»Rettungswesten?«, fragte Lion.

»Haben wir nicht. Das Wasser ist sowieso eisig, du bekommst sofort einen Krampf. Also haltet euch fest!«

Natascha stand angespannt da und lockerte ihre Hande an den Hebeln. Sie bereitete sich vor.

Mir wurde mulmig.

»Los geht’s!«, schrie Natascha schallend. Mir fiel auf, wie angespannt ihr Rucken war, die Schulterblatter zeichneten sich unter dem dunnen Pullover ab. Natascha beugte sich etwas nach vorn, hinten senkten sich die Motordusen ins Wasser und der Jetski sprang nach vorn.

Das war eine Fahrt! So etwas hatte ich bisher nur im Kino gesehen.

Das Gefahrt raste mit der Stromung nach unten, zeitweise ragten die Dusen aus dem Wasser und der Larm der Wasserstrahltriebwerke wurde unertraglich. Natascha neigte sich geschmeidig nach rechts und nach links und folgte den Bewegungen des Jetskis. Uns war klar, dass wir es genauso machen mussten. Aber es war sehr schwer, den Wunsch zu unterdrucken, so weit wie moglich dem Wasser fernzubleiben, statt fast die brullenden Wellen zu beruhren, unter denen spitze Steine zu erahnen waren! Und das alles im unsicheren Halbdunkel der Morgendammerung!

»Sprung!«, schrie Natascha. Und wir flogen unter dem betaubenden Jaulen der aufgedrehten Motoren durch die Luft, um eine der vielen Stromschnellen zu uberwinden. »Entspannt euch!«

Ich hatte mich gerne umgewandt und geschaut, ob die Madchen noch am Ufer zu sehen waren, ob sie uns zuwinkten. Aber es war Angst einflo?end, den Kopf dem vorbeirauschenden Ufer zuzuwenden. Ich sah nur auf Nataschas Rucken, fuhlte, wie angespannt Lion hinter mir sa? und wie Eiswasserspritzer und der Wind mir kraftig ins Gesicht schlugen.

Ich wusste nicht, wie lange diese verruckte Flussfahrt andauerte. Langsam begann sich die Gegend zu verandern. Eine Ebene ersetzte Felsen und Hugel, die aus dem Wasser ragenden Felsbrocken verschwanden, Stromschnellen wurden immer seltener. Der Fluss verbreiterte sich, die Stromung wurde ruhiger.

»Geschafft, wir werden es uberleben!«, schrie Natascha. Sie war nass von Kopf bis Fu?. Uns hatte es auch getroffen, aber weniger.

»Wirst du dich nicht erkalten?«, schrie ich.

»Was?«, sie verringerte etwas die Geschwindigkeit, das Heulen ging in ein Pfeifen uber, und es war einfacher, sich zu unterhalten.

»Wirst du dich nicht erkalten?«

»Das werde ich!«, stimmte mir Natascha unbeschwert zu. »Aber es ist nicht so schlimm, Opa macht mich wieder gesund. Tikkirej, bist du uns nicht bose?«

»Weswegen?«, fragte ich, obwohl ich es mir denken konnte.

»Dass wir euch verhaftet hatten«, erwiderte Natascha und begann zu lachen. Sie drehte sich sogar kurz zu mir um und zwinkerte mir zu.

Ich hasse Madchen! Warum sind sie nur so ekelhaft?

»Das macht nichts, ein Pferd hat vier Beine und stolpert trotzdem«, erwiderte ich.

»Oh, das ist wirklich nicht notig!«, kreischte Natascha. »Das sind die Sprichworter meines Gro?vaters, ich habe mich vielleicht erschrocken!«

Sie fuhr den Jetski naher zum Ufer und wir drosselten die Geschwindigkeit.

»Dauert es noch lange?«, wollte ich wissen.

»Zu Fu? mehr als eine Stunde«, antwortete Natascha. »Tikkirej, lass mich auf deinem Scho? sitzen.«

Ich wusste nicht, warum, stellte aber die Knie auf.

Sie setzte sich sofort darauf, verga? jedoch nicht zu giften: »Glaub nicht, dass du mir so gut gefallst. Es fallt nur schwer, die ganze Zeit zu stehen.«

»Pass nur auf, wohin du lenkst!«, meldete sich Lion aufgeregt hinter meinem Rucken.

»Da will wohl das Kuken die Henne lehren?!«

Langsam wurde es hell. Die Sonne war noch nicht hinter dem Horizont aufgegangen, aber der Himmel im Osten wurde rosa, die dunnen Federwolken wei?. Ein grelles Licht zerschnitt den Himmel — eine gro?e Raumstation auf niedriger Umlaufbahn wurde von den Strahlen der aufgehenden Sonne getroffen.

»Kann man uns nicht orten?«, fragte ich.

»Das gefahrlichste Stuck haben wir bereits durchquert«, erwiderte Natascha. »Hier fahren schon viele Boote, ich glaube nicht, dass wir verdachtigt werden…«

»Fahrst du mit dem Jetski zuruck?«

Natascha schuttelte den Kopf:

»Nein. Das Benzin reicht nicht, und tagsuber ist es zu auffallig. Ich bleibe ein paar Tage hier… An einem bestimmten Platz. Wir haben geheime Wohnungen.«

Wo und bei wem sie bleiben wurde, sagte Natascha nicht. Und ich fragte auch nicht danach. Das war richtig so, wenn ich gefasst wurde, konnte ich nichts verraten.

Wir fuhren an Feldern vorbei. Langsam drehten sich die Sprinkler der Beregnungsanlagen und bewasserten die niedrigen Straucher mit Regenbogentropfen. Es waren keine Menschen zu sehen, alles lief automatisch.

»Was wird hier angebaut?«, fragte Lion uber meine Schulter.

»Tomaten«, erwiderte Natascha kurz angebunden.

»Ich mag Tomaten«, teilte Lion mit.

»Schon fur dich! Wir mussten uns hier einmal zwei Tage lang verstecken… Das hat mir furs ganze Leben gereicht. Wei?t du, wie ekelhaft Tomatenstraucher in der Hitze stinken?«

Ich erinnerte mich daran, wie ich in meiner Kindheit, in der ersten Klasse, die Lehrerin zum Lachen brachte. Ich sprach uber eine Nahrungsmittelfabrik und machte den Fehler, zu sagen, dass dort Milch, Tomaten und Eier produziert wurden… Was haben alle gelacht. Tomaten hat man noch nie industriell hergestellt, es ist einfacher, sie anzubauen.

Es war schon richtig hell, als wir an einer kleinen Siedlung vorbeikamen. Auf den Stra?en bemerkte ich einige Fu?ganger, uns schienen sie nicht zu beachten.

»Wir gehen gleich an Land«, teilte uns Natascha mit. »Die Stra?e verlauft hier nahe am Fluss… Ich setze euch ab und ihr fahrt per Anhalten Die Stra?e fuhrt am Kosmodrom vorbei direkt nach Agrabad.«

Lion und ich schauten uns an. Das hie? ja, dass wir am Motel vorbeifuhren! Lion sagte nichts, aber ich wusste sofort, woran er dachte.

Vielleicht sind seine Eltern noch dort?

»Wird uns der Fahrer nicht verdachtigen?«, wollte ich wissen.

»Nein, eigentlich nicht.«, sagte Natascha nachdenklich. »Sagt, dass ihr aus Mendel kommt. Das ist die Siedlung, an der wir vorbeigefahren sind. Dort sind Konservenfabriken. Sagt, dass eure Eltern in der Fabrik arbeiten und ihr… Na, euch wird schon was einfallen. Ihr konntet zu Verwandten nach Agrabad wollen.«

Der Jetski naherte sich gemachlich dem Ufer. Natascha fuhr ihn mit der Spitze auf eine Sandbank und erhob sich von meinen Knien. Wir schauten uns unsicher an.

»Komm… gib mir deine Hand«, sagte ich.

Ihre Handflache war eiskalt. Sie wird sich ganz bestimmt erkalten.

»Ubermittle deinem Gro?vater unseren Dank!«, schrie Lion und sprang ans Ufer. »Er ist gro?artig! Tikkirej, bummle nicht herum!«

»Tschuss«, sagte ich zu Natascha. »Lass dich nicht erwischen!«

»Ich passe auf«, versprach sie.

Ich sprang hinter Lion her, erreichte jedoch nicht das Ufer und machte mir die Fu?e nass. Lion lachte schadenfroh. Natascha zundete die Ersatztriebwerke und der Jetski kroch langsam von der Sandbank. Eine Sekunde lang schaute sie zu uns, beugte sich vor, dann legte sie sich in die Kurve und der Jetski flog wie der Blitz zur Mitte des Flusses.

»Schnittig!«, begeisterte sich Lion. »Und du hast dich in sie verliebt, stimmt’s?«

Ich hatte es ihm beinahe ubel genommen, uberlegte es mir jedoch anders und sagte nur: »Idiot. Sie hat immerhin ihr Leben riskiert, um uns hierherzubringen. Weil sie glaubt, dass wir Phagen sind.«

»In gewissem Sinne sind wir das ja auch«, sagte Lion nachdenklich. »Wenn auch keine ganz echten, aber trotzdem… Okay, sei nicht eingeschnappt!«

Ich war aber gar nicht beleidigt. Ich uberlegte eher, ob wir nicht dafur beten sollten, dass Natascha nichts

Вы читаете Das Schlangenschwert
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату