sehen ist, denn die Grotte durfen wir nicht fur den Platz eines solchen halten. Sie kann nicht als Ruheplatz gedient haben, und ich bin uberzeugt, da? wir als die ersten darin Zuflucht gesucht haben.
– Das liegt auf der Hand, Max. La? uns bis an die eigentliche Flu?biegung gehen.
– Das erscheint um so mehr geboten, John, als dort die Lichtung aufhort, und es sollte mich gar nicht wundern, da? etwas weiter hin…
– Khamis?« rief da John Cort.
Der Foreloper trat an die beiden Freunde heran.
»Nun, wie steht’s mit dem Flosse? fragte John Cort.
– Das wird sich ohne gro?e Muhe ausbessern lassen. Ich werde das dazu nothige Holz schon herbeischaffen.
– Ehe wir an diese Arbeit gehen, schlug Max Huber vor, wollen wir doch einmal das Ufer noch eine Strecke weit verfolgen. Wer wei?, ob wir dabei nicht Gerathe finden, die uns durch eine Fabrikmarke uber ihren Ursprung aufklaren.
Diese konnten unsere recht nothdurftige Kuchenausrustung wohl in wunschenswerther Weise vervollstandigen… Eine Feldflasche und nicht einmal ein Kochtopf und eine Tasse…
– Oho, Freund Max, Du erwartest doch nicht etwa, ein Speisezimmer und einen Tisch aufzustobern, der schon fur Voruberkommende gedeckt ware?
– Ich erwarte gar nichts, John, wir stehen aber hier vor unaufgeklarten Thatsachen. Versuchen wir wenigstens, eine annehmbare Erklarung zu finden.
– Zugegeben. Max. Es steht doch dem nichts entgegen, Khamis, da? wir noch einen Kilometer weiter hinuntergehen?
– Vorausgesetzt, da? Sie die Flu?biegung nicht uberschreiten, antwortete der Foreloper. Da uns jetzt Gelegenheit geboten ist, auf dem Wasser zu fahren, wollen wir unnothige Wanderungen doch lieber unterlassen.
– Richtig, Khamis, stimmte John Cort ihm zu. Spater, wenn unser Flo? mit der Stromung hinabgeleitet, konnen wir ja muhelos darauf achten, ob sich an dem einen oder dem anderen Ufer noch Spuren eines Lagers zeigen.«
Die drei Manner und Llanga folgten nun dem erhohten Ufer, einer Art Deich zwischen dem Sumpflande und dem Flusse.
Schaaren von Vogeln, meist Wildenten und Trappen, flatterten bei ihrer Annaherung rauschenden Fluges davon Unterwegs erlegte Max Huber auf den ersten Schu? einen gro?en sogenannten Strandreiter, der zum Mittagsmahle dienen sollte.
Unausgesetzt behielten die Wanderer den Erdboden im Auge, um vielleicht menschliche Fu?tapfen oder irgend einen zuruckgelassenen Gegenstand zu entdecken.
Trotz gespanntester Aufmerksamkeit wurde jedoch oben und unten am Ufer gar nichts gefunden. Nirgends verrieth ein Anzeichen, da? hier jemand vorubergekommen ware oder gerastet hatte. Als Khamis und seine Gefahrten wieder die ersten Baumreihen erreicht hatten, wurden sie von dem Geschrei einer Affenbande begru?t. Die Vierhander schienen uber das Auftauchen von Menschen nicht besonders verwundert zu sein, obwohl sie sich aus dem Staube machten.
Da? in den Baumkronen hier Vertreter der gro?en Affenfamilie hausten, war ja zu erwarten.
Es waren das Paviane und Mandrillassen, die au?erlich den Gorillas nahe stehen, ferner Schimpansen und einzelne Orang Utangs. Wie alle afrikanischen Arten, hatten sie einen kaum entwickelten Schwanz, der sich voll ausgebildet nur bei den amerikanischen und asiatischen Arten findet.
»Jedenfalls, bemerkte John Cort, haben diese Burschen das Flo? nicht gezimmert, und trotz ihrer Intelligenz werden sie sich noch nie eines Vorlegeschlosses bedient haben.
– So wenig wie eines Kafigs, setzte Max Huber hinzu.
– Eines Kafigs, Max? wiederholte John Cort. Wie kommst Du denn darauf?
– Ich glaube dort… unter dem Dickicht… etwa zwanzig Schritt vom Ufer, ein solches Ding zu erkennen.
– Das wird ein Ameisenhaufen in der Form eines Bienenkorbes sein, erwiderte John Cort, wie die afrikanischen Ameisen solche erbauen.
– Nein, Herr Huber hat sich nicht getauscht, lie? sich Khamis vernehmen. Da unten steht… man konnte es fast eine Hutte nennen, die zwischen zwei Mimosen steht und an der Vorderseite ein Gitter hat.
– Kafig oder Hutte, rief John Cort, wir wollen uns uberzeugen, was die Sache zu bedeuten hat!
– Doch vorsichtig, rieth der Foreloper, immer unter der Deckung der Baume hingehen.
– O, was hatten wir denn hier zu furchten?« erwiderte Max Huber, der sich wie gewohnlich vor Neugier und Ungeduld nicht halten konnte.
Die Umgebung schien ubrigens ganzlich ode und verlassen zu sein, nur der Gesang von Vogeln und das Gerausch von dem fliehenden Affenvolke lie? sich noch horen. Am Rande der Lichtung zeigte sich keine altere oder jungere Spur eines Lagers, und auf dem Wasserlaufe, der gro?e Bundel Gras mit hinabfuhrte, ebensowenig irgend etwas verdachtiges. Auch auf der anderen Seite dieselbe Stille und Verlassenheit. So wurden denn die letzten hundert Schritte schnell am Ufer hin zuruckgelegt, das sich entsprechend der Windung des Flusses allmahlich krummte. Hier war es mit dem Morast zu Ende und der Boden wieder trockener und fester, je mehr er unter dem Hochwald anstieg.
Das seltsame, jetzt zu drei Vierteln sichtbare Bauwerk lehnte sich an zwei Mimosen und hatte ein schrag abfallendes, mit vergilbten Grasern bedecktes Dach. Eine seitliche Oeffnung war daran nicht zu bemerken, und tiefhangende Lianen verbargen seine Wande fast bis zur Erde hinunter. Was ihm das Aussehen eines Kafigs verlieh, war das Gitter oder vielmehr die Vergitterung der ganzen Vorderseite, die der ahnelte, die man in Menagerien zur Trennung der Raubthiere vom Publicum sieht.
Dieses Gitter hatte eine, jetzt offenstehende Thur.
Der Kafig selbst war leer.
Das meldete Max Huber, der als der erste hineingedrungen war.
Doch fanden sich einige Gerathe: ein Kochtopf in ziemlich gutem Zustande, eine Art Flaschenkorb, eine Tasse, drei oder vier zerbrochene Flaschen, eine sehr abgenutzte Wollendecke, Stoffsetzen, eine verrostete Axt und ein halbvermodertes Brillenfutteral, auf dem aber kein Name eines Fabrikanten zu lesen war.
In einer Ecke lag noch ein kupferner Kasten, dessen Deckel so dicht schlo?, da? sein Inhalt – wenn er uberhaupt etwas enthielt – unversehrt erhalten sein mu?te.
Max Huber hob den Behalter auf und versuchte, ihn zu offnen. Das gelang ihm aber nicht. Durch Oxydation hingen die beiden Theile des Kastens ziemlich fest aneinander.
Er mu?te erst eine in den Spalt gedrangte Messerklinge als Hebel benutzen, ehe der Deckel nachgab.
Der Kasten enthielt ein vollig unversehrtes Notizbuch, auf dessen Vorderseite zwei Worte gedruckt waren, die Max Huber mit lauter Stimme verkundete:
»Doctor Johausen«.
Achtes Capitel.
Wenn John Cort, Max Huber und selbst Khamis bei der Nennung dieses Namens keinen Ausruf der Verwunderung horen lie?en, lag das nur daran, da? sie augenblicklich der Sprache beraubt waren.
Der Name Johausen hatte fur sie die Bedeutung einer Offenbarung. Er enthullte einen Theil des Geheimnisses, das eine der tollsten wissenschaftlichen Unternehmungen der neueren Zeit, in der sich die Komik mit dem Ernste, ja sogar mit der Tragik vermischte, bisher noch umgab, denn es lie? sich jetzt annehmen, da? diese ein sehr trauriges Ende genommen haben musse.
Vielleicht erinnert sich der Leser des Versuches, den der Amerikaner Garner wagte, indem er die Sprache der Affen ergrunden und seine Theorien durch ein Experiment bekraftigen wollte. Der Name dieses Professors, die in Hayser’s Weekly in New York von ihm erschienenen Aufsatze, sein Buch, das in England, Deutschland, Frankreich und Amerika herausgegeben worden war… alles das konnten die Bewohner des Congogebietes – vor allem John Cort und Max Huber – nicht wohl vergessen haben.
