Sie ging zur Toilette, und Rossi und ich fingen an, die Lebensmittel auf dem Tisch auszubreiten, den tragbaren Fernseher einzustellen und Geschirr und Besteck auszupacken. Rosi und Rossi hatten sich gut vorbereitet und nichts vergessen. Man hatte auch fur Lion eine Arbeit finden konnen, aber dann hatte man ihm jedes Mal eine Aufgabe stellen mussen.

»Wir sind wie die Erstbesiedler«, meinte Rossi, »wie die Pioniere, die den Avalon bezwungen haben! Mit Lasergewehren in den Handen und einer Auswahl von Biokulturen im Reagenzglas — gegen die ganze wilde und feindliche Welt!«

Dieser Satz stammte bestimmt aus einem Lehrbuch und nicht von ihm. Er war viel zu hochgestochen. Rossi verga? ihn aber augenblicklich und sorgte sich:

»Du kannst die Sandwichs machen. Ich muss noch Mama Bescheid sagen, dass wir gut angekommen sind. Das Telefon ist im Auto!«

Ich legte die Sandwichs in die Mikrowelle, stellte auf Erhitzen und verfolgte, wie Rossi schnell hupfend durch den Schnee zum Auto rannte. Er ist zwar oft gemein, aber im Gro?en und Ganzen in Ordnung.

Ich fuhlte mich jetzt sehr wohl. Es gelang mir sogar, die Sache mit dem Schlangenschwert zu verdrangen, wegen der mich fruher oder spater Unannehmlichkeiten erwarten wurden.

»Lion, mochtest du essen?«, fragte ich.

»Ja«, antwortete er, »ein Sandwich.«

Das war doch etwas Neues! Fruher hatte ich Lion noch eine zusatzliche Frage stellen mussen, was genau er mochte!

»Nimm!«, sagte ich und reichte ihm ein Sandwich mit Schinken.

Er nahm ihn, fing aber nicht an zu essen.

»Mochtest du ein anderes?«, fragte ich.

»Ja. Mit Kase.«

Ich sturzte derma?en schnell zur Mikrowelle, dass ich fast hinfiel. Ich holte ein Sandwich mit Kase. Es zischte vor Hitze und war mit einer geschmolzenen Kasekruste bedeckt. Das mit Schinken nahm ich mir.

»Lion, dir geht es schon besser! Wirklich besser, das merke ich!«, beschwor ich ihn.

Aber er wirkte wieder, als ob ihm eine Kapuze ubergestulpt worden ware. Schweigend begann er sein Sandwich zu kauen. In dem Moment kehrten Rosi und Rossi zuruck.

»Aha, das Essen ist fertig!«, rief Rossi und steckte das Telefon in die Jackentasche. »Das ist Klasse. Tikkirej, ruck das Bier raus!«

»Ist es nicht zu fruh?«, fragte ich.

Rosi protestierte:

»Du willst doch nicht, dass ich mich betrunken hinters Lenkrad setze?!«

Ich fing nicht an zu diskutieren und gab jedem eine Flasche Bier. Im Pavillon wurde es schon warmer, wir knopften unsere Jacken auf und Rossi offnete den Rei?verschluss seiner Kombination.

»Tikkirej, stimmt es, dass du extern die Schule beenden mochtest?«, wollte Rosi wissen.

»Ja«, erwiderte ich, »ich habe mir ausgerechnet, dass ich in drei Jahren den gesamten Mindestkurs absolvieren konnte.«

»Lern lieber regular«, schlug Rossi vor, »mit uns zusammen. Warum hast du es so eilig?«

Ich zuckte mit den Schultern. Wie sollte ich ihnen auch erklaren, dass es fur mich lacherlich war, mit ihnen zusammen zum Unterricht zu gehen und einem Lehrer zuzuhoren, um dann in ein Rustungslabor arbeiten zu gehen und einen Haushalt zu fuhren? Ich wurde nie mehr so werden konnen wie sie.

»Es ist schwer, gleichzeitig zu lernen und zu arbeiten«, au?erte ich, »was ist daran so schwer zu verstehen? Ihr konnt doch auch extern die Schule beenden.«

»In der Schule ist es interessant«, meinte Rossi, »du machst einen Fehler. Es ist interessant und du hast keine unnotige Verantwortung.«

»Kann schon sein«, stimmte ich zu.

Wir diskutierten noch eine Weile, doch unlustig. Im Grunde hatten sie mich verstanden, wollten aber einfach nicht, dass ich sie verlie?.

»Du musstest eine Pilotenausbildung machen«, schlug Rossi vor, »Papa sagte neulich, dass du ein guter Pilot sein wurdest, weil du ein Modul warst. Das bedeutet, dass du dich ihnen gegenuber human benehmen wurdest. Das wiederum ware sehr nutzlich fur die soziale Harmonie in der Gesellschaft.«

Mich erfasste eine stille Wehmut. Als Stasj mich uberredete, parallel zur Arbeit in eine normale Schule zu gehen, argumentierte er, dass »der Umgang mit Gleichaltrigen meiner harmonischen Entwicklung zugutekommen wurde«. Ich richtete mich danach, war jedoch nicht damit einverstanden. Und jetzt erfasste mich dasselbe Gefuhl: Eigentlich ist alles richtig, aber…

Ich wollte namlich nicht Pilot werden und mich den Modulen gegenuber »human« verhalten. Denn es war ja trotzdem gemein, Menschen zu gestatten, zu schweigsamen Zombies zu werden. Pilot konnte ich hochstens auf einem superkleinen Raumschiff werden wie bei den Phagen. Aber solche Raumschiffe gab es kaum.

»Kommt, wir schlittern auf dem Eis!«, schlug Rossi vor.

»Bist du verruckt, das Auto bricht durch!«, entsetzte sich Rosi. »Das Eis ist dunn!«

»Doch nicht mit dem Auto, nur wir!«

Rosi zuckte mit den Schultern.

»Kommst du mit, Tikkirej?«

»Gehen wir«, stimmte ich zu. Ich war noch nie auf Eis geschlittert. Das wurde bestimmt lustig.

Wir zogen den Vorhang hinter uns zu und sturmten aus dem Pavillon.

Lion fuhrte ich an der Hand, damit ich ihm nicht ewig alles erklaren musste.

»Hurra!«, rief Rossi und warf die leere Bierflasche zur Seite. Er nahm Anlauf, sprang mit einem Jauchzer auf das mit Schnee bedeckte Eis und schlitterte. Ich schaute aufmerksam zu, um mir zu merken, wie das gemacht wurde.

Es sah alles sehr leicht aus.

Zuerst der Anlauf, dann aufs Eis — und dann die Beine gerade halten, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Bestimmt wurde es schwerer sein, auf dem Eis wieder Anlauf zu nehmen. Aha, so funktionierte es also: Rossi machte kleine Schritte, hob die Fu?e, und dann sah es aus, als wurde er nach vorn springen.

Rosi sturmte nach vorn, ihrem Bruder hinterher. Sie verlor das Gleichgewicht, fiel hin und rutschte auf dem Hinterteil weiter, wobei sie lachte und sich drehte.

»Lion, bleib hier stehen«, bat ich. Ich nahm Anlauf und begab mich ebenfalls aufs Eis.

Es war gar nicht so schwer und machte wirklich Spa?. Ich erinnerte mich, dass es in der Stadt eine Schlittschuhbahn gab und man dort auf dem Eis mit speziellen Geraten, den Schlittschuhen, fuhr. Ich sollte einmal dorthin gehen, denn es klappte prima.

Und schon knallte ich ebenfalls auf den Rucken, rutschte mit den Beinen voran und traf den lachenden Rossi. Rosi, die bereits aufgestanden war, lachte frohlich uber uns.

»Oh, entschuldige«, sagte ich.

»Macht nichts!« Rossi stellte sich auf Hande und Fu?e und stand auf. Sein Rucken hatte den ganzen Schnee vom Eis gefegt, und ich bemerkte, dass das Eis durchsichtig war. Sogar den Grund konnte man sehen!

»He, schau mal!«, rief ich aus.

Rossi schaute nach unten und seine Frohlichkeit verflog sofort. Vorsichtig ging er zuruck auf die zugeschneite Flache.

»Was machst du?«, wollte ich wissen. Ich streckte mich auf dem Eis aus und schaute mir die Unterwasserwelt an. Vielleicht konnte man sogar Fische sehen?

»Das Eis ist total dunn«, meinte Rossi schuldbewusst, »wei?t du… Es ist bestimmt gefahrlich, zu schlittern.«

Rosi schlitterte geschickt auf uns zu. Sie rief:

»Was steht ihr da herum?«

»Rosi, schau doch, das Eis ist ganz dunn!« Rossi zeigte mit der Fu?spitze auf die gesauberte Flache. Sofort schrie er auf, sprang zur Seite und rief: »Das Eis unter meinen Fu?en hat geknackt! Weg hier!«

»Hor auf«, sagte Rosi unglaubig. »Tikkirej, du hast doch wohl keine Angst?«

»Nein«, erwiderte ich. Ich konnte gar nicht verstehen, wovor man Angst haben sollte. Wenn wir auf dem Eis schlittern und es nicht bricht, was sollte sich da auf einmal verandert haben?

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