alles kehrt sich um. Die Tage ziehen sich ewig und endlos, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang ist es eine ganze Ewigkeit. Und die Nacht ist wie eine doppelte Ewigkeit. Dafur fliegen die Jahre nur so an dir vorbei, von Geburtstag zu Geburtstag, von Silvester bis Silvester. Und die ganze Zeit uber fehlt etwas, eine Minute, Stunde, ein Tag, ewige Zeitnot…«
Mir wurde unheimlich zumute.
Mir wurde wirklich unheimlich zumute.
Jetzt war Lions Vater ganz anders. Nicht wie vor dem Uberfall des Inej und nicht wie ein Fremder, eine Person aus einer Fernsehserie. Als ob ihn etwas qualen wurde, etwas aus ihm herausdrangen wollte, das aber nicht schaffte…
»Papa«, sagte Lion leise.
Mister Edgar schuttelte sich und wandte seinen Blick einen Augenblick lang von der Stra?e. Dann sagte er mit veranderter Stimme: »Deshalb, Tikkirej, sollte man sich zusammenrei?en! Und dich, mein Junge, betrifft das genauso!«
Das war alles. Und er wurde wieder zum Gehirnamputierten.
»Papa, hast du manchmal ein Deja-vu?«, fragte Lion. »Als ob alles schon einmal geschehen ware? Als ob wir hier bereits fruher gefahren waren, uns unterhalten hatten, als ob wir unser Leben schon gelebt hatten?«
»Naturlich«, erwiderte er besinnlich. »Das ist bei allen so. Das ist vollig normal, davor braucht man keine Angst zu haben. Du kannst mit dem Schulpsychologen daruber sprechen, er wird es dir erklaren.«
Lion horte auf zu fragen.
Bald darauf, nachdem wir ein paar Mal abgebogen waren, naherten wir uns einem langen niedrigen Gebaude, das von einem Park umgeben war. Das Gebaude war vollstandig mit hellen, verschiedenfarbigen Klinkern verkleidet, uber das Dach erhoben sich Turmchen und Kuppeln. Trotzdem stromte es wie jedes beliebige Schulhaus Langeweile aus.
Mister Edgar teilte diese Meinung ubrigens nicht.
»Schon, nicht wahr?«, meinte er. »Wie in dem Marchen, das ich dir fruher vorgelesen hatte. Erinnerst du dich, Lion?«
»Ja«, erwiderte Lion und erganzte skeptisch: »Es ist aber uberhaupt nicht ahnlich!«
Sein Vater parkte am Eingang, indem er sein Auto mit viel Muhe zwischen zwei Schulbussen abstellte. Wir stiegen aus und sahen uns um.
Nein, irgendwie hatte Lions Vater Recht. Ein schones Gebaude. Meine Schule auf Karijer war wie alle Verwaltungsgebaudeeinganzgewohnlicher Standardplattenbau. Auch die Schule auf Avalon war bescheidener. Au?erdem gab es hier sehr viele Blumen, die in runden Gefa?en um die Springbrunnen herum wuchsen, und Fu?gangerwege, die mit feinem Kies bestreut waren. Nicht wie gewohnlich grau, sondern golden und beige. Lion nahm die Tasche mit seinen Sachen, ich hatte kein Gepack. Ich hatte zwar gestern Kleider zum Wechseln bekommen, aber niemand hatte mir etwas zum Mitnehmen angeboten. Bei den Gehirnamputierten gibt es wahrscheinlich Aussetzer. Sie wissen, wie man sich richtig verhalt, aber Kleinigkeiten werden schnell vergessen.
Am Eingang sa? ein Wachmann in einem Glashauschen, der uns weder ansprach noch anhielt. Wir gingen auf einer breiten Treppe in den zweiten Stock und kamen zu einer altertumlichen, nicht automatischen Flugeltur.
Lions Vater schaute nervos auf die Uhr, offnete die Tur, schaute hinein und fragte unterwurfig: »Herr Sekretar?«
Ihm wurde geantwortet, er schob uns durch die Tur und trat nach uns ein.
Wir befanden uns in einem Empfangszimmer. Ein junger, pickliger Bursche, nicht alter als sechzehn Jahre, sa? vor einem Display und schrieb. Uns warf er einen kurzen Blick zu und vertiefte sich wieder in den Bildschirm. Ich schaute genauer hin und bemerkte, dass er eine lustige Tastatur benutzte: eine holographische, die schwach in der Luft uber dem Schreibtisch flimmerte. Aus unserem Blickwinkel war die Tastatur fast nicht zu erkennen. Es sah aus, als ob der junge Mann in der Luft mit den Fingern wackeln wurde, gar nicht wie Arbeit.
»Tikkirej…«, flusterte Mister Edgar entnervt und ich folgte ihm. Der junge Mann arbeitete weiter. Das war sicherlich ein alterer Schuler, der sich etwas dazuverdiente. Warum arbeitete er nicht uber den Neuroshunt? Diese holographischen Tastaturen gibt es normalerweise an offentlichen Stellen, um nicht onlinegehen zu mussen.
Die Tur zum Empfangszimmer des Direktors war ebenfalls aus Holz und machte Eindruck. Mister Edgar klopfte, wartete auf Antwort und wir gingen hinein.
»Frau Direktorin?«, fragte Lions Vater mit derselben unterwurfigen Stimme.
»Herein, herein!« Die Direktorin erhob sich hinter dem Schreibtisch. »Das ist sicher Ihr Sohn? Wie er seinem Vater ahnelt… Guten Tag, Lion!«
»Guten Tag!«, sagte Lion ziemlich bedruckt. Er machte sich sicherlich Gedanken wegen seines Vaters.
»Und du bist Tikkirej? Guten Tag, Tikkirej. Machen wir uns bekannt! Ich hei?e Alla Neige.«
Die Direktorin war eine kleine, zierliche Frau mittleren Alters. Mit einem sympathischen, guten Gesicht und lachelnden Augen, sodass es die ganze Zeit schien, als ob sie gleich loslachen wurde. Sie verstand es ausgezeichnet, gleichzeitig mit uns allen zu sprechen.
»Machen Sie sich keine Sorgen, ich habe den Jungs bereits ein Zimmer besorgt, im besten Gebaude.« — Das galt Edgar.
»Konntest du einen Vortrag halten uber das Leben auf einer Raumstation? Niemand von unseren Zoglingen hat so lange im offenen All gelebt.« — Das betraf Lion.
»Ich habe erfahren, dass du bereits die richtige Staatsburgerschaft von Neu-Kuweit besitzt. Wir bemuhen uns, die Zoglinge mit Staatsburgerschaft als Sprecher der Lerngruppen einzusetzen. Bist du damit einverstanden?« — Das war fur mich.
Einige Minuten lang machten wir Smalltalk. Der traurige, picklige Sekretar kam mit einem Tablett voller Teegeschirr und Pralinen sowie einer Tasse Kaffee fur Mister Edgar herein. Edgar schaute betrubt auf die Uhr, setzte sich aber trotzdem und trank den Kaffee. Bei dieser Gelegenheit bekamen wir einen riesigen Prospekt »Das College Pelach«. Es enthielt eine Masse gro?formatiger Farbfotos: wie man hier lernt, lebt und Sport treibt.
Au?erdem wurde mitgeteilt, dass der Grunder des Colleges der gro?e indische Padagoge Sri Bharama war, der gegen Ende seines Lebens von Ganges-2 nach Neu-Kuweit umgesiedelt war. Deshalb war die Inneneinrichtung hier im nationalen indischen Kolorit gehalten (Indien ist ein uraltes Land auf der Erde). Die vier Teile des Colleges, jeweils fur verschiedene Altersklassen, wurden nach bedeutenden indischen Stadten benannt: Delhi, Kalkutta, Bombay und Peking.
Ich blatterte durch den Prospekt, als ob er mich interessieren wurde, aber in Wirklichkeit beunruhigte mich ein Gedanke. Woher wei? die Direktorin von meiner Staatsburgerschaft? Der Briefumschlag lag im Safe des Motels, von ihm wussten lediglich Edgar und Lion und Anna… Oh!
Ich hob den Kopf und schaute auf die Direktorin Neige.
»Hast du eine Frage, Tikkirej?«, fragte sie zartlich. »Frag nur, hab keine Angst.«
»Entschuldigen Sie, es geht nicht um das College. Haben Sie zufallig eine Tochter, die in dem Motel arbeitet?«, fragte ich.
»Tikkirej«, stohnte Edgar verzweifelt. »Was erlaubst du…«
»Das geht in Ordnung.« Die Direktorin Neige lachelte. »Tikkirej hat vollig Recht. Er meint Anna, nicht wahr?«
Ich nickte.
»Sie sind sich sehr ahnlich.«
»Du hast eine erstaunliche Beobachtungsgabe«, meinte die Direktorin. »Ja, so ist es. Sie war es auch, die Mister Edgar vorschlug, euch in meinem College unterzubringen. Es gilt als das beste auf dem Planeten. Du wirst mich nicht verraten, Tikkirej?«
Zuerst zuckte ich mit den Schultern, dann nickte ich.
»Sie rief mich vor cirka zwanzig Minuten an«, sagte die Direktorin mit gesenkter Stimme, als ob ihre Tochter sie horen konnte. »Du schienst etwas bedruckt zu sein und wolltest eigentlich nirgendwohin… Also bat sie darum, dir besonders viel Aufmerksamkeit zu widmen. Das ist eigentlich uberflussig, denn es gehort zu meiner Arbeit, aufmerksam zu sein. Aber verplappere dich nicht, dass du von diesem Anruf wei?t, okay?«
Miss Neige lachelte. Mir war es einerseits unangenehm — wozu nur diese Zartlichkeiten -, anderseits aber durchaus angenehm.
