»Versuch doch mal eine dreifache Drehung auf einer Hand zu machen…«, murmelte Natascha und wurde rot.

Ich rief mir in Erinnerung, wie problemlos die Madchen mit der Armbrust zurechtkamen und sich im Wald bewegten. Tja, das war kein schlechtes Ensemble!

»Au?erdem haben alle Madchen eine Ausbildung in Selbstverteidigung«, fuhr Semetzki fort. »Das ist gut fur Atmung und Reaktionsschnelligkeit. Ich will nicht ubertreiben, aber im Einzelkampf kann Natascha einen beliebigen erwachsenen Mann auf den Boden werfen. Naturlich nur, wenn er keine Spezialausbildung hat.«

»Und was haben sie bereits erreicht?«, hakte ich nach.

Semetzki und Natascha schauten sich an. Der Schweinebaron nickte und Natascha begann:

»Vernichtet wurden circa siebzig Mann der Streitkrafte des Feindes. Au?er Gefecht gesetzt wurden drei Kampfwagen der Infanterie, ein schwerer Panzer, zwei Aufklarungsskooter, vier automatische Sonden. In die Luft gesprengt wurden zwei militarische Vorratslager, sieben Kilometer eingleisiger Strecke, zwei Bergtunnel mit einer Gesamtlange von neunundsechzig Metern sowie eine einhundertundachtzig Meter lange Brucke. Verteilt wurden circa vierzigtausend Flugblatter, dreimal gelang uns mit unserer Sendung ›Neues vom Widerstand‹ ein Eindringen in das gesamtplanetare Informationsnetz. Versandt wurden mehr als dreihundert Millionen E-Mails, in der die Bevolkerung zum Widerstand aufgerufen wird. Mehr als vierzig Witze, welche die Armee und die herrschende Schicht des Inej blo?stellen, wurden ausgedacht und verbreitet.«

Lion und ich begannen zu lachen, Semetzki schaute uns daraufhin vorwurfsvoll an.

»Das ist falsch, Jungs! Zehn Witze, die zur rechten Zeit erzahlt werden, konnen dem System mehr Schaden zufugen als ein Atomsprengkopf! Wie man so sagt: Steter Tropfen…«

»Gesammelt wurde eine bedeutende Menge an Nachrichtenmaterial«, fuhr Natascha fort. »Mit der Bevolkerung wird Aufklarungsarbeit durchgefuhrt. Wir planen…«, sie zogerte, »eine Einschuchterungsaktion in besonders gro?em Ma?stab. War’s das, Opa?«

»Der Raketenschlag«, erinnerte Semetzki. »Und uber die Abteilung an sich.«

»Auf die Hauptstadt wurde eine Rakete abgefeuert, aber die Folgen sind unbekannt.« Natascha bedauerte das offensichtlich. »Als wir ein Vorratslager der Armee eroberten, fanden wir dort ›Samum‹-Raketen… Wir haben keine Verluste an Kampfern, jedoch Kranke und Leichtverletzte, die Stimmung ist gut, wir sind bereit, unseren Dienst fur das Imperium weiterzufuhren.«

»Prachtige Madchen habe ich«, bekundete Semetzki stolz. »Fruher hatte ich eine Enkelin, und jetzt — funfunddrei?ig.«

»Sagen Sie bitte, was geht eigentlich auf dem Planeten vor?«, fragte ich. »Im Imperium wei? man kaum etwas uber die Ereignisse.«

Semetzki holte tief Luft. »Wir verfolgen die Nachrichten… wissen also Bescheid. Es steht schlecht um den Planeten, Jungs. Unserer Meinung nach wurde die Bevolkerung einer Gehirnwasche uber die Neuroshunts unterzogen. Stimmt das?«

Ich nickte.

»Die Grundlagen dafur sind als Trojaner mit den auf Inej produzierten Programmen eingedrungen, der Neuroshunt diente als Detonator?«

Ich nickte erneut.

»Das ist schlimm.« Semetzki atmete ein. »Die Situation stellt sich folgenderma?en dar: Die Gehirnwasche erfasste 85 bis 90 Prozent der erwachsenen Bevolkerung. Unter Erwachsenen verstehe ich alle Menschen, die alter als zehn Jahre sind, obwohl die Kleinen ebenfalls teilweise infiziert wurden. Diese Schweinehunde haben ihre Programme auch in Trickfilmen versteckt! Sogar in Lehrprogrammen fur kleine Kinder. Retten konnten sich nur jene, die selten Unterhaltungssendungen oder popularwissenschaftliche Beitrage schauten. Leute, die an anderen Dingen interessiert waren, begeisterte Touristen, Sektenmitglieder, Workaholics, Naturliebhaber der Liga ›Zuruck zur Natur‹. Aber auch sie konnten sich nicht lange halten. Erstens: Was kann man gegen die allgemeine Liebe zum Inej setzen? Gegen Mutter und Vater, Ehemanner und Ehefrauen, Kinder, Freunde, alle, die dich davon uberzeugen, dass die Unterwerfung unter Inej der Sinn unserer Existenz sei? Zweitens: Es gibt so etwas wie Psychoinduktion. Wisst ihr, was das ist? Wenn ein gesunder Mensch in die Gesellschaft ausschlie?lich psychisch Kranker gebracht wird, dann wird er glauben, dass diese im Recht seien. Bedingung dabei ist, dass der Unsinn folgerichtig erscheint und von geachteten Leuten ausgeht. In ein paar Monaten wird die gesamte Bevolkerung von Neu-Kuweit Inej und dem Prasidenten ergeben sein.«

»Ist der Prasident eine Frau?«, wollte ich wissen.

Semetzki nickte. »Ja. Inna Snow.«

Unwillkurlich musste ich lacheln.

»Ein viel sagender Name« stimmte Semetzki zu. »Aber die Dame… Oho, die ist nicht unkompliziert…«

»Und wie sieht sie aus?«, fragte ich nach.

Semetzki fasste in seine Jackentasche und holte ein Blatt Papier heraus. Man konnte erkennen, dass es aus einer guten Zeitschrift herausgerissen war, das Foto war namlich dreidimensional…

Es zeigte eine mittelgro?e Frau in weiter, wei?er Kleidung inmitten frohlich lachelnder Menschen: Militars in Uniform, Zivilisten in Anzugen, Kosmonauten in Raumanzugen… An der einen Hand hielt die Frau einen kleinen Jungen in einem grellen Anzug, die andere legte sie einem Invaliden im Rollstuhl auf die Schulter. Aus den Augenwinkeln schaute ich auf den Rollstuhl Semetzkis — seiner war besser.

Das Gesicht der Frau war jedoch von einem dichten, wei?en Schleier bedeckt.

»Was, hat niemand ihr Gesicht gesehen?« Ich wunderte mich.

Semetzki nickte schweigend.

»Vielleicht ist sie eine Fremde!«, rief ich. »Eine stinkende Tzygu im Raumanzug! Oder irgendwer anders!«

»Das interessiert niemanden!«, erwiderte Semetzki. »Alle, die eine Gehirnwasche erhalten haben, glauben daran, dass sie eine nette, gute und kluge Frau mittleren Alters ist. Siehst du, sie beaugen sie, wie die Hammel ein neues Tor.«

»Schwachkopfe«, meinte ich. Ein unklares Gefuhl drangte mich, zu Lion zu blicken.

Lion war in das Foto versunken und lachelte verzuckt, fast wie die Menschen um die Prasidentin Inna Snow herum.

Ich zerknullte das Blatt und gab es Semetzki zuruck. Lion erbebte und das Lacheln verschwand aus seinem Gesicht.

»So sieht es also auf dem Planeten aus«, meinte der Unternehmer. »Warum lasst ihr euch so viel Zeit?«

»Wir treffen keine Entscheidungen«, antwortete ich. »Wir haben unsere eigene Aufgabe…«

»Ich verstehe.« Semetzki holte Luft. »Jedem Topfchen sein Deckelchen… In Ordnung, Jungs. Ihr habt uns Mut gemacht, das konnt ihr glauben. Allein durch die Tatsache, dass ihr hier seid… Erholt euch, macht es euch gemutlich. Und morgen fruh bringen wir euch in die Hauptstadt.«

»Opa, ich fahre den Jetski«, sagte Natascha bestimmt.

Semetzki atmete tief ein.

Diskutierte jedoch nicht. Abends sa?en wir am Lagerfeuer. Alle au?er Semetzki: Er schaute in seiner Hutte Fernsehen.

Entweder suchte er wirklich irgendeine Information im Propagandastrom des Inej oder er wollte die Madchen nicht storen.

Die mutigen Kampfer der Sonderbrigade des Imperiums Die Schrecklichen lauschten unseren Erzahlungen uber den Avalon. Sie kamen ja alle von dort. Einige Madchen hatten schon feuchte Augen, aber noch heulte niemand.

»Es ist neuer Weihnachtsschmuck auf dem Markt«, berichtete Lion und wedelte mit den Handen. »Polimorph, er andert nicht nur die Farbe, sondern auch die Form. Der Weihnachtsbaum ist mal mit Kugeln, mal mit Glocken und mal mit Leuchten geschmuckt. Und zu Silvester gab es die ganze Nacht lang uber Camelot eine Lasershow…«

Unfassbar! Lion war zu Silvester noch gar nicht normal. Trotzdem erinnerte er sich an alles. Zuerst sa?en wir zu zweit, dann kam Stasj, danach Rosi und Rossi… wir fuhren nach Camelot…

Ich dachte an meine avalonischen Freunde und wurde traurig. Die dichte Matte aus Zweigen, die an Stricken uber dem Lagerfeuer hing, warf das Licht auf die Gesichter der Madchen zuruck. Rotliche Schatten

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