Aber sofort schaute sie mich aufmerksam an und rief:

»Tikkirej! Du bist der kleine Tikkirej, der seit einem Monat verschollen ist!«

»Ich bin nicht klein!«, protestierte ich.

Das Madchen schaute beschamt.

»Entschuldige bitte, so haben wir dich in unseren Gesprachen genannt. Naturlich bist du nicht klein. Und du — bist Lion? Du hast auch bei uns gewohnt, mit deinen Eltern?«

Lion nickte ebenfalls und wartete ungeduldig auf die nachsten Worte. Aber das Madchen interessierte etwas anderes.

»Mein Gott, wo wart ihr denn, Jungs? Wir haben uns solche Sorgen gemacht! Euch uberall gesucht, den Wald durchkammt, den See. Was wir uns nicht alles ausgemalt haben!«

Ich hatte den Eindruck, dass sie nicht log. Dass sich wirklich alle hier auf die Suche nach uns gemacht hatten.

Wir jedoch mussten lugen.

»Damals, in der Nacht…«, begann ich, »alle waren eingeschlafen und wir hatten Angst… Lion war gerade bei mir, heimlich wegen der Eltern, wir wollten spielen. Da war so ein Kapitan, er wohnte im Nachbarhaus und war auch nicht eingeschlafen. Er sah uns und schrie, dass der Planet uberfallen worden ware und wir in den Wald laufen sollten. Er nahm uns in seinem Auto mit bis zum Wald, er hat uns herausgelassen und ist selbst in die Hauptstadt weitergefahren… Und wir haben im Wald gelebt.«

Das Madchen schlug die Hande uber dem Kopf zusammen.

»Jungs… Was sagt ihr da? Man glaubt, dass das ein Verruckter war, ein Morder! In seinem Zimmer fand man einen ermordeten Polizisten! Mein Gott, dass ihr davongekommen seid!«

»Ich habe es dir doch gleich gesagt!«, schrie mich Lion an und stie? mich schmerzhaft in die Seite. »Er war irgendwie eigenartig, seine Augen waren bose! Gut, dass wir ausgestiegen sind! Er hatte uns in Stucke gerissen!«

»Du bist ja selbst ins Auto eingestiegen!«, wandte ich lautstark ein.

Wir hatten einige dieser Stucke vorbereitet. Es war von Anfang an klar, dass Stasj erwahnt werden musste. Der Agent des Inej hatte ihn beobachtet und seinen Vorgesetzten sicherlich mitgeteilt, wer Stasj war.

»Dann bin ich eben eingestiegen«, wiegelte Lion ab und schien sich zu beruhigen. Erwartungsvoll sah er das Madchen an. »Sagen Sie bitte, meine Eltern, wo sind sie?«

»Dein Vater ist in die Stadt gefahren«, erwiderte das Madchen. »Und Missis Anabell und die Kleinen… Du hast ein Bruderchen und ein Schwesterchen, stimmt’s? Sie sind hier. Im selben Cottage. Deine Mutter wollte nicht umziehen, ehe du nicht gefunden bist.«

Sie sah nur noch Lions Rucken, so schnell flitzte er aus dem Foyer.

»Entschuldigen Sie«, sagte ich. »Er hat sich sehr nach seinen Eltern gesehnt.«

»Und deine Eltern sind auf einem anderen Planeten geblieben, ja?«, fragte das Madchen.

Ich nickte. »Ja. Sie sind auf einem anderen Planeten geblieben. Ich gehe jetzt. Auf Wiedersehen.«

»Ich hei?e Anna.« Das Madchen lachelte. »Wenn du mochtest, Tikkirej, kannst du in dein ehemaliges Hauschen ziehen. Es ist frei. Ubrigens, vor kurzem kam ein Brief vom Ministerium fur Migration.«

»Ich… ich hole ihn nachher ab«, murmelte ich und sprang ins Freie.

Lion konnte ich kurz noch sehen — er sturzte gerade durch die Tur seines Cottage.

Wie Lion wohl von seiner Mutter aufgenommen wurde? Sie war doch ebenfalls durch Inej zum Zombie geworden…

»Idiot!«, beschimpfte ich mich selbst. »Sie ist trotzdem eine Mutter!« Ich bekam auch einige Zuwendung von Missis Anabell ab. Naturlich viel weniger als Lion. Die Mutter versuchte ihn sogar zu baden — Lion musste sich mit den Handen im Turrahmen verbarrikadieren und schreien, dass seine Mutter nicht ins Bad kommen solle. Trotzdem umarmte Missis Anabell auch mich und Tranen traten ihr in die Augen, als sie sah, wie »dunn und zerkratzt« ich doch war. Danach gab sie mir ein gro?es Stuck Fleischpastete. Im Haus begann ein totales Durcheinander. Lions kleiner Bruder begann zu brullen, weil er ihn inzwischen vergessen hatte und nicht glauben wollte, dass das sein Bruder sei. Das Schwesterchen wiederum forderte weinerlich, dass Lion so schnell wie moglich aus dem Badezimmer kommen sollte und hammerte mit den Fausten an die Tur. Missis Anabell schwirrte in der Kuche umher, stellte etwas in die Mikrowelle, schaltete die Backrohre ein, rief ihren Ehemann an, danach etliche Freundinnen und berichtete allen, dass sich ihr Sohn wieder eingefunden hatte. Ich ging leise auf die Veranda und setze mich auf das von der Sonne aufgeheizte Gelander. Kurz darauf erschien Lions Bruderchen. Er hatte aufgehort zu weinen, setzte sich moglichst weit von mir entfernt auf den Fu?boden und begann mit seinen Autos zu spielen. Ich schaute ihm zu und grubelte daruber nach, warum Lions Eltern total normal geblieben waren. Ihnen war nichts Schlimmes widerfahren. Vielleicht war Inej auch gar nicht so schlimm — sie hatten halt alle einen Hau weg wegen des Imperiums. Aber in allen anderen Belangen verhielten sich die Leute normal.

»Peng, peng!«, spielte Lions Bruder und lie? die Autos zusammensto?en. In seiner Phantasie waren das offensichtlich gar keine Autos, sondern Kampfraumschiffe.

»Da hast du es, du verfluchter Imperier… Frau Prasident, der Auftrag ist ausgefuhrt…«

Aha, also hat man auch schon die Kleinsten manipuliert… Na und? Im ubrigen Imperium spielen die Kinder auch Krieg, nur dass bei ihnen die Armee des Imperiums siegt.

»Zu Befehl, Oberkommandierende!«, rief der Junge. »Der Feind wird vernichtet!«

Er erhob sich, warf ein Auto auf den Fu?boden und fing an, es kraftig mit seinen Fu?en zu bearbeiten. Zuerst dachte ich, dass er wegen Lions Auftauchen so uberdreht ware und erneut in Schreie, Tranen und Geheul ausbrechen wurde. Bei Kleinen passiert das manchmal, besonders, wenn sie sehr verwohnt sind.

Er hatte aber uberhaupt nicht vor zu weinen oder zu schreien.

Er zertrampelte das Auto. Unnachgiebig und konzentriert wie ein Erwachsener. Trat mit seinem kleinen Fu?chen in der winzigen Sandale, stampfte ununterbrochen auf das Plastikgehause. Das Spielzeug war stabil, der Konstrukteur kannte sich offenbar mit ungezogenen Kindern aus. Die Erwachsenen erwarteten jedoch nicht, dass kleine Kinder so ausdauernd sein konnten. Er stampfte und trat, schnaufte vor Anstrengung, drehte das Auto um, als es in die Ecke rutschte und trat abwechselnd mit Ferse und Fu?spitze zu.

Endlich zersplitterte das Gehause und zerfiel in kleine, runde Stucke. Es war ein spezieller Sicherheitskunststoff fur Kinderspielzeuge. Daraufhin setzte sich der Kleine wieder auf den Fu?boden und wollte seine Sandalen ausziehen.

Ich sprang vom Gelander, setzte mich neben ihn und half ihm dabei.

»Mein Fu? tut weh«, sagte der Kleine, wobei er mich bose anschaute und seine Ferse rieb.

»Warum hast du denn so fest zugetreten, du Dummerjan?«, fragte ich.

»Ich bin kein Dummerjan«, emporte er sich. »Ich bin Sascha.«

»Tja, warum hast du denn so stark zugetreten, Sascha?«

»Das sind die Feinde, die Imperier«, erklarte er bereitwillig. »Du bist selbst ein Dummerjan. Das sind namlich General Wolodja Ichin und Professor Edikjan von der Bastion, sie sind die schlimmsten Imperier.«

Ich erinnerte mich an den Trickfilm »Die Bastion des Imperiums« und dessen Helden: den mutigen Wolodja Ichin, der zwischen den Sternen auf einem Zauberpferd ritt, und den weisen Professor Gewa Edikjan, der auf einer Bastion lebte und die ganze Zeit uber geniale Ideen hatte. Uberall verteidigten sie das Imperium und besiegten alle Feinde. Das zeigt, dass auch dieser Trickfilm auf Inej produziert worden war. Er wirkte, als wurde er das Imperium in den Himmel heben, in Wirklichkeit wurden alle kleinen Kinder gegen das Imperium aufgehetzt. Ich hatte mir diesen Trickfilm auch angesehen! Aber nur ganz selten, weil er fur sehr kleine Kinder war. Wenn ich mehr geschaut hatte, hatte sich auch in meinem Kopf das Programm festgesetzt…

Vielleicht ist es auch in meinem Kopf und hat nur wegen des alten Neuroshunts nicht funktioniert? Und wenn es aktiviert wurde — finge ich dann sofort an, das Imperium, den Avalon und Stasj zu hassen? Und auch die lustigen Strichmannchen aus dem Zeichentrickfilm?

»Warum sagst du nichts?«, wollte Sascha wissen.

»Ich denke nach«, erwiderte ich. »Konnte man die Feinde denn nicht gefangen nehmen?«

»Das geht nicht! Sie fliehen immer aus der Gefangenschaft«, erlauterte der Junge. »Spielst du mit mir?«

»Ich bin schon gro?«, sagte ich. »Ich spiele nicht mehr mit Autos.«

Sascha diskutierte nicht. Fur ihn war ich wirklich gro?.

»Tikkirej!«, rief mich seine Mutter. »Komm rein!«

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