Traum alles gegessen habe! Einmal sogar ein totes Pferd. Das war okay, gar nicht so schlimm. Aber in Wirklichkeit…« Er verzog das Gesicht.

»Macht nichts, das lernen wir alles noch«, ermutigte ich ihn. »Wollen wir noch einmal baden gehen?«

Das zweite Mal schien uns das Wasser viel warmer. Vielleicht hatte es sich wahrend eines halben Tages auch aufgeheizt? Wir balgten am Ufer, dann versuchte Lion zu schwimmen und ein wenig gelang es ihm. Er schwor sogar, dass er einmal im Wasser an einen Fisch gesto?en ware und diesen ohne jede Angel hatte fangen konnen.

»Sicherlich denselben, den wir freigelassen haben«, mokierte ich mich, bis zum Hals im Wasser stehend. »Er ist gekommen, um sich zu bedanken.«

»Kannst du dich daran erinnern, ob es hier irgendwelche Ungeheuer gibt?«, erkundigte sich Lion.

»Ich kann mich erinnern, es gibt keine«, erwiderte ich. »Na ja, hochstens ein paar Haie pro See.«

»Stimmt, und sie fressen kleine Jungs.«

»Wieso? Kleine Madchen mogen sie auch!«

Lion richtete sich furchterregend auf und wedelte mit seinen durren Armen, wobei er eine Wolke aus Wasserspritzern erzeugte: »Wo sind denn hier die Madchen? Ich bin ein sehr hungriger Hai! Ich esse keine kleinen Jungs, das sind Schmutzfinken!«

In den Buschen am Ufer, wo wir uns ausgezogen hatten, bewegte sich etwas. Und eine Stimme spottete: »Das stimmt, Schmutzfinken. Und au?erdem knochig.«

Lion lie? sich verdutzt fallen und verschwand fast unter der Wasseroberflache. Ich erstarrte.

Die Straucher bewegten sich und ein Madchen von etwa dreizehn Jahren kam zum Wasser. Sie war ubrigens auch dunn, ihr Gesicht und die Hande waren nicht einfach schmutzig, sondern zusatzlich mit gruner Farbe beschmiert. Sie trug Shorts und ein khaki-farbenes T-Shirt, in den Handen hielt sie eine Armbrust.

»Na, du Hai, bist du sprachlos?«, fragte das Madchen und zeigte mit ihrer Armbrust auf Lion. Als ob sie einen Scherz machte, doch ihre Augen blieben aufmerksam und die Waffe hielt sie gekonnt.

»Es wird sich noch herausstellen, wer hier der gro?ere Schmutzfink ist«, meinte ich. »Wer bist du?«

»Du bist es, der auf Fragen antwortet«, erwiderte das Madchen ruhig. »Und macht keine Dummheiten, ich schie?e gut.«

Lion und ich schauten uns an.

So sieht also die Besinnlichkeit eines Naturschutzgebietes aus!

»Du bist sicherlich die Tochter des Forsters?«, erkundigte sich Lion. »Oder ein Girlscout? Aber wir jagen nicht und haben doch uberhaupt nichts Verbotenes gemacht…«

»Bleib stehen, wo du bist!«, schrie das Madchen. Sie bewegte ihren Kopf, als ob sie ihre Haare nach hinten werfen wollte, doch ihre Frisur war ganz kurz, fast wie bei einem Jungen. Sie hatte sicherlich erst vor Kurzem die Haare geschnitten und sich noch nicht daran gewohnt. »Wie hei?t ihr? Woher kommt ihr? Was macht ihr hier?«

»Dir werde ich uberhaupt nicht antworten!«, emporte sich Lion. »Dumme Pute! Nimm dein Spielzeug weg!«

Ein kurzer Armbrustpfeil pfiff an seinem Ohr vorbei. Bevor wir richtig zu uns kamen, legte das Madchen einen neuen Pfeil in die Armbrust ein und spannte sie wieder.

»Schrei nicht herum. Wie hei?t ihr?«

»Er hei?t Lion, ich hei?e Tikkirej«, erwiderte ich schnell. Lion verstummte und horte auf, die Fronten zu klaren. »Konnen wir vielleicht herauskommen? Das Wasser ist kalt.«

»Kommt raus«, erlaubte das Madchen und trat einen Schritt zuruck.

»Dreh dich um«, bat ich. »Es ist uns peinlich.«

Das Madchen spottete jedoch lediglich: »Tut nicht so als ob, ihr seid nicht nackt, kommt jetzt raus.«

Mit der Fu?spitze warf sie unsere Kleidung naher zum Wasser.

Wir gingen zum Ufer und fuhlten uns wie totale Idioten, halbnackt vor einem Madchen mit einer Armbrust zu stehen, das einen verhort! Und dazu noch so genau zielen kann…

»Wir werden ja sehen…«, murmelte Lion undeutlich, aber drohend, als er seine Jeans nahm. Aus dem Gleichgewicht gebracht hob er seine Augen zu unserem Qualgeist. »Was ist, sollen wir uns nass anziehen? Komm, dreh dich um, hab Verstandnis!«

»Ich kann mich schon umdrehen«, lachelte das Madchen zuckersu?, »aber schamt ihr euch nicht vor den anderen?«

»Vor welchen anderen?« Lion drehte den Kopf.

Das Madchen pfiff laut durch zwei Finger und im selben Augenblick erschienen die »anderen« aus den Strauchern!

Mindestens ein Dutzend Madchen! Was hei?t hier ein Dutzend — es waren zwei Dutzend. Die Jungste vielleicht zehn, die Alteste vierzehn Jahre alt. Alle waren in Khaki gekleidet und mit gruner Farbe beschmiert. Alle waren mit einer Armbrust bewaffnet. Sie sahen uns schadenfroh und ohne jedes Mitgefuhl an.

Lion zog schweigend seine Jeans uber die nasse Unterhose und nahm seine Jacke.

Kapitel 2

Wir gingen zu dritt. Das Madchen lief voran, wir folgten. Die anderen Amazonen verschwanden wieder im Wald, nur ab und zu, wenn ich meinen Kopf bewegte, konnte ich eine leichte Bewegung sehen.

»Wie hei?t du?«, fragte ich nach etwa funf Minuten, als mir klar war, dass das Madchen kein Gesprach mit uns anfangen wurde. »Es ist doch unpraktisch ohne Namen!«

»Natascha«, antwortete das Madchen.

»Wo gehen wir hin?«

»Das wirst du schon sehen!«

Lion und ich schauten uns an. Da war nichts zu machen!

Ich fuhr mit der Hand am Gurtel entlang. Um das Schlangenschwert herauszurei?en, benotigte ich einige Sekunden… Und dann? Ich wurde das Madchen entwaffnen, obwohl es mir unangenehm ware, sie au?er Gefecht zu setzen. Und die anderen? Wenn die uns dann aus allen Richtungen mit ihren Armbrusten beschie?en wurden? Ich bin ja kein Phag, der die Bolzen im Flug abfangen konnte!

»Hor mal, was habt ihr eigentlich gegen uns?«, wollte ich wissen. »Wem haben wir denn etwas getan? Darf man hier etwa nicht baden? Oder ist das Privatbesitz? Das wussten wir nicht, wir haben uns ganz einfach verirrt!«

»Schon seit einiger Zeit«, nuschelte Lion.

»Schon seit langem?«, zeigte Natascha plotzlich Interesse.

»Seit uber einem Monat!«

»Ihr lugt. In eurer Hutte hat niemand auch nur ein einziges Mal ubernachtet, ihr habt sie gerade erst gebaut… Und das eher schlecht als recht!«

Das »eher schlecht als recht« traf mich sehr, ich zeigte es aber nicht. »Fruher waren wir an einem anderen See. Aber dort gab es keine Fische mehr und die Nusse hatten wir auch alle abgeerntet. Deshalb haben wir beschlossen umzuziehen.«

»Wieso? Wie, ihr habt es nicht geschafft in einem Monat wieder in die Zivilisation zu kommen? Dafur muss man ja besonders blod sein!«

»Wir haben Angst…«, murmelte ich.

»Wie bitte?«, Natascha stoppte und schaute uns an.

»Wisst ihr das denn nicht selbst?«, erwiderte Lion aggressiv. »Seid ihr denn total verblodet? Mit den Leuten hier ist irgendetwas passiert! Sie sind alle eingeschlafen! Bestimmt ist der Planet angegriffen worden! Wir sind sofort weggelaufen, wir waren die Einzigen, die nicht eingeschlafen sind…«

»Und ihr wart so erschrocken, dass ihr einen ganzen Monat uber nichts herausgekriegt habt?«, rief Natascha. »Und lebt seitdem im Wald?«

Lion und ich verstummten. Wenn wir auch nur so taten, als ob, es war trotzdem peinlich.

»Jungelchen…«, sagte Natascha verachtlich. »Es wird zu Recht behauptet, dass man von einem einzigen

Вы читаете Das Schlangenschwert
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату