Einbaumkanus lagen dort vertaut. Sie waren etwa zehn Meter lang, eins zwanzig breit und bestanden aus riesigen Baumstammen, die sich zu einem lanzenahnlichen Bug verjungten. Ihr Heck war flach abgeschnitten und mit einem Brett versehen, an dem man kleine Au?enbordmotoren befestigen konnte. Vorn und hinten angebrachte Bretter dienten als Sitzflache.

Sie kletterten die Uferstra?e hinab, um einen besseren Uberblick zu gewinnen. Sally stellte fest, dass drei der Einbaume mit 6-PS-Evinrude-Motoren ausgerustet waren. Das vierte war langer und schwerer und verfugte uber eine 18-PS-Maschine.

»Das ist der Renner hier!«, rief sie auf das Boot deutend.

»Genau das Richtige fur uns.«

Tom schaute sich um. Die Umgebung wirkte verlassen.

»Da ist jemand.« Sally zeigte auf eine etwa funfzig Meter weiter am Ufer stehende, an der Seite offene Bambushutte.

Neben einem Stapel leerer Blechdosen brannte ein kleines Feuer. Im Schatten zweier Baume hatte jemand eine Hangematte aufgespannt. Ein Mann schlief darin.

Sally ging zu ihm hin. »Hola«, sagte sie.

Kurz darauf offnete der Mann ein Auge. »Si?«

»Wir mochten mit jemandem reden, der uns ein Boot ver-mieten kann«, sagte sie auf Spanisch.

Der Mann grunzte, dann murmelte er etwas, richtete sich in der Hangematte auf und kratzte sich grinsend am Kopf.

»Ich sprechen gut Amerikanisch. Sprechen Amerikanisch.

Irgendwann ich fahren nach Amerika.«

»Wie schon«, sagte Tom. »Wir fahren nach Pito Solo.«

Der Mann nickte, gahnte, kratzte sich. »Okay. Ich bringen hin.«

»Wir mochten das gro?e Boot mieten. Das mit dem 18-PS-Motor.«

Der Mann schuttelte den Kopf. »Das doofe Boot.«

»Ist uns egal, ob es doof ist«, sagte Tom. »Genau das wol-

len wir haben.«

»Ich bringen euch in mein Boot. Doofes Boot gehort Leute von Militar.« Er streckte eine Hand aus. »Haben Bonbons?«

Sally zuckte die Tute, die sie erst an diesem Morgen und genau zu diesem Zweck erstanden hatte.

Das Gesicht des Mannes erhellte sich zu einem Lacheln. Er schob eine welke Hand in die Tute hinein, kramte in den Su?igkeiten herum, wahlte funf oder sechs Bonbons aus und steckte sie sich alle auf einmal in den Mund. In seiner Wange entstand ein dicker Klumpen. »Bueno«, murmelte er.

»Wir mochten morgen fruh aufbrechen«, sagte Tom. »Wie lange dauert die Fahrt?«

»Drei Tage.«

»Drei Tage? Ich dachte, es sind nur sechzig oder siebzig Kilometer. «

»Wasserstand niedrig. Laufen vielleicht auf. Muss staken.

Viel waten. Kann Motor nicht einsetzen.«

»Waten?«, fragte Tom. »Was ist mit dem Zahnstocherfisch?«

Der Mann ma? ihn mit einem leeren Blick.

»Keine Sorge, Tom«, sagte Sally. »Sie konnen doch enge Unterwasche anziehen.«

»Ah, si! Der Candiru!« Der Mann lachte. »Lieblings-geschichte von Gringos! Candiru. Ich schwimmen in Fluss jeden Tag und noch immer hab mein Chuc-Chuc. Funktioniert gut!« Er spitzte lasterhaft die Lippen und zwinkerte Sally zu.

»Verschonen Sie mich«, sagte Sally.

»Dann ist dieser Fisch also ein Scherz?«, fragte Tom.

»Nein, ist echt! Aber zuerst man muss pissen in Fluss.

Candiru riechen Pisse in Fluss, kommen her und schmatz!

Wer nicht pissen bei Schwimmen, hat kein Problem!«

»Ist hier kurzlich jemand durchgekommen? Gringos, meine ich?«

»Si. Wir sehr beschaftigt. Letzter Monat, wei?er Mann kommt mit viele Kisten und Indianer aus Berge.«

»Was fur Indianer?«, fragte Tom aufgeregt.

»Nackte Indianer aus Berge.« Der Mann spuckte aus.

»Wo hatte er seine Boote her?«

»Er bringen viele neue Einbaum aus La Ceiba.«

»Sind die Boote zuruckgekommen?«

Der Mann lachelte, dann rieb er in einer international bekannten Geste Daumen und Zeigefinger aneinander und streckte die Hand aus. Sally gab ihm einen Funfer.

»Boote nicht zuruckkehren. Manner fahren flussaufwarts, nie kommen zuruck.«

»Ist sonst noch jemand hier durchgekommen?«

»Si. Letzte Woche Jesus Christus kommen mit betrunkene Fuhrer aus Puerto Lempira.«

»Jesus Christus?«, fragte Sally.

»Si, Jesus Christus mit langes Haar, Bart, Gewand und Sandalen.«

»Das muss Vernon gewesen sein«, sagte Tom lachelnd.

»War jemand bei ihm?«

»Si, der heilige Petrus.«

Tom verdrehte die Augen.

»Sonst noch jemand?«

»Si. Dann kommen zwei Gringos mit zwolf Soldaten in zwei Einbaums - auch aus La Ceiba.«

»Wie sahen die Gringos aus?«

»Einer sehr gro?, rauchen Pfeife, war wutend. Andere kleiner mit vier Goldringe.«

»Philip«, konstatierte Tom.

Sie handelten schnell eine Passage nach Pito Solo aus.

Tom gab dem Mann zehn Dollar Vorschuss. »Wir brechen morgen fruh auf, sobald es hell wird.«

»Bueno! Ich bereit!«

Als sie vom Fluss zu dem Klinkergebaude zuruckkehrten, das sich als Hotel ausgab, stellten sie zu ihrer Uberraschung fest, dass ein Jeep vor dem Haus parkte. In ihm sa?en ein Militaroffizier und zwei Soldaten. In der Nahe wartete eine Ansammlung tuschelnder, drangelnder Kinder darauf, dass etwas passierte. Die Hotelbesitzerin stand vor dem Haus.

Sie hatte die Hande gefaltet. Ihr Gesicht war bleich vor Furcht.

»Das gefallt mir gar nicht«, sagte Sally.

Der Offizier trat vor. Er hatte einen ganz geraden Rucken, eine makellose Uniform und trug kleine polierte Stiefel. Er verbeugte sich zackig. »Habe ich die Ehre, Senor Tom Broadbent und Senorita Sally Colorado zu begru?en? Ich bin Leutnant Vespan.« Er ergriff nacheinander ihre Hande und trat dann zuruck. Der Wind drehte, und Tom roch plotzlich eine Mischung aus Old Spice, Zigarren und Rum.

»Worum geht's denn?«, fragte Sally.

Leutnant Vespan lachelte breit und enthullte eine silberne Zahnreihe. »Ich muss Ihnen zu meinem allergro?ten Bedauern mitteilen, dass Sie unter Arrest stehen.«

17

Tom schaute den winzigen Offizier an. Ein kleiner Hund, der wohl etwas gegen einen der Soldaten hatte, kauerte sich vor den Mann und fletschte knurrend die Zahne. Der Offizier versetzte ihm mit seinem schnieken Stiefel einen Tritt, und die Soldaten lachten.

»Wessen beschuldigt man uns?«, fragte Tom.

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