»Ja, sicher«, sagte Sally. »Vielleicht. Kommen wir zu unserem Fuhrer zuruck. Konnen Sie uns jemanden empfehlen?«

»Einen Fuhrer? Oh, ja. Don Orlando Ocotal ist der richtige Mann fur Sie. Ein Tawahka-Indianer. Absolut zuverlassig.

Der wurde einen nie reinlegen wie die anderen. Er kennt das Land wie seine Westentasche. Er war auf meiner letzten Reise dabei.«

»Wie konnen wir ihn finden?«

»Er wohnt oben am Rio Patuca, in einem Ort namens Pito Solo. Das ist die letzte echte Ansiedlung am Fluss, bevor es in die gro?en Inlandsumpfe geht. Er liegt etwa sechzig bis siebzig Kilometer flussaufwarts von Brus entfernt. Bleiben Sie auf dem Hauptarm des Flusses, sonst kommen Sie da nie mehr lebend raus. In dieser Jahreszeit stehen die Walder unter Wasser. Au?erdem gibt es da 'ne Milliarde Seitenarme, die in alle moglichen Richtungen fuhren. Das Land da oben ist praktisch unerforscht, von den Sumpfen an der Sierra Azul bis runter zum Rio Guayambre. Vierzigtausend Quadratkilometer Terra incognita.«

»Wir haben eigentlich noch nicht festgelegt, wo wir hin wollen.«

»Don Orlando. Er ist Ihr Mann.« Dunn drehte sich auf seinem Stuhl und wandte Tom sein feistes verschwitztes Gesicht zu. »Horen Sie mal, ich bin ein bisschen knapp bei Kasse. Mein Tantiemenscheck ist unterwegs und so ... Was meinen Sie: Konnten Sie vielleicht noch 'ne Runde ausgeben?«

15

Auf dem diskret in die Kirschholztafelung seines Buros eingebauten Monitor beobachtete Lewis Skiba den Fort-schritt von Lampe-Denison Pharmaceuticals an der New Yorker Borse. Die Investoren hatten der Aktie den ganzen Tag uber gewaltig Zunder gegeben. Nun wurde sie um die Zehn gehandelt. Wahrend er zuschaute, ging sie um einen weiteren Achtelpunkt runter und landete genau bei zehn.

Skiba wollte sein Unternehmen nicht in den einstelligen Bereich rutschen sehen. Er schaltete den Monitor aus. Sein Blick huschte zu der Holzpaneele, die den Macallan verhullte. Aber dazu war es noch zu fruh. Zu fruh. Fur den Anruf brauchte er einen klaren Kopf.

Es gingen Geruchte, das Phloxatan sei bei der FDA in Schwierigkeiten. Die Leerverkaufer fielen uber die Aktie her wie Maden uber eine Leiche. Zweihundert Millionen Dollar Forschung und Entwicklung hatte man in das Medikament gesteckt. Sie hatten mit den besten medizinischen Wissenschaftlern der drei Ivy-League-Universitaten zu-sammengearbeitet. Die streng geheimen Versuche waren gut gelaufen, man hatte die Daten in die bestmogliche Form gebracht und aufbereitet. Sie waren ihren Freunden bei der FDA um den Bart gegangen wie noch nie. Doch jetzt war das Phloxatan nicht mehr zu retten. Wie man die Daten auch drehte, das Medikament war ein Flop. Jetzt sa? Skiba auf sechs Millionen Lampe-Aktien, die er nicht loswerden konnte - niemand hatte vergessen, was mit Martha Stewart passiert war - und auf zwei Millionen Optionen, die so wertlos waren, dass sie als Toilettenpapier in seinem Carra-ra-Marmorbad nutzlicher gewesen waren.

Skiba hasste Leerverkaufer mehr als alles auf der Welt. Sie waren die Geier, die Maden, die Aasfliegen des Marktes. Er hatte alles dafur gegeben, um zu sehen, dass die Lampe-Aktie sich gegen sie wandte und stieg. Er hatte gern ihre Panik gesehen, wenn sie gezwungen waren, ihre Positionen zu schutzen. Er hatte gern an all die Anrufe gedacht, die sie zum Nachschuss aufforderten. Es ware wunderschon gewesen. Sobald er den Codex in die Hande bekam und das bekannt machte, wurden diese wunderschonen Dinge wahr werden. Die Leerverkaufer wurden sich so schlimm verbrennen, dass es Monate, wenn nicht gar Jahre dauern wurde, bis sie sich erholten.

Das Schreibtischtelefon erzeugte ein leises Trillern. Skiba schaute kurz auf seine Armbanduhr. Das Satellitengesprach kam punktlich. Eigentlich gefiel es ihm gar nicht, mit Hauser zu reden. Er verabscheute diesen Menschen und seine Prinzipien. Aber er musste sich mit ihm abgeben. Hauser hatte darauf bestanden, ihn auf dem Laufenden zu halten.

Obwohl Skiba ein Geschaftsfuhrer war, der in der Regel nicht lange fackelte, hatte er gezogert. Es gab Dinge, die besser im Dunkeln blieben. Am Ende hatte er jedoch zuge-stimmt - wenn auch nur, um Hauser daran zu hindern, etwas Dummes oder Ungesetzliches zu tun. Wenn er den Codex bekam, musste er sauber sein.

Skiba nahm den Horer ab.

»Skiba.«

Hauser klang aufgrund der Verschlusselung fast wie Donald Duck. Wie ublich vergeudete der Privatdetektiv keine Zeit mit Nettigkeiten.

»Maxwell Broadbent ist mit einer Truppe Hochlandindia-ner den Rio Patuco hinaufgefahren. Wir sind auf seiner Spur. Wir wissen zwar noch nicht, wo sein Ziel lag, aber ich schatze, es wird irgendwo im Inlandgebirge sein.«

»Gibt's irgendwelche Probleme?«

»Vernon, einer seiner Sohne, hat sich vorgedrangelt und ist uns ein Stuck voraus. Konnte aber gut sein, dass der Dschungel das Problem fur uns erledigt.« »Ich verstehe nicht.«

»Er hat in Puerto Lempira zwei Trunkenbolde als Fuhrer angeheuert und sich im Meambar-Sumpf verirrt. Ist un-wahrscheinlich, dass sie den ... ahm ... Sonnenschein je wieder sehen.«

Skiba schluckte. So viele Informationen hatte er eigentlich gar nicht haben wollen. »Horen Sie, Mr. Hauser, bleiben Sie einfach bei den Fakten und uberlassen Sie die Meinungen den anderen.«

»Wir hatten einen kleineren Ruckschlag mit Tom, dem anderen Sohn. Er hat eine Frau bei sich, eine Doktorandin aus dem Bereich Ethnopharmakologie von der Universitat Yale.« »Ethnopharmakologie? Wei? sie von dem Codex?« »Da konnen Sie Ihren Arsch drauf wetten.« Skiba zuckte zusammen. »Das ist aber sehr lastig.« »Yeah, aber nichts, wo-mit ich nicht fertig wurde.« »Horen Sie, Mr. Hauser«, sagte Skiba schroff. »Ich uberlasse alles Ihren kompetenten Handen. Ich muss jetzt zu einer Konferenz.«

»Man wird sich um diese Leute kummern mussen.« Es behagte Skiba nicht, dass das Thema damit nicht abgeschlossen war. »Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden, und ich mochte es auch gar nicht wissen. Ich bin zufrieden, wenn Sie sich um die Einzelheiten kummern.«

Am anderen Ende ertonte ein leises Kichern. »Wie viele Menschen sterben in diesem Moment in Afrika, weil Sie darauf bestehen, dreiundzwanzigtausend Dollar pro Jahr fur das neue Tbc-Medikament in Rechnung zu stellen, das in der Produktion gerade mal hundertzehn kostet? Mehr mochte ich dazu nicht sagen. Wenn ich sage, dass ich mich darum kummere, meine ich damit nur, dass ich Ihrer Ge-samtsumme ein paar Zahlen hinzufuge.«

»Das ist unerhort, Hauser! Verdammt noch mal ...« Skiba brach ab und schluckte. Er wollte sich doch nicht provozie-ren lassen. Das hier war eine Unterhaltung, mehr nicht.

»Sie sind wirklich nett, Skiba. Sie wollen den Codex schon sauber und legal haben. Sie wollen nicht, dass plotzlich jemand den Hals reckt und behauptet, er gehort ihm. Sie wollen auch nicht, dass sich jemand wehtut. Machen Sie sich keine Sorgen: Ohne Ihre Erlaubnis werden keine wei?en Menschen ums Leben kommen.«

»Jetzt horen Sie mal zu. Ich werde es nicht hinnehmen, dass jemand getotet wird - ob es nun ein Wei?er ist oder nicht. Horen Sie mit diesem rucksichtslosen Gerede auf.«

Skiba spurte, wie ihm Schwei?tropfen am Hals hinabliefen.

Womit hatte er Hauser erlaubt, die Situation derart zu kont-rollieren? Seine Hand tastete nach dem Schlussel. Die Schublade glitt auf.

»Ich verstehe«, sagte Hauser. »Wie schon gesagt ...«

»Ich muss in eine Konferenz.« Skiba unterbrach die Verbindung. Sein Herz pochte heftig. Hauser war in Mittelamerika, komplett au?er Kontrolle. Niemand uberwachte ihn. Er konnte tun, was er wollte. Der Mann war ein Psychopath. Skiba schluckte die Pille, spulte ihre Bitterkeit mit einem Schluck Macallan hinunter, lehnte sich zuruck und rang nach Luft. Das Feuer im Kamin brannte frohlich vor sich hin. Das Gerede vom Toten hatte ihn so aufgeregt, dass ihm ubel war. Er blickte in die Flammen, in der Hoffnung auf ihren beruhigenden Einfluss. Hauser hatte zwar versprochen, seine Erlaubnis einzuholen, doch die wurde er nie kriegen. Weder die Firma noch sein personliches Gluck waren es wert, zu solchen Ma?nahmen zu greifen. Skibas Blick wanderte uber die Reihe der silbern eingerahmten Fotos auf dem Schreibtisch: Seine drei Kinder schauten ihn mit einem schiefen Grinsen an. Sein Atem normalisierte sich. Hauser schwafelte viel brutales Zeug, aber es war eben doch nur Geschwafel. Niemand wurde umgebracht werden. Hauser wurde den Codex an sich bringen, Lampe wurde sich erholen, und in

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