»Da haben wir ihn ja, rief der eine, ihn, von dem nie wieder eine Nachricht auftauchte…
– Und man auch nie eine erhalten wird, da er nicht zur Stelle ist, uns eine solche zu geben!« rief der andere.
Er, das war fur den Franzosen wie fur den Amerikaner der Doctor Johausen. Der Doctor hatte in dem genannten Garner freilich einen Vorlaufer gehabt. Dieser Yankee konnte nicht, wie Jean Jacques Rousseau in der Einleitung zu seinen Confessions sagen: »Ich unternehme hier etwas, wofur es noch kein Beispiel giebt, und das auch keine Aachahmer haben wird.« Garner sollte einen solchen finden.
Ehe der Professor Garner den Schwarzen Erdtheil betrat, hatte er sich mit der Welt der Affen – naturlich der gezahmten
– eingehend beschaftigt. Aus seinen langen und sorgsamen Beobachtungen schopfte er die Ueberzeugung, da? die Vierhander wirklich »sprachen«, da? sie einander verstanden, sich einer articulierten Sprache bedienten und z. B. ganz bestimmte Worter gebrauchten, um ihr Bedurfni? zu fressen, und bestimmte andere, um das Bedurfni? zu saufen auszudrucken. Garner hatte im Washingtoner Zoologischen Garten phonographische Apparate vertheilt, um die Worter dieser Sprache aufzunehmen. Er beobachtete auch, da? die Affen – ungleich den Menschen – nur sprachen, wenn dazu eine Nothwendigkeit vorlag. Seine Ansicht daruber druckte er in folgendem Satze aus:
»Die Kenntnisse, die ich mir uber die Thierwelt erworben habe, nothigten mir den Glauben auf, da? allen Saugethieren die Fahigkeit zu sprechen zukomme, und zwar bis zu dem Grade, wie ihre Erfahrungen und Bedurfnisse eine solche erheischen.«
Vor den Untersuchungen Garner’s wu?te man ja schon, da? die Saugethiere, wie Hunde, Affen und andere, einen laryngo-buccalen Apparat (Kehlkopf- und Mundorgane) haben, der dem des Menschen ahnelt, und auch eine Stimmritze, die zur Hervorbringung articulierter Laute geeignet erscheint. Man wu?te aber auch – moge sich die Schule der Simiologen deshalb nicht aufregen – da? der Gedanke dem Worte vorausgegangen ist. Um zu reden, mu? man denken konnen, und das Denken setzt die Fahigkeit des Generalisierens voraus, eine Fahigkeit, die den Thieren offenbar abgeht. Der Papagei spricht, er versteht aber kein Wort von dem, was er sagt. Kurz, in Wahrheit reden die Thiere nur deswegen nicht, weil die Natur sie nicht mit hinreichender Intelligenz ausgestattet hat, denn sonst wurde sie nichts daran hindern. Allgemein gilt ja der Satz, den ein gelehrter Kritiker ausgesprochen hat: »Wo eine Sprache sein soll, da mu? auch Ueberlegung und wenigstens einigerma?en begrundetes Urtheil sein, und zwar uber einen abstracten und allgemeinen Begriff« Diese dem gesunden Menschenverstande entsprechende Voraussetzung wollte Garner aber nicht anerkennen.
Selbstverstandlich wurde seine Lehre vielfach erortert. Er entschlo? sich, mit den betreffenden Geschopfen, die er in den Waldern des tropischen Afrika in gro?er Zahl und gro?er Verschiedenheit finden mu?te, unmittelbar in Beruhrung zu treten. Wenn er dann dem Gorilla und dem Schimpansen ihre Sprache abgelauscht hatte, wollte er nach Amerika heimkehren und neben einer Grammatik ein Worterbuch der Affensprache veroffentlichen. Dann mu?te man, solchen greifbaren Beweisen gegenuber, ihm wohl recht geben.
Hat Garner nun das sich selbst und der Gelehrtenwelt gegebene Versprechen gehalten?… Das war die Frage, und –daruber konnte kein Zweifel aufkommen – Doctor Johausen glaubte das, wie es sich im weiteren zeigen wird, offenbar nicht.
Im Jahre 1892 begab sich Garner von Amerika nach Afrika, erreichte Libreville am 12. October und nahm bis zum Februar 1894 in der Factorei von John Holland und Cie. Wohnung. Erst hier entschlo? sich der Professor eigentlich, seine Studienreise zu beginnen. Nachdem er den Ogue auf einem kleinen Dampfer hinausgefahren war, ging er bei Lambarana an’s Land und langte am 22. April in der katholischen Mission von Fernand Vaz an.
Gastfreundlich nahmen ihn die Vater vom heiligen Geist in ihrem am Ufer des prachtigen Fernand Vazsees errichteten Hause auf. Der Gelehrte hatte die Zuvorkommenheit der Insassen der Mission nur zu ruhmen, denn alle bemuhten sich, ihm sein abenteuerliches zoologisches Unternehmen zu erleichtern.
Gleich hinter der Niederlassung erhoben sich die ersten Baume eines ausgedehnten Waldes, worin es von Affen geradezu wimmelte. Gunstigere Verhaltnisse, sich mit diesen in Verkehr zu setzen, konnte man sich gar nicht vorstellen.
Nothwendig war nur, sich mit den Vierhandern auf guten Fu? zu stellen und ihre Lebensweise so gut wie moglich zu theilen.
Zu diesem Zwecke hatte Garner einen eisernen, zerlegbaren Kafig anfertigen lassen, und dieser wurde nun in den Wald geschafft. Angeblich hat er darin drei Monate und auch meist ganz allein gewohnt, um die Vierhander im Naturzustande zu beobachten.
Thatsachlich hatte der vorsichtige, kluge Amerikaner dafur eine Stelle gewahlt, die nur zwanzig Minuten von der Wohnstatte der Patres und nahe dem Brunnen der Mission gelegen war, und hatte sein metallenes Haus das Fort Gorilla genannt. Nach diesem gelangte man auf einem schattigen Wege. Hier hat er sogar drei Nachte geschlafen. Verzehrt von Myriaden von Moskitos, konnte er es daselbst aber nicht lange aushalten. So brach er denn seinen Kafig wieder ab und nahm aufs neue die Gastfreundschaft der Vater vom heiligen Geist in Anspruch, die ihm ohne Widerrede bewilligt wurde. Am 18.
Juni verlie? er dann endgiltig die Mission und kehrte uber England nach Amerika zuruck, wobei er als einzige Andenken von seiner Reise zwei kleine Schimpansen zuruckbrachte, die sich leider nicht bewegen lie?en, mit ihm zu plaudern.
Das war der ganze Erfolg der Garner’schen Studienreise.
Erwiesen war dadurch nur das eine, da? das Patois der Affen, wenn es uberhaupt ein solches giebt, noch ebenso zu entdecken war, wie die betreffenden Lebensau?erungen, die in der Gestaltung ihrer Sprache eine Rolle spielten.
Der Professor behauptete freilich, es sei ihm gelungen, mehrere Affenworte von bestimmter Bedeutung erlauscht zu haben, z. B. »Whuri« gleich Futter, »Cheny« gleich Getrank,
»Jegk« gleich Achtung! und einige andere. Spater versicherte er, auf Grund sorgfaltiger, im Washingtoner Zoologischen Garten angestellter und mit Hilfe des Phonographen gleichsam fixierter Beobachtungen, uberdies, da? er auch ein Wort von ganz allgemeiner Bedeutung erkannt habe, ein Wort, das etwa
»Nahrung«, d. h. alles, was e?- oder trinkbar ware, ausdruckte, ferner eines, das sich auf den Gebrauch der Hande bezoge, und eines, das auf eine gewisse Messung der Zeit hinauskame.
Seinen Erfahrungen nach bestand diese Thiersprache aus acht oder neun Grundlauten mit drei?ig bis funfunddrei?ig daraus abgeleiteten Lauten, deren musikalische Lage er sogar angab, und die meist in Ais-moll ausgesprochen wurden. Kurz, seiner Meinung nach konnte man, in Uebereinstimmung mit der Darwin’schen Lehre von der Einheit der ganzen Schopfung und der Vererbung physischer Eigenschaften, nicht der Mangel, etwa den Satz aufstellen: »Wenn das Geschlecht der Menschen aus dem der Affen hervorgegangen ist, warum sollte die menschliche Sprache nicht nur eine Weiterentwicklung der unvollstandigen Sprache dieser Anthropoiden sein?« Dabei bleibt nur die Frage bestehen, ob die Affen wirklich die Ahnen der Menschen seien. Das hatte bewiesen werden mussen, ist aber bisher nicht erwiesen worden.
Die von dem Naturforscher Garner vermuthete und von ihm ergrundete Sprache der Affen kam also auf weiter nichts hinaus, als auf eine Reihe von Lauten, die diese Saugethiere aussto?en, um sich ihresgleichen mitzutheilen, wie das allen Thieren, Hunden, Pferden, Schafen, Gansen, Schwalben, Bienen, Ameisen u. s. w. moglich ist. Nach der Angabe des Beobachters erfolgt diese Art der Mittheilung entweder durch ein Geschrei oder durch Zeichen oder bestimmte Bewegungen, und wenn dadurch auch keine eigentlichen Gedanken zum Ausdrucke gelangen, so verdeutlichen sie doch au?erlich einzelne seelische Empfindungen, wie die der Freude oder des Erschreckens.
Es lag also auf der Hand, da? die vorliegende Frage durch die unvollkommenen Beobachtungen und Experimente des amerikanischen Professors ihrer Losung keinen Schritt naher geruckt war. Da kam zwei Jahre spater einem deutschen Arzte der Gedanke, den Versuch Garner’s zu wiederholen, und er begab sich dazu aber mitten hinein in den Wald und in die Welt der Vierhander, auch nicht nur zwanzig Minuten weit von einer Mission, selbst auf die Gefahr hin, eine Beute der Moskitos zu werden, denen die simiologische Leidenschaft Garner’s zu trotzen nicht stark genug gewesen war.
Jener Zeit wohnte in Kamerun, und zwar in Malinba, ein Gelehrter Namens Johausen. Er hatte hier bereits einige Jahre geweilt. Es war eigentlich ein Arzt, doch ein Mann, der sich mehr zur Zoologie und Botanik als zur Heilkunde hingezogen fuhlte. Als er von dem erfolglosen Versuche des Professor Garner Kunde erhielt, reiste in ihm – obwohl er die Funfzig schon uberschritten hatte – der Entschlu?, das Unternehmen zu wiederholen. John Cort hatte in Libreville wiederholt Gelegenheit gehabt, mit dem Manne zu sprechen.
