herunterstromte.

Nachdem sie also die Stelle gefunden hatten, wo der Doctor Johausen sich hauslich eingerichtet gehabt hatte, sollten Khamis und seine Gefahrten weiter fahren, ohne zu wissen, was aus dem gelehrten Herrn geworden war… Nichts… nichts verrieth ja eine Spur von ihm! Dieser Gedanke lastete recht schwer auf Max Huber, wahrend sich John Cort leichter damit abfand und der Foreloper davon ganz unberuhrt blieb. Der Franzose traumte von Pavianen, Affen, Schimpansen, Gorillas, von Mandrill- und von sprechenden Affen, obwohl er zugeben mu?te, da? der Doctor nur mit Eingebornen zu thun gehabt haben konne. Und dann gaukelte ihm seine lebhafte Einbildungskraft allerlei geheimni?volle Bilder vor, unglaubliche Begegnungen, die sich im Herzen des Waldes ereignen sollten, vollig neue Volkerschaften, unbekannte Menschengestalten, unter den gro?en Baumen verlorene Dorfer u. dergl. m.

Vor dem Weggange aus der Grotte begann er dann noch:

– »Lieber John und Sie, Khamis, ich habe noch einen Vorschlag auf dem Herzen.

– Und der ware, Max?

– Doch wenigstens etwas fur den Doctor zu thun.

– Aber beileibe nicht etwa nach ihm zu suchen? rief der Foreloper.

– Nein, das nicht, beruhigte ihn Max Huber. Doch seinen Namen wollen wir dem bisher wohl noch ungetauften Wasserlaufe beilegen.«

In Zukunft wird also auf den neuen Karten des aquatorialen Afrika der »Rio Johausen« zu finden sein.

Die Nacht verlief ruhig, und obgleich sie abwechselnd Wache hielten, schlug doch kein einziges Wort an John Cort’s, Max Huber’s oder des Forelopers Ohr.

Neuntes Capitel.

Mit der Stromung des Rio Johausen

 Es war genau halb sieben Uhr des Morgens, als am 16. Marz das Flo? abgesto?en wurde, sich von der Uferwand entfernte und bald von der Stromung des Rio Johausen ergriffen wurde.

Noch graute kaum der Tag, doch mu?te es bald heller werden. Hoch am Himmel jagten Wolken unter starkem Winde hin. Zwar drohte kein Regen, doch hielt den ganzen Tag uber bedecktes Wetter an.

Khamis und seine Gefahrten brauchten sich daruber nicht zu beklagen, denn sie trieben jetzt auf einem Flusse hinunter, der den fast senkrechten Strahlen der Mittagssonne meist frei ausgesetzt war.

Das langliche Flo? ma? nur acht bis neun Fu? in der Breite und gegen zwolf in der Lange, wobei es zur Beforderung von vier Personen und den wenigen Gegenstanden, die diese mit sich fuhrten, gerade ausreichte. Das sehr beschrankte

»Frachtgut« bestand namlich aus dem Metallkasten mit den Patronen, aus den Waffen (drei Gewehren), dem Kessel nebst dem Kochtopfe und der einzigen Tasse. Der drei Revolver mit kleinerem Kaliber als dem der Gewehre wurde man sich nur fur zwanzig Schu? bedienen konnen, mehr Patronen hatten Max Huber und John Cort jetzt nicht mehr bei sich. Im allgemeinen konnte man aber doch hoffen, da? es den Jagern bis zum Eintreffen am Ubanghi an Schie?bedarf nicht fehlen werde.

Vorn auf dem Flosse und auf einer Schicht Erde lag ein Haufen trockenes Holz, der ja leicht erneuert werden konnte, im Fall, da? Khamis au?erhalb der Raststunden einmal Feuerung brauchte. Am anderen Ende gestattete ein kraftiges, aus einer Planke hergestelltes Ruder das Fahrzeug zu steuern oder es mindestens in gleicher Richtung wie die Stromung zu erhalten.

Zwischen den beiden, gegen funfzig Meter von einander entfernten Ufern verlief diese etwa mit der Geschwindigkeit von einem Kilometer in der Stunde. Dabei mu?te das Flo? also gegen zwanzig Tage brauchen, die dreihundert Kilometer, die den Foreloper und seine Gefahrten noch vom Ubanghi trennten, zuruckzulegen.

Ging die Fahrt durchschnittlich auch nicht schneller, als vorher die Wanderung durch den Wald, so war sie wenigstens mit keinerlei Anstrengung verknupft.

Freilich war ganz und gar nichts bekannt bezuglich etwaiger Hindernisse im weiteren Verlaufe des Rio Johausen. Zunachst erkannte man nur, da? er ziemlich tief war und viele Windungen machte, so da? es einer sorgfaltigen Beachtung der Stromung bedurfte. Sollten ihn Wasserfalle oder Stromschnellen unterbrechen, so gedachte der Foreloper nach den gerade gegebenen Umstanden zu handeln.

Bis zur Mittagsrast verlief die Fahrt unbehindert. Mit Hilfe des Steuers konnte man den Wirbeln an hervorspringenden Landspitzen aus dem Wege gehen. Dank der Geschicklichkeit Khamisens, der die Lage des Flosses mit kraftigem Arm beherrschte, blieb diesem jedes Ansto?en an das Ufer erspart.

Der auf dem Vordertheile stehende John Cort beobachtete, das Gewehr stets zur Hand, die Uferstrecken in rein kulinarischem Interesse. Er dachte nur daran, fur Proviantersatz zu sorgen. Vor seinem scharfen Auge war kein Stuck Haar-oder Federwild, das ihm in Schu?weite kam, nur noch eine Secunde sicher. Gegen halb zehn bot sich ihm eine Gelegenheit, sich als Jager zu erproben: seiner Kugel erlag ein sogenannter Wasserbock, eine Antilopenart, die vielfach an Flu?ufern vorkommt.

»Ein trefflicher Schu?! sagte Max Huber.

– Und doch ein nutzloser, wenn wir uns das Thier nicht holen konnen, antwortete John Cort.

– Das wird die Sache weniger Minuten sein«, versicherte der Foreloper.

Durch passende Handhabung des Steuers lenkte er das Flo? dem Ufer zu, wo der verendete Wasserbock nahe bei einem kleinen Einschnitte lag. Schnell wurde er ausgeweidet und seine nutzbaren Theile nahm man fur den kommenden Bedarf mit.

Inzwischen hatte Max Huber sich als erfahrener Fischer bewahrt, obwohl ihm nur sehr unzulangliche Angelgerathe zur Verfugung standen: zwei Bindfadenstucke aus der Hutte Johausen’s, und als Haken daran Stacheln von Akazien mit Fleischstuckchen als Koder daran. Da lag wohl die Frage nahe, ob von den Fischen, die sich vielfach dicht unter der Oberflache des Rio zeigten, auch einer anbei?en werde.

Max Huber war am Steuerbordrande des Flosses niedergekniet, und ihm zur Rechten stehend, verfolgte Llanga sein Vorhaben mit gespannter Aufmerksamkeit.

Offenbar waren die Hechte im Rio Johausen nicht weniger gefra?ig als dumm, denn in kurzester Zeit zappelte schon einer an dem ungewohnlichen Angelhaken. Nachdem der Fisch dadurch, da? man ihn nur Luft schnappen lie?, geschwacht war

– die Eingebornen pflegen einen gefangenen Hippopotamus in ahnlicher Weise zu »luften« – gelang es Max Huber, ihn mit der Schnur heran- und herauszuziehen. Der Fisch wog mindestens zwischen acht und neun Pfund, und es ist wohl erklarlich, da? die Fahrgaste nicht bis zum nachsten Tage warteten, den Leckerbissen zu verzehren.

Die Mahlzeit gegen Mittag bestand in einem Lendenbraten von dem Wasserbocke und in dem Hechte, von dem nur die Graten ubrig blieben. Zum Abendessen sollte von einem Antilopenviertel eine schmackhafte, kraftige Suppe bereitet werden. Da das dazu verwendete Fleisch aber einige Stunden kochen mu?te, zundete der Foreloper auf der erwahnten Erdschicht ein Feuer an und setzte den Kochtopf darauf. Dann ging die Fahrt bis zum Abend ohne Unterbrechung weiter.

Am Nachmittag lieferte der Fischfang keine Ausbeute.

Gegen sechs Uhr hielt Khamis bei einem schmalen, steinigen Uferstreifen an, der von den unteren Aesten eines der zur Abart der Krabahs gehorigen Gummibaume uberdacht war.

Zwischen dem Gestein wimmelte es von Schalenthieren, von Miesmuscheln und Austern. Diese vervollstandigten, die einen gekocht, die anderen roh, das Abendessen in angenehmster Weise. Mit noch einigen Stucken Brod und dem nothigen Salz

– freilich fehlte beides – ware da wirklich nichts zu wunschen ubrig gewesen.

Da die Nacht sehr finster zu werden drohte, wollte der Foreloper sich der Stromung heute nicht noch einmal anvertrauen, da der Rio Johausen gelegentlich auch machtige Baumstamme mit hinabtrug, und der Anprall eines solchen fur das Flo? zu leicht hatte verderblich werden konnen. So machte man sich denn auf zusammengerafftem Grase ein Nachtlager am Fu?e des Gummibaumes zurecht.

Dank der abwechselnden Ueberwachung durch John Cort, Max Huber und Khamis wurde das Lager auch von keinen zudringlichen Besuchern belastigt. Nur das Geschrei von Affen dauerte vom Sonnenuntergange bis zum Morgengrauen ununterbrochen an.

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