»Ich werde es heute berichten«, Lion wandte seine Augen ab. »Ich… hatte Angst, dass sie mich dann sofort mitnehmen wurden.«

»Aber das war doch gar nicht die Wirklichkeit! Das war ein Traum!«

»Fur mich war das kein Traum, Tikkirej«, erwiderte Lion. Ich hatte auf einmal das Gefuhl, mit einem erwachsenen Menschen, der bereits alles gesehen hat, zu sprechen und nicht mit einem Gleichaltrigen von einer Raumstation.

Das dauerte jedoch nur einen Augenblick. Dann veranderte sich Lions Gesichtsausdruck, als ob er jemanden hinter meinem Rucken gesehen hatte. Und er senkte die Augen.

Ich drehte mich um — in der Tur stand Stasj. Er schaute Lion schweigend an und dem Ausdruck auf seinem Gesicht konnte man nichts entnehmen.

»Das wollte ich einfach gestern nicht erzahlen…«, murmelte Lion.

Stasj ging auf ihn zu und strich ihm uber die Haare. Leise sagte er: »Das verstehe ich. Jemand wird dafur zur Rechenschaft gezogen werden, mein Junge. Er wird die volle Verantwortung dafur tragen. Hab keine Angst, Lion.«

»Nehmen Sie mich lieber gleich mit und machen Sie Ihre Untersuchungen«, brummelte Lion. »Ich halte das nicht aus. Die Erinnerungen werden immer starker. Mein Kopf zerspringt… und nicht etwa vor Schmerzen. Ich werde irgendetwas anstellen, entweder mit mir selbst oder…«

»Wir fahren bald«, meinte Stasj. Er dachte fieberhaft nach. »Wei?t du… halt noch ein wenig durch. Wenigstens einen Tag.«

»Und dann?«

»Dann wird alles gut. Lion, Tikkirej, zieht euch an. Ihr fruhstuckt im Auto. Euch beiden steht ein schwerer Tag bevor.« Stasj’ Auto war einigerma?en akzeptabel. Er hatte weder einen coolen Allrad-Jeep noch einen sportlichen »Piranha«, sondern einen gro?en tragen »Dunaj«. So ein Auto fahrt bei uns nur eine dicke und langsame Frau aus der technischen Abteilung.

Aber Stasj schien es wirklich egal zu sein, mit welchem Auto er fuhr.

Ich setzte mich mit Lion nach hinten. Wir schwiegen und versuchten ihn nicht auszufragen. Stasj sprach von allein, gro?tenteils uber alle moglichen Nichtigkeiten. Uber Experimente auf dem Gebiet der Gluonen-Energetik, die darauf zielten, neue Raumschiffe zu bauen. Daruber, dass die Existenz von Zeittunneln, die in andere Galaxien fuhrten, theoretisch bewiesen ware und es Plane gabe, sie ausfindig zu machen. Daruber, dass der Imperator einen Erlass uber den Wegfall der »Drei-Prozent-Grenze« unterschrieben habe und die Wissenschaftler jetzt in der Lage sein wurden, das menschliche Genom wirklich und nicht nur bei Kleinigkeiten zu verbessern. Daruber, dass die Filmaufnahmen des Actionfilms »Der Weise aus Nazareth« uber die christliche Religion bald beendet seien und dass in diesem Film alles wirklichkeitsgetreu sein wurde: echte Schauspieler, Dekorationen, sogar Spezialeffekte. Es wurden keine Computersimulationen vorkommen — alles sei echt! Die Schauspieler wurden sogar in Trance versetzt, sodass sie sich nicht in einem Film, sondern in der Wirklichkeit wahnten.

Stasj kann sehr interessant erzahlen. Naturlich nur, wenn er will. Jetzt jedoch war mir klar, dass er uns einfach nur ablenken wollte, und deshalb fand ich es uberhaupt nicht interessant. Nichts wird sich andern durch diese Gluonen- Reaktoren, neuen Galaxien und verbesserten Genome. Es ist entschieden wichtiger, was der Rat der Phagen uber uns beschlie?en wird.

Bestimmt hatte Stasj meine Gedanken erraten, denn er verstummte. Schweigend kauten wir unsere Butterbrote zu Ende, tranken unseren Kaffee aus und warteten.

Port Lance ist eine Satellitenstadt von Camelot. Wenn Stasj gewollt hatte, ware er sogar mit seiner Karre innerhalb von einer Viertelstunde dort gewesen. Stasj jedoch hatte es nicht eilig: Entweder war er in Gedanken oder ihm war eine genaue Zeit vorgegeben. Wir fuhren jedenfalls langer als eine Stunde. Dann kreisten wir noch durch die Stadt, wechselten von den Umgehungsstra?en auf die inneren Verkehrsringe, standen in einigen Staus — es fuhren gerade alle zur Arbeit und die Stra?en waren verstopft.

Dann parkte Stasj das Auto vor einem schonen Hochhaus in altertumlichem Stil — mit gro?en Spiegelfenstern und einem Flyer-Landeplatz auf dem Dach. Hier war ich schon einmal gewesen. Hier befand sich der Hauptsitz der Phagen, der die offizielle Bezeichnung »Institut fur experimentelle Soziologie« tragt.

»Was soll ich dem Rat sagen?«, fragte ich, als wir aus dem Auto ausgestiegen waren.

»Wenn du aufgefordert wirst zu sprechen, dann sag die Wahrheit«, erwiderte Stasj schulterzuckend. »Es ist aber nicht sicher, dass du befragt wirst.«

»Und ich?«, interessierte sich Lion.

»Du wirst auf alle Falle befragt werden«, meinte Stasj. »Mein Rat ist der gleiche, sag die Wahrheit.«

Er besann sich eine Sekunde, danach umarmte er uns. »Es geht nicht einmal darum, Jungs, dass es in der Mehrzahl der Falle vorteilhaft ist, die Wahrheit zu sagen. Es macht sich niemals bezahlt, die Phagen anzulugen oder ihnen etwas zu verschweigen.«

»Sie fuhlen die Luge«, meinte Lion. Seine Stimme wurde wieder hart und erwachsen.

Stasj schaute ihn aufmerksam an. »Ja, junger Mann. Wir fuhlen es.«

Mehr sprachen wir nicht. Wir gingen ins Gebaude — am Eingang stand die Security, aber Stasj zeigte einen Ausweis und wir wurden nicht einmal kontrolliert. Hinter den Turen befand sich eine gro?e Eingangshalle. Ich ging davon aus, dass uns Stasj wie das erste Mal nach rechts fuhren wurde. Dort gab es massenhaft Arbeitszimmer, Buros und einen absolut spitzenma?igen Wintergarten mit Cafe. Als sich Stasj um meine Angelegenheiten kummerte, wartete ich dort drei Stunden und mir war kein bisschen langweilig.

Stasj fuhrte uns zum Fahrstuhlschacht. Nicht etwa zu den allgemein zuganglichen Fahrstuhlen, die die ganze Zeit in Bewegung waren, sondern zum Fahrstuhl nur fur den Dienstgebrauch, den niemand benutzte.

Das Gebaude hatte ungefahr funfzig Stockwerke. Als wir jedoch im Fahrstuhl nach oben fuhren, dauerte es entschieden zu lange. Als ob es hier noch weitere funfzig Stockwerke geben wurde, die von au?en nicht zu sehen waren. Ich schaute auf Stasj’ Abbild auf der Spiegelwand — er beobachtete uns neugierig.

»Wir fahren nach unten«, meinte ich. »Obwohl es scheint, dass wir nach oben fahren. Hier im Fahrstuhl muss ein Gravitator sein, stimmt’s?«

Stasj lachelte, au?erte sich aber nicht dazu. Und auch sein Lacheln verflog schnell. Er schien das bevorstehende Gesprach im Kopf zu simulieren, prufte vorab jedes Wort. Irgendetwas schien aber nicht zusammenzupassen, als ob es einen Einwand gabe, auf den Stasj keine Antwort hatte. Und Stasj fing an, alles aufs Neue zu bedenken…

»Stasj«, sagte ich, »wenn ich wirklich so schuldig bin, dann sollen sie mich ruhig bestrafen. Aber mich nicht zum Karijer zuruckschicken, ware das moglich?«

»Ich habe dir mein Wort gegeben«, erwiderte Stasj. Er sah mich eindringlich an und erganzte: »Du bist ein sehr verstandiger Junge, Tikkirej. Wenn ich nicht an dich glauben wurde, dann hatte ich beschlossen, dass du ein sehr gut ausgebildeter Agent warst.«

»Gibt es etwa Kinderagenten?«, wollte ich wissen.

»Und ob!«, erwiderte Stasj. »Ich selbst arbeite seit meinem zehnten Lebensjahr.«

»Ich bin aber kein Agent«, stellte ich fur alle Falle fest. »Ich bin Tikkirej vom Karijer.«

»Ich habe doch gesagt, dass ich dir glaube«, antwortete Stasj sanft.

Endlich hielt der Fahrstuhl und wir stiegen aus in einen gro?en und leeren Saal. In seinem Zentrum befand sich ein Wasserbecken mit Springbrunnen, das mit orangefarbenen Grasern zugewachsen war. Die Springbrunnenfigur erwies sich als Madchen mit einem Krug in den Handen, aus dem sich das Wasser ergoss. Die Bronzestatue war alt, voller Grunspan, mit Moos und Grasern bedeckt.

Ich setzte mich auf den Rand des Bassins und planschte mit meinen Handen im Wasser. Fische gab es nicht, obwohl mir das sehr gefallen hatte. Das Wasser an sich war trube, als ob die Filter im Springbrunnen schlecht funktionieren wurden.

Stasj wies mit einer Geste auf die bequemen Sessel an der Wand unter den falschen Fenstern. Die Fenster zeigten den Blick auf die Stadt vom Dach eines Hochhauses aus, ich war aber trotzdem davon uberzeugt, dass wir uns unter der Erde befanden.

»Wartet hier, Kinder.«

»Lange?«, fragte ich.

»Wenn ich es wusste, hatte ich konkretisiert, wie lange zu warten ist«, klarte uns Stasj auf. »Und geht nirgendwohin!«

In der gegenuberliegenden Wand des Saals befand sich eine weitere Fahrstuhltur. Stasj holte den

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