die sie verfolgen, mussen sich sorgsam huten, von ihnen nicht selbst angegriffen zu werden. Das sicherste Mittel, sie zu erlegen, besteht darin, da? man ihnen zwischen den Augen eine Kugel in den Kopf jagt.
John Cort und Max Huber hatten noch nie Gelegenheit gehabt, ihre Geschicklichkeit gegenuber diesen Onjas, die sich hier ubrigens in gemessener Entfernung hielten, zu erproben.
Da es uberdies an Antilopenfleisch nicht mangelte, erschien es rathsamer, den kleinen Munitionsvorrath zu schonen. Auf diesem Zuge sollte kein Schu? fallen, wenn nicht die personliche Vertheidigung in Frage kam, oder die taglich nothwendige Nahrung beschafft werden mu?te.
Am Rande einer kleinen Waldblo?e und am Fu?e eines Baumes, der seine Umgebung uberragte, gab Khamis das Zeichen, Halt zu machen. Sechs Meter uber dem Erdboden begann die in’s Graue spielende grune Belaubung des Baumes, den zahllose, mit wei?em Flaume uberzogene Bluthen schmuckten, von denen viele, Schneeflocken ahnlich, rings um den Stamm mit seiner silberhellen Rinde herunterfielen. Es war ein afrikanischer Baumwollbaum, dessen Wurzeln die Gestalt von Stutzpfeilern haben, unter denen man bequem Platz findet.
»Da ist ja das Bett schon gemacht! rief Max Huber heiter. Es hat
zwar keine elastische Unterlage, doch eine Baumwollmatratze, die wir mit Vergnugen einweihen werden!«
Mittels Stein und Schwamm, wovon Khamis genugenden Vorrath bei sich fuhrte, wurde nun ein Feuer entzundet. Die Mahlzeit nachher glich freilich ganz der ersten am fruhen Morgen und der zweiten gegen Mittag. Leider – man mu?te sich eben wohl oder ubel damit abfinden – fehlte es ganzlich an Zwieback, der wahrend des fruheren Zuges das Brod ersetzt hatte. Man begnugte sich also mit dem gebratenen Fleisch, von dem genug vorhanden war, auch den schlimmsten Hunger zu stillen.
Nach beendeter Mahlzeit und bevor sich alle unter den Wurzeln des Baumwollbaumes ausstreckten, sagte John Cort zu dem Foreloper:
»Wenn ich nicht irre, sind wir immer in sudwestlicher Richtung hingewandert…
– Ja, immer, antwortete Khamis; jedesmal, wenn ich die Sonne erblicken konnte, habe ich mich vergewissert, da? wir nicht davon abwichen.
– Wieviel Lieues haben wir Ihrer Ansicht nach heute wohl zuruckgelegt?
– Vier bis funf, Herr John, und wenn wir diese Tagesleistung einhalten, werden wir in einem Monate das Ufer des Ubanghi erreicht haben.
– Das klingt recht trostlich, meinte John Cort, doch ist es nicht rathsam, dabei auch mit besonderen Schwierigkeiten zu rechnen?
– Doch auch mit dem Gegentheile, fiel Max Huber ein. Wer wei? denn, ob wir nicht auf einen Wasserlauf treffen, der uns muhelos forttragt?
– Bis jetzt scheint das nicht gerade so, lieber Max.
– Ja freilich, doch nur, weil wir noch nicht weit genug nach Westen vorgedrungen sind, au?erte sich Khamis, und es sollte mich sehr wundern, wenn morgen oder ubermorgen…
– Verfahren wir lieber so, als ob wir an keinen Flu? kamen, erwiderte John Cort. Eine Reise von drei?ig Tagen, vorzuglich wenn die damit verbundenen Schwierigkeiten nicht gro?er sind als die, die uns heute begegneten, eine solche Reise kann doch afrikanische Jager wie uns nicht erschrecken.
– Und obendrein, setzte Max Huber hinzu, furchte ich, da? dieser geheimni?volle Wald schlie?lich gar kein Geheimni? enthalt.
– Desto besser, Max!
– Nein, desto schlimmer, John!… Komm aber nun, Llanga, Du mu?t endlich schlafen.
– Ach ja, lieber Freund Max,« antwortete das Kind, dem schon die Augen zufielen, denn auf dem langen Wege war es niemals zuruckgeblieben.
Llanga mu?te sogar schon nach den Wurzeln des Baumes getragen werden, wo er im bequemsten Winkel niedergelegt wurde.
Der Foreloper hatte sich wieder erboten, die ganze Nacht zu wachen, die anderen wollten das aber nicht zulassen. Man einigte sich auch dahin, einander nach je drei Stunden abzulosen, obwohl sich in der Umgebung der Waldblo?e nichts verdachtiges wahrnehmen lie?. Die einfache Klugheit verlangte aber doch, bis zum Tagesanbruch auf der Wacht zu bleiben.
Max Huber ubernahm die erste Wache, wahrend sich John Cort und Khamis auf dem wei?en Flaum am Fu?e des Baumes ausstreckten.
Das geladene Gewehr bequem zur Hand, lehnte sich der Franzose gegen eine der Wurzeln und uberlie? sich willig dem eigenen Reize der Nacht. Im Innern des gro?en Waldes herrschte jetzt volliges Schweigen. Durch die Zweige strich nur ein leiser Hauch, wie der Athem der eingeschlummerten Baume. Die Strahlen des hoch am Himmel stehenden Mondes glitten durch die Lucken im Laubwerk und zauberten launenhafte, silberne Lichtbilder auf den Erdboden. Auch jenseits der Blo?e schimmerte es da und dort heller unter den Baumkronen.
Sehr empfanglich fur die Poesie der Natur, geno? Max Huber diese in vollen Zugen, er athmete sie sozusagen ein, glaubte zuweilen zu traumen und schlief doch nicht. Ihm erschien es, als sei er das einzige lebende Wesen im Scho?e dieser Pflanzenwelt.
Der ganzen Pflanzenwelt, denn als diese gaukelte ihm seine Phantasie den Wald von Ubanghi vor.
»Und wenn man die letzten Geheimnisse der Erdkugel entschleiern will – so dachte er – mu? man denn dazu bis zu den Enden ihrer Achse hinausgehen, um deren Geheimnisse zu entdecken?… Warum bemuhen sich die Menschen, um den Preis ungeheuerer und so gut wie unuberwindlicher Schwierigkeiten, nach den beiden Polen vorzudringen?… Was kann damit erreicht werden?… Die Losung einiger Rathsel der Meteorologie, der Elektricitat und des Erdmagnetismus!… Ist das werthvoll genug, die Nekrologe der hochnordlichen und tiefsudlichen Gebiete mit so vielen neuen Namen zu vergro?ern?… Ware es nicht weit nutzlicher und mehr versprechend, statt sich auf die arktischen und antarktischen Meere zu wagen, die unerme?lichen Gebiete dieser Walder zu durchforschen und ihre wilde Undurchdringlichkeit zu besiegen? Es giebt ja deren mehrere in Amerika, Asien und Afrika, und kein Forscher hat noch den Gedanken gehabt, sie zum Felde seiner Entdeckungen zu wahlen, keiner hat noch den Muth gezeigt, sich in das Unbekannte hinein zu wagen!…
Noch hat kein Mensch den Baumen ihr Rathselwort entrissen, wie fruher die Alten den Eichen von Dodona. Hatten die Mythologen denn nicht recht, ihre Walder mit Faunen, Satyren, Dryaden, Hamadryaden und phantastischen Nymphen zu bevolkern?… Und uberdies, um uns auf die Erhebungen der modernen Wissenschaften zu beschranken, kann man nicht vermuthen, da? in den ungeheueren Waldmassen auch unbekannte, den hier herrschenden Lebensbedingungen angepa?te Wesen vorkommen?… Zur Zeit der Druiden beherbergte ja auch das transalpine Gallien noch halbwilde Volkerschaften, wie die Kelten, die Germanen, die Ligurier und in hunderten von Stammen, hunderten von Stadten und Dorfern, die ihre besonderen Gebrauche, ihre eigenen Sitten, ihre angeerbte Originalitat bewahrt hatten, auch hier im Innern von Waldern, deren Grenzen selbst die romische Allmacht nur mit gro?ter Schwierigkeit uberschreiten konnte.«
So traumte Max Huber.
Unverburgten Mittheilungen nach bargen ja auch die Gebiete von Aequatorialafrika gewisse, unter der Stufe der ubrigen Menschheit stehende, halb fabelhafte Wesen. Gerade der Wald von Ubanghi grenzte im Osten an die Gegenden, die Schweinfurth und Junker erforscht hatten, an die Lander der Niam-Niam, jener geschwanzten Menschen, die in Wirklichkeit freilich keinen au?erlichen Schwanzfortsatz haben. (Hierzu diene zur Erlauterung, da? die menschliche Wirbelsaule unten mit mehreren freier beweglichen, anatomisch als »Schwanzfortsatz« bezeichneten, kleinen Knochen endigt.) Ferner hat Henry Stanley im Norden von Ituri kaum einen Meter hohe Pygmaen gefunden, die im ubrigen vollkommen gut entwickelt waren, eine glanzende, seine Haut und gro?e Augen wie Gazellen hatten, und deren Vorkommen zwischen Uganda und Cabinda auch der englische Missionar Albert Lhyd bestatigt hat mit der Angabe, da? dort im Astwerk der Baume oder unter diesen uber zehntausend Bambustis hausen, die einen Hauptling haben, dem sie unweigerlich folgen. In den Waldern von Neduqurbocha war derselbe, von Ipoto aus, durch funf Dorfer gekommen, die deren liliputanische Einwohner erst am Tage vorher verlassen hatten. Ebenso war er Uambuttis, Batinas, Akkas und Bazungus begegnet, die durchschnittlich nur hundertdrei?ig Centimeter, manche davon gar nur zweiundneunzig Centimeter gro? waren und deren Korpergewicht noch nicht einmal vierzig Kilogramm erreichte. Dennoch erwiesen sich diese Zwergvolker nicht minder intelligent, in ihrem Sinne gewerbflei?ig, doch auch kriegslustig und grausam, so da? sie von den Ackerbau treibenden Stammen am obern Nil nicht wenig gefurchtet wurden.
Verfuhrt durch seine lebhafte Einbildungskraft, seinem Hange nach allerlei Au?erordentlichem, verharrte Max Huber bei der Vorstellung, da? auch der Wald von Ubanghi seltsame Menschenformen bergen musse, die die
