zu beobachten.
Jetzt im Marz und zur Zeit ihrer Culmination, erreichte sie fast den Zenith, der in dieser Breitenlage den Himmelsaquator schneidet.
Die Belaubung verdichtete sich jedoch weiterhin derma?en, da? unter den Abertausenden von Baumen nur noch ein Halbtag herrschte. Bei bedecktem Himmel mu?te es fast vollig dunkel werden, und in der Nacht war an ein weiteres Vorwartsdringen naturlich gar nicht zu denken. Khamis beabsichtigte jedoch auch von vornherein, vom Abend bis zum Morgen Halt zu machen, fur den Fall eines drohenden Regens Obdach am Fu?e eines Baumes zu suchen, und ein Feuer nur so lange zu unterhalten, wie es die Zubereitung des am Vor-oder Nachmittage erlegten Wildes verlangte. Wurde der Wald auch von Nomaden nicht besucht – selbst von der, am Tage vorher nahe dem Waldrande lagernden Rotte war keine Spur mehr zu entdecken – so schien es dennoch rathsam, sich nicht durch den Schein eines Feuerherdes zu verrathen. Uebrigens genugten auch einige unter die Asche geschobene, gluhende Kohlen, das Fleisch zum Essen gar zu machen, und von der Kalte war ja zu dieser Jahreszeit in Afrika nichts zu furchten.
Die Karawane hatte auf ihrem Wege uber die Ebenen der intertropischen Gegend vielmehr schon arg von der Hitze zu leiden gehabt. Die Temperatur erreichte daselbst erstaunlich hohe Grade. Unter den Baumen hier wurden Khamis, Max Huber und John Cort davon jedenfalls weniger belastigt, sie fanden also gunstigere Verhaltnisse fur den langen und anstrengenden Marsch, den die Umstande ihnen aufzwangen.
Selbstverstandlich hatte es kein Bedenken, in den von den Sonnenstrahlen des Tages her noch warmen Nachten, wenigstens bei trockenem Wetter, unter freiem Himmel zu schlafen.
Nur die Niederschlage waren in dieser, in jeder Jahreszeit regenreichen Gegend zu furchten. Ueber der Aequinoctialzone wehen die Passatwinde, die hier, auf einander treffend, sich aufheben. Als Folge davon herrscht ebenda meist eine sehr ruhige Luft und die Wolken ergie?en die in ihnen verdichteten Dunste in den furchtbarsten Platzregen. Jetzt hatte sich der Himmel jedoch bei zunehmendem Monde aufgeheitert, und da der Satellit der Erde einen Einflu? auf die Witterungsgestaltung zu haben scheint, konnte man vielleicht fur vierzehn Tage auf gutes, durch keinen Kampf der Elemente gestortes Wetter rechnen.
In diesem Theile des Waldes, der in unauffalliger Neigung nach dem Ufer des Ubanghi hin abfiel, war der Erdboden nicht sumpfig. Weiter im Suden mochte das jedoch der Fall sein. Die sehr feste Erde war mit hohem, dichtem Grase bedeckt, das das Vorwartskommen verlangsamte und erschwerte, wo es nicht von den Fu?en von Thieren niedergetreten war.
»Wahrlich, begann da Max Huber, es ist doch sehr zu bedauern, da? unsere Elefanten nicht haben bis hierher gelangen konnen! Sie hatten hubsch die Lianen zerrissen, das Gestrauch zerstort, den Weg eingeebnet, das Dorngestrupp zertreten…
– Jawohl, und uns dazu! fiel John Cort ein.
– Ganz sicherlich, bestatigte der Foreloper. Begnugen wir uns damit, was Rhinocerosse und Buffel gethan haben. Wo diese hindurchgekommen sind, werden wir auch nicht stecken bleiben.«
Khamis kannte ja diese Walder Centralafrikas, da er wenigstens die des Congobeckens und die in Kamerun wiederholt durchzogen hatte. Es kann also nicht wundernehmen, da? er imstande war, uber die so verschiedenen Baumarten und Gewachse, die im Walde vorkamen, Auskunft zu geben. John Cort interessierte sich sehr fur das Studium der prachtigen Vertreter des Pflanzenreiches, der zahlreichen Phanerogamen im Gebiete zwischen Congo und Nil, die bereits in das Pflanzensystem eingereiht sind.
»Darunter giebt es, sagte Khamis, auch mancherlei e?bare, die geeignet sind, die Eintonigkeit unseres Speisezettels zu beseitigen.«
Ohne von den in gro?er Menge vorhandenen riesigen Tamarinden zu reden, erhoben hier machtig entwickelte Mimosen und Baobabs ihre Wipfel bis hundertfunfzig Fu? in die Luft. Zwanzig bis drei?ig Meter Hohe erreichten gewisse Arten aus der Familie der Euphorbiaceen mit stachlichen Zweigen, sechs bis sieben Zoll langen Blattern, die mit einer Schicht eines milchahnlichen Stoffes uberzogen sind, und deren Nusse nach erlangter volliger Reise krachend zerspringen und aus ihren sechzehn Abtheilungen den Samen nach allen Seiten hinausschleudern. Hatte Khamis nicht den Instinkt der Orientierung besessen, so wurde er sich bezuglich der Himmelsrichtungen haben nach dem merkwurdigen Sylphinum lacinatum belehren konnen, einer Pflanze, deren Blatter sich immer in der Weise drehen, da? sie die eine Flache nach Westen, die andere nach Osten wenden.
Ein in diesem tiefen Urwalde verirrter Brasilianer hatte sich fur versetzt in die
jungfraulichen Walder des
Amazonenstromgebietes halten mussen. Wahrend Max Huber uber das den Boden bedeckende Zwerggebusch wetterte, bewunderte John Cort aufrichtig den grunenden Teppich, in dem es von Phrynien und Aniomen wimmelte und worunter wohl zwanzig Arten von Farnkraut vorkamen, denen man sorglich aus dem Wege gehen mu?te. Und welche Mannigfaltigkeit von Baumen mit hartem und weichem Holze!
Die zweiten vertreten – wie Stanley in seiner »Reise durch den finstern Theil Afrikas« bemerkt – die Fichte und die Weide nordlicherer Zonen. Aus ihren gro?en Blattern allein errichten sich die Eingebornen Hutten fur die Rastzeit von einigen Tagen. Daneben enthalt der Wald aber in gro?er Zahl Tekeichen, Acaju- und Eisenbaume, die nie verfaulenden Campechebaume, Copale von prachtigem Wuchs, weit verzweigte Mangobaume, Sykomoren, die mit den schonsten des ostlichen Afrikas hatten wetteifern konnen, wilde Orangenbaume, ferner Feigenbaume, deren Stamm so wei? erglanzte, als ob er mit Kalkmilch bestrichen ware, wahrhaft kolossale »Mpasus« und andere Baume der verschiedensten Art.
Diese vielfachen Kinder des Pflanzenreiches standen auch nicht so dicht, da? sie die Entwicklung ihrer Aeste gegenseitig hatten hindern konnen, die andererseits das warme und feuchte Klima au?erordentlich begunstigte. Sogar die Wagen einer Karawane hatten wohl zwischen den Stammen hindurchfahren konnen, wenn nicht bis fu?dicke Kabel von einem zum anderen ausgespannt gewesen waren, d. h. endlose Lianenstrange, die sich wie Schlangen um die Baumschafte wanden. Nach allen Seiten verbreitete sich eine Art Guirlandenbehang der Aeste, von dem man sich kaum eine Vorstellung machen kann, hier launenhaft verlaufende Strahne, dort ununterbrochene Laubgewinde von den Baumkronen nach dem Gestrauch darunter. Auch nicht ein Zweig, der nicht mit einem anderen irgendwie verbunden gewesen ware! Kein Stamm ohne lange Pflanzenketten, von denen manche wie bluhende Stalaktiten zur Erde herabhingen! Keine runzlige Rinde, die nicht mit dichtem, sammetweichem Moose gepolstert gewesen ware, in dem sich Tausende von Insekten mit goldgetupfelten Flugeln tummelten!
Und aus den geringsten Anhaufungen dieses Laubgewirres ertonte ein Concert von Zwitschern und Zirpen, von Schreien und Singen unausgesetzt vom Morgen bis zum spaten Abend.
Der Gesang ruhrte von Myriaden von Schnabeln her, die sich in Rollertonen und Nachtigallenfloten uberboten oder die das verschiedenste Pfeifen hervorbrachten, das lauter und schriller ertonte, als die Pfeife des Hochbootsmannes auf einem Kriegsschiffe. Da neben wurde man noch vollig betaubt von der geflugelten Welt der Papageien, Wiedehopfe, Eulen, Amseln, der fliegenden Eichhornchen, Zwergpapageien und Ziegenmelker, abgesehen von den Muckenvogeln, die einem Bienenschwarm ahnlich in den oberen Zweigen summten.
Fur das Geschrei sorgte eine Affengesellschaft; das bestand aus einem larmenden Accord von Pavianen mit grauer Behaarung, von beschopften Koloben, Schimpansen, Mandrillassen und Gorillas, letztere die starksten und gefahrlichsten Affen der afrikanischen Fauna. Die Vierhander hatten, obwohl sie in gro?er Zahl vorhanden waren, bisher noch keine feindlichen Absichten gegen Khamis und dessen Begleiter verrathen; offenbar waren das die ersten Menschen, die sie im Innern dieses Waldes Centralafrikas erblickten. Man durfte namlich gern glauben, da? sich noch keine menschlichen Wesen in dieses Baumdickicht gewagt hatten. Die Affen betrachteten jene deshalb mehr mit Neugierde, als da? sie uber den Anblick in Wuth geriethen. In anderen Theilen des Congogebietes und Kameruns ware das sicherlich anders gewesen. Dort ist der Mensch schon keine seltene Erscheinung mehr. Die Elfenbeinjager, denen sich Hunderte von Banditen, von Eingebornen oder Fremden anschlie?en, setzen dort die Affen nicht mehr allein in Erstaunen, denn die Thiere sind seit langer Zeit Zeugen der greulichen Verwustungen durch jene gewesen, Zeugen ihrer Raubzuge, die schon so viele Menschenleben gekostet haben.
Nach einem ersten Halt in der Mitte des Tages wurde gegen sechs Uhr abends eine zweite Rast gemacht. Das unentwirrbare Netz von Lianen hatte die Wanderung zuweilen recht schwierig gemacht. Sie zu zerschneiden oder zu zerbrechen, erfordert allemal eine muhsame Arbeit. Immerhin fanden sich, und auch auf gro?ere Strecken hin, mehr offene Pfade, auf denen sich jedenfalls Buffel hinzutrollen pflegten, denn einzelne von diesen, unter anderen Onjas von besonderer Gro?e, konnte man noch hinter entferntem Gestrauch entdecken.
Diese Wiederkauer sind, schon infolge ihrer au?erordentlichen Krafte, gar sehr zu furchten, und die Jager,
