»Ein Mal. Da hat er mir die Hand auf die Schulter gelegt und mich liebevoll gedruckt. Das war alles. Aber diese Geste hat Bande gesprochen.«
»Tut mir Leid. Wie schrecklich.«
»Jeder von uns hat eine Zuflucht gefunden. Ich fand meine zuerst im Fossiliensammeln - ich wollte eigentlich Palaontologe werden -, dann in den Tieren. Weil sie einen eben nicht beurteilen. Sie verlangen nicht von einem Menschen, ein anderer zu sein. Ein Pferd akzeptiert einen so, wie man ist.«
Tom verfiel in Schweigen. Es verbluffte ihn, dass die Gedanken an seine Kindheit ihn noch so sehr schmerzten. Dabei war er doch schon einunddrei?ig.
»Tut mir Leid«, sagte Sally. »Ich wollte nicht neugierig sein.«
Tom winkte ab. »Ich hab ja auch nicht vor, ihn zu entthro-nen. Er war - auf seine Weise - ein guter Vater. Vielleicht hat er uns zu sehr geliebt.«
»Tja«, sagte Sally nach einer Weile und stand auf. »Jetzt mussen wir uns einen Fuhrer suchen, der uns den Patuca hinaufbringt. Ich habe keine Ahnung, wo ich anfangen soll.« Sie nahm das Telefonbuch in die Hand und blatterte es durch. »Ich habe so was noch nie gemacht. Ob es hier uberhaupt Eintrage unter
»Ich habe eine bessere Idee. Wir suchen die Tranke der auslandischen Journalisten hier. Die haben beim Reisen den besten Durchblick.«
»Eins zu null fur Sie.«
Sally beugte sich vor, griff eine Hose und warf sie ihm zu.
Ihr folgten ein Hemd, Socken und leichte Laufschuhe. Alles landete in einem Stapel vor Tom. »Die albernen Cowboy-
Stiefel konnen Sie jetzt ausziehen.«
Tom raffte die Kleider zusammen, ging in sein Zimmer und zog sich um. Das Zeug schien hauptsachlich aus Taschen zu bestehen. Als er zuruckkehrte, beaugte Sally ihn mit einem kritischen Blick und meinte: »Nach ein paar Tagen im Dschungel sehen Sie vielleicht nicht mehr so komisch aus.«
»Danke.« Tom ging ans Telefon und rief die Rezeption an.
Die Journalisten schienen in einer Bar herumzuhangen, die Los Charcos hie?.
Es uberraschte Tom, dass die Bar nicht die billige Ka-schemme war, die er sich vorgestellt hatte, sondern ein elegantes, mit Holz getafeltes Lokal neben der Lobby des schonen alten Hotels. Die Klimaanlage machte den Raum fast so kalt wie die Arktis. Ansonsten war die Bar vom Duft feiner Zigarren erfullt.
»Ich erledige das Reden«, sagte Sally. »Ich spreche besser Spanisch als Sie.«
»Sie sehen auch besser aus.«
Sally runzelte die Stirn. »Solche Witze finde ich gar nicht komisch.«
Sie nahmen am Tresen Platz.
»Mr. Sewell? Ich habe ihn seit dem Hurrikan nicht mehr gesehen, Senorita.«
»Und was ist mit dem Korrespondenten des
»Wir haben hier keinen Korrespondenten vom
»Tja, wer ist denn sonst noch hier?«
»Roberto Rodriguez von
»Nein, nein, ich suche einen Amerikaner. Jemanden, der das Land kennt.«
»Wurde es auch ein Englander tun?«
»Aber ja doch.«
»Da druben«, murmelte der Barmann und deutete mit dem Kinn in die angegebene Richtung, »sitzt Derek Dunn.
Er schreibt ein Buch.«
»Woruber?«
»Uber Reisen und Abenteuer.«
»Hat er schon andere Bucher geschrieben? Kennen Sie einen Titel?«
»Sein letztes Buch hie?
Sally warf einen Zwanzig-Dollar-Schein auf den Tresen und ging zu Dunn hinuber. Tom folgte ihr.
Dunn sa? gut versorgt allein da und machte gerade ein Getrank nieder. Er hatte eine blonde Mahne und ein flei-schiges rotes Gesicht. Sally blieb stehen, deutete auf ihn und rief: »He, sind Sie nicht Derek Dunn?«
»Fur gewohnlich bejahe ich diese Frage«, sagte Dunn. Seine Nase und seine Wangen wiesen ein permanentes Rosarot auf.
»Ah, wie aufregend!
Dunn stand auf und reckte seine kraftige Gestalt. Er wirkte gepflegt und in Form und trug abgetragene Khakihosen und ein einfaches kurzarmeliges Baumwollhemd. Er war ein stattlicher Mann, der typische Vertreter des britischen Weltreichs.
»Vielen Dank«, sagte er. »Und wer sind Sie?«
»Sally Colorado.« Sally schuttelte seine Hand.
»Trinken Sie einen mit?«
»Es ware mir eine Ehre«, rief Sally.
Dunn winkte sie in die Sitzecke neben ihm.
»Ich trinke das Gleiche wie Sie«, sagte Sally.
»Gin Tonic.« Dunn winkte dem Barmann zu, dann fiel sein Blick auf Tom. »Sie konnen sich ruhig zu uns setzen.«
Tom nahm Platz. Er sagte nichts. Seine Begeisterung fur seine Idee nahm allmahlich ab. Er mochte den rotgesichtigen Mr. Dunn nicht, der Sally au?erst intensiv in Augenschein nahm - und zwar nicht nur ihr Gesicht.
Der Barmann kam zu ihnen heruber. Dunn sprach Spanisch mit ihm. »Gin Tonic fur mich und die Dame. Und ...?«
Sein Blick traf Tom.
»Limonade«, sagte Tom sauerlich.
»
»Welch ein Gluck, dass wir Sie getroffen haben!«, rief Sally. »So ein Zufall!«
»Sie haben also
»Es ist eines der besten Reisebucher, die ich je gelesen habe.«
»Das kann man wohl sagen«, bekraftigte Tom.
»Sie haben es auch gelesen?« Dunn wandte sich mit einem erwartungsvollen Blick zu ihm um.
Tom stellte fest, dass der Autor die Halfte seines Getranks schon verputzt hatte.
»Und ob ich es gelesen habe«, erwiderte er. »Am besten hat mir die Stelle gefallen, an der Sie in die Elefantenkacke gesturzt sind. Es war zum Brullen.«
Dunn hielt inne. »Elefantenkacke?«
»Kam in Ihrem Buch etwa keine Elefantenkacke vor?«
»In Mittelamerika gibt's doch gar keine Elefanten.«
»Ach. Dann muss ich es wohl mit einem anderen Buch verwechseln. Verzeihen Sie mir.«
Tom sah, wie Sallys grune Augen sich auf ihn richteten. Er wusste nicht genau, ob sie wutend war oder ein Lachen unterdruckte.
Dunn drehte sich auf seinem Stuhl und wandte Tom den Rucken zu. Seine ganze Aufmerksamkeit galt Sally.