passierte. Dann erinnerte ich mich daran, wie ich gebetet hatte, dass meine Eltern nicht gehen mussten.
Und ich verwarf diese Idee. Im Fahrerhaus des Lasters duftete es nach frischem Brot. Als Fracht transportierte der Laster Bretterstapel, aber das Brot lag beim Fahrer in der Kabine auf einem langen, bankahnlichen Sitz. Zwei gro?e Laibe mit fester, brauner Kruste und weichem Inneren…
»Greift zu, Jungs, greift zu!«, forderte uns der Fahrer gutmutig auf. »Versteht man es etwa in der Stadt, Brot zu backen? Vor hundert Jahren trat ein Programm zur Sicherstellung der Versorgung in Kraft und das Volk ist satt, aber Brot braucht eine Seele!«
Wir hatten keine Schwierigkeiten gehabt, ein Auto anzuhalten. Der erste LKW — fast so gro? wie ein Raumschiff der Phagen, hielt neben uns, als wir am Stra?enrand standen und trampten. Ein schwarzhaariger, dunkelhautiger Fahrer schaute lachelnd heraus und winkte uns zu. »Steigt ein!«
»Onkel Dima, kann man etwa kein Brot in der Mikrowelle zu Hause backen?«, wollte Lion wissen. Es gelang ihm gut, den Dialekt des Fahrers zu imitieren.
»Na hor mal, mein Junge!« Der Fahrer lachte. »Brot gelingt nur im Backofen. Es muss mit den Handen geknetet, der Ofen muss mit Holz geheizt werden! Und du kommst mir mit Mikrowelle, Ultraschall, Elektronen, Positronen… Hier ist Milch, kostet die Milch!«
Lion nahm bereitwillig eine verdachtig aussehende Plastikflasche fur Limonade entgegen. In der Flasche war Milch.
»Vorsichtig!«, meinte der Fahrer vergnugt. »Das ist frische Milch. Aus dem Kuhlbehalter. Wenn ich synthetische trinke, selbst wenn es die teuerste und qualitativ beste ist, tut mir der Magen weh. Das uberstehe ich nicht.«
Er fing wieder an zu lachen.
Ich nahm einen Schluck Milch, nachdem ich sicherheitshalber mit meinem Armel den Flaschenhals abgerieben hatte. Nicht etwa, weil ich mich vor Lion ekelte, sondern weil die Flasche an sich einen schmuddeligen Eindruck machte.
Die Milch schmeckte himmlisch! Erstaunlich gut, dickflussig und irgendwie… irgendwie wie etwas langst Verschollenes, aber im Traum Prasentes.
»Na also!«, rief der Fahrer aus. »Habt ihr den Unterschied geschmeckt? Die ist nicht aus Erdol und Sagespanen, die ist von der Kuh.«
Ich schluckte erschrocken, aber erstaunlicherweise ekelte ich mich nicht. Es klappte sowieso alles gut. Wir hatten uns umsonst verruckt gemacht, die Menschen auf Neu-Kuweit waren vollig normal, kein bisschen schlechter als die auf dem Avalon. Oder gehorte der Fahrer vielleicht nicht zu den Zombies? Ich schaute aus den Augenwinkeln auf seine Stirn — sein Neuroshunt war moderner als meiner, ein ›Jamamoto- Profi‹ mit Funkaufsatz. Dann ist es unwahrscheinlich.
»In der Stadt setze ich euch schon am Stadtrand ab«, sagte der Fahrer entschuldigend. »Ich darf mit diesem Nilpferd von einem Auto nicht auf die Hauptstra?en, nur in die Fabrik und in die Garage.«
»Wir steigen noch vor der Stadt aus«, erwiderte Lion, »neben dem Motel, in der Nahe des Kosmodroms. Dort ist Papa… arbeitet mein Papa. Und die Milch hat hervorragend geschmeckt. Danke!«
Der Fahrer nickte und sagte unerwartet nachdrucklich: »Danke musst du nicht mir sagen, mein Junge!«
»Danke der Herrscherin!«, antwortete Lion sofort mit einer veranderten Stimme. »Aber Dank auch an Sie, Onkelchen.«
»Oje, sie haben das Imperium ganz nach unten gewirtschaftet«, seufzte der Fahrer. »Wir essen Synthetik, haben unseren Stolz verloren, wissen nichts mehr von der Liebe. Wenn es Inej nicht geben wurde…«
Er veranderte sich kein bisschen bei diesen Worten. Er blieb derselbe gutmutige und noble Mensch, der gern fremde Jungs mitnahm und sie sogar noch mit seinem duftenden Brot und der guten Milch bewirtete. Aber in meinen Ohren schienen Alarmglocken zu lauten. Auch Lion sah konzentriert und unruhig aus.
»Was glauben Sie, Onkelchen, wird das Imperium gegen uns kampfen?«, wollte Lion wissen.
Beim Fahrer traten die Backenmuskeln hervor.
»Es sieht ganz danach aus«, sagte er leicht dahin. »Macht ihr euch aber daruber keine Gedanken, Jungs. Ihr musst lernen.«
»Wir lernen ja«, erwiderte Lion zustimmend. »Aber wir sorgen uns um die Herrscherin. Wenn es notig ist, sind wir bereit zum Kampf!«
Der Fahrer hielt das Lenkrad mit einer Hand und streichelte Lion mit der anderen uber den Kopf.
»Ach, ihr Jungs…«, sagte er mit trauriger Stimme. »Was denkt sich nur der Imperator? Warum lasst er uns nicht einfach in Ruhe leben? Habt ihr davon gehort? Von der Schie?erei?«
»War das, als… eine Samum abgefeuert wurde?«, fragte ich frech, weil ich mich an den Bericht Semetzkis erinnerte.
Der Fahrer nickte: »Mit einer Samum… Das muss man sich mal vorstellen… Jedes Kind wei? das… Meine Tochter ist in diese Schule gegangen.«
Lions Augen sahen aus wie ein alter Neuroshunt — rund und gro?. Ich erstarrte ebenfalls. Hatten etwa »Die Schrecklichen« so schlecht gezielt, dass sie eine Schule gesprengt hatten? Mit Kindern?
»Jetzt lernen sie zu Hause«, fuhr der Fahrer wahrenddessen fort. »Dank der Herrscherin, dass der Beschuss in der Nacht stattfand… Ist eure Schule nicht zerbombt worden?«
»Das ist sie«, erwiderte Lion uberraschend.
Der Kraftfahrer nickte: »Zehn Schulen! Dass sie sich nicht schamen, diese Ungeheuer. Was wird es das nachste Mal sein? Ob sie vielleicht ein Krankenhaus in die Luft jagen oder das Vieh vergiften? Gestern kam eine Gesandtschaft an…«
Er verstummte.
»Ja und?«, wollte ich wissen. »Wir haben nichts davon gehort.«
Der Fahrer holte tief Luft: »Tja, was soll man dazu sagen… Wahrend die Herrscherin mit dem Botschafter verhandelte, gingen seine Bodyguards in die Stadt. Und dort wurde einer gefasst, wie er Bakterien ins Trinkwasserreservoir schuttete!«
»Was?«, wunderte ich mich.
»Ein Anschlag wurde vorbereitet, mein Junge!« Das Gesicht der Fahrers war erneut angespannt. »Dieser Morder, der Attentater, war ein Phag und kein Bodyguard. Er wollte unsere Wasserleitungen mit Beulenpest infizieren. Damit die gesamte Hauptstadt entvolkert wird. Frauen, Kinder und Alte.«
»Ist er gefasst worden?«, fragte ich und vor meinen Augen erschien das Gesicht Tiens. Er sollte geplant haben, Millionen Menschen zu toten? Eine Woche lang sind wir mit ihm gemeinsam geflogen, er hat Scherze gemacht und sich gleichzeitig darauf vorbereitet, eine Million Menschen umzubringen?! Das kann doch nicht wahr sein!
»Ja«, antwortete der Fahrer. »Morgen Abend wird er hingerichtet, auf dem Platz, laut Urteil des Tribunals. Und die Gesandtschaft des Imperium wurde vom Planeten gejagt. Richtig so! Es war sowieso uberflussig, mit ihnen zu verhandeln. Sie sind alle Morder, der Herrgott vergebe ihnen! Morder!«
Sofort war alles anders. Grau. Wie durch Rauchglas gefiltert. Das bedeutet also, Sjan Tien wurde gefasst? Und wird hingerichtet?
Aber das konnte er doch nicht gemacht haben, das stimmte nicht!
»Geht nicht auf den Platz, Jungs«, riet uns der Fahrer. »Das ist nichts fur euch.«
»Wir werden nicht hingehen«, versprach Lion.
Er schaute mich an.
In der Ferne sah man schon die Hochhauser von Agrabad, verschiedenfarbig, halb himmelblau, halb dottergelb, festlich und stolz.
»Naturlich gehen wir nicht hin«, bestatigte ich. »Da, sehen Sie, rechts am Weg ist das Motelzeichen. Wir steigen dort aus!«
Es war alles wie fruher. Genauso grun und warm, Hauschen und Zelte, einige Menschen, die ihren Grill vorbereiteten. Im Bungalow mit der Aufschrift »Check-in« war die Tur geoffnet. Daraus klang frohliches Lachen. Lion und ich schauten uns an und gingen hinein.
Am Tisch sa? das nette Madchen. Ich erkannte sie sofort wieder. Sie war es, die vor einem Monat so nett zu mir war. Ich dachte, dass sie mit jemandem sprach, aber sie war allein. Sie lachte uber ein Buch, ein echtes aus Papier. Als wir hineinkamen, schaute uns das Madchen lachelnd an, nickte und vertiefte sich wieder ins Buch.
