Sogar auf Neu-Kuweit gab es nette Leute, die sich um mich kummerten. Nicht, weil ihnen das Gehirn amputiert wurde und sie gezwungen wurden, sich nett zu verhalten, sondern einfach so.

»Ich werde nichts sagen«, versprach ich.

»Das ist hervorragend.« Die Direktorin wandte sich Edgar zu: »Ich sehe, dass Sie in Eile sind. Fahren Sie nur. Es ist alles in Ordnung.«

Mister Edgar umarmte Lion so schnell, als wurde er sich verbrennen, klopfte mir auf die Schulter und verlie? uns.

»Und wir sehen uns jetzt das College an«, teile Miss Neige mit. »Der Unterricht beginnt bei uns gleich am Morgen, aber ich gebe euch heute einen Tag frei. Schaut euch im College um, macht einen Spaziergang durch die Stadt… ihr wart doch noch nicht in Agrabad, ihr Weltreisenden?«

»Nein«, erwiderte ich. Wieder kamen wir auf gefahrliche Themen.

»Und was hat euch in den Wald verschlagen?«, fragte die Direktorin, wobei sie uns um die Schultern fasste und abwechselnd mir und Lion in die Augen schaute. »Ich verstehe schon — Abenteuer, freies Leben, aber trotzdem?«

»Wir hatten Angst«, begann ich. »Alle lagen da wie versteinert…«

Miss Neige schuttelte den Kopf. »Phantasten… ist schon gut, Kinder, was war, ist gewesen. Wir werden die Sache ruhen lassen, einverstanden?«

Hirnamputiert. Sie glaubt uns also nicht, das hei?t, sie ist hirnamputiert.

»Gut, seien wir ehrlich«, gab ich mein Einverstandnis. »Wir wollten einfach ein paar Tage wie die Urmenschen leben, im Wald. Dann haben wir uns verlaufen.«

»Wir unterrichten hier im Sportunterricht Orientierung im Gelande«, beruhigte uns die Direktorin. »Und ihr werdet richtige Exkursionen machen. Aber jetzt zeige ich euch den Bereich Bombay. Dort wohnen die Jugendlichen im Alter von zwolf bis vierzehn Jahren.«

Kapitel 5

Indien schien ein interessantes Land. Im Bereich Bombay waren alle Wande mit altertumlichen indischen Malereien bedeckt, grell und geheimnisvoll. Manche der abgebildeten Menschen hatten eine blaue Hautfarbe, manche vier oder sechs Arme. Dazu waren wunderliche Tiere dargestellt — Elefanten, die es nur auf der Erde gibt. Ich erinnerte mich dunkel daran, dass Elefanten fliegen konnen. Das hatte ich in einem Zeichentrickfilm fur Kinder gesehen. Ob das aber wirklich so war? Es war mir peinlich, danach zu fragen!

Au?erdem gab es viele Wintergarten mit uppiger tropischer Vegetation und lebenden Vogeln. Das Sportareal befand sich unter der Erde, dorthin begaben wir uns in einem geraumigen Fahrstuhl. Hier besichtigten wir mehrere Schwimmbader, ein gro?es Feld fur Ballspiele und einen Raum fur Leichtathletik. Im Schwimmbad trainierten gerade die Jungen, auf dem Feld spielten die Madchen Volleyball.

Wir wurden angeschaut, aber niemand naherte sich uns. Bestimmt deshalb, weil wir mit der Direktorin zusammen kamen.

»Das College Pelach hat sich zum Ziel gesetzt, die zukunftigen Mitarbeiter der Regierung, die Manager von Firmen und Unternehmen sowie die kunstlerische Intelligenz zu erziehen«, erlauterte Alla Neige vertraulich. »Das hei?t also die Elite. Bei uns ist alles vom Feinsten.«

»Das bedeutet, die Ausbildung bei Ihnen ist sehr teuer?«, erkundigte ich mich.

»Sie wird teilweise vom Staat bezahlt«, wich die Direktorin aus.

Ich beharrte auf eine Antwort: »Und wer bezahlt fur uns?«

»Das College. Wir haben Fonds fur begabte Schuler.«

Lion und ich sahen uns an.

»Wir sind begabt?«, fragte Lion zweifelnd.

Wir gingen zum Fahrstuhl zuruck und fuhren wieder in unseren Wohnbereich. Anna Neige war unsicher, weil sie uns nicht belugen wollte, jedoch auch nicht die ganze Wahrheit eroffnen durfte.

»Ihr seid etwas Besonderes«, au?erte sie endlich. »Ihr habt ein ungewohnliches Verhalten gezeigt.«

»Weil wir in den Wald gegangen sind?«, fragte Lion.

»Ja. Das neue Imperium braucht solche Leute wie euch. Als meine Tochter mir uber eure Ruckkehr berichtete, dachte ich sofort, diese Jungs musste ich zu uns holen.«

Neige betrachtete uns wieder mit ihrem gutmutigen Lacheln.

Und ich dachte: Sie gehort durchaus nicht zu den Hirnamputierten. Sie umgeht es, den Tag zu erwahnen, an dem Inej den Planeten erobert hatte.

Alla Neige fuhrte uns noch durch den Schulbereich von Bombay. Danach uberreichte sie uns den Schlussel zu unserem Zimmer. Hier gab es keine Schlafsale, wie in den einfacheren Colleges, sondern Zweibettzimmer. Dann verlie? sie uns.

Wir blieben allein in der Mitte des Korridors — bedruckt, verloren und angespannt. Mir gefiel das, was hier passierte, immer weniger. Wie schon ware es, wenn wir jetzt durch den Wald zogen, Fische fingen und in Hutten schliefen…

»Schauen wir uns das Zimmer an?«, fragte Lion.

Die Unterkunft gefiel uns. Das Zimmer wirkte, als bestunde es aus zwei Dreiecken, die diagonal geteilt waren: In jedem Dreieck standen ein Bett, ein Schrank und ein Schreibtisch. In einem Teil war alles orange — auch der Teppich, die Tapeten hatten ein orange Muster und sogar die Bettwasche war orange. Im anderen war alles dunkelblau. Auf den Schreibtischen standen teure Laptops mit einem starken Akku, einem hervorragenden Bildschirm und einer holographischen Tastatur sowie alle Gerate fur das Schreiben von Hand. Das hei?t, hier erwartete uns ein klassischer Unterricht. Zusatzlich fanden wir noch alle moglichen Kleinigkeiten fur die Schule.

»Ich kann gut handschriftlich schreiben«, brustete sich Lion.

Ich konnte es auch, wusste aber nicht, wie gut, und gab lieber nicht damit an.

»Welche Halfte nimmst du?«, wollte Lion wissen.

»Die orange«, erwiderte ich.

»Die blaue«, wahlte Lion. »Prima. Mann, was fur eine schone Aussicht…«

Das Fenster war in seiner blauen Zimmerhalfte. Dafur war in meiner Halfte die Badtur. Das Bad war klein, aber sehr komfortabel.

Wir schauten aus dem Fenster. Von unserer funften Etage sah man den ganzen Garten um das College herum, ebenfalls die Stra?en und eine sehr schone Moschee auf der gegenuberliegenden Seite.

Ich schaute Lion fragend an.

»Gehen wir«, sagte er. Uns beiden war klar, dass man sich hier uber nichts Wichtiges unterhalten sollte. In allen Colleges gab es Abhoreinrichtungen, manchmal auch Videokameras, damit die Schuler nicht uber die Strange schlugen.

Vorher schaute ich noch schnell in den Schrank und fand dort zwei Schuluniformen. Eine fur jeden Tag mit dunkelblauen Hosen und Anzugjacke, einem hellgrauen Hemd und einem Schlips mit dem Zeichen des Bereichs Bombay — einem Elefanten, der den Russel hebt, sowie Kappi und Schuhe. Die zweite Garnitur war ahnlich geschnitten, nur dass Anzug und Hemd wei? waren.

Lion fand die gleiche Kleidung in seiner Garderobe. Er zog sich sofort aus und probierte den Anzug an.

»Hor mal, das ist meine Gro?e, passt genau!« Er freute sich.

Ich probierte ebenfalls meinen Anzug an. Er sa? wie angegossen, als ob man ihn fur mich genaht hatte.

»Na ja, sie kannten ja unsere Gro?e, unser Gewicht«, meinte Lion unsicher und schaute mich an. Er war barfu?, nur in Hosen, und drehte sich, um festzustellen, ob nicht irgendwo etwas druckte oder flatterte.

»Und au?erdem wussten sie, welche Farbe wir wahlen wurden«, stimmte ich zu. »Komm, wir ziehen das spater an!«

Lion nickte. Eine Wanze in der Hemdennaht oder in einem Schuh zu verstecken war sehr einfach. Wir wurden sie nicht finden. Die Wanze konnte wie ein normaler Faden aussehen und die Informationen einmal am Tag als chiffrierten Datenstrom weiterleiten. Kein Detektor konnte sie orten.

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