dem die gesammte Affenbevolkerung zusammengestromt zu sein schien. Ueber die Absichten der Thiere konnte sich niemand tauschen, hier hie? es, sich auf Leben und Tod vertheidigen.

Der Foreloper beobachtete die gerauschvolle Bewegung nicht ohne ernste Beunruhigung. Das erkannte man an seinem strengen, hochgerotheten Gesicht, an der Senkung der buschigen Brauen ebenso, wie aus dem durchdringenden Blick und an den tiefen Furchen der Stirne des Mannes.

»Halten wir uns bereit, mahnte er, die Gewehre geladen, die Patronen bei der Hand, denn ich wei? nicht, welche Wendung diese Geschichte nehmen wird…

– Pah, ein einziger Schu? wird die Bande in alle Winde versprengen,« meinte Max Huber.

Schon legte er das Gewehr an.

»Schie?en Sie nicht, Herr Max! rief der Foreloper. Wir durfen die Burschen nicht angreifen… sie nicht selbst reizen.

Wir werden genug zu thun haben, uns gegen sie zu vertheidigen!

– Doch wenn sie den Anfang machen… warf John Cort ein.

– Dann antworten wir nur, wenn es unbedingt nothig wird!«

erklarte Khamis.

Der Angriff sollte nicht lange auf sich warten lassen. Vom Ufer flogen schon Steine und Aststucke heruber, geschleudert von den Affen, deren gro?ere Arten eine erstaunliche Korperkraft haben. Sie bedienten sich dabei auch harmloserer Wurfgeschosse, unter anderen verschiedener von den Baumen abgerissener Fruchte.

Der Foreloper bemuhte sich, das Flo? im Rio moglichst gleichweit von beiden Ufern zu halten. Die Wurfe wurden dadurch, weil unsicherer, auch minder gefahrlich. Zum Unglucke fehlte es nur an jeder Moglichkeit, dem Angriff gegenuber Schutz zu suchen. Ueberdies wuchs die Zahl der Feinde immer mehr, und bereits hatten mehrere Projectile die Passagiere getroffen, ohne diesen jedoch ernsthaft Schaden zu thun.

»Nun ist es aber genug.« sagte endlich Max Huber.

Er zielte nach einem zwischen dem Gestrauch auftauchenden Gorilla und streckte ihn auf den ersten Schu? nieder.

Den Flintenknall beantwortete ein betaubendes Geschrei. Der Angriff horte damit nicht auf, die Vierhanderbande wandte sich nicht zur Flucht. Die Affen einen nach dem anderen zu vernichten, dazu hatte die Munition gar nicht ausgereicht. Nur eine Kugel fur jeden gerechnet, ware der Vorrath an solchen bald erschopft gewesen. Was begannen aber die Jager, wenn ihre Patronentasche leer war?

»Wir wollen nicht mehr schie?en, gebot John Cort. Das reizt die abscheulichen Bestien nur noch mehr. Hoffen wir, mit einigen unbedeutenden Verletzungen von ihnen davonzukommen.

– Na, ich danke!« antwortete Max Huber, den eben ein Stein ans Bein getroffen hatte.

Die Fahrt ging also, begleitet von einem doppelten Gefolge auf den hier recht windungsreichen Ufern des Rio Johausen, ununterbrochen weiter. An manchen Stellen verengerte sich das Flu?bett freilich gut um ein Drittel, dafur war die Stromung dann aber um so schneller.

Wenn es vollig Nacht war, nahmen die Feindseligkeiten ja voraussichtlich ein Ende, denn wahrscheinlich zerstreuten sich die Angreifer dann im Walde. Auf jeden Fall wollte Khamis, wenn es nothig wurde, statt gegen Abend anzuhalten, es wagen, auch in der Finsterni? weiter zu fahren. Jetzt war es freilich erst vier Uhr, und bis um sieben blieb die Lage immer noch recht bedrohlich.

Ein erschwerender Umstand lag ferner darin, da? das Flo? gegen einen unmittelbaren Ueberfall keineswegs gesichert erschien. Wenn die Affen das Wasser ebensowenig lieben, wie die Katzen, und also nicht zu befurchten war, da? sie schwimmend heruberkamen, so ermoglichte ihnen doch die Verschrankung des Gezweiges uber dem Flusse an manchen Stellen, sich dieser Brucke von Zweigen und Lianen zu bedienen und von da aus Khamis und seinen Gefahrten geradezu auf den Kopf herunter zu springen. Das konnte fur die gelenkigen und boshaften Thiere ja nur eine Kleinigkeit sein.

Vier oder funf gro?e Gorillas unternahmen gegen funf Uhr wirklich diesen Versuch an der Biegung des Flusses, wo sich die Bombaxzweige dicht vereinigten. Etwa funfzig Fu? weit flu?abwarts erwarteten die Thiere das Voruberkommen des Flosses.

John Cort hatte sie beobachtet und konnte sich uber ihre Absicht keiner. Tauschung hingeben.

»Sie werden auf uns herunterfallen, rief Max Huber, und wenn wir sie nicht verjagen…

– Feuer!« commandierte der Foreloper.

Sofort krachten drei Schusse. Todtlich getroffen sturzten drei Affen nach dem eiteln Versuche, sich noch an das Gezweig zu klammern, hinunter in den Flu?.

Mit ohrzerrei?endem Geschrei schwangen sich jetzt wohl zwanzig Vierhander auf die Lianen, bereit, sich auf das Flo? zu werfen.

Die Gewehre mu?ten eiligst wieder geladen und augenblicklich abgefeuert werden. Nun folgte ein gut genahrtes Geknatter. Zehn oder zwolf Gorillas und Schimpansen wurden verwundet, ehe das Flo? sich unter der Pflanzenbrucke befand, und entmuthigt fluchteten die anderen nach den Ufern zuruck.

Da kam allen der Gedanke, da? der Professor Garner, wenn er sich allein tief in den Wald hinein gewagt hatte, jedenfalls demselben Schicksal wie der Doctor Johausen verfallen ware.

Nahm man nun an, da? dieser von der Bevolkerung des Waldes in gleicher Weise wie Khamis, John Cort und Max Huber empfangen worden war, so brauchte man nach keiner Erklarung seines Verschwindens weiter zu suchen. Ware er in der Hutte angegriffen worden, so hatten sich unzweifelhafte Anzeichen dafur finden mussen, denn bei der angeborenen Zerstorungssucht der Affen ware diese bestimmt nicht unversehrt geblieben und dann hatten sich an der Stelle, wo sie sich befand, nur noch Trummer davon vorgefunden.

Augenblicklich erschien es aber keine dringende Aufgabe, daruber nachzusinnen, was aus dem deutschen Arzte geworden sein mochte, weit mehr galt es, daruber nachzudenken, was noch mit dem Flo? geschehen konnte. Die Breite des Flusses verringerte sich sichtlich mehr und mehr. Hundert Schritte an der rechten Seite weiter hin und vor einer Landspitze verrieth das Gurgeln des Wassers einen starken Strudel. Wenn das Flo? in diesen gerieth und nicht mehr in der hier seitwarts abgeleiteten Stromung zu halten war, mu?te es unfehlbar gegen das Ufer sto?en. Khamis vermochte es wohl gewohnlich mit seinem Steuer auf dem richtigen Wege zu halten, es aber auch wieder aus jenem Strudel zu lootsen, erschien als eine sehr schwierige Aufgabe. Dann uberfielen es aber jedenfalls die Affen vom Ufer aus in gro?er Zahl. Darum machte es sich nothig, sie durch Gewehrschusse zu vertreiben, ehe das Flo? sich in dem Wasserwirbel sing.

Eine Minute spater war die ganze Bande verschwunden, doch nicht die Kugeln und nicht der Knall der Schusse hatte sie vertrieben. Schon seit einer Stunde thurmte sich am Himmel langsam ein Gewitter auf. Fahle Blitze zuckten durch die Wolkenmassen. Immer weiter schoben sich die dunkeln, gelblich geranderten Wolken herauf und bald brach eines jener furchtbaren Unwetter aus, wie sie nur in niedrigen Breiten vorkommen. Bei dem entsetzlichen Donnerkrachen bemachtigte sich der Vierhander die instinctive Unruhe, die eine elektrische Spannung in der Luft in sehr vielen Thieren hervorruft. Sie singen an sich zu furchten und suchten unter dem dichtesten Laubdache Schutz gegen die blendenden Entladungen, unter denen die Wolkendecke zu zerrei?en schien. In kurzester Zeit waren beide Ufer verlassen, und von der ganzen Rotte waren nur noch etwa zwanzig todte Korper zu sehen, die zerstreut zwischen dem Gebusch des Waldrandes lagen.

Zehntes Capitel.

Ngora!

 Am nachsten Morgen wolbte sich der wieder heitere – man hatte sagen konnen, von dem Riesenwedel des Gewitters reingefegte – Himmel in tiefem Blau uber den Wipfeln der Baume. Bei Sonnenaufgang verfluchtigten sich vollends noch die letzten Tropfchen, die an Blattern oder Grasern hingen. Der schnell wieder trocken gewordene Erdboden hatte recht gut eine Wanderung durch den Wald gestattet. Naturlich war aber von einer Wiederaufnahme des Marsches nach Sudwesten jetzt keine Rede mehr. Wich der Rio Johausen nicht aus seiner bisherigen Richtung ab, so hoffte Khamis, das eigentliche Becken des Ubanghi binnen vierzehn Tagen zu erreichen.

Die gewaltige atmospharische Storung mit den zuckenden, zuweilen auf die Erde niederschlagenden Blitzen und dem lange hinrollenden Donner hatte erst fruh gegen drei Uhr ein Ende genommen. Durch den Strudel hindurch war das Flo? an die steile Uferwand getrieben worden und hatte hier Schutz gefunden. Dicht daneben

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