zuckten, der Qualm umtanzte die Matte und ging als Ring zum Himmel.
Eine kleine Partisanin, die begeistert auf Lion schaute, sank in sich zusammen und legte ihren Kopf auf die Knie der Freundin, um zu traumen.
Leise stand ich auf und entfernte mich vom Lagerfeuer. Ich schaute in die Hutte Semetzkis, aber der Alte hatte den Fernsehbildschirm vor die Augen geklappt und schaute konzentriert, wobei er ab und zu schmatzende Gerausche von sich gab.
Ich lief durchs Gebusch und achtete darauf, nicht den Baumkronenschutz zu verlassen. Am Waldrand hielt ich inne. In der Ferne sah man dunkel die Charitonow-Kette, auf dem hochsten Berg blinkte ab und zu ein rotes Licht.
»Dort sind eine meteorologische Station und der Ersatzfernsehturm von Agrabad«, sagte jemand neben mir.
Ich zuckte zusammen und drehte mich um. Mit Muhe und Not erkannte ich in der Dunkelheit Natascha. Sie sa? da, hatte ihre Knie zum Kinn gezogen und beobachtete die Berge.
»Was machst du denn hier?« Vor Schreck wurde ich grob.
Aber Natascha antwortete friedlich: »Ich schaue auf die Berge. Das sind schone Berge. Aber sie sind tuckisch. Kalt und steil.«
Ich setzte mich neben sie und fragte: »Hast du keine Angst zu kampfen?«
»Ich habe Angst«, antwortete Natascha ehrlich. »Fast alle haben Angst. Diana nicht, sie ist irgendwie gefuhllos. Kira und Myrta behaupten ebenfalls, dass sie vor nichts Angst hatten. Aber ich glaube, dass sie lugen.«
»Du hast einen tapferen Gro?vater«, meinte ich.
»Ja. Und einen klugen. Er hat sich ausfuhrlich mit uns unterhalten, bevor wir uns dazu entschieden, Partisanen zu werden. Uber Inej… und uberhaupt.«
»Und hat euch uberzeugt.«
»Er hat uns uberzeugt. Er erklarte uns, dass die gro?te Freiheit schon immer innerhalb des Menschen lag. In der Seele. Sogar die schlimmsten Tyrannen konnten die Menschen nicht daran hindern, auf eigene Art und Weise zu denken. Aber Inej versucht genau das, und deshalb ist es egal, ob wir getotet oder in Zombies verwandelt werden. Wir wurden nicht mehr wir selbst sein konnen.«
»Ja«, erwiderte ich. Obwohl ich dachte: Wenn ein Mensch sein Leben im Gefangnis verbringen muss, ist das sicherlich viel schlimmer. Die Zombies verstehen wenigstens nicht mehr, dass ihnen die Freiheit genommen wurde.
»Ist es schwer, ein Phag zu sein?«, fragte Natascha plotzlich.
»Was? Na ja… Je nachdem.«
»Stimmt es, dass ihr vor nichts Angst habt?«
Ich wollte bekennen, dass ich uberhaupt kein Phag war, aber das war unmoglich.
»Auch Phagen haben Angst«, sagte ich deshalb. »Besonders um andere.«
Natascha nickte kaum merklich in der Dunkelheit.
»Tikkirej…«
»Was?«
»Wei?t du, ich glaube, dass wir alle sterben werden«, sagte sie. »Wir konnen uns doch nicht die ganze Zeit verstecken… Man braucht nur eine Rakete auf uns zu richten — und das war’s.«
»Ihr versteckt euch doch.«
»Sie werden uns trotzdem finden. Wir treffen naturlich alle moglichen Vorsichtsma?nahmen… Wir machen jetzt nur ein Lagerfeuer, weil wir auf dem Gipfel des Hugels sind. Das sind namlich Hugel mit Geysiren, hier gibt es viele hei?e Quellen. Aber fruher oder spater wird man uns finden. Falls das Imperium nicht eingreift.«
Ich schwieg.
Ich konnte nichts dazu sagen, ich wusste nicht, wann es Krieg mit Inej geben wurde.
»Tikkirej… kuss mich!«, bat Natascha plotzlich.
Mir blieb die Luft weg.
»Ich habe noch nie gekusst«, eroffnete mir Natascha. »Wei?t du, es ware doch schade, wenn wir getotet werden, und ich hatte noch niemanden gekusst. Wirst du mich kussen?«
»Ah…«
»Gefalle ich dir nicht?«
»Du gefallst mir«, beruhigte ich sie, obwohl an Natascha nichts Besonderes war.
»Dann kuss mich! Nur ein einziges Mal!« Und Natascha wandte sich mir zu.
Den Phagen wird vielleicht beigebracht, wie man kusst, aber ich war ahnungslos, denn ich hatte ja bisher auch noch niemanden so richtig gekusst! Ich empfand das Bedurfnis, aufzuspringen und wegzulaufen, schamte mich aber, als feige zu erscheinen. Dann bemerkte ich, dass Natascha die Augen geschlossen hatte und wurde etwas mutiger.
Letztendlich zwingt mich ja niemand dazu, sie zu heiraten!, dachte ich beherzt.
Vorsichtig beruhrte ich mit meinen Lippen ihren Mund. Es war gar nichts Au?ergewohnliches… Nur mein Herz begann schneller zu schlagen.
»War das schon alles?«, flusterte Natascha.
»Ja…«
»Danke«, sagte Natascha unsicher.
Und da schien mich etwas anzusto?en. Ich wandte mich zu ihr und kusste sie erneut. Eigentlich genau so, aber es war wie ein Stromschlag. Natascha fuhlte sicherlich ebenso und schrie leise auf.
Ich sprang auf und lief zum Lagerfeuer. Einige Schritte vom Lichtkreis entfernt blieb ich stehen: Im Prinzip sa?en alle noch genau so da und horten den Erzahlungen Lions zu. Hinter meinem Rucken raschelten Zweige — auch Natascha war geflohen, aber nicht ans Lagerfeuer, sondern in die Hutte zum Opa. Mit klopfendem Herzen setzte ich mich wieder ans Feuer. Niemand beachtete mich. Es gab ja genug Grunde, fur kurze Zeit das Lagerfeuer zu verlassen.
Kapitel 3
Unter den Kuppeln auf Karijer gab es auch einen Fluss. Er floss allerdings im Kreis und das Wasser wurde gefiltert. Auf dem Avalon und Neu-Kuweit gab es echte Flusse, ich hatte mich schon daran gewohnt und sie gefielen mir entschieden besser.
Der Gebirgsfluss, den wir nun hinunterfuhren, erwies sich als etwas ganz Besonderes.
Wir verlie?en das Lager noch im Dunkeln, um vier Uhr morgens. Ich, Lion und Natascha mit zwei Freundinnen. Semetzki verabschiedete sich von uns im Lager, umarmte uns und gab uns folgende Worte mit auf die Reise:
»Einen Vogel erkennt man am Flug, ein Pferd am Trab, einen Menschen an seinen Taten. Ich wunsche euch Gluck!«
Nach rund vierzig Minuten waren wir bereits am Fluss, der sich zwischen den Hugeln entlangschlangelte. Die Stromung war hier nicht so stark wie oben in den Bergen, aber der Fluss brodelte und schaumte uber die Felsbrocken. Eine Stromschnelle folgte der anderen, durch das absolut saubere Wasser konnte man den steinigen Grund erkennen. Es war unmoglich, hier mit einem Boot hinunterzufahren, aber am Ufer, in den Felsen versteckt, stand ein kleiner Jetski. Er ist fur eine Person ausgelegt, fur einen Erwachsenen.
»Setzt euch auf den Sitz«, kommandierte Natascha, als wir den Jetski ins Wasser schoben. Lion und ich setzten uns hintereinander, sie stellte sich vor uns an den Lenker. Sie winkte den Madchen zu, die nur mit uns gekommen waren, um uns zu verabschieden. Nataschas Freundinnen machten besorgte Gesichter. Es war anscheinend nicht so einfach, den Fluss hinunterzufahren.
»Haltet euch gut fest!«, riet uns Natascha. »Wenn ihr runterfallt, ist alles aus.«
»Kann man sich hier nicht anschnallen?«, fragte Lion.
»Sag mal, bist du vom Mond gefallen? Wenn der Jetski umkippt und du bist angeschnallt, wirst du uber den Grund geschleift!«
