Ich legte mich auf den Rucken und schaute zur Decke.

Nein, ich nahm es ihm nicht ubel. Ich dachte daruber nach, was eigentlich schlimmer war: Wenn die Eltern sterben, damit sich in deinem Leben nichts verandert, oder wenn sie sich selbst so verandern, dass man am liebsten tot sein mochte.

Es ist bestimmt trotz allem besser, wenn sie leben!

»Tikkirej…«

»Es ist besser, solche zu haben«, sagte ich. »Ehrenwort.«

»Verzeih mir.«

»Ja… Aber sag das nie wieder, Lion!«

Er schluchzte schuldbewusst auf und warf sich unruhig hin und her. Dann sagte er: »Sie jagen mich doch noch aus dem Haus!«

»Lug nicht«, erwiderte ich. »Sie werfen dich uberhaupt nicht raus.«

Aber eigentlich hatte Lion Recht. Als wir am Tisch sa?en, hatten die Eltern ein Gesprach mit Lion begonnen. Dass sie noch »eine gewisse Zeit« in dem Motel wohnen wurden, weil viele Migranten vom Inej gekommen waren und der Wohnraum nicht ausreiche. Dass es aber unbequem fur Lion ware, jeden Tag von der Stadt zum Motel zu fahren. Deshalb ware es das Beste, wenn Lion in Agrabad zur Schule gehen wurde, in ein College fur Bauern- und Waisenkinder. An den Wochenenden konnte er dann seine Eltern besuchen. Das widersprach ihrem ganzen Verhalten derma?en, dass Lion zu geschockt war, um widersprechen zu konnen, obwohl ich an seiner Stelle auf alle Falle diskutiert hatte. Denn Mister Edgar fuhr ja so oder so jeden Tag nach Agrabad zur Arbeit, er hatte eine Beschaftigung in einem Betrieb fur kosmische Antriebe gefunden. Was wurde es ihm da ausmachen, Lion in die Schule zu bringen und wieder abzuholen?

»Sie wollen mich weghaben«, meinte Lion starrkopfig. »Und wei?t du, warum?«

»Warum denn?«

»Das ist alles wegen des Programms. Weil sie zu Zombies geworden sind! Warum haben denn Eltern Angst, ihre Kinder aus dem Haus zu lassen, besonders fur langere Zeit? Sie glauben immer, dass ihre Kinder noch klein sind, dass ihnen etwas passieren konnte.«

»Genau das sagt auch deine Mama…«

»Genau das denkt sie nicht!«, stie? Lion hervor und senkte seine Stimme. »Sie hat mich schon gro?gezogen, verstehst du das? Und meine Enkel hat sie erzogen. Sie ist schon daran gewohnt, dass ich erwachsen bin!«

»Wie meinst du das?«

»Na ja, also in meinem Traum…«

»Also das war ja in deinem. Woher willst du wissen, was deine Mutter getraumt hat? Sie erinnert sich ja an nichts, hat alles vergessen.«

»Vom Verstand her — hat sie es vergessen. Aber sie hatte auch einen Traum. Dass sie in der Foderation des Inej wohnen wurde. Dass ich erwachsen war, sie in einem Rustungsbetrieb arbeitete, dass Sascha im Krieg gefallen war… oder ich… Danach hat sie naturlich alles vergessen. Aber im Unterbewusstsein sind diese Erinnerungen wach. Deshalb macht es ihr uberhaupt keine Probleme, mich wegzuschicken.«

Vielleicht war es wirklich so. Ich schwieg und Lion fuhr hitzig fort: »Verstehst du, was dieser Inej anrichtet? Er zwingt die Leute, ein fremdes Leben zu fuhren, so wie es Inej wunscht. Und wenn man einen Menschen das ganze Leben lang zwingt, etwas zu tun, gewohnt er sich daran, es wird zu einem Reflex. So ist das namlich…«

»Vorhin warst du nicht der Meinung, dass das schlecht ware«, warf ich ein.

»Weil ich blod war«, nuschelte Lion. »Ich mochte, dass sie wieder wie fruher werden! Selbst wenn ich dann was abkriegen sollte, aber sie wurden sich nicht freuen, dass ich in eine ›gute Schule‹ komme.«

»Lass uns lieber daruber nachdenken, was aus Tien wird!«

Lion rutschte unruhig hin und her. »Wenn wir zum alten Semetzki Verbindung aufnehmen konnten…«

»Und dann? Konnen etwa zwanzig Madchen Tien befreien?«

»Konnen es denn zwei Jungs?«

»Ich habe die Peitsche!«, erinnerte ich ihn.

»Ha!«, stie? Lion verachtlich aus. »Er hat einen Peitsche! Ohne Energie…«

»Fur kurze Zeit kann man eine beliebige Batterie einsetzen. Sogar eine vom Fotoapparat.«

Lion schwieg. Dann dachte er laut:

»Sogar wenn du eine richtige Peitsche hattest und ich eine Neutronenkanone, wurden wir nichts machen konnen. Der Platz vor dem Sultanspalast ist im Stadtzentrum. Ringsherum werden Wachen stehen. Und dazu noch die Menschenmasse. Und in der Menge sind alle Zombies. Sie werden sich in deine Peitsche werfen, um fur Inej zu sterben.«

»Und wenn diese — Herrscherin bei der Urteilsverkundung anwesend sein wird? Man konnte sie als Geisel nehmen…«

»Sie kann nicht getotet werden«, wandte Lion ruhig ein. »Das wei? ich genau. Sie ist uberall und unsterblich.«

»Wer ist sie denn, etwa Gott? Das ist doch alles Propaganda!«

»Vielleicht ist es Propaganda, aber das wird nicht funktionieren«, erwiderte Lion ruhig. »Ich erinnere mich an einen derartigen Vorfall… Also, im Traum… Die Soldaten des Imperiums nahmen die Herrscherin gefangen, um Inej zu besiegen. Sie aber lachte ihnen ins Gesicht und befahl, auf ihr Raumschiff zu schie?en… Kurz gesagt, das Raumschiff mit ihr und den Soldaten des Imperiums explodierte. Am nachsten Tag trat die Herrscherin im Fernsehen auf und verkundete, dass alles in Ordnung sei und auch in Zukunft so verfahren werden wurde.«

»Aber das kann doch nicht sein!«, stie? ich hervor.

Lion holte nur tief Luft.

So kamen wir zu keinem Entschluss. Und schliefen ein.

Am Morgen ging es wirklich nach Agrabad. MisterEdgarsAutowareineverschlissene, stromlinienformige, geglattete »Plastikmuhle«. Diese Autos wurden gar nicht richtig repariert; wenn etwas kaputtging, wurden sofort ganze Blocks ausgewechselt: der Motorblock, der Navigationsblock, der Block mit den Vordersitzen, der Raderblock…

»Ein sehr sparsames Auto«, erklarte uns Mister Edgar und setzte sich auf den Fahrersitz. »Habt ihr Platz? Ist es euch nicht zu eng?«

»Ist okay«, sagte Lion. Im Auto war es sehr ungemutlich, sogar wir stie?en mit den Knien an die Vordersitze, aber eine entsprechende Bemerkung war sinnlos. Solche Autos wurden auf Inej produziert. Und das bedeutete automatisch, dass sie gut waren.

»Lern flei?ig!«, gab Missis Anabell Lion mit auf den Weg. »Du hast viel verpasst, du musst aufholen. Fang keine Schlagerei an, wenn es nicht unbedingt notwendig ist. Halte dich an Tikkirej, er ist ein starker Junge und kann dich verteidigen. Achtet eure Freundschaft, helft euch und steht fureinander ein! Das sind die heiligsten Werte, die es gibt. Wasch dich auf alle Falle zweimal am Tag, du wei?t ja, dass auf dem Planeten aller mogliche Schmutz herumfliegt.«

Lion nickte und wurde knallrot. Er schamte sich fur seine Mutter, aber es war nicht zu andern.

»Bring mir einen Strahlenwerfer mit«, wurde Lion von seinem Bruder gebeten.

Bei Sascha explodierte Lion dann endlich. Er gab ihm einen Klaps auf den Hinterkopf und fauchte: »Spiel mit Bauklotzen!«

Unerwartet bekam er Unterstutzung von seiner Mutter: »Sascha, sag keine Dummheiten! Lion ist doch noch kein Soldat, er fahrt in die Schule, um zu lernen. Er wird dir ein Buch mitbringen. Lion, bring ihm ein Buch mit, okay?«

»Uber Spione«, konkretisierte Sascha wichtigtuerisch. Und erst danach erinnerte er sich an den Klaps und begann zu wimmern.

Nur Lions Schwester schien wirklich darunter zu leiden, dass der gerade zuruckgekehrte Bruder sie schon wieder verlie?. Sie stand da, zog die Stirn in Falten und bohrte mit der Fu?spitze Locher in den Sand des Weges. Deshalb schaute ich lieber nur auf Polina. Aber dann fiel mir ein, dass das auch eine vom Inej aufgezwungene Rolle sein konnte: Die Eltern mussen ihre heranwachsenden Kinder frohlich ins Erwachsenenleben verabschieden, die Jungs darum bitten, eine Waffe oder Bucher uber Spione mitgebracht zu bekommen, und die Madchen einfach traurig sein.

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