Ethnographen bisher noch nicht kannten. Warum konnte es hier auch nicht wunderbare, menschliche Wesen geben, vielleicht nur mit einem Auge, wie die Cyklopen der Sage, oder mit einer russelformig verlangerten Nase, die es erlaubt hatte, sie, wenn auch nicht zu der Ordnung der Pachydermen, doch zu der Familie der Proboscidier zu rechnen?
Unter dem Einflusse seiner wissenschaftlich-phantastischen Traumereien verga? Max Huber freilich ziemlich ganz seine Pflichten als Wachter. Leicht hatte sich hier ein Feind heranschleichen konnen, ohne da? Khamis und John Cort zeitig genug davon erfahren hatten, sich zur Vertheidigung zu rusten.
Da legte sich eine Hand auf seine Schulter.
»Ho! – Was ist das? rief er aufspringend.
– Ich bin es, ertonte die Stimme John Cort’s. Sieh mich nur nicht fur einen Wilden von Ubanghi an… Nun… nichts verdachtiges bemerkt?
– Gar nichts.
– Es ist Zeit, da? Du Dich nun niederlegst, lieber Max.
– Ja, ja; es sollte mich aber sehr wundern, wenn die Traume, die mir vielleicht im Schlafe kommen, den Vergleich mit denen aushielten, die ich im Wachen gehabt habe!«
Der erste Theil dieser Nacht war ohne jede Storung verlaufen, und so verlief auch deren Rest, als John Cort an die Stelle Max Huber’s getreten war und als Khamis nach drei Stunden wieder John Cort abgelost hatte.
Sechstes Capitel .
Am nachsten Morgen, am 11. Marz, brachen John Cort, Max Huber, Khamis und Llanga, die sich von den Anstrengungen des ersten Tages jetzt vollstandig erholt hatten, auf, um die des zweiten Marschtages zu uberwinden.
Nachdem sie ihre Lagerstatt unter den Baumwollbaumen verlassen hatten, umkreisten sie die Waldlichtung und wurden hier von Myriaden von Vogeln begru?t, von Sangern, die ihre Triller lustig hinausschmetterten oder Orgeltone erklingen lie?en, um die sie die Patti und alle anderen Virtuosen der italienischen Musik hatten beneiden konnen.
Doch vor dem eigentlichen Aufbruche empfahl es sich noch, ein Fruhstuck einzunehmen. Dieses bestand einzig aus kaltem Antilopenfleisch und Wasser aus dem zur Linken voruberflie?enden Bache, aus dem sich auch der Foreloper seine Feldflasche fullte.
Anfanglich fuhrte der Weg nach rechts unter die Baumkronen, die schon die ersten Strahlen der Sonne durchblitzten, deren Stand sorgsam ermittelt wurde.
Offenbar hausten machtige Vierfu?ler in gro?erer Menge in diesem Theile des Waldes. Nach jeder Richtung hin waren hier Durchgange gebrochen. Noch im Laufe des Vormittags wurden auch eine Anzahl Buffel und sogar zwei Rhinozerosse sichtbar, die sich aber in gemessener Entfernung hielten. Da dieselben offenbar in keiner kampflustigen Stimmung waren, brauchte man auch keine Patrone zu opfern, um sie zu vertreiben.
Nachdem etwa ein Dutzend Kilometer zuruckgelegt waren, machte die kleine Gesellschaft gegen Mittag zum erstenmale wieder Halt.
Dabei fand John Cort Gelegenheit, ein Paar Trappen von der Abart der sogenannten Korans zu erlegen, die am Leibe ein gagatschwarzes Gefieder haben und mit Vorliebe im dichten Laubwerk nisten. Ihr von den Eingebornen sehr geschatztes Fleisch fand bei der Mittagsmahlzeit auch den Beifall eines Amerikaners und eines Franzosen.
»Ich wunschte aber dringend, hatte Max Huber gesagt, da? einmal wirklich gebratenes Fleisch an die Stelle des nur gerosteten trate.
– Nichts leichter als das,« hatte der Foreloper sofort erwidert.
Eine Trappe wurde infolgedessen gerupft, ausgenommen, an einen spitzen Stock gespie?t und uber lebhaft flackerndem Feuer gebraten. Sie mundete dann allen vortrefflich.
Der weitere Weg bot Khamis und seinen Gefahrten gro?ere Schwierigkeiten, als die des vorigen Tages.
Nach Sudwesten zu fanden sich weniger haufig gangbare Durchbruche. Hier mu?ten sie sich selbst einen Weg bahnen, und meist durch Buschwerk, das eben so zahe und fest war, wie die Lianen, die sich nur mit dem Messer zertrennen lie?en.
Mehrere Stunden lang fiel jetzt auch ein ziemlich starker Regen. Die Baumkronen waren aber so dicht belaubt, da? nur einzelne Tropfen den Boden erreichten. Inmitten einer anderen Lichtung konnte Khamis jedoch die fast geleerte Feldflasche aufs neue fullen, was gewi? hochst erwunscht war, denn der Foreloper hatte unter dem Gebusch bisher vergeblich nach einem Wasserchen gesucht. Aus diesem Mangel erklarte sich wohl auch die Seltenheit der Thiere und der gangbaren Wildpfade.
»Das deutet freilich nicht auf die Nahe eines Wasserlaufes hin,« bemerkte John Cort, als am Abend wieder Rast gemacht wurde.
Es erhellte daraus auch, da? der Rio, der sich um den Tamarindenhugel schlangelte, nur am Rande des Waldes hinlaufen moge.
An der bisher eingehaltenen Richtung durfte deshalb immerhin nichts geandert werden, schon aus dem einfachen Grunde, da? sie nachsten Weges nach dem Ubanghi fuhrte.
»Sollten wir ubrigens nicht, meinte Khamis, an Stelle des neben dem vorgestrigen Lagerplatze gesehenen Flu?chens in dieser Richtung auf ein anderes treffen?«
Die Nacht vom 11. zum 12. verbrachten die Wanderer nicht zwischen den Wurzeln eines Baumwollbaumes, sondern am Fu?e eines anderen Waldriesen, eines Bombax, dessen runder, gerader Stamm sich bis auf hundertfunfzig Fu? uber den dichten Teppich des Erdbodens erhob.
Die Nachtwache wurde ebenso wie vorher geordnet, und die Schlafer wurden hochstens durch entferntes Brullen von Buffeln und Rhinozerossen dann und wann gestort. Da? auch das drohnende Gebrull eines Lowen sich zu diesem nachtlichen Concert gesellen werde, war kaum zu befurchten. Diese gewaltigen Raubthiere bewohnen kaum die Walder Centralafrikas. Sie bevorzugen hoher gelegene Landestheile, entweder jenseits des Congo im Suden, oder nahe der Grenze des Sudan, in der Nachbarschaft der Sahara, im Norden. Die allzudichten Waldmassen passen dem launenhaften Charakter und der gewohnten Bewegungsfreiheit des Konigs der Thiere – des Konigs aus eigener Macht, nicht Kraft einer Constitution –offenbar nicht. Er braucht mehr Raum, von der Sonne uberfluthete Ebenen, wo er ganz nach Belieben umherjagen kann.
So wie sich dessen Gebrull nicht horen lie?, so war es auch mit dem Grunzen des Flu?pferdes – und das erschien bedauerlich, denn das Vorhandensein solcher amphibischer Saugethiere hatte auf die Nahe eines Wasserlaufes hingewiesen.
Am folgenden Morgen erfolgte der Aufbruch bei trubem Wetter. Max Huber gelang die Erbeutung einer Antilope von der Gro?e eines Esels, oder vielmehr von der eines Zebras, das in dieser Hinsicht zwischen Pferd und Esel steht. Es war ein weingelber Oryx mit mehrfachen, regelma?igen Streifen. Der Oryx zeigt ein schwarzes Band vom Widerrist bis zum Hintergestell und schwarze Flecken an den ubrigens wei?lich behaarten Beinen, dazu hat er einen buschigen Schweif, der den Erdboden beruhrt, und auch an der Kehle ist er mit einem Bundel schwarzer Haare gezeichnet. Ein sehr schones Thier, hat es wohl einen Meter lange Horner mit etwa drei?ig Ringwulsten nahe am Kopfe; seine Bewegungen sind zierlich, und im ganzen zeigt es ein Ebenma? der Formen, wie ein solches nur selten zu finden ist.
Bei dem Oryx bilden die Horner eine Schutzwaffe, die es ihm in den nordlichen und sudlichen Gebieten Afrikas ermoglicht, sich sogar eines Lowen zu erwehren. Heute konnte das von dem Jager scharf aufs Korn genommene Thier dessen gut sitzender Kugel freilich nicht entgehen, und mit durchbohrtem Herzen brach es auf der Stelle zusammen.
Hiermit war die Ernahrung der Gesellschaft auf mehrere Tage gesichert. Khamis ging sofort daran, den Oryx auszuweiden, was gut eine Stunde in Anspruch nahm.
Dann wurde die Last unter alle vertheilt, selbst Llanga erbat sich, etwas davon auf sich zu nehmen, und dann ging es des Weges weiter.
»Wahrhaftig, scherzte John Cort, hier beschafft man sich mehr als das nothige Fleisch erstaunlich billig, da es ja nur eine Patrone kostet…
