Tom zahlte bis zwanzig, dann riskierte er noch einmal einen Blick nach vorn. Das Boot hatte die Biegung nun fast erreicht und befand sich au?erhalb der Schussweite. Er steuerte so nahe an die Mauer aus wild wuchernden Pflanzen heran, wie er sich nur traute. Als die Flussbiegung hinter ihnen lag, flackerten die Lichter der kleinen Anlegestelle noch einmal durch die Aste und verschwanden.

Sie hatten es geschafft.

Dann ertonte wieder eine, diesmal jedoch nur halbherzig abgefeuerte Salve. Im Dschungel links von ihnen horte Tom ein Klicken und Klacken. Die Baume hielten die Kugeln auf.

Dann erstarben die Gerausche. Der Fluss wurde still.

Tom half Sally auf die Beine. Ihr Gesicht war im matten Licht fast gespenstisch wei?. Er leuchtete mit der Taschenlampe um sich. Zu beiden Seiten des dunklen Flusses ragten dichte Walder auf. Ein einzelner Stern funkelte kurz an einem freien Stuck Himmel, und als sie sich weiterbeweg-ten, blinkte und flackerte er zwischen den Baumwipfeln.

Der kleine Motor heulte vor sich hin. Im Moment waren sie allein auf dem Fluss. Eine finstere, schwule Nacht hullte sie ein.

Tom nahm Sallys Hand und bemerkte, dass sie zitterte.

Erst da wurde ihm bewusst, dass es ihm nicht anders erging. Die Soldaten hatten auf sie geschossen. Sie hatten sie toten wollen. Er hatte dergleichen zigtausend Mal im Kino gesehen, aber wenn man selbst das Ziel abgab, erlebte man die Sache doch vollig anders.

Hinter der Dschungelwand ging der Mond unter. Finsternis hullte den Fluss ein. Tom schaltete die Taschenlampe an, um zu sondieren, was vor ihnen lag. Dann umfuhr er im Wasser liegende Baumstumpfe und seichte Stellen. Eine gro?er werdende Wolke aus surrenden Moskitos um-schwirrte sie. Ihre Fahrt schien Tausende dieser Biester anzulocken.

»Sie haben wohl nicht zufallig etwas gegen Insekten in der Tasche?«, fragte Tom.

»Ganz im Gegenteil. Es ist mir gelungen, im Jeep mein Notfalltaschchen zu klauen. Ich hab's mir in die Hose geschoben.« Sally zog ein kleines Packchen aus der riesigen Tasche an ihrem Oberschenkel und offnete einen Rei?verschluss. Sie kramte herum und beforderte diverse Gegenstande zu Tage: ein Flaschchen mit Wasserreinigungstablet-ten, einige wasserdicht verpackte Zundholzbriefchen, einen Packen Hundert-Dollar- Scheine, eine Landkarte, einen Schokoriegel, einen Pass und mehrere nutzlose Kreditkarten.

»Ich wei? nicht genau, was alles hier drin ist.«

Tom hielt die Taschenlampe, wahrend sie ihre Habseligkeiten prufte. Gegen Insekten hatte sie nichts dabei. Mit einem Fluch packte sie alles wieder ein. Wahrend sie damit beschaftigt war, fiel ein Foto aus dem Taschchen heraus.

Tom richtete die Lampe darauf. Er sah einen au?erst stattli-chen jungen Mann mit dunklen Brauen und einem gemei-

?elten Kinn. Der ernste Ausdruck, der seine dunklen Brauen furchte, seine straffen Lippen, seine Tweed- Jacke und die Art, wie er den Kopf neigte, vermittelten ihm, dass es sich um einen Mann handelte, der sich wirklich sehr ernst nahm.

»Wer ist das?«, fragte er.

»Ach«, sagte Sally, »das ist Professor Clyve.«

»Das ist Clyve? Wieso ist er noch so jung? Ich hab gedacht, er ist ein schusseliger alter Knabe, der Strickjacken tragt und Pfeife raucht.«

»Es wurde ihn nicht freuen, das zu horen. Er ist der jungste Professor in der Geschichte der Fakultat. Er ist mit sechzehn nach Stanford gegangen und hat mit neunzehn seinen Abschluss und mit zweiundzwanzig seinen Doktor gemacht. Er ist ein echtes Genie.« Sally schob das Foto sorgfal-

tig wieder in das Taschchen.

»Warum tragen Sie ein Foto Ihres Professors mit sich rum?«

»Na«, sagte Sally, »weil wir verlobt sind. Hab ich Ihnen das nicht erzahlt?«

»Nein.«

Sally musterte Tom neugierig. »Sie haben doch wohl kein Problem damit, oder?«

»Naturlich nicht.« Tom spurte, wie er errotete. Er hoffte, dass die Dunkelheit seine Verlegenheit verbarg. Es war ihm jedoch klar, dass Sally ihn in dem matten Licht anschaute.

»Sie haben so uberrascht gewirkt.«

»Tja, ich war auch uberrascht. Immerhin tragen Sie keinen Verlobungsring.«

»Professor Clyve halt nichts von solchen burgerlichen Konventionen.«

»Er hatte nicht mal was dagegen, dass Sie einfach so eben mit mir verreisen?« Tom hielt inne. Ihm wurde bewusst, dass er genau das Falsche gesagt hatte.

»Glauben Sie etwa, ich musste mir die Erlaubnis >meines Mannes< holen, bevor ich einen Ausflug mache? Oder wollen Sie mit dieser Frage etwa andeuten, dass ich sexuell nicht zuverlassig bin?« Sally neigte den Kopf schief und musterte ihn aus zusammengekniffenen Augen. Tom schaute weg. »Es war 'ne dumme Frage.«

»Das finde ich auch. Ich habe Sie irgendwie fur aufgeklar-ter gehalten.«

Tom beschaftigte sich mit der Steuerung des Bootes und versuchte, seine Verlegenheit und Verwirrung zu verbergen. Der Fluss war still. Die sumpfige Nachthitze stromte an ihnen vorbei. In der Finsternis schrie ein Vogel. In der darauf folgenden Stille horte er ein Gerausch.

Tom schaltete sofort den Motor aus. Sein Herz pochte heftig. Da, schon wieder das Gerausch: das Spucken des Starters eines Au?enborders, den jemand zog. Stille senkte sich uber den Fluss. Ihr Boot fuhr mit abgestelltem Motor.

»Sie haben irgendwo Benzin aufgetrieben. Sie verfolgen uns.«

Das Boot glitt mit der Stromung allmahlich zuruck. Tom nahm einen Pfahl vom Bootsboden und schob ihn ins Wasser. Das Boot dumpelte leicht auf der Stromung, doch dann kam es zum Halten. Tom hielt es in der Stromung fest. Sie lauschten. Wieder das Spucken. Dann ein Aufbrullen. Das Brullen wurde zu einem leisen Summen. Es gab keinen Zweifel: Es war das Gerausch eines Motorbootes.

Tom machte sich daran, den Motor wieder anzuwerfen.

»Nicht«, sagte Sally. »Sie werden es horen.«

»Mit Staken konnen wir ihnen nicht entkommen.«

»Mit dem Motor auch nicht. Mit dem 18-PS-Kahn haben sie uns in funf Minuten eingeholt.« Sally richtete den Strahl der Taschenlampe auf die Dschungelwand zu beiden Seiten. Das Wasser erstreckte sich zwischen die Baume hinein und schien den Dschungel ersauft zu haben. »Wir sollten uns lieber verstecken.«

Tom stakte den Einbaum auf den Rand des uber-schwemmten Urwaldes zu. Da war eine schmale Einfahrt -

eine enge Wasserstra?e, die so aussah, als sei sie in trocke-neren Zeiten ein Bachbett gewesen. Er stakte darauf zu, und das Boot rammte prompt gegen etwas: ein abgesoffener Baumstamm.

»Feierabend«, sagte Tom.

Das Wasser war ungefahr knietief, darunter lag mehr als ein halber Meter Schlamm, in dem sie in einem Aufwallen von Blasen versanken. Der faulige Gestank von Sumpfgas stieg auf. Das Boot ragte noch in den Fluss hinaus, wo man es sofort erspahen wurde.

»Anheben und schieben.«

Sie muhten sich ab, um den Bootsbug uber den Baumstamm zu wuchten und hinuberzuschieben. Dann kletterten sie wieder an Bord. Das Gerausch des Evinrude-Motors wurde lauter. Das Militarboot kam schnell den Fluss herauf.

Sally packte den zweiten Pfahl, und gemeinsam stakten sie nun immer tiefer in den uberfluteten Wald hinein. Tom schaltete die Taschenlampe aus. Kurz darauf leuchtete ein starker Scheinwerfer durch die Baume.

»Wir sind noch immer zu nah am Fluss«, sagte er. »Sie werden uns sehen.« Er versuchte zu staken, doch der Pfahl blieb im Schlamm stecken. Er riss ihn heraus und legte ihn auf den Bootsboden. Dann griff er nach ein paar herabhangenden Schlingpflanzen und nutzte sie dazu, um das Boot tiefer in den Wald zu ziehen, damit sie halbwegs in ein Dickicht aus Farnen und Buschen gelangten. Der Evinrude-Motor war nicht mehr weit weg. Im gleichen Moment, in dem Tom Sally packte und auf den Boden des Einbaums zog, blitzte der Scheinwerfer durch den Wald. Dann lagen sie nebeneinander. Sein Arm ruhte uber ihr. Tom betete, dass die Soldaten den Motor ihres

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