschirmt. Eine Frau mit einem kleinen Madchen stieg aus und sie gingen zum Fahrstuhl. Sicherlich wollten sie einkaufen. Und es interessierte sie uberhaupt nicht, dass zwei Jungs sich darauf vorbereiteten, auf den Planeten Neu-Kuweit zu fliegen. Und uberhaupt interessierte das auch niemanden im Restaurant. Weil die Leute hierherkamen, um einzukaufen, ein Bier zu trinken und gut zu essen und dann gemutlich wieder nach Hause zu gehen. Und dort wurden sie dann fernsehen, mit ihren Kindern spielen, schwimmen gehen, bis zum Morgen mit ihren Freunden feiern.
Wer brauchte denn uberhaupt diesen Kick, sich vor Feinden zu verstecken, heimlich auf fremden Planeten zu landen, sein Leben zu riskieren? Wozu das alles?
Sie waren ja nicht in Gefahr! Es gab ja den Imperator, die Armee, die Phagen! Und massenhaft unterentwickelte Planeten, wo man nicht einmal frei atmen konnte.
»Tikkirej…«, fragte Lion leise. »Was ist mit dir?«
Ich schwieg, wandte jedoch meine Augen vom Saal und wischte mit dem Armel meine dummen Tranen ab.
»Tikkirej, ich werde nicht mehr angeben«, versprach Lion schuldbewusst. »Das habe ich gemacht, ohne nachzudenken, sicher, weil ich Angst habe. Und deshalb das alles… Auch mit diesem kleinen Phagen, und uberhaupt…«
»Das ist nicht der Grund«, flusterte ich. »Ich finde es nur gemein…«
Er verstand.
»Ich auch, Tikkirej.«
»Ich glaube namlich… mir scheint, ich kann hier nicht heimisch werden. Alles ist… so fremd. Als ob man mir aus Mitleid geholfen hatte. Deshalb habe ich auch zugestimmt, Lion. Nicht nur wegen deiner Eltern. Und nicht wegen dieser damlichen Peitsche. Ich mochte nicht, dass man mir aus Mitleid erlaubt, hier zu leben.«
»Was hei?t hier aus Mitleid!«, schnaubte Lion. »Mir vielleicht — aus Mitleid. Aber du hast Stasj geholfen! Wenn es dich nicht gegeben hatte, dann hatten sie ihn auf Neu-Kuweit umgebracht. Und die Phagen hatten nichts uber Inej erfahren.«
Er hatte Recht, aber trotzdem…
»Ich mochte etwas beweisen«, sagte ich. »Etwas wirklich Wichtiges vollbringen.«
»Bist du etwa verpflichtet, irgendjemandem irgendetwas zu beweisen?«, fragte Lion. »Das ist dumm! Das ist Kinderkram. So!«
Er verzog das Gesicht und streckte mir die Zunge heraus.
»Warum verstehst du das denn nicht?«, murmelte ich. »Es ist… es ist wegen meiner Eltern.«
Ich verstummte und Lion kam mir zu Hilfe:
»Sie sind gestorben, das hast du gesagt. Das tut mir sehr leid, aber musst du deshalb etwa dein Leben riskieren?«
»Du wei?t nicht alles. Sie sind nicht einfach gestorben, Lion. Bei uns ist das so… Jeder Mensch bekommt ein bestimmtes Guthaben fur die Nutzung der Lebenserhaltungssysteme. Fur gefilterte Luft, Wasser und Schutz gegen die Radioaktivitat. Das Guthaben ist fur ein ganzes Leben bestimmt, deckt aber nur einen Teil der Ausgaben. Den Rest muss man erarbeiten. Meine Eltern hatten ihre Arbeit verloren… und ihre gesamte Sozialration verbraucht. Als ihnen klar wurde, dass sie nie wieder Arbeit finden wurden…«
»Sie… wurden ermordet?« Lion bekam gro?e Augen.
»Nein. Man hatte uns aus den Kuppeln vertrieben. Die Eltern und mich. Und au?erhalb der Kuppeln lebt man nicht lange. Deshalb gingen meine Eltern ins Euthanasie-Zentrum, es nennt sich Haus des Abschieds. Das restliche Guthaben uberschrieben sie auf mich, damit ich gro? werden und eine Arbeit finden konnte.«
Lion wurde ganz blass.
»So ist das bei uns«, meinte ich. »Na, wir haben nun einmal so einen Planeten, der nicht fur Menschen geschaffen ist, verstehst du?«
»Tikkirej…«
»Ist schon gut.« Ich sah wieder aus dem Fenster. »Ich hatte an ihrer Stelle dasselbe gemacht. Und jetzt denke ich mir, ihr Opfer darf doch nicht umsonst gewesen sein!? Nicht nur dafur, dass ich am Leben bleiben konnte. Ich muss etwas Gro?eres leisten! Etwas wirklich Bedeutendes! Zum Beispiel, den Phagen bei der Beseitigung einer riesengro?en Ungerechtigkeit helfen.«
»Mochtest du denn nicht auf deinen Planeten zuruckkehren und allen dort helfen?«, wollte Lion wissen.
»Wie denn helfen? Wir haben eine Demokratie. Jeder kann den Planeten verlassen, wenn es ihm dort nicht gefallt. Wir stimmen selbst uber die Sozialleistungen ab. Und die Sozialarbeiter sind durchaus keine Unmenschen. Gegenwartig wird daruber diskutiert, das Guthaben aufzustocken. Vielleicht werden dann in rund hundert Jahren Luft und Wasser kostenlos sein.«
Lion schuttelte den Kopf: »Soll das eine Rechtfertigung sein?«
»Nein, das ist keine Rechtfertigung. Es hat sich ganz einfach so entwickelt. Schau her, der Avalon ist ein sehr reicher Planet. Und hier gibt es noch massenhaft Platz. Man konnte alle unsere Bewohner hierher umsiedeln. Aber niemand macht das. Soll ich deshalb allen bose sein? Den Phagen, dem Imperator, den Bewohnern des Avalon?«
»Wofur soll man denn dann uberhaupt kampfen? Was haben die Phagen dann gegen Inej? Inej behelligt niemanden!«
»Inej lasst dir keine Wahl. Er nimmt die Freiheit.«
»Man konnte ja glauben, dass ihr auf Karijer eine Freiheit hattet!«
»Haben wir.«
»Und was ist das fur eine Freiheit?«
»Eine miese. Aber trotzdem — eine Freiheit.«
Plotzlich begann mein Augenlid zu zucken. Ohne ersichtlichen Grund. Sicher fiel es mir schwer, meine Heimat zu verteidigen. Eine armselige Heimat, die mich Mutter und Vater gekostet hat und doch…
»Tikkirej… sei mir nicht bose«, murmelte Lion. »Vielleicht liege ich falsch, aber es ist schwer zu verstehen.«
»Um das zu verstehen, muss man bei uns leben«, erwiderte ich. »Du, zum Beispiel, hast darum gebeten, dass auf eurer Station eine echte Nacht und echter Schnee eingefuhrt werden. Und dir wurde erklart, warum das nicht moglich ist. Ich habe mit Stasj einmal daruber geredet… Wir haben funf Stunden zusammengesessen. Wei?t du, es ist sehr einfach, einem Einzelnen zu helfen. So, wie Stasj mir und dir geholfen hat. Wenn jedoch eine ganze Welt Hilfe braucht, auch so eine kleine wie Karijer, kann ein Mensch allein nichts ausrichten. Nein, er kann nur alles durcheinanderbringen, zerstoren, eine Revolution entfesseln. Aber das andert nichts zum Besseren. Etwas Besseres kann nicht aufgezwungen werden. Es ist notwendig, dass sich die Menschen selbst verandern und ihr Leben aus eigenen Kraften andern wollen. Du hast doch Unterricht in Geschichte gehabt? Im Zeitalter des dunklen Matriarchats hatten wir beide ein Hundehalsband getragen und uns vor jedem Madchen verbeugt. Und hatten uns dafur geschamt, dass wir als Manner geboren wurden. Und schon damals gab es die Phagen. Auch sie trugen Halsbander, kannst du dir das vorstellen? Und verbeugten sich. Und verteidigten die Zivilisation. Obwohl sie eine Revolution hatten auslosen konnen.«
»Das dunkle Matriarchat war notwendig«, sagte Lion. »Das wird allgemein anerkannt. Damals gab es namlich Kriege und ohne die Frauen hatte sich die Menschheit selbst ausgeloscht. Und als die feministische Liga die Macht im Arabischen Imperium ubernahm…«
»Streber!«, machte ich mich lustig.
»Jedenfalls war das Matriarchat am Anfang fortschrittlich«, fuhr Lion fort. »Aber was hat das mit Karijer und eurer Ordnung zu tun? Wozu wird so etwas gebraucht, kannst du mir das erklaren?«
»Es konnte sein, dass die Menschheit irgendwann den Gurtel enger schnallen muss. Wenn uns zum Beispiel die Fremden einen Teil der Planeten abnehmen und die Menschheit auf schlechtere Planeten ohne ausreichende Ressourcen ausweichen muss. Dann wird eine ausgearbeitete soziale Uberlebensstrategie notwendig sein. So wie auf Karijer. Stasj meint, dass die ganze Menschheitsgeschichte einem Tanz auf dem Schnee ahneln wurde.«
»Wem?«
