seine Taille ge-schnallte Machete und begab sich nach vorn. Als er sich breitbeinig am Bug aufbaute, tuckerte das Boot auf ein Tier zu. Wahrend es nun neben dem verzweifelt schwimmen-den Tier langsseits ging, beugte er sich vor und hieb die Machete mit einer plotzlichen Bewegung ins Wasser. Dann griff er hinab und zog etwas an Bord, das wie eine siebzig Zentimeter lange Ratte aussah. Der Hieb hatte sie fast enthauptet, denn ihr Kopf hing an einem Hautfaden herab. Sie zuckte noch einmal unkontrolliert und erschlaffte.

Philip schaute mit einem vagen Schreckensgefuhl zu, als Hauser ihm den Kadaver zuwarf. Er landete mit einem dumpfen Klatschen auf dem Boden. Der Kopf riss ab, rollte weiter und blieb vor Philips Fu?en liegen: Das Maul stand offen, die gelben Rattenaugen leuchteten, Blut stromte heraus.

Hauser sauberte die Machete im Fluss, schob sie wieder in den Gurtel und kehrte zu Philip zuruck, indem er uber den Kadaver trat. Er grinste. »Schon mal Agouti gegessen?«

»Nein. Und ich hab auch nicht vor, damit anzufangen.«

»Gehautet, ausgenommen, filetiert und auf Holzkohle gebraten war es eins von Maxwells Leibgerichten. Schmeckt fast so wie Hahnchen.«

Philip sagte nichts. Hauser behauptete dies von jeglichem Buschfleisch, das zu essen sie bisher gezwungen gewesen waren. Schmeckt wie Hahnchen.

»Ach!«, sagte Hauser, als sein Blick auf Philips Hemd fiel.

»Tut mir Leid.«

Philip blickte an sich herab. Ein einzelner Tropfen frischen Blutes hatte ihn getroffen und wurde nun vom Stoff aufge-saugt. Er wollte ihn abwischen, doch da verschmierte er ihn nur. »Ich wurde es zu schatzen wissen, wenn Sie etwas vorsichtiger waren, wenn Sie mit enthaupteten Tieren um sich werfen«, sagte er, tauchte sein Taschentuch ins Wasser und versuchte, den Fleck wegzurubbeln.

»Gar nicht so einfach, im Dschungel die Hygiene aufrecht-zuerhalten«, meinte Hauser.

Philip rubbelte noch ein wenig, dann gab er es auf. Es ware ihm lieber, Hauser wurde ihn in Ruhe lassen. Der Mann wurde ihm allmahlich unheimlich.

Hauser zog ein paar CDs aus der Tasche. »Und jetzt, um der sich immer mehr um sich greifenden Barbarei etwas entgegenzusetzen ... Mochten Sie lieber Bach oder Beethoven horen?«

14

Tom Broadbent flazte sich in der Executive Suite des Shera-ton Royale de San Pedro Sula in einem dick gepolsterten Fauteuil und nahm eine Landkarte in Augenschein. Sein Vater war mit der gesamten Fracht in die an der Moskito-Kuste liegende Stadt Brus Laguna geflogen, die an der Mundung des Rio Patuca lag. Dort war er verschwunden.

Es hie?, er sei den Fluss hinaufgefahren - der einzige Weg durch das riesige, gebirgige und wilde Innere von Honduras.

Tom folgte der sich schlangelnden blauen Linie des Flusses auf der Landkarte mit dem Finger. Sie fuhrte durch Sumpfe, uber Hugel und Hochplateaus, bis sie sich in einem Netz von Zuflussen verlor, die einer gezackten Linie parallel verlaufender Bergketten entstromten. Auf der Landkarte waren weder Stra?en noch Ortschaften ver-zeichnet; es war wirklich ein gottverlassener Fleck Erde.

Tom hatte in Erfahrung gebracht, dass Philip ihnen mindestens eine Woche und Vernon ihnen fast zwei Wochen voraus waren. Er machte sich gro?e Sorgen um seine Bruder. Man brauchte Mumm, zwei Polizisten schnell und erfolgreich umzubringen. Der Killer war eindeutig ein Profi gewesen. Seine Bruder standen bestimmt als nachste Opfer auf seiner Liste.

Sally kam, in ein Handtuch gewickelt, aus dem Bad und trat vor sich hin summend ins Wohnzimmer der Suite. Das nasse, glanzende Haar fiel ihr bis auf die Schultern. Als sie in ihrem Schlafzimmer verschwand, folgte Tom ihr mit einem Blick. Sie war noch gro?er als Sarah ...

Bei diesem Gedanken hielt er jah inne.

Zehn Minuten spater war Sally wieder da: in leichtes Khaki gekleidet - ein langarmeliges Hemd, einen Leinenhut mit Moskitonetz vor dem Gesicht und stabilen Handschuhen.

All dies hatte sie heute Morgen bei einem Einkaufsbummel erstanden.

»Wie sehe ich aus?«, fragte sie und drehte sich um.

»Wie 'ne Afghanin.«

Sally schob das Moskitonetz hoch und nahm den Hut ab.

»Das ist schon besser.«

Sie warf Hut und Handschuhe aufs Bett. »Ich muss zugeben, dass ich sehr neugierig bin, was Ihren Vater angeht. Er muss ein echter Exzentriker gewesen sein.«

»War er wirklich.«

»Und wie war er sonst? Falls Sie nichts dagegen haben, wenn ich danach frage.«

Tom seufzte. »Wenn er einen Raum betrat, haben sich alle umgedreht. Er hat irgendwas ausgestrahlt - Autoritat, Kraft, Zuversicht. Ich wei? nicht genau was. Die Menschen hatten Ehrfurcht vor ihm, auch wenn sie ihn gar nicht kannten.«

»Ich kenne diesen Typ.«

»Wo er auch hinkam, was er auch getan hat, die Journalisten waren standig hinter ihm her. Manchmal warteten Pa-parazzi vor unserem Grundstuck. Selbst wenn wir nur zur Schule gingen, hingen die verdammten Fotografen uns an den Fersen und jagten uns uber den Old-Santa-Fe-Trail hinterher - als waren wir Prinzessin Diana oder jemand in der Art. Es war einfach lacherlich.«

»Es muss eine Last fur Sie gewesen sein.«

»Es war nicht immer eine Last. Manchmal hat es sogar Spa? gemacht. Wenn unser Vater heiratete, war es immer eine Nachricht wert. Dann haben alle den Kopf geschuttelt oder mit der Zunge geschnalzt. Er hat immer extrem schone Frauen geheiratet, von denen zuvor noch nie jemand was gehort hatte. Er stand nicht auf Mannequins oder Schau-spielerinnen. Als er meiner Mutter begegnete, hat sie am Empfang einer Zahnarztpraxis gearbeitet. Er hatte es gern, wenn man ihm Beachtung schenkte. Hin und wieder hat er einem Paparazzo aus Spa? an der Freude eine reingehauen und musste dann eine Geldstrafe zahlen. Er war stolz auf sich. Er war wie Onassis - uberlebensgro?.«

»Was ist aus Ihrer Mutter geworden?«

»Sie starb, als ich vier war. Sie litt an einer seltenen und plotzlich ausbrechenden Form von Meningitis. Sie war die einzige Frau, von der er sich nicht hat scheiden lassen. Ich schatze, er hatte nicht genug Zeit dafur.«

»Tut mir Leid.«

»Ich erinnere mich kaum an sie. Ich erinnere mich nur noch an ... nun ja ... Gefuhle. Herzlichkeit und Liebenswur-digkeit, so was eben.«

Sally schuttelte den Kopf. »Ich raff's noch immer nicht.

Wie konnte er Ihnen und Ihren Brudern das antun?«

Tom richtete den Blick auf die Landkarte. »Alles, was er tat und was ihm gehorte, musste au?ergewohnlich sein. So ist er auch mit uns verfahren. Aber wir haben uns nicht so entwickelt, wie er es gern gesehen hatte. Zu verschwinden und sich mit seinem Geld begraben zu lassen war das Letzte, was ihm noch blieb: der Versuch, uns zu zwingen, etwas zu tun, das vielleicht in die Geschichte eingeht. Irgendetwas, das ihn stolz macht.« Er lachte verbittert. »Es ware unglaublich, wenn die Presse von dieser Sache Wind kriegen wurde. Gigantisch. Ein Schatz im Wert von einer halben Milliarde, der irgendwo in Honduras in einer Grabkammer versteckt ist. Die ganze Welt wurde sich hierher aufmachen, um danach zu suchen.«

»Es muss schwierig gewesen sein, einen solchen Vater zu haben.«

»Und ob. Ich wei? nicht, wie oft er, wenn ich Tennis spielte, fruher ging, weil er nicht zusehen wollte, wie ich verliere. Er war ein unbarmherziger Schachspieler - doch wenn er bemerkte, dass er im Begriff war, einen von uns zu schlagen, stieg er aus dem Spiel aus. Er konnte es nicht ertragen, wenn einer von uns verlor - nicht mal gegen ihn. Wenn die Zeugnisse kamen, hat er nie etwas gesagt, obwohl man an seinem Blick sah, wie enttauscht er war. Alles unterhalb einer Eins war fur ihn eine solche Katastrophe, dass er es nicht uber sich brachte, daruber zu reden.«

»Haben Sie je eine Eins gekriegt?«

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