»Schonen Sie Ihre Munition, Herr Max, ermahnte ihn der Foreloper.
– Gewi?, so viel wie moglich, Khamis. Es ist aber wirklich bedauernswerth, da? die Natur in den afrikanischen Waldern nicht ebenso einen Patronenbaum, wie den Brod- und den Butterbaum erschaffen hat. Dann wurde man sich im Vorubergehen seine Patronen wie Feigen oder Datteln von seinen Zweigen pflucken.«
Nach dieser unbestreitbar richtigen Bemerkung schlugen Max Huber und Llanga eine Art Fu?pfad in der Mittelhohe der Uferwand ein, wodurch beide sehr bald den Blicken der anderen entschwanden.
John Cort und Khamis gingen inzwischen daran, geeignete Stamme zur Herrichtung des Flosses zu suchen. Wurde das auch nur ein recht nothdurftiges Fahrzeug, so mu?te dazu doch das moglichst geeignete Holz ausgewahlt werden.
Der Foreloper und sein Begleiter besa?en nur ein kleines Beil und zwei Taschenmesser. Mit so mangelhaften Hilfsmitteln war es offenbar schwierig, Riesen des Waldes oder selbst Baume von geringerem Durchmesser zu fallen. Khamis beabsichtigte deshalb auch, nur herabgefallene Aeste und Zweige zu benutzen, die mit Lianen unter einander verbunden werden sollten und uber denen er eine Art Fu?boden aus Gras und Erde herzustellen gedachte. Bei zwolf Fu? Lange und acht Fu? Breite mu?te das Flo? drei Manner und ein Kind aufnehmen konnen, die es uberdies zu jeder Mahlzeit und jeder Nachtruhe verlassen sollten.
Von solchem Holz, das durch Alter, Sturmwind oder Blitzschlag zu Boden gefallen war, fand sich eine betrachtliche Menge auf dem Sumpfgebiete, woruber nur noch einige harzreiche Baume aufragten. Die zum Bau des Flosses nothigen Bestandtheile wollte Khamis nun zusammentragen, und als er das John Cort mitgetheilt hatte, war dieser sofort bereit, ihn dabei zu unterstutzen.
Noch einmal warfen sie einen Blick auf das Ufer stromauf-und stromabwarts, und da alles in der Umgebung des Sumpfes ruhig zu sein schien, machten sich beide auf den Weg.
Sie hatten kaum hundert Schritte zu thun gehabt, als sie schon auf eine Anhaufung schwimmfahiger Holzstucke trafen.
Eine gro?ere Schwierigkeit lag freilich in deren Beforderung bis zum Wasserrande. Erwiesen sie sich fur die Krafte zweier Personen zu schwer, so sollte das erst nach der Ruckkehr der Jager versucht werden.
Inzwischen lie? alles vermuthen, da? Max Huber auf der Jagd Gluck habe. Eben krachte ein Schu? und bei der Treffsicherheit des Franzosen war anzunehmen, da? das kein verlorener ware. Bei ausreichender Munition lie? sich mit Bestimmtheit erwarten, da? die Ernahrung der kleinen Gesellschaft fur die dreihundert Kilometer bis zum Ubanghi und auch noch daruber hinaus gesichert sein werde.
Khamis und John Cort waren noch mit der Auswahl der geeignetsten Holzer beschaftigt, da vernahmen sie aus der von Max Huber eingeschlagenen Richtung her laute Rufe.
»Das war Maxens Stimme, sagte John Cort.
– Jawohl, antwortete Khamis, und daneben auch die Llangas.«
Wirklich mischten sich ein scharferer Laut und eine tiefere Mannerstimme.
»Sollten sie in Gefahr sein?« fragte John Cort.
Beide schritten uber das Sumpfland zuruck und erreichten die ma?ige Anhohe, unter der die Grotte lag. Als sie von hier aus auf den Flu? hinunter blickten, sahen sie Max Huber und den kleinen Eingebornen am rechten Ufer stehen. Menschen oder Thiere zeigten sich nirgends. Aus dem Winken der beiden, die keinerlei Unruhe verriethen, konnten sie nur entnehmen, da? sie zu ihnen hinkommen sollten.
Khamis und John Cort stiegen sofort hinunter und eilten drei-bis vierhundert Meter am Ufer hin, wo sie bereits die anderen trafen.
»Ihr konnt Euch vielleicht die Muhe ersparen, ein Flo? zu bauen, rief ihnen Max Huber entgegen.
– Und warum? fragte der Foreloper.
– Weil hier schon eines fix und fertig liegt. Es ist freilich nicht im besten Zustand, die einzelnen Stucke davon sind aber noch recht gut erhalten.«
Max Huber wies dabei in einer Einbuchtung des Ufers auf eine Art Plattform hin, eine Vereinigung von Pfahlen und Planken, zusammengehalten durch ein halbverfaultes Tau, dessen freies Ende an einem Pfahle auf dem Lande befestigt war.
»Ah… ein Flo?! rief John Cort erfreut.
– Ja, wahrhaftig… ein Flo?!« bestatigte Khamis.
Ueber die Bestimmung dieser Pfahle und Planken konnte in der That kein Zweifel herrschen.
»So sind also doch schon Eingeborne auf dem Flusse bis an diese Stelle gekommen? bemerkte Khamis.
– Eingeborne oder Forschungsreisende, antwortete John Cort.
Und doch, wenn dieser Theil des Waldes schon besucht worden ware, hatte man am Congo oder in Kamerun davon doch etwas wissen mussen.
– Im Grunde kann uns das ja gleichgiltig sein, lie? sich Max Huber vernehmen, die Hauptsache bleibt doch, ob wir uns dieses Flosses bedienen konnen.
– O, gewi?!«
Der Foreloper lie? sich schon nach der Wasserflache der Einbuchtung hinabgleiten, als ein Ausruf Llangas ihn zuruckhielt.
Der Knabe, der etwa funfzig Schritt am Flusse hinunter gelaufen war, kam eben zuruck und schwenkte einen Gegenstand, den er in der Hand hielt.
Eine Minute darauf ubergab er ihn John Cort.
Es war ein von Rost zerfressenes, eisernes Vorlegeschlo?, dessen Schlussel fehlte, und das uberhaupt nicht mehr brauchbar erschien.
»Entschieden handelt es sich hier, begann Max Huber, nicht um congolesische oder andere Nomaden, denen die Erzeugnisse der jetzigen Schlosserei ja noch unbekannt sind.
Dieses Flo? haben Wei?e bis an die Flu?biegung gefuhrt.
– Wei?e, die nie wieder hierher zuruckgekehrt sind,« setzte Jahn Cort hinzu.
Aus dem Funde lie?en sich nun ganz zuverlassige Schlusse ziehen. Der oxydierte Zustand des Vorlegeschlosses und der theilweise Zerfall des Flosses bewiesen, da? mehrere Jahre vergangen sein mu?ten, seit das erste verloren und das zweite am Rande der Einbuchtung verlassen worden war.
Aus dieser Thatsache ergaben sich aber folgerichtig zwei weitere Schlusse. Als John Cort sich daruber aussprach, stimmten Khamis und Max Huber ihm ohne Zogern bei. Seine Folgerungen aber lauteten:
1. Forscher oder andere Reisende, keine Eingebornen, hatten diese Lichtung bereits betreten, nachdem sie ober- oder unterhalb der Grenze des gro?en Waldes sich auf dem Flosse eingeschifft hatten.
2. Die Betreffenden hatten aus dem einen oder anderen Grunde ihr Flo? verlassen, um den Waldestheil am rechten Flu?ufer zu besichtigen.
Auf jeden Fall war keiner von ihnen wieder hier erschienen.
Doch weder John Cort noch Max Huber erinnerte sich, da? seit ihrem Aufenthalte im Congogebiete jemals von einer Forschungsreise dieser Art die Rede gewesen ware.
War das nun auch nichts Au?erordentliches, so war es wenigstens etwas Unerwartetes, und Max Huber mu?te auf die Ehre verzichten, der erste Besucher des mit Unrecht als undurchdringlich angesehenen Waldes gewesen zu sein.
Ohne Beachtung dieser Prioritatsfrage untersuchte Khamis sorgfaltig die Pfahle und Planken des Flosses. Die ersten zeigten sich noch in gutem Zustande, die anderen hatten mehr von der Unbill der Witterung gelitten und zwei oder drei davon mu?ten womoglich durch frische ersetzt werden. Jedenfalls erwies es sich aber unnothig, ein vollig neues Flo? herzustellen. Einige Ausbesserungen des vorliegenden mu?ten schon genugen. Ebenso befriedigt wie uberrascht, besa?en der Foreloper und seine Gefahrten jetzt das schwimmende Fahrzeug, das ihnen erlauben sollte, die Ausmundung des Rio zu erreichen.
Wahrend Khamis sich in der erwahnten Weise beschaftigte, tauschten die beiden Freunde ihre Gedanken uber den Vorfall aus.
»Es unterliegt keinem Zweifel, wiederholte John Cort, da? bereits Wei?e den Oberlauf des Rio untersucht haben… Wei?e auf jeden Fall. Das aus rohem Holz erbaute Flo? mag ja ein Werk von Eingebornen sein, doch das Vorlegeschlo?…
– Das Aufklarung gebende Vorlegeschlo?… ohne die anderen Gegenstande zu zahlen, die wir viellleicht noch finden… fiel Max Huber ihm in’s Wort.
– Noch weitere… Max?
– Ei, John, es ist doch moglich, da? wir noch Spuren eines Lagers entdecken, wovon hier allerdings nichts zu
