Aber es sind doch nicht alle so! Semetzki sagte, dass etwa funfzehn Prozent normal geblieben waren! Wo steckten sie nur?

»Meine Liebe, wir fahren jetzt!« Edgar lehnte sich leicht aus dem Autofenster, Anabell lachelte breit und kusste ihn schnell und akkurat auf die Wange.

Lion wandte sich ab.

Als wir auf den Ausgang des Gelandes zufuhren, erinnerte ich mich an den Brief aus dem Ministerium fur Migration.

»Mister Edgar, halten Sie kurz an«, bat ich. »Ich muss einen Brief abholen — wegen der Staatsburgerschaft.«

Er schaute unwillig, fuhr aber an den Stra?enrand und hielt an.

»Ich beeile mich«, sagte ich schuldbewusst. »Bin gleich wieder da.« Und ich lief schnell zum Verwaltungsgebaude.

Anna arbeitete auch heute. Ich gru?te sie, und sie griff, ohne zu fragen, in den kleinen Wandsafe, um den Brief zu holen.

»Gleich, Tikkirej, irgendwo hier muss er sein…«, murmelte sie. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, der Safe war weit oben angebracht.

Ich wusste nicht, warum es aus mir herausdrangte, als ich bemerkte: »Aber Sie sind normal.«

Das Madchen horte fur einen Augenblick auf, im Safe herumzukramen. Dann fand sie den Umschlag und reichte ihn mir:

»Und du bist auch nicht hirnamputiert, Tikkirej.«

»Hirnamputiert?«

Sie nickte. »So nennen wir die, die in der Nacht des Uberfalls eingeschlafen sind. Hirnamputierte…«

Ich erstarrte. Ich stand da und blickte Anna an. Sie sah nicht wie ein feindlicher Agent aus. Aber auch nicht wie eine Untergrundkampferin. Endlich fragte ich: »Wer ist das: Wir?«

»Die, die nicht eingeschlafen sind. Ungefahr jeder Zehnte«, erlauterte Anna. »Der Besitzer des Motels, Mister Parkins, ist auch kein Hirnamputierter. Und unser Elektriker…«

»Also, Sie…« Ich war ganz durcheinander. »Und was machen Sie alle?«

»Wir leben.« Sie lachelte. »Tikkirej, hab keine Angst. Hier passiert nichts Schlimmes. Nur dass der gro?te Teil der Leute Untertanen des Inej geworden sind. Na und?«

»Wie ›Na und‹?«, regte ich mich auf. »Sie sind doch jetzt alle ganz anders!«

Anna holte Luft und zeigte mit ihren Augen auf das Sofa. Ich nahm Platz und sie setzte sich neben mich.

»Tikkirej, vielen hat es gutgetan. Ich habe zum Beispiel einen Freund, er… Na ja, fruher haben wir uns oft gestritten. Wegen jeder Kleinigkeit…« Sie wirkte unsicher. »Dafur ist jetzt bei uns alles in Butter. Viel besser als fruher! Und meine Eltern wollten sich scheiden lassen, Vater wollte eine zweite Frau nehmen, Mutter war dagegen. Jetzt verstehen sie sich wieder.«

»Deine Mutter ist nicht mehr dagegen?«, fragte ich bosartig. Es war mir unverstandlich, woher meine Wut kam.

Nun wurde es Anna zu viel: »Tikkirej! Wie kannst du nur!?«

»Entschuldigen Sie«, murmelte ich.

»Die Vielweiberei wurde bei uns abgeschafft«, erlauterte Anna. »Und uberhaupt lieben sich jetzt alle: Die Ehemanner lieben ihre Ehefrauen und die Ehefrauen ihre Ehemanner. Die Saufer haben aufgehort zu trinken. Die Kinder schwanzen nicht mehr die Schule. Derjenige, der Bestechungsgelder nahm, hat sich dazu bekannt; wer keine Steuern gezahlt hat, hat dem Staat seine Schulden uberwiesen.«

»Aber das ist doch alles aufgezwungen!«, schrie ich fast. »Die Leute haben eine Gehirnwasche erhalten, verstehen Sie das denn nicht?«

»Das war irgendeine Waffe«, stimmte Anna zu, »die auf Inej entwickelt wurde. Sicherlich! Na und? Ist das nicht egal? Ist es nicht egal, Tikkirej, wer bei den Menschen der Hochststehende ist, der Imperator oder Inna Snow? Also mir ist das vollig egal. Hauptsache, mein Freund nimmt keine Drogen. Und Vater und Mutter streiten sich nicht. Und die Menschen achten sich gegenseitig!«

»Wenn es eurer Inna Snow morgen einfallen sollte, dass alle auf den Handen laufen und Spinnen essen mussen, waren Sie dann auch einverstanden?«

Anna lachte nur: »Tikkirej, ihr habt euch im Wald Schauergeschichten ausgedacht. Inna Snow ist eine intelligente Frau. Niemand macht etwas Schlechtes. Das Imperium dagegen…«

»Es wird also Krieg gegen das Imperium geben, oder ist das auch eine Schauergeschichte?«, wollte ich wissen.

»Es wird uberhaupt keinen Krieg geben«, erwiderte Anna uberzeugt. »Alle Planeten werden sich Inej anschlie?en. Nach und nach. Wir werden eine Herrscherin an Stelle des Imperators haben. Die Menschen werden sich besser zueinander verhalten. Und mehr nicht. Wenn es doch einen Krieg geben sollte, dann wird es ein gewaltloser.«

Ich neigte zweifelnd meinen Kopf. Sie verstand gar nichts. Niemand sah sich mehr die hinterhaltigen Fernsehserien vom Inej an. Die Radioshunts waren jetzt bei allen blockiert. Die Wissenschaftler suchten nach einem Weg, um die »Hirnamputierten« zu heilen. Also wird es Krieg geben.

»Tikkirej, warum schaust du so beleidigt?« Anna tatschelte meinen Kopf. »Wenn du in die Stadt fahrst, wirst du selbst sehen, wie positiv sich alle verandert haben.«

»Sie konnen mich ruhig verpfeifen«, sagte ich, »aber es war trotzdem ein hinterhaltiger Uberfall!«

»Ich habe nicht vor, dich anzuschwarzen«, meinte Anna wieder ganz frohlich. »Ich bin ja nicht hirnamputiert. Obwohl denen eigentlich alles egal ist. Benimm dich normal — und du wirst keine Schwierigkeiten bekommen.«

Die Tur wurde geoffnet.

»Tikkirej!«, rief Lion argerlich. »Papa ist sowieso schon spat dran!«

Wie ich mich uber sein Erscheinen freute!

»Entschuldigen Sie bitte, ich muss los.« Ich sprang auf und druckte den Briefumschlag an mich. »Auf Wiedersehen.«

»Viel Erfolg, Tikkirej«, erwiderte Anna freundlich. »Denk nicht so viel nach! Alles wird gut!«

Mit diesen Begleitworten rannten wir zum Auto.

»Wovon hat sie gesprochen?«, fragte Lion unterwegs. »Mein Vater ist ganz nervos.«

»Ich erzahl es dir spater«, sagte ich kurz. »Mister Edgar, entschuldigen Sie, wir konnten das Schreiben nicht finden.«

Mister Edgar schuttelte vorwurfsvoll den Kopf. Wir hatten noch nicht die Turen geschlossen, als das Auto schon losfuhr.

»Na, was ist drin?« Lion griff nach dem Briefumschlag.

Ich riss das feste Papier auf. Im Innern fand ich ein Schreiben mit schoner Unterschrift, Siegel und eine kleine Plastikkarte. Auf der Suche nach der Hauptaussage fing ich schnell an zu lesen: »›Sehr geehrter… auf Ihren Antrag… entsprechend dem Einwanderungsgesetz‹ … Hurra!«

»Genehmigt?«, fragte Lion.

Eigenartig. Was interessierte mich jetzt noch die Staatsburgerschaft von Neu-Kuweit? Ich hatte ja bereits die Staatsburgerschaft des Avalon, eine der prestigetrachtigsten, besser war nur die der Erde oder des Edem. Zumal Neu-Kuweit von Inej erobert war, dessen Staatsburgerschaft in der Galaxis wenig geschatzt wurde.

Aber trotzdem war ich zufrieden. Sehr zufrieden. Denn diese Staatsburgerschaft verdankte ich mir selber. Ihretwegen hatte ich Karijer als Modul verlassen. Ich hatte riskiert und gewonnen. Wenn es Inej nicht gabe, wie glucklich ware ich jetzt! »Mister Edgar, schauen Sie nur!« Ich zeigte ihm meine Karte. Darauf waren mein Foto, der Name, der Biodetektorchip und ein langer Strichcode.

»Gluckspilz«, au?erte Lions Vater trocken. Er war sauer wegen der Verspatung. »Ich hoffe, Tikkirej, dass du jetzt verantwortungsbewussterundernsthafterwirst. Einverstanden?«

»Einverstanden«, erwiderte ich. Und dachte: Soll er sich ruhig freuen.

Er hatte ja keine Schuld daran, dass sein Gehirn eingefroren war.

»Das Leben besteht nicht nur aus Freude und Abenteuern«, fuhr Mister Edgar fort. »Das muss man rechtzeitig erkennen. Jetzt vergehen die Tage fur dich schnell, aber die Jahre ziehen sich. Du wirst erwachsen und

Вы читаете Das Schlangenschwert
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату