vibrierte wie ein altes Auto auf einer schlechten Stra?e, der Druck wurde starker.
Erneut schlupfte die Kapsel fur einige Minuten aus der Atmosphare und bereitete sich auf das nachste »Eintauchen« vor.
»Tikkirej…«, Lion drehte sich zu mir. »Wei?t du, woran ich jetzt gedacht habe? Wenn ich meine Eltern wiederfinde… zu ihnen gehe… erkennen Sie mich womoglich nicht.«
»Wieso denn das?«
Er lachte auf, sein Gesicht war ohne jede Freude.
»Mein Traum ist vorbei, und ich wei?, dass es nur ein Traum war. Aber sie? Vielleicht glauben sie, dass dieser Traum Wirklichkeit ist? Dann sind sie davon uberzeugt, dass ihr Sohn Lion schon lange erwachsen ist und werden mir sagen: ›Junge, du bist sicherlich krank.‹«
»Eltern sagen so etwas niemals.«
»Glaubst du?«, fragte Lion skeptisch.
»Sicher.«
»Aber sie haben doch eine Gehirnwasche erhalten…«
»Trotzdem.«
Ich bemuhte mich uberzeugend zu wirken. »Es konnte sein, dass dich dein Bruderchen nicht erkennt. Oder dein Schwesterchen. Aber deine Eltern werden dich erkennen.«
Lion schien sich zu beruhigen. Er legte sich bequemer hin — der Druck nahm wieder zu. Er sagte:
»Die Kleinen konnen doch nicht dasselbe getraumt haben. Wie hatten sie das denn verstehen sollen? Also mussen sie ihren eigenen Traum gehabt haben. Einen Kindertraum. So einen mit allen moglichen Tieren, mit Abenteuern fur Kinder… Ihr Programm war sicherlich in Trickfilmen versteckt.«
»Den musste man finden, der das alles ausgeheckt hat«, murmelte ich.
»Und ihm den Kopf abrei?en! Wir werden ihn finden«, versprach Lion blutrunstig. »Hauptsache, wir landen erst einmal…«
Er hatte auch Angst.
Das dritte Eintauchen in die Atmosphare war das letzte. Jetzt hatten wir ernsthaft unter der Fallbeschleunigung zu leiden, ein Gesprach war unmoglich. Die Luft um die Kapsel verwandelte sich in einen riesigen Feuerball. Die Kapsel wurde geschuttelt und knisterte, Eis wurde abgetrennt… jetzt wurden die uberflussigen Teile herausgeschmolzen, um Flugelkorper zu bilden. Ich wusste das, aber mir war ganz mulmig.
Endlich erlosch das Feuer, der Druck wich von uns und wir sahen unter uns den Planeten. Schon genau so wie aus einem Flugzeug. Die Kapsel glitt durch die Luft, senkte sich allmahlich, drehte sich jedoch noch immer nicht um die eigene Achse.
»Wir sind noch zu hoch«, nahm Lion an, der erriet, woran ich dachte. »Oder…«
Ich erfuhr nicht, was das »Oder« bedeuten sollte. Wir hatten Gluck. Lion richtete sich auf und betrachtete die Oberflache durch die Seitenwande, nicht durch den verdunkelten Boden. Die Kapsel schaukelte und fing an sanft zu kreisen.
»Hurra!«, rief Lion. »Es hat geklappt!«
Unsere Kapsel war langst nicht mehr die akkurate Linse wie zuvor. Von oben und von unten war ein Teil des Eises weggeschmolzen, verdampft, sodass ihre Form jetzt sehr an einen Kleesamen erinnerte. Und in diesen Eisflugelchen drehten wir uns jetzt immer schneller.
Zuerst war es lustig. Die Welt herum drehte sich, die Sonne kreiste am Himmel uber uns, das gleichma?ige Rauschen der Luft ubertonte unsere frohlichen Schreie.
Dann wurde uns schlecht. Wir flogen an entgegengesetzte Enden der Kabine und wurden an die Wand gedruckt.
»Mach die Augen zu!«, schrie Lion.
Ich schloss meine Augen. Trotzdem war es ekelhaft. Die Zentrifugalkraft druckte schlimmer auf uns als bei der Landung. Und au?erdem wurde uns ubel… ich hielt es aus, solange ich konnte. Dann horte ich, wie sich Lion erbrach, und konnte es selbst nicht mehr zuruckhalten. Ein Gluck, dass wir gestern einen halben Tag nichts gegessen hatten. Aber im Mund spurte ich einen ekelhaft sauren Geschmack.
Es war wie auf einem au?er Kontrolle geratenen Karussell… Vor zwei Jahren war ich mit Freunden auf dem Rummel. Unsere Klasse hatte damals den Mathematikwettbewerb der Stadt gewonnen, alle bekamen Freikarten fur die Karussells. Auf dem Rummel gab es wenige Besucher. Wir liefen sofort zum interessantesten Karussell, dem »Himmelsschiff«, das sich nach oben, unten und um die eigene Achse drehte, sodass man zwanzig Meter nach oben flog — und dann mit furchterlicher Geschwindigkeit kopfuber nach unten fiel. Dabei rechnete man jeden Augenblick damit, dass der Kopf auf dem Betonboden zerschellte. Ein ganz Schlauer, eventuell sogar ich, hatte die Idee, den Betreiber des Karussells darum zu bitten, uns langer fahren zu lassen. Der lachte auf und befahl allen, sich anzuschnallen…
Anstelle von drei Minuten lie? er uns zehn fahren. Danach hatte ich die Zeit verglichen. Funf Minuten lang war es lustig, dann begannen alle zu schreien und darum zu bitten, dass er das Karussell anhalten sollte. Der Mann tat jedoch so, als ob er uns nicht verstehen wurde, winkte uns zu und lachelte. Als er das »Himmelsschiff« endlich anhielt, hatten zwei Jungs nasse Hosen. Laufen konnte niemand, wir mussten abgeschnallt und nach drau?en geschleppt werden.
Einer hatte geheult und damit gedroht, sich bei der Stadtverwaltung zu beschweren. Aber der Betreiber des Karussells meinte, dass wir selber schuld waren. Wir wollten mehr vom Allgemeingut bekommen, als uns zustand. Also erhielten wir eine nutzliche Lehre — niemals etwas Uberflussiges einzufordern.
Wir beschwerten uns nicht.
Jetzt gab es niemanden, bei dem wir uns hatten beschweren konnen. Wir wurden gedreht, durcheinandergeschuttelt und — geschaukelt. Ich hatte liebend gern die Augen geoffnet und geschaut, ob es noch weit bis zur Erde war und was sich unter unseren Fu?en befand — Wald, Wasser oder Felsen. Aber mit offenen Augen wurde mir noch schlechter…
Trotzdem fuhlte ich die Annaherung an die Oberflache. Als ob sich etwas in der Bewegung der Kapsel veranderte, vielleicht wurde das Schutteln starker, vielleicht verlangsamte sich die Drehbewegung.
Auf einmal schabte etwas an uns — die zirkulierende Kapsel riss Zweige ab. Einige Minuten flogen wir uber dem Wald und schnitten die Baumkronen ab wie die Klinge eines riesigen Rasenmahers. Dann drehte sich die Kapsel auf die Seite, knickte Baumstamme, wobei uns jeder Schlag schmerzte, und rollte wie ein Rad durch den Wald. Jetzt offnete ich die Augen und erblickte gigantische Baumstamme, Gras, dichte Straucher und einen unergrundlich blauen Himmel (waren wir wirklich eben noch da oben?) sowie uber dem Wald kreisende Vogel… Die Kapsel rollte, fallte dabei noch einige Baume, kam zum Stillstand und kippte langsam mit dem Boden nach oben um.
Wir hingen in unseren Grasgurten. Alles vor unseren Augen war verschwommen und drehte sich, vor uns tanzten helle, bunte Sterne.
»Lebst du noch?«, fragte Lion leise.
»Hm…«, erwiderte ich und mir wurde erneut schlecht. In diesem Zustand hingen wir bestimmt noch funf Minuten. Wir waren nicht fahig, uns zu bewegen.
Dann begannen wir, die Riemen zu losen. Es fiel uns schwer, aber wir schafften es. Es gelang uns jedoch nicht, die Luke aufzuschrauben. Sie war von au?en zugeschmolzen und hatte sich fest mit dem Korper der Kapsel verbunden.
»Ich habe schon befurchtet, dass wir in unsere Einzelteile zerlegt werden«, beklagte sich Lion. »Hast du die Berge gesehen? Zehn Kilometer haben gefehlt.«
»Welche Berge?«
»Sicherlich die Charitonow-Kette«, sagte Lion nachdenklich. »Das bedeutet, dass wir an der Nordgrenze der Landezone aufgesetzt haben. Nicht schlecht, sogar gut… Dann haben wir es nicht weit.«
Ich klopfte die Eishulle ab: »Wenn sie nur schmelzen wurde!«
»Wir mussen uns gedulden.« Lion kam mit Muhe und Not in die Hocke und zog den Kopf ein, um sich nicht an der Luke zu sto?en. »Mensch, wie mein Rucken wehtut! Ich habe mich noch ganz zum Schluss gesto?en!«
»Bei mir scheint alles in Ordnung zu sein…«
Wir sa?en uns gegenuber und schwiegen. Uns war immer noch schwindlig. Und wir wollten naturlich so schnell wie moglich nach drau?en.
