– Wenigstens wenn einer ein geschickter Schutze ist, sagte der Foreloper.
– Und dazu etwas Gluck hat,« setzte Max Huber hinzu, der sich bescheidener erwies, als sonst die Junger des edlen Waidwerkes.
Hatten Khamis und seine Gefahrten bisher aber ihr Pulver schonen und ihr Blei sparen konnen, da sie es nur zum Erlegen e?baren Wildes gebraucht hatten, so sollte doch der Tag nicht vergehen, ohne da? die Gewehre zur Vertheidigung benutzt wurden.
Auf einer reichlich einen Kilometer langen Strecke glaubte der Foreloper sogar, sie wurden sich schon zur Abwehr einer gro?en Affenbande genothigt sehen. Diese Rotte tummelte sich weithin zur Rechten und zur Linken ihres Weges umher; die einen davon sprangen von einer Baumkrone zur anderen, die anderen hupften mit grotesken Satzen durch das Gestrauch am Erdboden mit einer Gewandtheit, die gewi? den Neid der geubtesten Akrobaten erregt hatte.
Die Affengesellschaft bestand aus mehreren Arten gro?er Vierhander, aus Kynocephalen von drei Farben – gelben, wie die Farbe der Araber, rothen, wie die der Indianer des fernen Westens, und schwarzen, wie die der Eingebornen des Kaffernlandes – alle aber gehorten zu den gefahrlichsten Thieren ihres Schlages. Darunter gaukelten mehrere Arten von Coloben umher, von leibhaftigen Dandys, den elegantesten Stutzern der Affenwelt, die unausgesetzt beschaftigt waren, ihren wei?en Halskragen – um deswillen sie auch den Namen Bischofscoloben erhalten haben – zu bursten und zu glatten.
Die unbehagliche Begleitung, die sich wahrend der Mittagsmahlzeit angesammelt hatte, verschwand aber gegen zwei Uhr, wo Max Huber, John Cort, Khamis und Llanga ihre Wanderung langs eines unubersehbar weiten Pfades wieder antraten.
Wahrend sie sich wegen dieser bequem gangbaren Wegstrecke begluckwunschen konnten, hatten sie sich dagegen auch uber die Begegnung mit Thieren zu beklagen, die diesen offenbar vielfach zu betreten pflegten.
Hier waren es zwei Rhinocerosse, deren langgedehntes Schnaufen ein wenig vor vier Uhr aus geringer Entfernung horbar wurde. Khamis erkannte das Gerausch sofort und ersuchte seine Begleiter, stehen zu bleiben.
»Es sind ungemuthliche Burschen, diese Rhinocerosse! sagte er und nahm schon das vorher umgehangte Gewehr in die Hand.
– Sehr ungemuthliche, bestatigte Max, und doch sind es nur Pflanzenfresser…
– Die aber ein sehr zahes Leben haben, setzte Khamis hinzu.
– Und wie sollen wir uns nun verhalten? fragte John Cort.
– Wir mussen womoglich voruberzukommen suchen, ohne gesehen zu werden, rieth Khamis an, oder uns mindestens verstecken, bis die gefahrlichen Thiere vorbeigetrottet sind.
Vielleicht bemerken sie uns dann nicht. Immerhin wollen wir uns schu?fertig halten, denn wenn wir entdeckt werden, trampeln sie jedenfalls auf uns zu.«
Die Gewehre wurden untersucht und die Patronen zurechtgelegt, um schnell wieder laden zu konnen. Dann verlie?en alle den Wildpfad und verschwanden hinter dem dichten Gestrauch, das diesen auf der rechten Seite einsaumte.
Funf Minuten spater und als das Schnaufen und Grunzen weit lauter ertonte, erschienen die mi?gestalteten Pachydermen, die zu der fast haarlosen Art der Ketloas gehorten. Sie trabten mit aufgerichtetem Kopfe und erhobenem Schwanze ziemlich schnell daher.
Es waren machtige, zwischen drei und vier Meter lange Thiere mit geraden Ohren, kurzen, etwas gewundenen Beinen und abgestumpfter, mit einem Horne bewehrter Schnauze, mit der sie die gefahrlichsten Sto?e austheilen konnen. Die Harte ihrer Kiefer ist dabei so gro?, da? sie Zweige mit spitzen Dornen ebenso ungestraft zerkauen, wie der Esel die Disteln verzehrt.
Die beiden Thiere machten plotzlich Halt. Khamis und die anderen erkannten sofort, da? sie erspaht waren.
Eines der Rhinocerosse – ein Ungeheuer mit rauher, trockener Haut – naherte sich dem Gestrauche.
Max Huber brachte schon das Gewehr in Anschlag.
»Schie?en Sie nicht nach den Schenkeln, sondern nach dem Kopfe!« rief ihm der Foreloper zu.
Sofort krachte ein Schu?, ein zweiter, dritter folgte ihm. Die Kugeln durchdrangen kaum den dicken Panzer… die Schusse blieben so gut wie verloren.
Das Knallen erschreckte die plumpen Angreifer keineswegs und hielt sie nicht zuruck, im Gegentheil schickten sie sich an, in das Strauchwerk einzudringen.
Es lag auf der Hand, da? ein solches Gewirr von Dorngestrupp und Buschwerk fur so machtige Thiere kein Hinderni? bilden konnte. In einem Augenblicke mu?te dieses von ihnen zerrissen und niedergetreten sein. Sollten nun Khamis und seine Gefahrten, nachdem sie vor den Elefanten auf der Ebene glucklich gefluchtet waren, ebenfalls den Rhinocerossen entgehen? Ob solche Pachydermen eine Nase in der Form eines Russels oder in der eines Hornes hatten, kam ja wohl so ziemlich auf eins hinaus. Hier gab es nur leider keinen Schutzwall wie den der Baume am Waldrande, vor dem die Elefanten hatten Halt machen mussen. Versuchten der Foreloper, John Cort, Max Huber und Llanga jetzt zu fliehen, so wurden sie jedenfalls verfolgt und voraussichtlich eingeholt.
Das Lianennetz mu?te sie im Laufe hemmen, wahrend die Rhinocerosse es wie eine Lawine durchbrachen.
Unter den Baumen des Dickichts befand sich aber zufallig ein ungeheuerer Baobab, der wohl eine Zufluchtsstatte bieten konnte, wenn es nur gelang, seine untersten Aeste zu erklimmen. Das ware also eine Wiederholung des am Tamarindenhugel geubten Verfahrens gewesen, das freilich einen traurigen Ausgang hatte; ob es sich hier anders gestalten wurde, blieb zunachst mindestens ungewi?.
Vielleicht war der Baobab aber doch gro? und stark genug, dem Anprall der Rhinocerosse zu widerstehen.
Seine erste Gabelung lag freilich volle funfzig Fu? uber der Erde und sein kurbisartig ausgebauchter Stamm hatte nirgends einen Vorsprung, woran Hand oder Fu? hatte einen Haltepunkt finden konnen.
Der Foreloper hatte schnell erkannt, da? an ein Erklettern des Baumes nicht zu denken war. Max Huber und John Cort harrten schon gespannt auf seine Entscheidung.
In diesem Augenblick bewegte sich das Gestrauch am Rande des Pfades und es kam ein unformlicher Kopf zum Vorschein.
Sofort krachte ein vierter Flintenschu?.
John Cort war damit nicht glucklicher, als vorher Max Huber.
Die in die Schulter des Thieres nicht eindringende Kugel hatte nur ein noch schrecklicheres Geschnaufe zur Folge, da jenes durch den Schmerz noch mehr erregt wurde. Es wich auch nicht zuruck, sondern sturzte mit voller Wuth auf das Dickicht zu, wahrend das andere Rhinoceros, das von einer Kugel des Forelopers nur gestreift worden war, sich anschickte, dem ersten zu folgen.
Weder Max Huber, noch John Cort oder Khamis fanden Zeit genug, ihre Gewehre aufs neue zu laden. In verschiedener Richtung zu entfliehen, sich unter den anderen Baumen in Sicherheit zu bringen, dazu war es zu spat. Der Trieb der Selbsterhaltung veranla?te nur alle drei, hinter den Stamm des Baobab zu fluchten, der am Boden wohl funf bis sechs Meter Umfang hatte.
Wenn das erste Thier aber um den Stamm herum und das zweite ihm vielleicht von der andern Seite her entgegenkam…
was dann?
»Zum Teufel! stie? Max Huber hervor.
– Nein: Gott stehe uns bei!« rief John Cort.
Zweifellos galt es jetzt, auf jede Hoffnung zu verzichten, wenn nicht die Hand der Vorsehung den Bedrohten zu Hilfe kam.
Von einem unbeschreiblich heftigen Anprall erzitterte da der Baobab bis in die Wurzeln, als sollten diese aus der Erde gerissen werden.
Das in unsinnigster Wuth ansturmende Rhinoceros stand aber plotzlich ganz still. An einer Stelle, wo die Rinde des Baobab schon einen Sprung hatte, war dessen Horn, gleich der Axt des Holzfallers, wohl einen Fu? tief eingedrungen. Vergeblich machte es die gro?ten Anstrengungen, das Horn wieder herauszuziehen. Selbst als es sich mit den plumpen, kurzen Beinen gegen den Baumriesen stemmte, gelang ihm das so wenig wie vorher.
Das zweite Rhinoceros, das alles Gestrauch ringsum wie spielend niedertrat, hielt damit ein, doch was beide Thiere jetzt aufs hochste erregte, war schwerlich zu errathen. Khamis schlich sich, uber die Wurzeln hinkriechend
