»Na los.«

Er wartete.

»Ah…«, besann ich mich und suchte Kleingeld in der Tasche zusammen. »Hier!«

Im Weitergehen tranken wir hei?en Kaffee. Wir passierten das Vergnugungszentrum mit einem konventionellen und mehreren virtuellen Kinos, einem Aquapark und Sportsalen… ich war einmal dort, es hatte mir gefallen.

»Hier ist es nicht schlechter als auf Neu-Kuweit«, bemerkte Lion. Und berichtigte sich sofort: »Was sage ich da, hier ist es sogar besser… Tikkirej, willst du nur meinetwegen dorthin zuruckkehren?«

»Nein.«

»Warum dann?«

Ich war mir nicht sicher. Wir gingen die Stra?e entlang und niemand konnte uns abhoren. Nein! Das war ein blodes Argument! Man konnte sich nie vollig sicher sein. Wenn jemand abhoren will, dann kann er sogar mit einem niedrig fliegenden Satelliten die Worte von den Lippen ablesen, eine Wanze unterschieben oder mit einem gewohnlichen Richtmikrofon aus einem vorbeifahrenden Auto mithoren.

»Wei?t du, Lion, hier ist mir langweilig. Soll ich etwa wie ein Idiot im Laboratorium arbeiten und dann studieren? Auf Neu-Kuweit konnen wir den Phagen helfen. Vielleicht werde ich sie davon uberzeugen konnen, dass ich zum Phagen tauge.«

Lion schaute mich eigenartig an. Dann fragte er aus unerfindlichen Grunden: »Du willst ein Phag werden?«

»Selbstverstandlich!«

Er versank in Gedanken. In Sekundenschnelle schien in ihm erneut der erwachsene Mann erwacht zu sein, der es geschafft hatte, zu kampfen, zu heiraten und zu sterben.

Endlich holte Lion tief Luft und sagte traurig: »Aber sie nehmen dich doch nicht… Phagen sind alle genverandert. Ein normaler Mensch kann kein Phag werden.«

»Das ist alles Blodsinn!«, widersprach ich voller Uberzeugung. »Was macht es schon aus, dass ich nicht genetisch modifiziert wurde? Wetten, dass ich radioaktive Strahlung besser aushalten kann als ein Phag? Und noch viele andere Dinge. Vielleicht konnen sie sogar einen Spezialagenten brauchen, der auf radioaktiven Planeten arbeiten kann.«

Lion dachte nach und stimmte zu, dass ein solcher Agent wirklich sogar den Phagen nutzlich sein konnte. Und dass ein Spezialagent fur die Arbeit unter den Bedingungen einer niedrigen Gravitation und geschlossener Raume ebenfalls benotigt werden konnte.

»Wir mussen dann aber etwas wirklich Wichtiges vollbringen«, grubelte er. »Nicht nur alles beobachten, sondern zusatzlich…«, er schwankte, ob er es aussprechen sollte, und sagte dann: »… zum Beispiel herausfinden, wie die Menschen dekodiert werden konnen!«

Derart in unsere Traume vertieft, gingen wir zu Rossis Haus. Die Viertel mit mehrstockigen Wohnhausern endeten, es folgten Bungalows. Alle wohlhabenden Burger von Avalon lebten in Bungalows. »Ich gehe nicht mit rein«, nuschelte Lion, als wir uns dem Haus mit einer gepflegten Hecke, die den kleinen Garten umgab, naherten. Alle Baume waren immergrun und sogar jetzt, mit Schnee bedeckt, sahen sie schon und festlich aus.

»Gut, ich beeile mich.«

Das Gartentor war offen, ich ging hinein und lief neben der betonierten Garagenausfahrt, die mit Strauchern abgegrenzt war, uber den gefrorenen Sandweg zum Haus. Ein Strauch war etwas angeknickt und schneefrei — das Auto war dagegengefahren.

Ich konnte mir selbst nicht erklaren, warum ich Rossi sehen und woruber ich mit ihm sprechen wollte. Aber sich nicht zu au?ern ware vollig falsch gewesen.

Man muss alle Fehler vergeben konnen. Vielleicht ware es unmoglichgewesen,zuverzeihen,wennetwas Unwiderrufliches geschehen war. Wenn ich ertrunken ware oder Lion, als er mich retten wollte.

Ich war aber verpflichtet zu verzeihen. Die Phagen hatten mir ja auch meinen Fehler verziehen.

Ich ging auf das Haus zu, blieb aber stehen, als ich Rossi und seinen Vater sah.

Sie raumten mit gro?en, knallorange Schaufeln den Schnee vor dem Haus weg. Genauer gesagt hatten sie ihn davor weggeraumt, jetzt spielten sie miteinander und bewarfen sich gegenseitig mit Schnee. Rossi schnaufte, hob die Schaufel und versuchte den Schnee auf seinen Vater zu schutten. William, der genauso schnaufte und leise lachte, wich aus und warf von Zeit zu Zeit Schnee auf Rossi. Als Rossi, ohne darauf zu achten, wohin er den Schnee warf, Schwung holte, kam William von der Seite auf ihn zu, klemmte ihn sich unter den Arm und steckte seinen Kopf in einen Schneehaufen.

Rossi lachte, krabbelte heraus und rief: »Das war gemein!«

Ich trat leise einen Schritt zuruck.

»Eins zu null!«, meinte William zufrieden.

Er war also mehr als nur ein Trunkenbold, der Tag und Nacht in allen moglichen Theatern und Literaturcafes herumhing. Er hatte auch seine guten Seiten.

Rossi warf sich jauchzend auf seinen Vater, drangte ihn in den Schnee — mir schien, dass William mit Absicht nachgegeben hatte — und begann ihn mit Schnee zu uberschutten. »Ergibst du dich? Na, ergibst du dich?«

Ich entfernte mich weiter.

Was hatte ich eigentlich erwartet? Dass sich Rossi in sein Zimmer einschlosse und grubelte, was er fur ein Versager ware? Oder dass seine Eltern nicht mehr mit ihm sprachen oder ihm die Su?igkeiten entzogen und ihn nicht mehr drau?en spielen lie?en? Wollte ich das etwa? Kommen und erklaren: »Es ist alles in Ordnung, es ist nichts passiert, das kann vorkommen…«

Nein.

Oder hatte ich mir vielleicht doch gerade das ausgemalt?

»Ich ergebe mich!«, rief William. Er hob den Kopf — und hielt inne, als er mich sah. Ich erstarrte. Jetzt zu gehen ware unklug gewesen. Blitzschnell wandte William seinen Blick von mir ab und wandte sich an Rossi, als ob nichts geschehen ware:

»Hor mal, du hast Mutter versprochen, ihr zu helfen.«

»Aber…«, murrte Rossi, erhob sich und rieb seine rot gefrorenen Handflachen aneinander. »Wir haben doch noch nicht alles geraumt…«

»Rossi!«, William stand auf und klopfte den Schnee von seinem Sohn. »Erstens hast du es versprochen und zweitens bist du schon ganz durchgefroren. Ich raume den Rest selber weg.«

Rossi diskutierte nicht weiter. Unlustig schlenderte er zum Haus, ohne sich umzusehen und mich zu bemerken.

Ich stand da und wartete.

William kam zu mir: »Guten Morgen, Tikkirej!«

»Guten Tag, William!«, gru?te ich.

William nickte und rieb nachdenklich seine Wange:

»Ja, stimmt. Es ist schon Tag… Ich habe Rossi vorerst weggeschickt. Du hast doch nichts dagegen?«

Ich zuckte mit den Schultern.

»Komm mit!«

Er legte seine schwere, feste Hand auf meine Schulter. Wir gingen in ein kleines Gartenhauschen und setzten uns. Die Banke dort waren warm, es war angenehm, auf ihnen zu sitzen.

»Alles ist ziemlich unglucklich, sehr unglucklich gelaufen.« William schuttelte den Kopf. Nachdenklich holte er ein Zigarrenetui aus der Tasche, nahm einen dunnen Zigarillo heraus und zundete ihn an. »Wei?t du, Tikkirej, ich war davon uberzeugt, dass ich der Erziehung meiner Kinder ausreichend Zeit widme…«

»Machen Sie sich keine Sorgen«, meinte ich. »Rossi war erschrocken. Das ist doch nicht ungewohnlich! Es ist ja auch wirklich schrecklich, wenn das Eis bricht.«

William widersprach: »Nein, Tikkirej, du musst mich nicht besanftigen! Das ist meine eigene Verfehlung! Ich habe mich zu sehr meiner Arbeit, meinem Kunstlerleben, meiner sozialen Verantwortlichkeit hingegeben. Das ist ubrigens eine verbreitete Unzulanglichkeit auf unserem Planeten, Tikkirej. Uns geht es einfach zu gut!«

Er begeisterte sich an jedem Wort, so, als ob er einen Artikel schreiben wurde, der ihm gut aus der Feder floss.

»Es ist nicht einmal so, dass Rossi und Rosi schlecht erzogen waren, Tikkirej. Es stimmt, teilweise habe ich

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