»Naturlich, Tikkirej.«
»Falls… Wenn ich zuruckkomme, schaue ich bei Ihnen vorbei, einverstanden?«
William nickte. Als ich den Garten verlie?, bombardierte Lion die Gartenpforte vor Langeweile mit Schneeballen. Das gelang ihm sehr gut, sie war wei? vor Schnee.
»Habt ihr euch ausgesprochen?«, fragte er.
»Ja.«
»Und…?«
»Nichts«, erwiderte ich. »Hor mal, warum lauft immer alles schief?«
»Wenn alles glatt lauft, bemerken wir es nicht«, philosophierte Lion. Und wir gingen nach Hause.
Kapitel 5
Agrabad lag still und friedlich im Licht der aufgehenden Sonne.
Am Himmel zeichneten sich Flyer ab und die wei?blauen Mosaiksteine der Turme glanzten. Ich lag auf dem Bauch, stutzte mich auf meine Ellenbogen und schaute mir die Hauptstadt von Neu-Kuweit durch ein elektronisches Fernglas an.
Ich konnte sogar die Menschen und Autos auf den Stra?en erkennen.
»Alles ist ruhig, Lion«, teilte ich mit. Ich drehte meine Baseballkappe mit dem Schild nach hinten, um mir nicht den Nacken zu verbrennen. »Gehen wir?«
Lion hockte neben mir und kaute an einem Grashalm. Er zuckte mit den Schultern und meinte:
»Na los, versuchen wir es.«
Ich stand auf, sauberte die mit Erde verschmierten Armel meines Hemds und wir stiegen zur Stra?e hinunter. Ein sanfter Abhang fuhrte vom Wald, in dem uns gestern ein Raumschiff der Phagen abgesetzt hatte, zu einer der Hauptstra?en, die vom Kosmodrom kamen. Jetzt war sie wie leer gefegt — auf Neu- Kuweit landeten fast keine Raumschiffe. Blockade…
»Meine Eltern wollten in die Hauptstadt ziehen«, sagte Lion. »Wenn sie das geschafft haben, werden wir sie suchen.«
»Unbedingt!«, versprach ich.
Rund zehn Minuten lang schritten wir auf der Stra?e entlang. Zwei Jugendliche, nichts Ungewohnliches. Ordentlich angezogen, sogar etwas gekammt. Was soll’s, dass sie zu Fu? unterwegs waren?
Das erste Auto Richtung Stadt verringerte seine Geschwindigkeit, hielt aber nicht an. Schweigend und teilnahmslos musterten uns zwei Manner auf dem Rucksitz, der Fahrer schaute nur auf die Fahrbahn. Dann beschleunigte das Auto und entfernte sich.
»Treffen wir eine Entscheidung!«, schlug Lion vor. »Irgendetwas gefallt mir nicht.«
»Mir auch nicht«, stimmte ich zu.
Seit wir uns auf Neu-Kuweit befanden, waren wir immer und in allen Sachen einig. So, als ob wir Angst hatten, uns zu streiten — sogar wegen der kleinsten Kleinigkeit.
Wir befanden uns immerhin unter Feinden. Auf dem Territorium des Inej.
Weitere drei Autos fuhren an uns vorbei. Aber nicht eines davon hielt an, obwohl wir nach Kraften Zeichen gaben. Sie versuchten nicht einmal uns zu mustern.
»Als ob sie uber uns Bescheid wissen wurden«, argwohnte Lion.
»Genau! Vielleicht sollten wir die Stra?e verlassen?«
»Kann sicher nicht schaden«, stimmte Lion zu.
Das schafften wir aber nicht.
Der Flyer flog so hoch, dass wir ihn erst bemerkten, als er zur Landung ansetzte. Direkt auf der Stra?e, ungefahr zehn Meter vor uns. Der Pilot benutzte sogar die Motorbremse und wir wurden spurbar von einer Luftwelle getroffen.
»Wir sind auf dem Weg in die Stadt«, flusterte ich. »Nur ruhig…«
Vier Gestalten, drei Manner und eine Frau, sprangen aus dem Flyer. Alle jung und sehr, sehr ernst.
»Gru?t euch, Jungs«, sagte die Frau und tastete uns dabei mit ihren Augen ab, vorsichtig und unwillig.
»Guten Tag«, antwortete ich, Lion murmelte auch irgendetwas.
»Warum seid ihr nicht in der Schule?«, fragte die Frau.
Alle vier kamen auf uns zu. Sie schienen zwar keinen Verdacht geschopft zu haben, hielten sich aber gleichzeitig in einiger Entfernung. Was war denn an uns nur so ungewohnlich?
»Tja…«, ich warf einen Blick auf Lion. »Wir durften schon nach Hause gehen, der Unterricht war zu Ende.«
Sie sahen sich derma?en erstaunt an, als ob ich eine unglaubliche Dummheit geau?ert hatte.
»Irgendetwas stimmt hier nicht«, uberlegte die Frau laut. »Seltsam! Steigt in den Flyer ein!«
Einer ihrer Begleiter trat vor und hob seine Hand, in der er ein Gerat hielt. Er richtete es erst auf mich, danach auf Lion.
Das Gerat begann einen Pfeifton auszusenden.
»Hinlegen! Hande in den Nacken!«, schrie die Frau.
Die Manner griffen nach ihren Waffen, kleinen Pistolen in ihren Taschen.
»Keine Bewegung!« Blitzschnell hatte Lion sich hingekniet und seine Pistole auf sie gerichtet. Die Frau sprang ihn an und versuchte ihn umzusto?en. Ich schaffte es mit Muh und Not, meine Hand nach vorne zu strecken — und die Schlange, die als flexibles, silbernes Band herausschnellte, schlug sich der Frau als Schlinge um den Hals. Sie sturzte.
Einer der Manner bekam inzwischen seine Pistole zu fassen. Lion schoss — die leisen Schusse kamen als Salve und alle drei walzten sich auf der Stra?e. Die Frau lag am Boden und versuchte gar nicht erst aufzustehen, sondern schaute uns nur hasserfullt an.
Und vom Himmel naherte sich larmend im Sturzflug noch ein Flyer!
»Nichts wie weg, Lion!«, schrie ich und fasste ihn an der Schulter. »Schnell!«
Lion schoss mehrmals nach oben, als ob er versuchen wollte, den Flyer mit einer Schockpistole zum Absturz zu bringen. Und wir fluchteten.
So schnell wir konnten.
Etwas Schweres und Hei?es fiel mir in den Rucken. In meinem Magen blubberte es und mir schnurte es die Kehle zu. Meine Beine trugen mich nicht mehr, ich sturzte, stie? mir schmerzhaft die Knie auf und streckte mich auf dem hei?en Beton aus. Meine Wange streifte uber die raue Oberflache des Betons und Schmerz flammte auf. Mein Herz klopfte wie wild. Mein Hemd wurde schnell von Blut durchtrankt. Mit letzten Kraften wandte ich den Kopf und sah in den Handen der Frau einen Blaster, dessen Lauf noch dampfte.
Dann wurde es dunkel.
»Na, und?«, fragte Ramon.
Zuerst schaute ich auf meinen Bauch. Dann rieb ich mir die Wange. Dann entkoppelte ich den Neuroshunt und stand aus dem Sessel auf.
Im Nebensessel rutschte Lion hin und her. Er schaute mich betrubt an und sagte: »Mir haben sie die Beine gebrochen…«
Wir befanden uns in einem kleinen Zimmer, dem virtuellen Klassenraum. Sicher wurden auch die Phagen hier unterrichtet. Vor den Fenstern hingen Vorhange, gedampfte Lampen beleuchteten den Raum. Es gab weitere funf Sessel mit virtuellen Terminals, aber sie standen leer.
Im Raum befanden sich nur Lion und ich sowie Ramon im Sessel des Lehrers. Ich hatte keine Ahnung, ob er in die Rolle eines unserer Feinde geschlupft war oder wir mit einem Programm zu kampfen hatten. Fragen wollte ich jedoch nicht.
»Was habt ihr falsch gemacht?«, fragte Ramon.
»Es war ein Fehler, auf die Stra?e zu gehen«, antwortete Lion.
Ramon zuckte mit den Schultern. »Ist es nicht egal, wo sie euch erwischt hatten?«
»Es war falsch, dass wir Waffen mitgenommen haben«, gab ich kleinlaut zu. »Es ist unmoglich, zu zweit gegen eine Armee zu kampfen.«
