»Ich komme!«, meldete ich mich und erbebte. Sie hatte mich fast wie meine Mutter gerufen! »Sofort…«
Lion sa? schon im Bademantel auf dem Sofa und seine Mutter naherte sich ihm gut gelaunt mit einer Haarschneidemaschine. Lion hatte bestimmt gewisse Vorahnungen, denn er forderte nachdrucklich: »Aber nicht wie das letzte Mal! Mama, nicht so kurz!«
»Schon gut!«, versprach seine Mutter beruhigend. »Nur dass dir die Haare den Mund nicht verdecken, sonst erstickst du noch daran.«
»Aber Mama!«, jammerte Lion. »Bis hier, nicht weiter!«
Missis Anabell zwinkerte mir zu wie eine Verschworerin.
Lion war auch wirklich ziemlich zugewachsen.
»Tikkirej, geh dich waschen, danach schneide ich auch dir die Haare. Ich habe dir ein frisches Handtuch hingehangt, das gro?e grune, du wirst es finden. Au?erdem habe ich saubere Kleidung fur dich bereitgelegt, T- Shirt und Slips sind neu, Hose und Hemd von Lion, aber gewaschen und gebugelt. Waschst du dir deine Haare selbst oder brauchst du Hilfe?«
»Mama!«, heulte Lion auf. »Tikkirej ist schon gro?! Und ich auch!«
»Fur eine Mutter seid ihr immer klein«, sagte Missis Anabell vorwurfsvoll. »Also, halt den Kopf still und mach die Augen zu.«
Die Maschine in ihrer Hand begann triumphierend zu summen.
Ich ging schnell ins Bad, damit sich Lion nicht noch einmal so aufregen musste. Ich drangte sein Schwesterchen, die am Waschbecken stand und ihre Hande unter einen Strahl kalten Wassers hielt, hinaus und schloss mich ein. Ich lie? Wasser in die Wanne und gab Schaumbad dazu.
Dann lehnte ich mich mit der Stirn an die gekachelte Wand und schloss die Augen. Das Wasser rauschte, hinter der Tur summte die Maschine. Lion beschwerte sich uber die kurze Frisur, seine Schwester quengelte.
Und ich erinnerte mich daran, wie ich Lions Eltern kennen gelernt hatte. Sie wussten, dass ich eine Waise war. Und dass ich kein Geld hatte. Und uberhaupt… dass ich hier vollig allein war. Aber sie sturzten sich nicht auf mich, um mich zu umarmen, zu kussen, zu baden, die Haare zu schneiden und mir Kleidung bereitzulegen.
Lions Mama hatte sich verandert. Sie war unwirklich. Vielleicht war sie jetzt sogar lieber und besorgter, aber sie hatte sich nicht von selbst geandert.
Sie war dazu gemacht worden.
Kapitel 4
Lion fiel anfangs gar nichts auf. Er freute sich einfach nur: uber Mamas Pastete, dass sich seine Schwester nach ihm gesehnt hatte, dass alle Verwandten lebten und gesund waren. Er schaute mich schuldbewusst und gleichzeitig triumphierend an. — Na also, siehst du! Es ist gar nichts Schlimmes passiert.
Missis Anabell sprach erst gar nicht uber das Imperium, und als Lion versuchte, das Gesprach auf den gefangenen Phagen, den Attentater, zu bringen, winkte sie nur uberdrussig ab.
Abends kam dann Mister Edgar.
»Papa!« Schluchzend lief Lion zur Tur. Ich wollte mich abwenden, schaute jedoch zu. Im Hals spurte ich ein Kratzen und Stechen.
Mister Edgar sah aus wie ein echter Nachfahre der Bewohner von Raumstationen, egal, was er von Kosmonauten hielt. Er war gro?, hager, mit langen, zupackenden Fingern, dunkelhautig, hatte einen Kurzhaarschnitt und leicht hervorstehende Augen. Er war luftig angezogen mit kurzarmeligem Hemd und Shorts. Das ist allen Kosmonauten eigen. Bei niedriger Gravitation auf der Raumstation frieren die Menschen, die Haut wird schlecht durchblutet. Deshalb ist es den Kosmonauten auf den Planeten immer warm.
Als sich Lion seinem Vater an den Hals warf, befurchtete ich, dass Mister Edgar zusammenbrechen wurde. Aber er blieb standhaft. Er wartete einige Sekunden, dann schob er Lion mit ausgestreckten Armen von sich und schaute ihn aufmerksam an. Er sagte: »Du bist gewachsen, mein Sohn.«
»Papa!«, wiederholte Lion automatisch.
Mister Edgar verwuschelte ihm die Haare.
»Wir haben uns gro?e Sorgen gemacht. Guten Tag, Tikkirej. Wie seid ihr nur darauf gekommen, euch im Wald zu verstecken, mein Sohn?«
Lion erzahlte noch einmal unsere Geschichte, sein Vater horte ihm aufmerksam zu: Wie wir vom Motel mit Kapitan Stasj wegfuhren, der uns dann im Wald herauslie?. Dass wir uns immer weiter von der Stadt entfernten, in die Berge gingen, »wie im Film uber die au?erplanetaren Invasoren«. Wie wir im leeren Haus eines Waldhuters schliefen, Fische fingen und sogar lernten, Kaninchen mit Schlingen zu fangen. Dass wir Angst hatten zuruckzukehren, weil wir am Himmel viele Raumschiffe sahen und aus Richtung der Hauptstadt manchmal Explosionen zu horen waren. Wie wir uns trotzdem entschlossen zuruckzukehren, auf einem Flo? den Fluss herunterschwammen, eine Siedlung erreichten und uns dort davon uberzeugten, dass es uberall friedlich zuging und alles gut war. Und wie uns ein netter LKW-Fahrer mitnahm und mit Brot und Milch bewirtete.
»Erstaunliche Abenteuer!«, meinte Mister Edgar. Mir schien, als ob er Lion kein Wort glauben und uns gleich entlarven wurde. Aber Mister Edgar fuhr fort, als ob nichts geschehen ware: »Ich denke, du solltest aus dem Geschehenen lernen. Man darf sich nie blind vor etwas Unbekanntem furchten. Man muss sich seiner Angst stellen und sie besiegen! Du hast einen ganzen Monat verloren, du warst keinen Tag in der Schule. Aber…«, er dachte kurz nach, »andererseits hast du bemerkenswerte Fortschritte beim Uberleben im Wald gemacht und wichtige Lebenserfahrung gesammelt. Ich bin dir nicht bose!«
»Papa…«, murmelte Lion.
Ich erinnerte mich daran, wie er noch wahrend des Flugs vom Avalon daruber grubelte, was die Eltern mit ihm wohl machen wurden. Zuerst wurden sie sich naturlich freuen und ihn dann gehorig durchwalken, obwohl der Vater ein Gegner von Schlagen war.
Es sah ganz so aus, als ob es Lion vorgezogen hatte, bestraft zu werden.
»Also dann, ihr jungen Leute!« Mister Edgar zog die Stra?enschuhe aus und bequeme Hausschuhe an. »Setzt euch an den Tisch! Ich wasche mir die Hande und komme zu euch.«
»Ich habe deinen Lieblingsauflauf gemacht«, sagte Missis Anabell. »Und eine Eistorte gekauft, die Lion so gern isst. Sascha, Polina, geht Hande waschen und setzt euch an den Tisch!«
Die Kleinen liefen ihrem Vater ins Badezimmer nach.
Ich setzte mich neben Lion an den Tisch, der mit einer schonen, grunen Tischdecke bedeckt war. Lion wirkte durcheinander und trubsinnig. Da endlich fiel mir ein, woran mich das alles erinnerte!
An eine Fernsehserie! Familienunterhaltung der Art »Vater, Mutter und wir« oder »Komodien und Dramen auf Edem«. In ihnen gab es immer kleine Geheimnisse und nichtige Konflikte, gehorsame kleine Kinder und aufsassige Jugendliche. Standig lief jemand von zu Hause weg oder ging verloren und bei dessen Ruckkehr nach verschiedenen Abenteuern freute man sich auf ihn, las ihm ein wenig die Leviten und setzte sich letztendlich an einen festlich gedeckten Tisch.
Sowohl Mister Edgar als auch Missis Anabell benahmen sich wie die Helden dieser Fernsehserien.
»Ich glaube, dass man den Jungs auch ein Tropfchen Wein eingie?en kann!«, meinte Mister Edgar.
Lion erzitterte kaum merklich. Spat am Abend gingen wir in Lions Zimmer schlafen. Es gab dort nur ein Bett, ich schlief davor auf dem Boden. Das war annehmbar.
Lion jedoch war innerlich zutiefst verletzt und schwieg. Erst als wir das Licht ausgemacht hatten, fragte er leise: »Hor mal, Tikkirej, was ist mit ihnen los? Was soll ich jetzt machen?«
Ich hob die Schultern. »Haben sie sich fruher nicht so benommen?«
Lion schuttelte energisch den Kopf.
»Na ja… Sie sind ja nicht schlechter geworden, stimmt’s? Sie lieben dich. Und…«
»Sie haben sich verandert!«, flusterte Lion und neigte sich von seinem Bett zu mir herunter. »Du Idiot, sie sind ganz anders!«
»Wie im Film«, schlug ich vor, um ihn nicht zu beleidigen.
»Ja! Aber ich will nicht in einer Seifenoper leben! Wenn du solche Eltern hattest…«
Er verstummte und sah mich erschrocken an.
