»Na, ist es gemutlich?«, fragte Tien.
In der Kapsel war lediglich Platz zum Liegen. Ohne Zeit zu verlieren, befestigte Lion gleich seine Fu?e, indem er die Grasseile in die ins Eis eingelassenen »Osen«, ebenfalls aus Eis, einband.
»Man kann es aushalten«, meinte ich, obwohl mein Herz rasend schnell schlug. »Mach schon, es ist alles in Ordnung.«
Tien war in Ordnung. Wahrend des Fluges hatten wir mit ihm so etwas wie Freundschaft geschlossen. Er erlaubte uns sogar, das Raumschiff im Zeittunnel zu fliegen, naturlich stand er uns die ganze Zeit zur Seite. Au?erdem brachte er uns bei, wie man kampft. Einige Techniken der Phagen verlangen namlich nicht die Kraft eines Erwachsenen. Uber Inej sprachen wir auch, aber daruber konnte Tien nur wenig berichten.
»Ich werde auf euch aufpassen, Jungs!« Tien deutete auf das Auge der Videokamera in der Decke der Schleusenabteilung. »Wir werden nicht miteinander sprechen konnen, aber wenn ihr es euch anders uberlegt habt und euch nicht aussetzen lassen wollt — erregt meine Aufmerksamkeit! Winkt mit den Handen, klopft an die Wande. Macht aber auf keinen Fall von innen die Luke auf, man wei? nie!«
»Wir uberlegen es uns schon nicht anders, Tien«, nuschelte Lion. »Geh schon, du musst zum Steuerpult zuruck.«
Tien nickte und begann die schwere Eisluke zu schlie?en. Wir halfen ihm von innen. Endlich fasste die Schraube und der Phag begann sie festzuziehen. Sofort wurde es still. Man konnte horen, wie Lion schnaufte, als er Tien half. Ich lie? meine Hande hangen und schaute mir den Phagen durch den dicken, transparenten Korpus an. Das Eis veranderte die Gesichtszuge, Tien sah aus wie in einem Zerrspiegel: riesengro?e Nase, kleine Auglein, krummes Kinn. Lustig… Aber wir sahen fur ihn ja auch total verkruppelt aus.
Ich winkte Tien zu.
Als die Luke fest zugeschraubt war, holte Tien aus seiner Brusttasche ein Reagenzglas, brach das zugeschwei?te Ende ab und spritzte lassig eine Flussigkeit auf die Oberflache der Kapsel. Eigentlich geschah nichts, der Phag machte jedoch einen durchaus zufriedenen Eindruck. Ermutigend klopfte er auf die Kapsel — das Eis antwortete mit einem tiefen, dumpfen Ton — und verlie? die Schleusenkammer uber eine kurze Treppe. Die innere Luke wurde zugeschlagen. Ein Gluck, dass das Licht in der Schleusenkammer nicht ausging!
»Wenn der Katalysator nicht funktioniert, zerbricht die Kapsel in der Atmosphare!«, lie? sich Lion mit Grabesstimme vernehmen. »Kannst du dir das vorstellen? Peng — und uns gibt es nicht mehr!«
Ich bekam eine Gansehaut.
»Und du? Ist dir uberhaupt nicht unheimlich?«, wollte ich wissen.
»Nein. Ich bin damit schon ausgesetzt worden. Na ja, nicht wirklich, sondern im Traum.«
Ich ahnte, in welchen Traumen, und deshalb fragte ich gar nicht erst nach.
»Mach dir keine Gedanken!« Lion schaute mich beschamt an. »Hyperstabiles Eis ist eine zuverlassige Sache. Es beginnt zu verdampfen, wenn wir in die Atmosphare eintreten. Vor uns wird sich eine Plasmawolke bilden, aber das verdampfende Eis schafft einen Puffer aus Dampf. Es ist alles durchdacht. Dann bilden sich die Flugelblatter und wir beginnen mit der Autorotation.«
»Und wenn wir auf Felsen sturzen?«
»Das ware schlecht«, meinte Lion. »Da kann man sich ordentlich was brechen. Tja, und wenn wir mitten im Meer landen und es nicht ans Ufer schaffen…«
Er zog mich naturlich auf. Tien sagte, dass die Landestelle auf zehn Kilometer genau berechnet war und wir im Wald landen wurden. Deshalb musste man sich darum keine Sorgen machen. Jetzt verstummte aber auch Lion. Er konnte immer noch nicht gut schwimmen. Vor der Landung in der Stealthkapsel hatte er keine Angst, aber das Wasser flo?te ihm nach wie vor Furcht ein.
»Ich rette dich, wenn es so weit kommen sollte«, versprach ich. »Ich schlage dich bewusstlos und ziehe dich dann an den Haaren heraus.«
»Es darf aber nicht wehtun«, bat Lion mit ernstem Gesicht.
Wir schwiegen. Beide hatten wir eine Uhr, wollten jedoch nicht nach der Zeit schauen. Die Ziffern wechselten unendlich langsam, es schien, als ob sie eingefroren waren.
»Kennst du Horrorgeschichten?«, fragte Lion interessiert.
»Klar!«
»Erzahlst du eine?«
Dummerweise fielen mir aber gerade jetzt keine ein! Ich erinnerte mich nur an eine vollig blodsinnige fur Kleinkinder.
»Ein Junge kommt von der Schule nach Hause«, begann ich. »Und plotzlich sieht er, dass seine Eltern auf dem Tisch ihre Sozialkarte vergessen hatten. Nicht etwa, dass sie unordentlich waren, sie hatten es nur sehr eilig.«
»Und was ist eine Sozialkarte?«, wollte Lion wissen.
»Das ist… Na, so etwas wie eine Kreditkarte, nur dass dort die Rationen fur die Lebenserhaltung aufgezeichnet sind. Du hast doch auf einer Station gewohnt, gab es so etwas bei euch nicht?«
»Nein, bei uns waren Luft und Warme kostenlos«, erwiderte Lion mit schlechtem Gewissen. »Los, erzahl weiter!«
»Tja… Dieser Junge versteckte also die Sozialkarte im Schrank und fing an im Internet zu surfen. Er kam auf eine Seite mit dem Hinweis: ›Zugang nur fur Erwachsene, Zugang fur Kinder verboten.‹ Er gab selbstverstandlich ein: ›Ich bin ein Erwachsener.‹ Daraufhin wurde ihm erwidert: ›Bitte die Nummer der Sozialkarte eingeben!‹ Er dachte sich nichts dabei und gab die Nummer ein. Tja, und so durfte er allen moglichen Unsinn anschauen… Er sa? also am Laptop und hatte alles um sich herum vergessen. Plotzlich klingelte es. Er ging zur Tur, machte auf und sah eine Mitarbeiterin des Sozialdienstes. Die sagte: ›Junge, du atmest zu oft!‹ Der Junge erschrak und versprach, seltener zu atmen. Aber sie nahm ein Pflaster…«
Lion begann zu lachen.
»Was fur ein Quatsch! Wenn du seltener atmest, verandert sich die Menge des verbrauchten Sauerstoffes nicht.«
Ich schwieg. Fur ihn war die Geschichte wahrscheinlich wirklich nicht zu verstehen.
»Sei nicht beleidigt.« Lion knuffte mich mit dem Ellenbogen in die Seite. »Hor zu! Das ist jetzt eine ahnliche Geschichte, aber viel besser: Ein Junge hatte eine altere Schwester. Sie durfte auf der Schattenseite spazieren gehen, bekam sogar einen neuen, roten Raumanzug geschenkt, den Jungen aber lie? man nicht. Sein Raumanzug war ganz einfach, einer fur Kinder.«
»Wo durften sie spazieren gehen?«
»Auf der Schattenseite, dem au?eren Korpus der Station, auf der Unterseite. Dort gab es weder Gravitation noch Luft.«
»Aha«, sagte ich und stellte mir mit einigem Befremden einen derartigen Spaziergang vor. Was ist denn daran so reizvoll?
»Der Junge bat seine Schwester standig, ihn mitzunehmen. Die Schwester jedoch antwortete: ›Nein, das geht nicht, du bist noch klein, du vergisst, die Sauerstoffpatrone zu uberprufen.‹ Die Sauerstoffpatrone ist ubrigens zum Atmen, ein Regenerator im Raumanzug.«
Lion schuttelte energisch den Stoffsack — unseren hiesigen Regenerator. Er fuhr fort: »Hier ist es irgendwie stickig… Also, der Junge war naturlich beleidigt und setzte eines Tages an Stelle einer vollen — eine leere Patrone in den roten Raumanzug ein. Er dachte sich, wenn bei seiner Schwester der Sauerstoff zu Ende ginge, wurde sie es noch mit der Reserve schaffen. Das Madchen ging mit ihrem Freund auf der Unterseite spazieren, als ihr Freund plotzlich bemerkte: ›Irgendwie geht bei mir der Luftvorrat zu Ende! Kehren wir um!‹ Das Madchen jedoch wollte nicht und gab ihm ihre Reservepatrone. Sie gingen weiter und plotzlich, du ahnst es, versiegte bei dem Madchen die Luft. Sie erschrak und bat ihren Freund sofort darum, die Reservepatrone zuruckzugeben. Dieser stand jedoch unter Schock. Und so starb das Madchen. Am nachsten Abend lag ihr Bruder im Bett und weinte, weil es ihm um die Schwester leidtat. Er weinte, weinte und schlief ein. Plotzlich horte er im Schlaf: ›Gib mir meine Ersatzpatrone!‹ Er offnete die Augen — und in der Ecke stand der Raumanzug seiner Schwester, aufgeblasen, das Sichtglas von innen voller Blut! Er erschrak, lief zu seinen Eltern und erzahlte ihnen alles. Daraufhin gaben ihm die Eltern eine volle Patrone und sagten: ›Wenn deine Schwester wiederkommt, sag ihr, dass das die Reservepatrone sei!‹«
»Haben sie ihn wenigstens kraftig verhauen?«, fragte ich voller Abscheu gegenuber dem Jungen. »Wegen seiner Schwester?«
