eine Wiederholung ware. So, als ob ich jetzt schlafen wurde und das Leben traumen wurde! Und das, was fruher war — das war das reale Leben. Und ich hatte auf nichts Lust. Danach fuhren wir an den See, und da…«
Er verstummte.
»Versuch dich an diesen Augenblick zu erinnern«, bat Stasj. »Das ist au?erst wichtig, das begreifst du doch?«
»Als Tikkirej dabei war, unterzugehen — das war falsch«, sagte Lion leise. »Ganz falsch. Das hatte so nicht passieren sollen, verstehen Sie?«
Stasj nickte wieder und schaute angestrengt auf Lion.
»Und ich stand und schaute…«, jetzt sprach Lion sehr langsam. »So etwas hatte nicht sein sollen. Ich wei? nicht, wie es mir gelang. Doch ich legte mich auf den Bauch und fing an zu kriechen. Und auf einmal kehrte sich alles um. Die Gegenwart wurde zum realen Leben und die Vergangenheit zum Traum!«
»Und bis dahin war dir der Unterschied nicht bewusst?«, fragte Stasj nach.
»Er war mir bewusst!«, schrie Lion auf, und ich sah plotzlich, dass er Tranen in den Augen hatte. »Ich realisierte es, aber es war uberhaupt nicht wichtig. Es war wie im Traum — du verstehst, dass es ein Traum ist, na und? Ich verstand durchaus, was alles real war, aber das bedeutete mir nichts. Und plotzlich anderte sich alles! Als ob ich erwacht ware.«
»Ruhig, ruhig«, sagte Stasj sanft und legte seine Hand auf Lions Schulter. »Wenn es dir schwerfallt, dann sag nichts.«
»Aber ich habe ja schon alles erzahlt«, murmelte Lion. »Absolut alles.«
»Du wirst alles noch einmal erzahlen mussen. In allen Einzelheiten. Nicht heute, aber es ist notwendig. Fur die Spezialisten.«
Lion nickte.
»Okay, ihr beiden.« Stasj stand auf. »Ich komme morgen fruh bei euch vorbei. Jetzt muss ich mit einigen Leuten reden.«
»Stasj, was wird mit mir passieren?«, konnte ich mich nicht zuruckhalten und fragte noch einmal.
»Nichts Schlimmes«, sagte der Phag bestimmt. »Garantiert.«
»Habe ich darauf das Wort eines Ritters des Avalon?«, wollte ich wissen.
Stasj schaute mich sehr eigenartig an. Aber er erwiderte: »Ja. Das Wort eines Ritters des Avalon. Ich gebe dir mein Wort darauf, dass mit dir alles in Ordnung kommen wird. Ruht euch aus, Kinder. Und gebt euch Muhe, dass ihr heute nicht noch einmal in ein Fettnapfchen tretet.«
Lion begleitete ihn zum Ausgang. Aber als er wiederkam, war ich schon so geschafft, dass ich ihn nur noch mit Muh und Not anschauen konnte.
»Deine Augen fallen zu«, meinte Lion.
»Ja…«, stimmte ich zu, »das kommt vom Alkohol…«, und schlief ein. Es gelang mir nicht, lange zu schlafen. Ich wurde durch das Klingeln des Telefons, das auf dem Tisch stand, geweckt. Lion war offensichtlich ins Schlafzimmer gegangen, ich dagegen auf dem Sofa eingeschlafen. Mein Kopf war nach wie vor schwer, nach Kichern war mir nicht mehr zumute, die Trunkenheit war vergangen.
Ohne Licht zu machen, sprang ich auf, nahm den blinkenden Telefonhorer und meldete mich:
»Hallo!«
»Tikkirej?«
Mir wurde sonderbar zumute. Es war Rossi. Ich schaute nach der Zeit — zwei Uhr nachts.
»Ja«, sagte ich.
»Tikkirej«, er sprach sehr leise, offensichtlich, damit ihn niemand horte, »wie geht es dir, Tikkirej?«
»Normal«, erwiderte ich. Es war ja wirklich alles in Ordnung.
»Du bist nicht krank geworden?«
»Nein.« Ich kroch zuruck unter die Decke, ohne den Horer aus der Hand zu legen. »Stasj hat mich Alkohol trinken lassen und mich dann von Kopf bis Fu? eingerieben. Zu Hause sa? ich eine halbe Stunde in der hei?en Wanne und ging dann ins Bett. Und eigentlich schlafe ich schon seit langem.«
Rossi hielt sich nicht damit auf, dass er mich geweckt hatte. Er schwieg eine Weile und fragte danach: »Tikkirej, und wie wird es weitergehen?«
Mir war klar, worum es ihm ging. Aber ich fragte trotzdem.
»Inwiefern?«
»Was soll ich jetzt machen?«, wollte Rossi wissen.
»Hor mal, es ist doch weiter nichts Schlimmes passiert!«, erwiderte ich, »uberhaupt nichts! Vielleicht hole ich mir nicht einmal eine Erkaltung!«
»Was wird jetzt aus mir?«, wiederholte Rossi.
Eine Weile schwiegen wir uns an. Dann begann er:
»Tikkirej, glaub nicht, dass ich ein Feigling ware. Ich bin kein Feigling. Wirklich. Nein, sag nichts, hor einfach zu!«
Ich horte schweigend zu.
»Ich kann mir nicht erklaren, was mit mir los war«, sagte Rossi schnell. »Ich wusste doch, was zu tun war, wenn jemand durchs Eis bricht. Verstehst du das? Das hatten wir bereits in der zweiten Klasse in den Uberlebensstunden gelernt. Und als du eingebrochen warst, wusste ich genau, was zu tun war. Ich dachte sofort daran, dass man sich auf den Bauch legen und zu dir kriechen, dir ein Seil oder einen Gurtel zuwerfen oder einen Stock hinhalten musse…«
Er verstummte.
»Rossi… Ist ja gut…«, beruhigte ich ihn. Als ich alles gerade uberstanden hatte, glaubte ich, dass ich ihn hassen wurde. Ihn und Rosi, und dass ich auf jeden Fall allen erzahlen wurde, was sie fur Feiglinge und Verrater waren.
Jetzt war ich mir dessen bewusst, dass ich es nicht machen wurde.
»Ich wusste doch alles«, wiederholte Rossi. Er hatte eine Stimme, als ob er eine ganze Ewigkeit nicht gesprochen hatte, und jetzt erst wieder damit anfing — und es nicht schaffte, die Worte richtig zusammenzufugen. »Tikkirej, versuch es zu begreifen… Ich wusste alles und konnte nichts machen. Ich lief am Ufer entlang und wunschte, dass alles so schnell wie moglich zu Ende ginge. Egal wie. Damit nichts zu tun ware. Verstehst du das? Selbst wenn du ertrunken warst! Ich bin ratlos, Tikkirej!«
Er begann leise zu weinen.
»Rossi…«, murmelte ich. »Was soll das. Du bist einfach durcheinandergekommen. Das kann jedem passieren.«
»Das passiert nicht jedem!«, schrie Rossi auf. »Du hast Lion auf Neu-Kuweit nicht im Stich gelassen!«
»Aber Lion ist doch mein Freund«, erwiderte ich.
Und da wurde mir klar, dass ich Rossi eben unbeabsichtigt sehr wehgetan hatte.
»Ich verstehe«, sagte er leise. »Ich wollte wirklich sehr, dass wir Freunde werden, Tikkirej. Ehrlich. Weil du so… besonders bist. Bei uns in der Schule gibt es niemanden… wie dich. Wir konnen doch jetzt keine Freunde mehr werden, Tikkirej?«
Ich schwieg.
»Es geht nicht«, wiederholte Rossi bitter. »Weil du dich immer daran erinnern wirst, dass ich dich verraten habe. Ich wei? nicht, warum…«
Mir kam in den Sinn, dass diese ganze Misere fur mich bereits beendet war. Sich sogar im Gegenteil in Freude verwandelt hatte — weil Lion normal wurde, weil Stasj gekommen war, weil man vielleicht mein Verhalten mit der Schlange verzeihen wird. Aber fur Rossi stellte sich alles auf den Kopf. Fur immer. Denn sie leben hier gut, und es passiert selten etwas, wobei man eine Heldentat vollbringen konnte. Na, vielleicht keine Heldentat… aber eine gute Tat. Vielleicht ware die ganze Schule am Ufer hin und her gelaufen und hatte sich nicht entscheiden konnen, mir zu helfen! Jetzt aber werden alle davon uberzeugt sein, dass sie mir auf alle Falle geholfen hatten, ohne Angst zu haben. Rossi jedoch wei? genau — er hat wie ein Feigling und Verrater gehandelt. Seine Schwester kam wenigstens noch darauf, zu telefonieren und Hilfe zu holen…
»Tikkirej«, sagte Rossi. »Ich habe heute zu Hause ziemlich etwas abgekriegt. Ich und Rosi… Glaub nicht, dass mein Vater so ein… Schluckspecht und Schwatzer ist. Er hat mich heute richtig zur Brust genommen. Nur… mir ist das alles eigentlich auch so klar. Ich brauche keine Erklarungen. Ich wurde alles dafur geben, dass du noch einmal durch das Eis brichst und ich dich retten kann!«
