Die Breite des Flusses betrug nach John Cort’s Schatzung etwa vierzig Meter. Es war das also kein einfacher Bach, sondern ein nicht unbedeutender Nebenflu? mit scheinbar recht schneller Stromung.

Naturlich galt es, bis zum Morgen zu warten, um die Sachlage klarer zu ubersehen. Das Nothwendigste war vorlaufig die Aufsuchung eines geeigneten Platzes fur die Nachtruhe. Khamis entdeckte auch einen solchen in einer Felsaushohlung, einer Grotte in dem Kalkstein der Uferhohe, die zur Aufnahme aller vier Wanderer ausreichen mu?te.

Zunachst wurde der Ueberrest des letzten Wildbratens kalt verzehrt. Dadurch konnte man davon absehen, ein Feuer anzuzunden, dessen Glanz ja leicht genug Thiere aus der Nahe herbeilocken konnte. Krokodile und Flu?pferde giebt es in den afrikanischen Flussen in gro?er Menge. Hausten solche auch in diesem Flusse – und das war hochst wahrscheinlich – so mu?te man sich wenigstens huten, von ihnen in der Nacht uberfallen zu werden.

Freilich hatte ein an der Grottenoffnung auflodernder und stark rauchender Feuerherd die Wolken von Moskitos vertrieben, die am unteren Theile der Uferwand umhersummten. Unter zwei Uebeln entschied man sich aber doch fur das kleinere, und wollte lieber den Stacheln der Stechfliegen und anderer lastiger Insecten ausgesetzt, als von den ungeheueren Kiefern der Alligatoren bedroht sein.

In den ersten Stunden hielt John Cort am Eingange der Aushohlung Wache, wahrend seine Gefahrten trotz des Summens und Schwirrens der Moskitos in tiefem Schlummer lagen.

In dieser Zeit bemerkte er nichts verdachtiges, nur glaubte er mehrmals ein Wort zu vernehmen, das in klaglichem Tone aus dem Munde eines Menschen zu kommen schien.

Das Wort lautete »Ngora«, das in der Eingebornensprache

»Mutter« bedeutet.

Siebentes Capitel .

Der leere Kafig

 Warum hatte sich der Foreloper nicht begluckwunschen sollen, so zur rechten Zeit eine Grotte, eine von der Natur geschaffene Unterkunftsstatte an der Uferwand gefunden zu haben? Hier war keine Spur von Feuchtigkeit, weder an den Seitenwanden noch an der Dachwolbung zu entdecken. Dank diesem geschutzten Platzchen hatten dessen Insassen auch nicht von einem starken Regengu? zu leiden, der bis Mitternacht herabrauschte. Auch fur die Zeit, die die Herrichtung eines Flosses beanspruchte, war hiermit ein genugendes Obdach gefunden.

Nach dem Regen wehte ein scharfer Nordwind. Der Himmel hatte sich mit dem Aufgang der Sonne vollstandig geklart und der Tag versprach sehr warm zu werden. Vielleicht sehnten sich dann Khamis und seine Gefahrten nach dem Baumschatten zuruck, in dem sie nun funf Tage hingezogen waren.

John Cort und Max Huber zeigten sich in bester Laune, der Flu? versprach, sie muhelos gut dreihundert Kilometer weit hinunterzutragen, bis zu seiner Einmundung in den Ubanghi, zu dessen Stromnetz er zweifellos gehorte. Auf diese Weise mu?ten die letzten drei Viertel des Zuges hochst bequem zuruckgelegt werden.

Nach den Mittheilungen, die ihm der Foreloper machte, hatte John Cort diese Berechnung mit hinreichender Genauigkeit anstellen konnen.

Stromaufwarts, wo der Flu? fast in gerader Linie verlief, verschwand er in der Entfernung von einem Kilometer unter dem Laubdache der Baume.

Stromabwarts begann das Walddickicht bereits funfhundert Meter von hier, wo der Flu? eine scharfe Biegung nach Sudosten machte. Von dieser Stelle aus zeigte der Wald wieder die gewohnliche Dichtigkeit.

Im Grunde war es nur eine gro?e, morastige Waldblo?e, die diesen Theil des rechten Ufers einnahm. An der anderen Seite standen die Baume nahe beieinander. Ein machtiger Hochwald ragt dort auf ziemlich bewegtem Boden empor, und seine Gipfel hoben sich, jetzt bei Sonnenaufgang, scharf vom Himmel ab.

Der Flu? selbst mit sehr klarem, schnell stromendem Wasser fullte sein Bett vollstandig aus und fuhrte morsche Stamme, Haufen von Gestrauch und von beiden Uferwanden abgenagte Grasbundel mit sich hinab.

Jetzt erinnerte sich John Cort, da? er in der Nacht das Wort

»Ngora« in der Nahe der Grotte hatte aussprechen horen. Er sah sich deshalb um, ob vielleicht ein menschliches Wesen in der Nachbarschaft umherirrte.

Da? Nomaden gelegentlich den Flu?lauf benutzten, um nach Ubanghi zu gelangen, war ja recht gut anzunehmen, ohne daraus schlie?en zu mussen, da? das ungeheuere, im Osten bis zu den Quellen des Nil reichende Waldgebiet etwa von umherziehenden Stammen besonders haufig besucht oder gar von se?haften bewohnt ware.

Soweit der sumpfige Platz reichte, bemerkte John Cort ebensowenig ein menschliches Wesen, wie langs der Ufer des Flusses.

»Da hab’ ich wohl eine Sinnestauschung gehabt, dachte er.

Vielleicht war ich gar einen Augenblick eingeschlafen und habe jene Stimme nur im Traume vernommen.«

Er erwahnte auch gegen seine Gefahrten nichts von der Sache.

»Mein lieber Max, fragte er spater, hast Du Dich denn auch bei unserem wackeren Khamis genugend entschuldigt wegen Deines Zweifels an dem Vorhandensein dieses Flusses, woran er doch so unerschutterlich glaubte?

– Er hat mir gegenuber recht gehabt, John, und ich bin sehr zufrieden, unrecht geurtheilt zu haben, denn der Flu?lauf wird uns ohne Anstrengung nach den Ufern des Ubanghi befordern.

– Ohne Anstrengung unsererseits… das mocht’ ich nicht gerade behaupten, fiel der Foreloper ein. Vielleicht kommen Wasserfalle… Stromschnellen…

– Ach, wir wollen die Sachen nur von der guten Seite ansehen, erklarte John Cort. Wir haben nach einem Flusse gesucht… da ist er ja. Wir beabsichtigten dann ein Flo? zu bauen, und das wird geschehen…

– Und zwar gleich von diesem Morgen an, fiel Khamis ein.

Ich werde unverzuglich an die Arbeit gehen, und wenn Sie mich dabei unterstutzen wollen, Herr John…

– Selbstverstandlich, Khamis. Und wahrend wir damit beschaftigt sind, wird Freund Max fur den nothigen Proviant sorgen…

– Was um so nothiger ist, als wir davon nichts mehr ubrig haben, erklarte Max Huber. Das Leckermaulchen, der Llanga, hat gestern Abend alles verzehrt…

– Ich, lieber Herr Max? erwiderte Llanga, der, jene Worte ernst nehmend, gegen einen solchen Vorwurf sehr empfindlich zu sein schien.

– Na na, Burschchen, Du siehst doch, da? ich nur scherze!…

Vorwarts, geh’ mit mir. Wir wollen einmal das Ufer bis zur Flu?ecke absuchen. Bei dem Sumpflande auf der einen und dem Flusse auf der anderen Seite kann es weder rechts noch links an Wasserwild fehlen, und – wer wei?? – vielleicht haschen wir einen schmackhaften Fisch, der in unsere Tafel eine erwunschte Abwechslung brachte.

– Huten Sie sich vor Krokodilen und auch vor Flu?pferden, Herr Huber, warnte der Foreloper.

– O, Khamis, so eine Flu?pferdkeule, auf der Stelle gebraten, soll, denke ich, auch nicht zu verachten sein!… Warum sollte ein Thier von so glucklichem Charakter – eigentlich ein Su?wasserschwein – kein saftiges Fleisch liefern?

– Von glucklichem Charakter, Max… mag sein, doch wenn man es reizt, ist seine Wuth geradezu furchtbar.

– Man kann ihm aber doch nicht so ein paar Kilogramm vom Leibe abschneiden, ohne es ein bischen bose zu machen…

– Kurz, fugte John Cort hinzu, wenn Ihr von der geringsten Gefahr bedroht seid, so kommt schnellstens zuruck. Seid vorsichtig…

– Und Du sei nur ruhig, John… Komm, Llanga…

– Geh’, mein Junge, und vergi? nicht, da? wir Dir Deinen Freund Max anvertrauen!«

Nach einer solchen Rede konnte man sich fur gesichert halten, da? Max Huber kein Unfall zustie?e, denn Llanga wurde schon uber ihn wachen.

Max Huber ergriff sein Gewehr und ubersah seinen Patronenvorrath.

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