richteten ihre Armbrust auf mich. Ich schrie jedoch weiter: »Juri! Das sind Tikkirej und Lion! Sie erinnern sich doch an uns? Auf dem Kosmodrom! Erinnern Sie sich! Ich bin der Junge vom Kosmodrom!«
Aus der Hutte schoss schlingernd ein Rollstuhl. Ein glatzkopfiger Alter im Anzug mit Schlips und Kragen schaute mich an. In seiner linken Handflache steckte ein kleiner Schraubenzieher und wackelte. Semetzki trug offensichtlich eine Handprothese, und mein Aufschrei hatte ihn von irgendeiner kleinen Reparatur oder Korrektur abgelenkt. Natascha folgte ihm, stellte sich hinter den Rollstuhl und richtete ebenfalls ihre Armbrust auf mich.
»Der Junge aus dem Kosmodrom?«, rief Semetzki erstaunt aus. »Bist du der, der mit dem…« Er unterbrach sich.
Sein jung gebliebener lebhafter Blick musterte mich aufmerksam. Dann schaute Semetzki auf Lion.
»Wohin verschleppen Sie dieses Kind!«, rief ich ihm in Erinnerung. »Na? Erkennen Sie mich?«
»Herr im Himmel!«, krachzte der Unternehmer. »Madchen, nehmt sofort die Waffen runter! Das sind Freunde!«
Ich wei? nicht, warum, vielleicht vor Uberraschung, aber mir stiegen Tranen in die Augen. Ich warf mich auf Semetzki, druckte mein Gesicht an seine eingefallene Brust und begann zu heulen. Die brillantenbesetzte Krawattennadel stach mir schmerzhaft in die Wange, aber das storte mich nicht. Semetzki duftete nach teurem Eau de Cologne, Rauch und Maschinenol. Die trockene Greisenhand streichelte mir zartlich uber den Kopf.
»Also, Madchen…«, regte sich Semetzki auf, als ob er nicht selbst vor kurzem noch gefordert hatte, uns am Tatort zu verhoren. »Wie konntet ihr nur?«
»Opa… Wir…« Nataschas Stimme erkannte ich mit Muhe und Not wieder, so schuldbewusst klang sie.
»Ei-jei-jei!«, fuhr Semetzki vorwurfsvoll fort. »Und mich trifft es, ich habe euch erzogen, euch minderjahrige Amazonen… Weine nur, weine dich nur aus!«, sagte er zu mir gewandt. »Wegen dieser Tunichtgute kommen auch mir oft die Tranen.«
Als ich die Erlaubnis zum Weinen erhielt, war mir gleich nicht mehr danach. Ich fing an mich zu schamen, stand auf und schaute mich um. Kein einziges Madchen lachte und alle sahen beschamt aus.
Besonders Natascha.
Semetzki gab dessen ungeachtet seine Befehle. »Erster Zug: Lagerfeuer und Abendbrot. Zweiter Zug: Aufklarung, Uberwachung des Funkverkehrs. Dritter: Freizeit. Die Sanitater saubern die Wunden der Jungs. Natascha, ich erwarte dich in funfzehn Minuten mit einem vollstandigen Bericht.«
Er nickte uns ermutigend zu und fuhr in seine Hutte zuruck. Wir kamen gar nicht zur Besinnung, als sich schon zwei Madchen um uns kummerten. Jetzt lehnten wir ihre Hilfe nicht ab.
Der Verband brannte, als er auf unseren Kratzern und Schurfwunden trocknete. Wir wurden gegen Wundstarrkrampf geimpft, Lion bekam fast neue Sportschuhe und Socken — alles ziemlich grell, madchenhaft, aber er zog sie trotzdem an.
Natascha war vor Arger ganz rot. Sie dachte an die Abreibung, die sie erwartete.
»Natascha, wir sind dir uberhaupt nicht bose«, sagte ich. Jetzt, nachdem sich alles zum Guten gewendet hatte, wollte ich gro?mutig sein, ganz wie ein Romanheld. »Es ist vollig klar, dass wir verdachtig gewirkt haben.«
Das Madchen nickte und warf einen Blick auf die Hutte Semetzkis.
»Sie kriegt trotzdem gehorig was vom Opa ab«, erklarte eine Sanitaterin mitleidig und desinfizierte mir einen Kratzer mit einem antibakteriellen Tupfer. »Er ist jetzt sehr streng zu ihr.«
»Warum?«
»Damit niemand denkt, dass er seine Enkelin bevorzugen und verwohnen wurde. In Wirklichkeit ist es seine Urenkelin, aber er nennt sie Enkelin.«
Ich ahnte, dass es um Nataschas Sache ziemlich schlecht stand. Es hatte sicherlich keinen Sinn, sich einzumischen, Semetzki wurde nur noch strenger sein.
»Ich bin froh, dass ihr keine Spione seid«, fuhr die Sanitaterin fort. Sie war hubsch, aber dunn wie alle anderen auch. »Einmal haben wir richtige Spione gefangen.«
»Na und?«, fragte ich.
»Wir haben sie verhort und danach erschossen«, erwiderte das Madchen angespannt. »Wir hatten sie doch nicht freilassen konnen!« Es ware mir unangenehm gewesen, Semetzki anzulugen, das war aber gar nicht notig. Als wir in seine Hutte gingen und uns auf die Matten vor dem Rollstuhl setzten, packte der Viehzuchter sofort den Stier bei den Hornern.
»Erstens: Ihr musst mir nichts erzahlen. Ist das klar?« Er beehrte uns mit einem Blick. »Ich verstehe die Situation… Und uberhaupt…«
Semetzki zwinkerte uns plotzlich zu. »Mir war schon auf dem Kosmodrom alles klar. Ein Phag hatte niemals gewohnliche Jungs gerettet. Dass die Phagen schon als Kinder tatig sind, wei? auf dem Avalon jeder. Also, meine Brigade steht zu eurer vollen Verfugung.«
So ein Pech!
Semetzki hielt uns fur junge Phagen.
Aber welche anderen Schlusse hatte er sonst ziehen sollen?
»Wir mussen in die Hauptstadt kommen«, erklarte ich. »Helfen Sie uns dabei?«
»Ja.« Semetzki nickte. »Natascha, ist der Jetski einsatzbereit?«
»Wird aufgeladen«, antwortete seine Enkelin knapp. Sie stand hinter Semetzki und stocherte konzentriert mit einem Tester im aufgeklappten Bedienpult des Rollstuhls herum. »Opa, hast du wieder online gearbeitet?«
»Psst!« Semetzki zwinkerte uns zu. »Keine Angst, ich bin kein Psychopath! Aber einige Berechnungen kann man leichter in zehn Minuten Direktanschluss an die Maschine machen. Also Natascha, wann wird der Jetski aufgeladen sein?«
»Am Morgen.« Natascha schuttelte den Kopf, als ob sie erneut die nicht existenten Haare vom Gesicht wedeln wollte. Aus den Augenwinkeln schaute sie mich an.
»Ist euch das recht?«, wollte Semetzki wissen.
»Ja… Ja, das passt«, murmelte ich. Das war’s dann wohl mit der Abenteuerwoche im Wald… Aber daran war nichts zu andern.
»Gibt es Befehle fur uns?«, fragte Semetzki sachlich. Es machte ihm uberhaupt nichts aus, dass er Jungs nach Befehlen fragte.
»Konnen Sie uns daruber berichten, was das hier fur eine Brigade ist?«, fragte Lion.
»Eine gute Brigade.« Semetzki lachelte zartlich. »Das Hip- Hop-Ensemble ›Lustige Tollkirschen‹.«
»Opa!« Natascha war peinlich beruhrt.
»Diese Jungs haben das Recht, alles zu erfahren«, schnitt ihr Semetzki das Wort ab. »Ich kam ursprunglich nach Neu- Kuweit, um meine Enkelin anzufeuern. Sie ist Solistin im Ensemble… Sie war es. Hier fand ein interplanetares Festival statt, und ich bin der Sponsor der ›Lustigen Tollkirschen‹«, krachzte er. »Na ja, offen gesagt, der kommerzielle Direktor, der Besitzer. Wir wollten gerade abfliegen, als alles begann. Gott sei Dank ist keinem Madchen etwas passiert, das Zeug wirkte nicht auf sie. Nach der Begegnung mit euch begann ich nachzudenken… Und als mir klar wurde, dass wir es nicht schaffen wurden, den Planeten zu verlassen, brachte ich meine Madchen in Sicherheit. Wir hatten sofort starten und nicht das Raumschiff voll stopfen sollen!« Er schlug mit der Faust kraftig auf die Armlehne des Rollstuhls.
»Das hatte ich dir auch gesagt«, warf Natascha schnell ein.
»Tja, so sind wir also mit den ›Lustigen Tollkirschen‹ in die Berge gegangen…«
»Opa!«
»Ist ja schon gut. Jetzt ist es die Sonderbrigade des Imperiums ›Die Schrecklichen‹. Nach den Vorschriften des Gesetzes uber den Ausnahmezustand habe ich als ehemaliger Offizier des Sicherheitsdienstes das Recht, beliebige Burger des Imperiums zur Erfullung von Spezialaufgaben zu verpflichten.«
»Sie haben im SD gedient?« Lion war begeistert.
»Vor langer Zeit.« Semetzki nickte. »Aber altes Eisen rostet nicht. Bei uns, mein Freund, geht man nicht in Rente.«
»Also habt ihr fruher Hip-Hop getanzt?«, wandte ich mich an Natascha. »Und jetzt seid ihr Partisanen?«
»Was erstaunt dich daran so sehr?«, erwiderte Semetzki an ihrer Stelle. »Wei?t du, welchen Belastungen die Madchen im Ensemble ausgesetzt sind? Das ist anstrengender als Grundwehrdienst.«
