um den Stamm, um zu sehen, was vorgegangen ware.
»Fliehen… in aller Eile fliehen!« rief er sofort.
Die anderen verstanden ihn mehr, als da? sie ihn horten.
Ohne eine Erklarung zu verlangen, sturmten John Cort und Max Huber mit Llanga, den sie mit sich fortzogen, durch das hohe Gras dahin. Zu ihrer gro?ten Verwunderung wurden sie von den Rhinocerossen nicht verfolgt, doch erst nach funf Minuten fortgesetztem, erschopfendem Laufe machten sie auf ein Zeichen des Forelopers Halt.
»Was ist denn geschehen? erkundigte sich John Cort, sobald er nothdurftig zu Athem gekommen war.
– Das Rhinoceros hat sein Horn nicht wieder aus dem Baumstamme ziehen konnen.
– Herr, mein Gott, rief Max Huber, das ist ja der reine Milon von Kroton unter den Nashornen!
– Und wird auch dasselbe Ende nehmen wie jener Held der olympischen Spiele,« setzte John Cort hinzu.
Khamis, den es wenig kummerte, von dem beruhmten Athleten des Alterthums so gut wie nichts zu wissen, begnugte sich, zu murmeln:
»Mit einem Wort: Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen, freilich um den Preis von vier nutzlos verplatzten Patronen.
– Das ist um so bedauerlicher, weil das gro?e Thier da… nun ja, weil es e?bar ist, wenn ich recht unterrichtet bin.
– Das stimmt, bestatigte Khamis, nur schmeckt sein Fleisch etwas stark nach Moschus… jedenfalls lassen wir es in der Klemme sitzen…
– Und sich nach Belieben sein Horn abbrechen!« schlo? Max Huber die Rede.
Es ware unvorsichtig gewesen, nach dem Baobab zuruckzukehren. Das Grunzen der beiden Rhinocerosse war aus dem Dickicht noch immer zu horen. Nach einem Umwege, der sie auf den Wildpfad zuruckfuhrte, nahmen alle vier ihren Marsch wieder auf, den sie erst gegen sechs Uhr nahe bei einem gro?en Felsen unterbrachen.
Der nachste Tag verlief ohne jeden Zwischenfall. Die Schwierigkeiten des Weges nahmen vorlaufig nicht weiter zu, und so wurden einige drei?ig Kilometer nach Sudwesten hin zuruckgelegt. Der Wasserlauf freilich, nach dem es Max Huber so dringend verlangte und den Khamis so zuversichtlich erwartet hatte, zeigte sich noch immer nicht.
An diesem Abend und nach einer Mahlzeit, zu der eine Antilope, eine sogenannte Kase-Antilope, den wenig abwechslungsreichen Braten lieferte, uberlie? man sich sorglos der Ruhe. Leider wurden die zehn Schlummerstunden durch das Umherflattern von Tausenden gro?er und kleiner Fledermause gestort, die erst mit dem anbrechenden Morgen davonflogen.
»Zu viele Harpyien… viel zu viele! rief Max Huber, als er sich nach einer so schlecht verbrachten Nacht gahnend und die Glieder streckend erhob.
– Wer wird sich immer gleich beklagen! sagte der Foreloper.
– Warum denn nicht?…
– Weil es immer noch besser ist, es mit Fledermausen als mit Moskitos zu thun zu haben, und von den zweiten sind wir bis jetzt verschont geblieben.
– Am besten ware es wohl, Khamis, man konnte den einen wie den anderen aus dem Wege gehen.
– Na, die Moskitos werden uns nicht geschenkt werden, Herr Max…
– Und wann werden wir von diesen abscheulichen Insecten aufgefressen werden?
– Mit der Annaherung an einen Rio…
– Einen Rio! platzte Max Huber heraus. An einen solchen haben wir wohl fruher geglaubt, lieber Khamis, das ist aber jetzt nicht mehr moglich.
– Sie haben doch unrecht, Herr Huber, vielleicht ist er gar nicht mehr fern!«
Dem Foreloper waren thatsachlich schon einige Veranderungen des Erdbodens aufgefallen, und von Nachmittag drei Uhr an bestatigte sich seine Beobachtung nur noch weiter: der Wald, durch den sie zogen, wurde allmahlich sumpfig.
Da und dort zeigten sich bereits Tumpel mit Wasserpflanzen, auch bot sich Gelegenheit, einzelne Gaupas, eine Art wilde Enten, zu erlegen, deren Vorkommen auf die Nahe von Wasser hinwies. Als sich die Sonne dem Horizonte zuneigte, lie? sich noch obendrein das Quaken von Froschen horen.
»Entweder irre ich mich stark… oder das Land der Moskitos ist nicht mehr ferne,« sagte der Foreloper.
Auf der heute noch zuruckzulegenden Wegstrecke ging die Wanderung recht beschwerlich vor sich, denn der Boden war mit den zahllosen Phanerogamen bedeckt, deren Entwicklung ein feuchtwarmes Klima so ungemein befordert. Dagegen zeigten sich die dunner stehenden Baume weniger durch Lianen verbunden.
Max Huber und John Cort konnten die Veranderung gar nicht verkennen, die der sich nach Sudwesten fortsetzende Theil des Waldes aufwies.
Trotz der Vorhersage Khamis’ war in dieser Richtung aber noch nichts von dem Spiegelglanze eines flie?enden Gewassers wahrzunehmen.
Je mehr inde? die Neigung des Erdbodens zunahm, desto haufiger war er von Morastlochern durchsetzt, so da? es gro?e Aufmerksamkeit erforderte, nicht in ein solches zu versinken.
Ohne Stiche zu erleiden, ware auch keiner wieder herausgekommen.
In den Lochern wimmelte es namlich von Blutegeln, und auf ihrem morastigen Wasser huschten riesige Myriapoden umher, widerwartige Gliederthiere von schwarzlicher Farbe und mit rothen Fu?en, die man nur mit einem gewissen Abscheu betrachten konnte.
Eine herrliche Augenweide boten dafur unzahlige Schmetterlinge mit schillernden Farben und graziose Libellen, die von den vielen Eichhornchen, den Zibet- und Ginsterkatzen, den Bengalischen Fischern, Traueramseln und Martinsfischern als Leckerbissen verzehrt wurden.
Der Foreloper bemerkte auch, da? nicht nur Wespen, sondern auch Tsetsefliegen in gro?er Menge im Gebusch umherschwirrten. Mu? man sich auch vor dem Stachel der ersten huten, so braucht man glucklicherweise den Bi? der zweiten nicht besonders zu furchten. Deren Gift ist nur fur Pferde, Kameele und Hunde todtlich, nicht aber fur Menschen und auch nicht fur Raubthiere.
Die kleine Gesellschaft wanderte bis halb sieben Uhr des Abends nach Sudwesten weiter und hatte damit bis jetzt die langste und erschopfendste Wegstrecke zuruckgelegt. Schon bemuhte sich Khamis, einen geeigneten Platz fur das Nachtlager zu wahlen, als Max Huber und John Cort durch ein Geschrei Llangas erschreckt wurden.
Seiner Gewohnheit nach war der Knabe den anderen immer voraus gelaufen und von einer Seite zur anderen gesprungen.
Jetzt horte man ihn mit lauter Stimme rufen… sollte er von einem Raubthiere uberfallen worden sein?
John Cort und Max Huber liefen in der Richtung, aus der die Rufe kamen, hin und hatten sich bereits schu?fertig gemacht.
Sie sollten jedoch bald beruhigt werden.
Auf dem dicken Stamme eines umgesturzten Baumes stehend, wies Llanga mit der Hand nach einer umfanglichen Lichtung und wiederholte mit scharfer Stimme:
»Der Rio!… der Rio!«
Khamis kam ebenfalls herzugeeilt und John Cort sagte zu ihm einfach:
»Der gewunschte Wasserlauf.«
Einen halben Kilometer entfernt und durch eine baumlose Stelle schlangelte sich ein klarer Flu? dahin, der eben die letzten Sonnenstrahlen widerspiegelte.
»Dort… dort werden wir meiner Ansicht nach unser Nachtlager aufschlagen, au?erte John Cort.
– Jawohl… dort, stimmte ihm der Foreloper zu, und verlassen Sie sich darauf, da? uns dieser Rio bis zum Ubanghi fuhren wird.«
Es konnte ja in der That nicht schwierig sein, ein Flo? herzustellen und sich darauf der Stromung des Flusses anzuvertrauen.
Ehe man an dessen Ufer kam, war noch eine recht sumpfige Wegstrecke zu uberwinden.
Da die Dammerung hier in der Aequatorialgegend nur von sehr kurzer Dauer ist, war es schon recht dunkel geworden, ehe der Foreloper und seine Gefahrten an einer ziemlich hohen Uferwand ankamen.
An dieser Stelle standen die Baume mehr vereinzelt, stromauf- und stromabwarts dagegen bildeten sie wieder dichte Massen.
