Nach ungefahr zehn Minuten fiel mir der erste Tropfen in den Nacken. Das Eis begann zu tauen.
»Tja, wir werden erfrieren!«, meinte Lion frohlich.
Wir erfroren naturlich nicht.
Der Tropfen verwandelte sich in einen Bach, danach in einen Strom. Das superfeste Eis taute wie ein matschiger Schneeball im warmen Zimmer. Nach zwei Minuten stand uns das Wasser bis zum Knie. Da aber sprang die Kapsel auf und brach in zwei Teile auseinander. Mit einem frohlichen Aufschrei warfen wir uns ins Freie.
Unter unseren Fu?en knirschte Eis. Am Himmel larmten die Vogel. Das Tauwasser verteilte sich und wurde von der weichen Grasnarbe aufgesogen. Ein breiter Streifen zog sich zwischen den Baumen hin, als ob man den Wald gepflugt hatte. Die Luft in unserer Umgebung war gesattigt mit dem Geruch von Harz und Wald, was unsere Stimmung sofort hob. Uns wurde leicht und frohlich zumute. Wir sprangen um die Kapsel herum, die sich in eine Pfutze verwandelte, schlenkerten mit den Armen und larmten lauter als die Vogel.
Wir waren gelandet!
»Sommer!«, rief Lion frohlich aus. »Sommer, Sommer, Sommer!«
Alles war gut gegangen, wir waren gelandet. Selbst wenn uns noch schwindelig war, wenn wir schmutzig und nass und die Beine vom Eiswasser taub waren — das Schlimmste lag hinter uns. Sollte auch Neu-Kuweit von einem schrecklichen Feind erobert worden sein, das kummerte uns jetzt nicht. Wir befanden uns in einem richtigen, unter Naturschutz stehenden Wald, weit entfernt von der Stadt, und vor uns lagen einige Tage echter Waldabenteuer: Ubernachtung am Lagerfeuer, Angeln, mit etwas Gluck sogar Regenschauer, Sturme und Raubtiere. Was sind schon die Picknicks auf Avalon im Vergleich zu diesen Waldern?
»Schau mal, dort ist ein See!« Lion zeigte durch die Baume. »Wir hatten Gluck, wir hatten hineinfallen konnen…«
Durch die Zweige leuchtete blaues Wasser. Und nicht nur dort, wohin Lion zeigte, sondern auch auf der anderen Seite. Ich rief mir die Karte in Erinnerung, die uns gezeigt worden war — wir befanden uns im »unteren Seengebiet« am Nordhang der Charitonow-Gebirgskette. Hier gab es viele winzige Seen, in der Nahe entsprang das Flusschen Semjonowka, an dessen Delta sich Agrabad befand. Bis zur Hauptstadt waren es ungefahr einhundertfunfzig Kilometer — das wurde funktionieren. Vielleicht mussten wir eine ganze Woche durch den Wald laufen!
»Wollen wir baden gehen?«, fragte ich.
Lion zogerte kurz, dann nickte er.
Also liefen wir zum See und lie?en die Kapsel vor sich hin tauen.
Der Wald reichte bis ans Wasser. Es storte uns nicht, dass es keinen Strand gab. Der See war klein, rund, vielleicht drei?ig Meter im Durchmesser und das Wasser in ihm schien so blau, als ob es eingefarbt ware. Wir zogen uns schnell aus und sprangen hinein — es war kalt, aber nach der eisigen Dusche erschien es uns regelrecht hei?. Lion tummelte sich am Ufer und ging nicht tiefer hinein als bis zum Hals. Ich schwamm bis zur Mitte und wieder zuruck, ohne mich uber Lion lustig zu machen.
Wieder am Ufer wollten wir uns in der Sonne trocknen, die jedoch wie zum Trotz von Wolken verdeckt wurde. Es war sofort kalt geworden.
»Machen wir ein Lagerfeuer?«, schlug Lion vor und klapperte dabei ubertrieben mit den Zahnen.
»Warum nicht«, stimmte ich zu und frottierte mich mit meinen T-Shirt.
»Und au?erdem mussen wir noch eine Hutte bauen«, schlug Lion vor. »Oder?«
Wir schauten uns an.
»Heute gehen wir nirgendwohin«, meinte ich. »Und morgen auch nicht. Wir haben frei.«
»Stimmt. Aber Hunger habe ich schon.«
Wir beschlossen, uns spater um das Essen zu kummern. Zuerst suchten wir trockene Zweige. Die von der Kapsel gefallten Baume erwiesen uns dabei einen guten Dienst. Das Lagerfeuer errichteten wir in der Nahe des Ufers. Ich besa? eine halbe Schachtel Streichholzer, Lion ein Feuerzeug. Das Feuer brannte hervorragend, aber lange am Lagerfeuer zu sitzen war langweilig.
»Ich gehe angeln«, meinte Lion. »Und du kannst dickere Zweige fur die Hutte zurechtschneiden.«
»Und warum gehst du angeln und ich soll die Zweige schneiden?« Ich war beleidigt. »Kannst du denn angeln?«
»Theoretisch schon«, gab Lion ehrlich zu. »Zu Beginn ist es erforderlich, ein kleines Loch in weicher, feuchter Erde zu graben und die Erdkrumen sorgfaltig nach Wurmern und Tausendfu?lern abzusuchen. Die gefangenen Insekten werden auf die Spitze des Angelhakens gespie?t, wobei darauf zu achten ist, dass sie noch Lebenszeichen von sich geben. Sie werden angespuckt und in einer Entfernung von vier bis funf Metern vom Ufer ins Wasser geworfen…«
Ich stellte mir das mit den Wurmern genauer vor und erwiderte schnell: »Okay, ich kummere mich um die Zweige.« Es war nicht weiter schwer, die Zweige fur die Hutte zuzuschneiden.
Wieder half die Landebahn der Kapsel, die sich mittlerweile in einen nassen Fleck verwandelt hatte. Ich holte einen Berg Zweige und begann neben dem Lagerfeuer eine Hutte zu bauen. Es gelang mir gar nicht so schlecht. Ich hatte nicht die Absicht, Lion so schnell zu rufen. Sollte er sich ruhig davon uberzeugen, dass Angeln doch keine so einfache Sache ist. Aus unerfindlichen Grunden stellte ich mir vor, dass es mir besser gelingen wurde, Fische zu fangen.
Lion erschien nach einer halben Stunde. In den Handen hielt er zwei gro?e Fische, jeder rund anderthalb Kilo schwer.
»Nicht schlecht!«, meinte ich trocken.
Die Fische wanden sich und schlugen mit den Schwanzen. Lion schaute skeptisch auf seinen Fang, hielt ihn aber kraftig fest.
»Reicht das furs Erste?«
»Sicher«, bestatigte ich. »Hast du sie mit Wurmern gefangen?«
»Nein, ich habe es zuerst mit Ultraschall versucht. Es hat geklappt.«
»Du bist mir ein Freundchen…«, erwiderte ich und schaute auf sein zufriedenes Grinsen. »Also, dann fang an, sie fertig zu machen.«
»Wie?«
»Du musst den Fischen die Kopfe abschneiden, dann den Bauch aufschlitzen und sie ausnehmen, mit nassem Lehm einschmieren und ins Feuer legen.«
Lion erbebte.
»Hilfst du mir denn nicht dabei?«
Ich schuttelte den Kopf. Wir schauten traurig auf die unglucklichen Fische, die lautlos ihre Mauler offneten und schlossen. Ihre Schuppen schienen stumpf, die Augen trube geworden zu sein.
»Da hinten steht ein Nussbaum«, meinte Lion. »Wenn man ein Stuck am Ufer entlanggeht. Nusse sind sehr nahrhaft, stimmt’s?«
Ich nickte. Wir waren noch nicht hungrig genug, um unsere Nahrung wie die Urmenschen zu erbeuten.
»Gehen wir!«, sagte ich. »Und die Fische lassen wir frei. Sie erholen sich im Wasser bestimmt wieder.«
»Und allen anderen sagen wir, dass sich Spinningangeln nicht lohnt«, wieherte Lion. »Komm. Du hast eine gute Hutte gebaut.«
Ich wandte mich um und betrachtete die Hutte. Sie schien mir nicht besonders gelungen, war zu klein und schief. Ein starker Wind wirft sie um, und wasserdicht ist das Dach auf keinen Fall, dachte ich.
»Danke«, erwiderte ich. »Wir bessern sie noch nach. Wir mussen noch viel lernen.«
Die Fische lie?en wir gleich am Ufer ins Wasser, einer verschwand sofort in die Tiefe, der andere verharrte an seinem Platz, bewegte aber die Kiemen und erholte sich wieder.
Wir gingen Nusse sammeln. Sie waren reif und schmeckten gut. Eine volle Stunde verbrachten wir in den Buschen, a?en uns satt und nahmen noch einen Vorrat mit. Wir wurden ja kaum Nusse pflucken, wenn es dunkel ware.
»Wir mussen trotzdem lernen, Fische zu fangen und sie zu toten«, sinnierte Lion laut. »Und Kaninchen und Hirsche zu jagen.«
»Gibt es hier etwa Hirsche?«
»Keine Ahnung. In der Nahe der Berge musste es welche geben. Du kannst dir nicht vorstellen, was ich im
