»Na, da? diese Burschen nicht sprechen, dafur stehe ich ein!«
rief Max Huber, als er am Morgen Gesicht und Hande, die von Moskitos arg zerstochen waren, in das klare Wasser des Rio tauchte.
Heute erfolgte die Abfahrt um eine gute Stunde spater, da wieder ein furchtbarer Platzregen niederging. Rathsamer erschien es gewi?, sich dem Wasserstrome, den der Himmel so haufig uber die Aequatorialgebiete Afrikas ausschuttet, nicht auszusetzen. Die dichte Belaubung des Gummibaumes schutzte dagegen bis zu gewissem Grade nicht nur den Lagerplatz, sondern auch das Flo?, das an den dicken Wurzeln des Baumes angebunden lag. Die Witterung war ubrigens gewitterhafter Natur. Auf dem Flusse bildeten die aufklatschenden Regentropfen kleine, gleichsam elektrisch geladene Blasen.
Ohne da? von hier aus Blitze zu sehen waren, horte man doch stromaufwarts schon ein dumpfes Donnergrollen. Ein Hagelschlag war nicht zu furchten; die ungeheueren Walder Afrikas haben die Eigenschaft, einen solchen auszuschlie?en.
Der ganze Zustand der Atmosphare hatte jedoch ein sehr bedenkliches Aussehen, das John Cort zu der Bemerkung veranla?te:
»Wenn dieser Regen kein Ende nimmt, ist es besser, wir bleiben, wo wir sind. Wir haben jetzt Munition genug, unsere Patronentaschen sind gefullt, dagegen fehlt es uns an Kleidung zum wechseln…
– Ja, unterbrach ihn Max Huber lachend, warum konnten wir uns denn nicht nach Landesgebrauch – einfach mit Menschenhaut – costumieren? Das vereinfacht doch die Sache gewaltig. Da braucht man nur zu baden, um seine Wasche zu reinigen und sich gehorig zu reiben, um seine Kleidung abzubursten!«
Thatsachlich hatten die beiden Freunde schon seit etwa acht Tagen diese Reinigung vornehmen mussen, da sie keine Kleidung zum wechseln besa?en.
Der Platzregen wurde zwar sehr heftig. doch gerade deshalb hielt er nur etwa eine Stunde an. Diese Zeit benutzte man fur das erste Fruhstuck. Dabei erschien auch ein neues, sehr willkommenes Gericht: frische Trappeneier, die Llanga gesammelt hatte und die Khamis sofort im kochenden Wasser hart sott. Auch bei dieser Gelegenheit beklagte sich Max Huber bitter und nicht mit Unrecht, da? Mutter Natur es versehen habe, den Eiern die doch so nothwendige kleine Menge Salz beizumischen.
Gegen halb acht Uhr horte der Regen auf, doch behielt der Himmel noch weiter sein gewitterhaftes Aussehen. Das Flo? wurde nun wieder nach der Mitte des Rio in die Stromung gesteuert.
Die Angelschnure wurden nachgeschleppt, und da hatten wohl die Fische die Verpflichtung, bald anzubei?en, um noch zur Mittagsmahlzeit zu dienen.
Khamis schlug vor, dazu nicht den gewohnten Halt zu machen, um den eben erlittenen Zeitverlust wieder auszugleichen. Das wurde angenommen; John Cort schurte das Feuer wieder an und bald summte der Kochtopf auf den gluhenden Kohlen. Da von dem Wasserbock noch genug ubrig war, blieben die Gewehre stumm, wenn Max Huber auch mehr als einmal durch feistes, an den Ufern asendes Wild arg in Versuchung gefuhrt wurde.
Dieser Theil des Waldes erwies sich uberhaupt sehr wildreich. Ohne von den Wasservogeln zu reden, gab es hier auch Wiederkauer in Menge. Haufig streckten sich die Kopfe von Pallahls und Sassabys – einer Abart der Antilopen – mit ihren machtigen Hornern aus dem hohen Grase und dem Gestrauch des Ufers hervor. Wiederholt zeigten sich gro?e Elenthiere, rothbraune Damhirsche, Steinbocke, zierliche Gazellen, Kudus – eine besondere Hirschart Afrikas – Quaggas und selbst Giraffen, die ein sehr schmackhaftes Fleisch liefern.
Wie leicht ware es gewesen, verschiedene dieser Thiere zu erlegen, doch was hatte es genutzt, da es an Nahrung bis zum nachsten Tage ja nicht fehlte. Obendrein verbot es sich, das Flo? unnothig zu bepacken und zu belasten, worauf John Cort seinen Freund besonders aufmerksam machte.
»Ja, ich bitte Dich, entgegnete Max Huber, meine Flinte rutscht mir zuweilen von selbst an die Wange, wenn mir ein so hubsches Ziel vors Auge kommt.«
Das ware aber immerhin nichts anderes gewesen als ein Schie?en, um nur zu schie?en, und wenn eine solche Betrachtung einen ubereifrigen Jager auch nicht leicht zu zahmen vermag, so befahl Max Huber seinem Gewehre doch, sich ruhig zu verhalten und sich nicht von selbst in Anschlag zu legen. Durch die Umgebung drohnte also kein Knall von unzeitgema?en Schussen, und friedlich glitt das Flo? den Rio Johausen hinunter.
Khamis, John Cort und Max Huber fanden jedoch am Nachmittage Gelegenheit, sich fur ihre Zuruckhaltung schadlos zu halten; da mu?ten die Feuerwaffen wieder den Mund aufthun, wenn auch nicht zum Angriffe, so doch zur Abwehr.
Seit dem Morgen waren etwa zehn Kilometer zuruckgelegt worden. Der Flu? zeigte viele launenhafte Windungen, obwohl seine Hauptrichtung eine sudwestliche blieb. Seine sehr unebenen Ufer waren von sehr gro?en Baumen eingefa?t, vorzuglich von Bombaxarten (Wollbaumen), deren breiter Schirm weit uber die Flache des Rio hineinreichte.
Trotzdem, da? sich die Breite des Johausen nicht vermindert hatte, sondern da und dort uber funfzig, sogar bis sechzig Meter betrug, vermischten sich die Bombaxzweige von beiden Seiten her und bildeten ein tiefgrunes Laubgewolbe, worunter das Wasser leise platscherte.
Die meisten davon, die mit ihren Enden in die von den jenseitigen Baumen hinuberreichten, waren noch durch schlangenartige Lianen mit einander verbunden – eine Naturbrucke, uber die gewandte Clowns oder mindestens Vierhander von einem Ufer zum andern gelangen konnten.
Von den niedrigeren Theilen des Horizonts waren die Gewitterwolken immer noch nicht ganz verschwunden, im ubrigen aber schien die Sonne wieder und ihre Strahlen fielen fast lothrecht auf den Flu?.
Khamis und seine Gefahrten konnten sich also begluckwunschen, hier unter dem Blatterdome hinzufahren.
Das erinnerte sie an ihre Wanderung unter den Baumen und langs tiefschattiger Gange, nur da? sie jetzt muhelos vorwarts kamen und keinen von Sisiphus und anderen Stachelkrautern bedeckten Boden zu uberwinden hatten.
»Wahrhaftig, der reine Park, dieser Wald von Ubanghi, rief John Cort, ein Park mit uppigem Baumschlag und platscherndem Wasser. Man konnte hier glauben, im Nationalpark der Vereinigten Staaten, an den Quellen des Missouri und des Yellowstone zu sein!…
– Ja, ein Park, worin sich Affen tummeln, bemerkte dazu Max Huber. Wahrlich, hier scheint sich das ganze Affengeschlecht ein Stelldichein gegeben zu haben! Wir sitzen mitten drin im Reiche der Vierhander, wo Schimpansen, Gorillas und Gibbons eine unbeschrankte Herrschaft fuhren!«
Eine Bestatigung erhielt dieser Ausspruch durch die ungeheuere Menge dieser Thiere, die auf den Ufern durcheinandersprangen, von den Baumen herablugten und im tieferen Walde hin und her liefen. Noch niemals hatten Khamis und dessen Gefahrten so viele, so larmende und so uberaus gelenkige Affen beobachtet. Das war ein ewiges Schreien und Springen und Purzelbaumschlagen, und ein Photograph hatte hier ganze Bilderserien urkomischer Grimassen aufnehmen konnen.
»Ja, fuhr Max Huber fort, das ist aber alles nur etwas sehr naturliches, befinden wir uns doch im Herzen Afrikas.
Zwischen congolesischen Eingebornen und Vierhandern –unseren Khamis selbstverstandlich ausgenommen – scheint mir uberhaupt kein gro?er Unterschied zu bestehen.
– Oho, erwiderte John Cort, einen solchen giebt es doch, den namlich, der den Menschen vom Thiere trennt, das mit Vernunft begabte Geschopf von dem, das nur einem unwillkurlichen Instincte gehorcht…
– Der es oft weit zuverlassiger leitet als jene, mein lieber John!
– Darin widerspreche ich Dir nicht, Max. Die beiden Triebkrafte und Leitsterne des Lebens sind aber nichtsdestoweniger durch einen Abgrund von einander geschieden, und so lange dieser nicht ausgefullt wird, wird die Fortentwickelungsschule nicht behaupten konnen, da? der Mensch vom Affen abstamme.
– Ganz recht, antwortete Max Huber, in der Leiter fehlt immer eine Stufe, ein Typus zwischen dem Anthropoiden und dem Menschen selbst, der etwas weniger Instinct und etwas mehr Vernunft als die Affen aufwiese. Und wenn dieser Typus fehlt, liegt das sicherlich daran, da? er niemals existiert hat.
Doch selbst wenn er vorhanden gewesen ware, wurde die Darwin’sche Theorie doch, wenigstens meiner Ansicht nach, noch nicht als richtig bewiesen sein.«
Jetzt war freilich etwas anderes zu thun, als in Erorterung des aufgestellten Grundsatzes, da? die Natur niemals Sprunge mache, eine Losung der Frage zu versuchen, ob alle lebenden Wesen wirklich in enger Verbindung miteinander stehen – jetzt galt es Schutz- oder Abwehrma?regeln zu treffen gegen einen feindlichen Angriff, der durch die numerische Uebermacht recht gefahrlich werden konnte. Es ware eine unverzeihliche Unklugheit gewesen, diesen als bedeutungslosen Zwischenfall anzusehen. Die Vierhander bildeten ein Heer, zu
