gehabt habe, mit einer klaglichen Stimme ausgesprochen worden sei.

»Seh’ einer, rief Max Huber, das ware ja fast etwas au?erordentliches!

– Hast Du denn nicht nach solchem verlangt, bester Freund?« erwiderte John Cort.

Khamis hatte die Vorlesung ebenfalls mit angehort. Was aber den Franzosen und den Amerikaner im hochsten Grade interessierte, das lie? ihn einfach kalt. Was kummerte er sich um Geschichten, die allein den Doctor Johausen etwas angingen! Ihm war es die Hauptsache, da? der Doctor ein Flo? gebaut hatte, das er sich zu nutze machen konnte, und hochstens achtete er noch auf die Gerathe, die sich in dem verlassenen Kafig vorfanden. Der Foreloper begriff gar nicht, da? man danach fragen konne, was aus dem Arzte und seinem Diener geworden sei, noch weniger, da? es jemand in den Sinn kommen konne, sich zur Verfolgung seiner Spur in den gro?en Wald hineinzuwagen, auf die Gefahr hin, so wie jene beiden verschleppt zu werden. Wenn Max Huber und John Cort dann wirklich vorschlugen, nach den beiden Verschwundenen zu suchen, wollte er alles daransetzen, ihnen das auszureden und sie zu erinnern, da? ihnen nichts anderes obliege, als den Ruckweg, und zwar auf dem Wasserlaufe bis zum Ubanghi hinunter, ohne Zogern fortzusetzen.

Vernunftigerweise war ja wohl auch anzunehmen, da? keine Nachsuchung von Erfolg gekront sein werde. Man wu?te ja nicht einmal, in welcher Richtung man den deutschen Arzt suchen sollte. Wenn noch irgend eine Andeutung dafur vorhanden gewesen ware, wurde es John Cort fur eine Menschenpflicht gehalten haben, einem jedenfalls Unglucklichen Hilfe zu bringen, und auch Max Huber hatte sich vielleicht fur das von der Vorsehung erwahlte Werkzeug gehalten, das den Verschwundenen retten solle. Doch nichts…

nichts als die abgerissenen Satze des Notizbuches, das den letzten Eintrag vom 25. August enthielt, sonst nichts als wei?e Blatter, die sorgsam bis zum letzten besichtigt wurden.

Ueber den Befund bemerkte John Cort:

»Ganz zweifellos ist der Doctor an einem neunten August an diese Stelle gekommen und seine Aufzeichnungen horen mit dem funfundzwanzigsten desselben Monats auf. Hat er seit diesem Tage nichts mehr niedergeschrieben, so liegt das offenbar daran, da? er seine, von ihm nur sechzehn Tage bewohnte Hutte aus dem einen oder anderen Grunde verlassen hat.

– Jawohl, setzte Khamis hinzu, und es ist gar nicht zu ahnen, was aus ihm geworden sein mag.

– Das thut nichts, fiel der Max Huber ein. Ich bin zwar nicht neugierig…

– Oho, werther Freund, das bist Du in hohem Grade.

– Na, meinetwegen, John, um aber hinter dieses Rathsel zu kommen…

– Wollen wir sofort weiterziehen,« begnugte sich der Foreloper zu sagen.

Thatsachlich war es ja auch gerathen, damit nicht zu zogern, vielmehr mu?te das Flo? flott gemacht werden, um die Gesellschaft den Flu? hinunter zu tragen. Erschien es spater angezeigt, eine Nachforschung nach dem Doctor Johausen zu unternehmen, so konnte das jedenfalls unter gunstigeren Verhaltnissen geschehen, und beiden Freunden stand es dann frei, daran theilzunehmen oder nicht.

Noch bevor alle den Kafig verlie?en, sah sich Khamis aufmerksam uberall darin um, ob sich nicht irgend ein fur sie brauchbarer Gegenstand vorfande, den man, ohne sich daruber Gedanken zu machen, mitnehmen konnte, denn es war ja kaum anzunehmen, da? der Eigenthumer noch nach zweijahriger Abwesenheit zuruckkehren konnte, um hier zuruckgelassene Dinge zu holen.

Die recht dauerhaft construierte Hutte bot ubrigens auch noch heute ein vortreffliches Obdach. Das mit einer Strohlage bedeckte Zinkdach hatte den Unbilden der schlechten Jahreszeit sehr gut widerstanden. Die vergitterte Vorderseite war nach Osten gerichtet und deshalb den sturmischeren Winden weniger ausgesetzt. Wahrscheinlich hatte sich auch die gesammte Ausstattung an Lagerstatten, Tischen, Stuhlen und Kisten und Kasten unversehrt erhalten, wenn sie nicht – und das erschien unerklarlich – von hier fortgeschafft worden ware.

Nach Verlauf dieser zwei Jahre hatten aber doch einige Ausbesserungen vorgenommen werden mussen. Die Planken der Seitenwande klafften da und dort von einander und der untere Theil der Pfahle sa? nur noch locker in dem feuchten Erdreich, auch bemerkte man schon Anzeichen von Verfall unter dem Geflecht der Lianen und des aufgerankten Gruns.

Khamis und seine Gefahrten hatten naturlich keine Veranlassung, hier eine bessernde Hand anzulegen, es war ja auch gar nicht anzunehmen, da? spater einmal noch ein weiterer Liebhaber der Simiologie sie als willkommenes Obdach benutzen wurde. Die Kafighutte wurde also in ihrem dermaligen Zustande belassen.

Sollte sie aber nicht noch weitere Gegenstande bergen, als den Kochtopf, die Tasse, das Brillenfutteral und den von den beiden Freunden gefundenen Metallkasten mit dem Notizbuche? Khamis suchte sorgsam nach… nichts fand sich mehr, keine Waffen, Gerathe, Kasten, keine Conserven oder Kleidungsstucke. Der Foreloper wollte schon mit leeren Handen abziehen, als an einer Ecke rechts im Hintergrunde der Fu?boden bei seinem Auftreten einen metallischen Klang gab.

»Halt, hier steckt noch etwas, sagte er.

– Vielleicht ein Schlussel? fragte Max Huber.

– Was denn fur ein Schlussel? rief John Cort.

– O, bester Freund… der Schlussel des Geheimnisses!«

Ein Schlussel war es zwar nicht, wohl aber ein Kasten aus Eisenblech, den man an dieser Stelle eingesenkt hatte und den Khamis jetzt heraushob. Er schien unbeschadigt zu sein, und nicht ohne gro?e Befriedigung entdeckte man, da? er etwa hundert Patronen enthielt.

»Schonen Dank, lieber Doctor, rief Max Huber, moge es uns vergonnt sein, Ihnen den Dienst, den Sie uns heute leisten, mit Zinsen zu vergelten!«

In der That, das war ein werthvoller Dienst, denn die Patronen erwiesen sich vollig passend fur die Gewehre des Forelopers und seiner zwei Gefahrten.

Jetzt war nichts anderes mehr zu thun, als nach der Haltestelle zuruckzukehren und das Flo? in brauchbaren Zustand zu setzen.

»Vorher wollen wir uns aber doch noch uberzeugen, schlug John Cort vor, ob sich in der Umgebung wirklich gar keine Spuren von dem Doctor Johausen und seinem Diener zeigen.

Moglicherweise sind beide von Eingebornen tief in den Wald hinein entfuhrt worden, sie konnten aber auch bei der Vertheidigung den Tod gefunden haben… und wenn sie etwa nicht begraben waren…

– War’ es unsere Pflicht, ihnen eine Ruhestatte zu bereiten,« erklarte Max Huber.

Die Nachforschungen in einem Umkreise von hundert Metern blieben ohne Erfolg. Das bestarkte die Annahme, da? der ungluckliche Johausen weggeschleppt worden sei, und dann doch nur durch Eingeborne, durch dieselben Wesen, die der Doctor fur Affen gehalten hatte, die mit dem Sprachvermogen begabt waren. Wie kam er nur zu der Annahme, da? Vierhander des Wortes machtig sein konnten?

»Mindestens deutet das, bemerkte dazu John Cort, auf die gelegentliche Anwesenheit von Nomaden im Walde von Ubanghi hin und mahnt uns zur gro?ten Vorsicht.

– Wie Sie sagen, Herr Cort, stimmte ihm Khamis bei. Nun aber vorwarts nach dem Flosse!

– Ohne zu wissen, was aus dem gelehrten Teutonen geworden ist? erwiderte Max Huber. Wo mag er denn sein?

– Da, wo die Leute sind, von denen man niemals wieder hort, meinte John Cort.

– Ist das eine genugende Antwort, John?

– Wenigstens die einzige, die wir geben konnen, lieber Max.«

Als alle wieder in der Grotte waren, war es etwa neun Uhr.

Khamis machte sich zuerst an die Zubereitung des Fruhstucks.

Jetzt im Besitz eines Kochtopfes, sollte er, auf dringendes Verlangen Max Huber’s, statt gebratenen oder gerosteten Fleisches einmal gekochtes vorsetzen. Das gab doch dem gewohnten Speisezettel eine erwunschte Abwechslung. Dem Verlangen wurde nachgegeben, ein tuchtiges Feuer angezundet, und gegen Mittag erquickten sich die Tischgenossen an einer Suppe, neben der es nur an Brod, Gemusen und Salz fehlte.

Vor dem Essen arbeiteten aber alle emsig an der Ausbesserung des Flosses und nachher ebenso. Zum Gluck hatte Khamis hinter der Hutte einige Planken gefunden, die zum Ersatz derer von der Plattform dienen konnten, die sich angefault und morsch erwiesen. Das ersparte viele Arbeit, zumal bei dem herrschenden Mangel an Werkzeug. Das aus Planken und Pfahlen bestehende Bauwerk wurde durch Lianen verbunden, die ebenso fest wie Bandeisen oder wenigstens wie Haltetaue waren.

Das Werk war vollendet, als die Sonne eben hinter dem Baumdickicht des rechten Ufers versank.

Die Abfahrt wurde bis zum fruhen Morgen des nachsten Tages verschoben, da es gerathener erschien, die Nacht in der Grotte zuzubringen. Es drohte namlich schon ein starker Regen, der denn auch etwa von acht Uhr an

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